2010-11-27

Dem Deutschen Volke

Auf ihre Weise mögen Piratenpartei &Co. ihr Gutes haben. Solche Erscheinungen gibt es aus einem bestimmten Grund. Immer mehr Menschen erwachen zu der Erkenntnis, dass etwas fundamental verkehrt läuft. Kann es da aber genügen, wenn wir nach dem ersten angebotenen Strohhalm greifen, das Kreuz an der richtigen Stelle zu setzen? Oder verlangt das nicht eher nach gleichfalls fundamentalen Antworten?

Ich habe im letzten Eintrag über die Legitimierung von Herrschaft gesprochen und inwiefern sie dem Einzelnen die Freiheit nicht raubt, sondern abkauft: indem die Herrschaft den Glauben an ein Phantasieprodukt - das Recht - verbreitet, und mit ihm den Glauben daran, dass Menschen beherrscht werden müssen, weil sie dazu nicht selbst in der Lage seien. Ist dieser Glaube erst einmal installiert, steht die Subjekt-Objekt-Beziehung zwischen Regierung und Volk mit ersterem als aktivem, Politik machenden Part, letzterem als passivem, Politik konsumierenden Part.

Eine Demokratie im eigentlichen Sinne des Wortes (Herrschaft des Volkes) ist jedoch KEINE Konsumveranstaltung, bedeutet NICHT, dass man sich jahrelang zurücklehnt, um andere im eigenen Namen handeln zu lassen, bedeutet NICHT, dass man sich einer externen Gewalt unterwirft.
In einer Volksherrschaft zu leben heißt, seine Angelegenheiten SELBST in die Hand zu nehmen. Wer wählen geht, tut nichts anderes, als seine Handlungsfreiheit, seine Souveränität, abzugeben: an standardisierte, vorgefertigte Meinungen von der Stange, an Parteien, die das Volk polarisieren, statt es unter Berücksichtigung vieler verschiedener Sichtweisen zum Konsens zu begleiten.

Parteien sind dazu da, die Menschen zu entzweien, sie von einander zu trennen. Wir sehen eine Extrempolarisation mit zwei Parteien in den USA, die keine wirklich verschiedenen Standpunkte präsentieren, das Volk jedoch mental in dualistischen Denkmustern gefangen halten. Das gilt ebenso für den Einparteienstaat, der den "Wähler" auf eine vorgefertigte Meinungsschablone festlegt, die sich in Opposition praktisch zum gesamten Rest der Welt positioniert.
Aber auch 30 Parteien und mehr bilden den wahren Volkswillen nicht wirklich ab, wenn die Annäherung an das tatsächliche Meinungsspektrum auch besser sein mag. Die Fraktionierung, die Normierung der Meinungen, die moralische Enthebung des Einzelnen und seine Unterwerfung unter externe Gewalt bleiben erhalten, weil keine dieser Parteien die Grundlagen unserer Gesellschaft in Frage stellt. Sie kann sie nicht in Frage stellen, da sie das Fundament untergraben würde, auf dem sie überhaupt existiert: die Zersplitterung der Interessen und die Aufgabe der Selbstbestimmung zugunsten von Interessenvertretern.

Wenn wir also wählen, so wählen wir stets die selbe Partei: die Hierarchischen; die Essen-gibt-es-nur-gegen-Bezahlung-Partei; die Bezahlung-gibt-es-nur-gegen-Unterordnung-Partei; die Entweder-du-ordnest-dich-unter-oder-du-bist-tot-Partei.
Gewalt in einer repräsentativen Demokratie geht damit nicht vom Volke aus, sondern von denen, die dir mit ihrem Geld deine Unterwerfung unter ihre Interessen schmackhaft zu machen versuchen.

Solange wir dieses Spiel mitspielen, solange wir nicht souverän handeln, weil wir uns nicht souverän fühlen, rechtfertigen wir das Leid, das in unserem Namen geschieht, und verdienen jenes, das uns selbst widerfährt.

Nachtrag
"Mit unserem unausgesprochenen Einverständnis agiert die politische Klasse selbstbezogen und kleinkariert, vereinsmeiernd und provinziell, veränderungsscheu und zukunftsängstlich. Kurz, sie meidet die Herausforderungen, wo sie nur kann. Und in der verfehlten Hoffnung, irgendwie könne alles doch so bleiben, wie es ist, lassen wir BürgerInnen sie gewähren. Unsere Verzagtheit wird uns noch teuer zu stehen kommen." (Hartwig Bögeholz: Die Welt um uns herum schläft nicht - Aber wir... in: Telepolis, 7.12.2010)

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