2011-02-02

Draufgeher oder Draufgänger

Als ich neulich davon sprach, dass das Leben eigentlich eine gelebte Geschichte sei, habe ich unerwähnt gelassen, dass dies auch auf Gruppen, Völker und ganze Zivilisationen zutrifft. Daniel Quinn erläutert das Prinzip in seiner Ishmael-Trilogie und stellt die Geschichten der westlichen Zivilisation jener von animistischen Stämmen gegenüber. Ein Wiedersehen mit Quinn, dessen Buch ich zu den drei lesenswertesten zähle, gab's für mich gestern im Film "What a way to go: Life at the end of empire". Darin bemüht sich Tim Bennett, ein Angehöriger der amerikanischen Mittelklasse, den Zusammenhang zwischen der Zivilisationsstory und den sich weltweit zuspitzenden Krisen herzustellen, ein Unterfangen, das zwei Stunden in Anspruch nimmt und auch etliche Interviews enthält. Unter anderem eines mit der Autorin Chellis Glendinning, die in ihrem Buch "My Name is Chellis and I'm in Recovery from Western Civilization" Wege zur Selbstbefreiung aus Zivilisationsabhängigkeit bescheibt.

Tims Interviewpartner nennen eine ganze Reihe von Kernsätzen, die im täglichen Gespräch häufig fallen und das zivilisatorische Welt- und Menschenbild unhinterfragt zum Ausdruck bringen:

Die Welt besteht aus Materie. Es kann nichts anderes darin geben, als das, was wissenschaftlich beweisbar ist.
Ausreichend ist nicht genug. Mehr ist besser. Deshalb brauchen wir Wachstum. Wir müssen hart dafür arbeiten. Aber von dem Geld können wir viele Dinge kaufen, die wir brauchen. Geld lässt die Welt sich drehen.
Es geht uns heute besser als früher. Unsere Zivilisation ist die beste Kultur, die je erschaffen wurde; daher ist jede andere Kultur schlechter. Allein wir kennen den richtigen Weg zu leben; jeder sollte unserem Beispiel folgen. Unsere Kultur IST die Menschheit; primitive Kulturen sind nicht wirklich menschlich. Der Mensch wurde geschaffen, so zu leben wie wir, und daher können wir diese Lebensweise nicht aufgeben. Es gibt keine Alternativen.
Ohnehin sind Menschen von Natur aus unverbesserlich selbstsüchtig. Menschen sind jedoch allen anderen Lebewesen überlegen. Nur Menschen besitzen Rechte. Tiere, Pflanzen und das Land sind unsere Ressourcen. Wir bringen Ordnung in das natürliche Chaos. Wir können jedes Problem lösen. Nichts kann uns stoppen.

Nein, aufhalten kann uns wohl nur ein Kollaps. Wahrlich, wir haben die ganze Welt erobert. Menschen, die in nicht-zivilisierten Gesellschaften leben, machen lediglich noch Promille der Weltbevölkerung aus. Beweist das aber unsere Überlegenheit?

Als der erste zivilisierte Stamm beschloss, seinen Einflussbereich zu vergrößern, welche Wahl hatten seine Nachbarn da? - Sie konnten sich töten bzw. versklaven lassen und damit geriet ihr Land unter den Einfluss der Zivilisation. Sie konnten natürlich auch wegrennen, doch auch dann geriet ihr Land unter den Einfluss der Zivilisation. Wollten sie dagegen erfolgreich den Kampf gegen die Eroberer aufnehmen, mussten sie deren Organisation und Technologie einsetzen und so geriet ihr Land von innen unter den Einfluss der Zivilisation. In jedem Fall erringt das Paradigma des Aggressors Gewalt über das Land seiner Nachbarn und es hat nicht das Geringste damit zu tun, dass seine Lebensweise schöner, menschengerechter, sicherer oder auf sonst eine andere Weise überlegen wäre als in purer Zerstörungskraft.

Tim beginnt seinen Film mit einem Traum, den er hatte. Er steht mit seinem Wagen vor dem Drive-in -Schalter einer Fastfood-Kette, als er in der Ferne das Aufblitzen einer Atomwaffe sieht. "Den Mund voll Fritten, einen Burger in der Hand und die Cola zwischen den Beinen - möchte ich mein Leben so beenden?", fragt er sich.

"What a Way to go" hat das Potential, den Zuschauer weit niedergeschmetterter zurückzulassen, als "Collapse", "The Age of Stupid" oder "Home", und doch sehe ich in diesem Film ein fähiges Medium zur Zerstreuung letzter Zweifel an der Notwendigkeit zum Handeln. Tims diesbezügliche Intention ist für mich deutlich genug. Ob man sich von ihm bewegen oder nur zu mentalem Klump schlagen lässt, hängt wohl aber von der Geschichte ab, die man lebt. Hände weg von harten Sachen, wer nicht drauf klarkommt.

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