2010-10-14

Nobel geht die Welt zugrunde

Den folgenden Eintrag wollte ich eigentlich noch ein wenig reifen lassen, um mehr Daten zu sammeln. Andererseits reichen sie auch so, um sich ein Bild zu machen. Ich bin in der letzten Zeit über ziemlich viele schräge Vögel gestolpert, die mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden sind, obwohl offensichtlich war, dass sie ihn nicht verdient hatten oder bei denen sich später herausgestellte, dass sie der Menschheit einen Bärendienst erwiesen hatten. Herausragend dabei der sogenannte Friedensnobelpreis.

In den Augen der Bevölkerung ist der Friedensnobelpreis eine moderne Heiligsprechung lebender Personen und aktiver Organisationen, die sich um den Frieden verdient gemacht haben. So geht regelmäßig ein Raunen, manchmal auch ein Aufschrei durch den Blätterwald, wenn es wieder den "Falschen" erwischt hat, wie beispielsweise letztes Jahr Herrn Obama, der eher als Schwätzer denn als Friedensengel bekannt geworden ist. Und auch der diesjährige Preisträger Liu Xiaobo erweckt nicht das ungeteilte Wohlwollen der Menschheit. So meinte eine Freundin, dass sie es gut fände, "wenn der Preis nächstes Jahr mal wieder an Leute ginge, die tatsächlich etwas bewerkstelligen."

Sollte das zufällig eintreffen - und nein, das war nicht zynisch gemeint - dann hätte das Komitee sich vermutlich vergriffen. Denn betrachtet man die bisher ausgezeichneten Personen und fragt gleichzeitig, wem diese Auswahl nützt, dann entdeckt man eine auffällige Dreiteilung der Empfänger:

  1. Organisationen und deren Führer, deren Aktivitäten den westlichen Industrienationen nicht schaden, ihnen jedoch einen humanitären Anstrich geben. Die große Masse der Preisträger fällt in diese Kategorie.
  2. Personen, die im Sinne der 1.Welt aktiv sind. Ausgezeichnet werden außerdem oft fruchtlose Bemühungen von Politiken und ex-Militärs und in fast allen Fällen übersieht man gegenwärtige oder frühere gegen den Frieden gerichtete Handlungen.
    • 1906 Theodore Roosevelt (Vermittlung Friedensvertrag Russland / Japan 1905. 1898 unterstützte er als Marineminister die Forderung nach einem Krieg gegen Spanien und nahm aktiv daran teil. 1904 beginnt mit seinem Corollary eine expansionistische Außenpolitik: mehrere lancierte Putsche und Militäreinsätze in Lateinamerika)
    • 1919 Woodrow Wilson (Vermittlungsbemühungen Ende WK I. 1913 FED-Gründung, 1917 Eintritt WK I =Wahlbetrug)
    • 1925 Austen Chamberlain (Locarno-Vertrag, der im Falle eines Grenzkonflikts für Ausweitung des Krieges gesorgt hätte)
    • 1925 Charles Dawes (Dawes-Plan. Im Eigeninteresse der USA geregelte Reparationszahlungen Deutschlands an die Alliierten, unterstützt durch einen 800Mio RM Kredit zu 7%)
    • 1926 Aristides Briand (Locarno & Dawes)
    • 1973 Henry Kissinger (Vietnam-Friedensvertrag, der mit Waffenlieferungen an Süd-V. unterlaufen wurde, Vorbereitung des Putsches gegen Allende, später Beihilfe zur Indones. Invasion Ost-Timors)
    • 1978 Menachem Begin (Nahost-Friedensvertrag. 1943 Chef der Radikalzionisten Irgun Tzwai, Sprengstoffanschläge auf Marktplätze, Restaurants und britische Einrichtungen, 1946 Sprengstoffanschlag auf das King David Hotel Jerusalem, 1948 Massaker von Deir Yasin, 1952 drei Paketbomben-Attentate auf Konrad Adenauer, 1970 verließ er die Regierung um gegen die Land-für-Frieden-Politik zu protestieren)
    • 1978 Anwar as-Sadat (Nahost-Friedensvertrag. 1940er verschiedene Mordkomplotte gegen die ägyptische Führung, 1973 Jom-Kippur-Krieg)
    • 1994 Yassir Arafat (für erfolglose Bemühungen im Nahostkonflikt. 1957 Mitbegründer, später Anführer Fatah, die jahrzehntelang terroristische Anschläge und Bombenattentate verübte)
    • 1994 Schimon Peres (s.o. Ab 1948 Waffenbeschaffer f.Israel)
    • 1994 Jitzchak Rabin (s.o. Milit.Karriere bis 1967, 1984-90 als "Knochenbrecher" bekannter Vert.Min., 1992 völkerrechtswidrige Deportation von 415 Hamas-Anhängern in den Südlibanon)
    • 2002 Jimmy Carter (allg.Friedensbemühungen. 1979 große Rücksichtnahme auf die US-Nuklearindustrie bez.Three-Mile-Island-Zwischenfall, Unterstützung für Indonesien trotz Genozids in Osttimor. Allerdings muss man ihm anrechnen, dass er seit Ende des 2. Weltkrieges der einzige US-Präsident war, unter dessen Regierung die USA in keine offene kriegerische Auseinandersetzung verwickelt waren. Mit einem Sicherheitsberater wie Brzeziński ein kleines Wunder.)
    • 2007 Al Gore (Klima-Engagement, an dem er ein finanzielles Interesse hatte. Unter seiner Vizepräsidentschaft 1998 Angriff auf Irak, 1999 Angriffskrieg gegen Jugoslawien)
    • 2008 Martti Ahtisaari (allg.Friedensbemühungen. Zuletzt Kosovo-Vorschläge im Sinne des Westens)
    • 2009 Barack Obama (allg.Friedensbemühungen. Entgegen Ankündigungen kein Abzug sondern Aufrüstung in Irak u.Afgh. und weltweit höchster Militärhaushalt aller Zeiten)
  3. Bürger gegnerischer Staaten, die ihre Regierung kritisieren. Eine Art symbolische Ohrfeige. Auf ähnlichem Feld aktive westliche Personen wie z.B. Helen Woodson werden grundsätzlich nicht ausgezeichnet.
    • 1975 Andrej Sacharow (UdSSR, Menschenrechtler)
    • 1979 Mutter Teresa (Indien z.Z. der Linksregierung)
    • 1980 Adolfo Maria Pérez Esquivel (Argentinien, Menschenrechtler z.Z. der Militärdiktatur)
    • 1983 Lech Wałęsa (Polen, Menschenrechtler z.Z. der Volksrepublik)
    • 1984 Desmond Tutu (Südafrika, Menschenrechtler z.Z. der Apartheid)
    • 1989 XIV. Dalai Lama (China, Tibetischer Separatist)
    • 1990 Michail Gorbatschow (UdSSR-Zerstörer)
    • 1991 Aung San Suu Kyi (Burma, Menschenrechtlerin z.Z. der Militärdiktatur)
    • 2003 Schirin Ebadi (Iran, Menschenrechtlerin)
    • 2010 Liu Xiaobo (China, Menschenrechtler)

"(Viele Preisträger) erfüllten keines der Kriterien, die Alfred Nobel 1895 an die Preisvergabe gestellt hatte, nämlich einen Beitrag zu leisten zur Brüderlichkeit unter den Menschen, zur Reduzierung der Armeen und zur Gründung von Friedens-Kongressen [...]
Wenn man die Preisträger der letzten Jahre Revue passieren lässt, muss man zum Schluss kommen, dass sie mit der ursprünglichen Idee Nobels tatsächlich nicht mehr viel gemein haben. Manche von ihnen hätten eher einen Umweltpreis oder einen Preis für Menschenrechtsarbeit oder für humanitäre Hilfe bekommen können [...] Die vielen unabhängigen Kandidaten, die mit genuiner Arbeit am Frieden, mit Konfliktprävention und friedlicher Konfliktbearbeitung praktisch und theoretisch zu tun haben, gingen oft leer aus [...] Der Friedenspreis wird von Parlamentariern des norwegischen Reichstags vergeben - auch das nicht im Sinn von Nobel."
(AG Friedensforschung an der Universität Kassel)

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