2010-11-10

Erkenntnistheorie und die Banalität

Anhand eines banalen Beispiels ergibt sich die Gelegenheit, nochmals in Deutsch auf den erkenntnistheoretischen Teil des Artikels "Determinismus" einzugehen (Punkte a und b). Vor ein paar Tagen habe ich auf meinem alten Blog folgendes gepostet:

Eiiiigentlich schreib ich ja nicht mehr über Musik, und eiiiigentlich sollte das, was da gesagt wird, keine Überraschung sein, aber... alter Schwede! Das hier hat mich dann doch umgehauen:
Interview with an ex-VK record executive
Obwohl meine Friendslist dort eher Lifestyle-orientiert ist und ich nun wirklich nicht vorhatte, sie mit philosophischem Krimskrams vollzunölen, entwickelte sich sofort eine erkenntnistheoretische Diskussion:

A., die eine Visual kei Website betreibt, kommentierte:
"das ging damals durch alle foren ;D
im ersten moment ist das natürlich schockierend, im zweiten bekommt man ein "ich wusste es doch!"-gefühl. ich bin mir absolut sicher, dass da ne ganze menge richtig ist. allerdings hört es sich bei aller liebe auch schon sehr reisserisch an, und man sollte sich immer im hinterkopf behalten, dass da ein im prinzip anonymes magazin website-projekt einen anonymen menschen befrägt, der tatsächlich ne ganze menge verrät, dafür, dass er nicht entdeckt werden möchte. wie gesagt, ich halt vieles davon für reale oder zumindest realistische geschehnisse, aber ein kritischer blick sollte ja immer vorhanden sein, egal, was man wo liest.
siehe auch hier: http://neojaponisme.com/2010/03/04/visual-kei-expose/ "
B., die sich ebenfalls ganz gut auskennt, findet:
"Das überrascht nicht wirklich, oder? Leider erfüllt dieser Artikel zwar lange gehegte Vermutungen, aber man hat keine harten Fakten, an denen man die Authentizität des Auskunftgebers überprüfen kann. Es taucht doch immer mal jemand auf, der nach seiner Karriere dreckige Wäsche waschen will - und da gibts immer viel Schmutz um einen wahren Kern. Man sollte sich über sowas nicht aufregen, finde ich. Der Artikel unterstützt doch nur unsere angeborene Paranoia. Und selbst wenn das Interview komplett stimmt: das ist doch deren Sache und wenn sich niemand in Japan um die Legalität des Businesses kümmert, dann ist es glaube ich nicht unsere Aufgabe, päpstlicher als der Papst zu sein.
Ich frage mich ja im Gegenzug, ob es bei den westlichen Labels nicht im Rahmen kultureller Grenzen ganz genau so läuft. Business is business!"

Und C., die im japanischen Musikbiz arbeitet, meinte:
"Als ich den gelesen habe, den Artikel, kam er mir am Anfang sehr realistisch vor...bis dann hier und da Dinge auftauchten, von denen ich einfach WEISS, dass sie nicht stimmen.(Woher kannst du dir sicher denken...)
Eine Freundin von mir meinte dann auch, dass der Artikel eine neue Art "Fanfiction" sein.
Es gibt keine Quellen und keinen Japanischen Originaltext. Die Tabelle, die dort gepostet ist mit den Hierarchien, weist derbe Luecken (Dann sind so viele grosse und kleine Labels die einfach fehlen, aber meines erachtens einen wichtigen Teil ausmachen.) auf und dann fragt man sich doch...wo stehen die CEO's der Major Labels?
Klar, connections ist alles, aber anderer seits hab ich inzwischen auch mitbekommen, dass es Labels gibt, zu denen mal lieder KEINE haben moechte.
Naja...also es ist meines Erachtens eher Lueckenhaft, einiges definitiv erfunden und ich bin dann auch mal wie meine Profs in der Uni: Ohne Quelle nehm ich NIX!"

Das Lustige ist: Sie haben alle recht.
Dass solche Einwände nie erhoben wurden, wenn ich direkt über philosophische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen schrieb, finde ich sogar noch amüsanter. Nicht dass es ein Makel wäre, sich eher für Alltägliches und Unterhaltsames zu interessieren. Manchem sind meine Themen einfach zu ernst, zu trocken, zu fern, und das ist ok. Auch in meinem Leben gibt es Triviales. Ich schreibe nur nicht mehr drüber.
Was mich schmunzeln lässt, ist, wie eben jene scheinbar realitätsfernen Themen durch die Hintertür in den Alltag einbrechen. Auf einmal geht es um etwas, das uns, so banal es sein mag, etwas bedeutet. Vielleicht deshalb, weil unser Wissen und unsere Zugehörigkeit zu einer bestimmten (Sub-)Kultur Teil unserer Persönlichkeit sind. Wir sind seit vielen Jahren Fans japanischer Rockmusik, wir arbeiten freiwillig oder gegen Bezahlung im Musikbereich, gelten einem bestimmten Personenkreis als Experten auf dem Gebiet oder fühlen uns zumindest wohl unterrichtet. Und dann das. Wir mögen zynisch-paranoid etwas dieser Art vermutet haben, aber Satoh-Sans Worte trafen uns, die wir über sein Interview diskutiert haben, trotzdem ins Mark.

Die Frage, wer zur Hölle Satoh-san ist, was der Blogschreiber mit der Veröffentlichung bezweckt, also letztlich, wie wahr das Gesagte überhaupt ist, ist vollkommen berechtigt. Der springende Punkt dabei: Das gilt für alles andere ebenso. Jedes Buch, das wir lesen, jede Zeitung, jede Website, jeder Brief; jede Fernsehsendung die wir sehen und jedes Gespräch, das wir führen; all das liefert Informationen aus fremder Hand. Ob erste, zweite, dritte Hand, ob renommierte oder unklare Quelle, ob referenziert oder nur dahingestellt, das spielt erst nachrangig eine Rolle bei der Einschätzung des Wahrheitsgehalts. Denn mehr als Wahrscheinlichkeiten, die wir aus dem Abgleich mit anderen Quellen und unserer eigenen Erfahrung errechnen, sind dabei nicht zu holen. Quelle hin oder her, mit Beweisen oder eben ohne, wirklich wissen können wir nur, was wir mit eigenen Sinnen direkt erfahren. Das Berühren eines Gegenstands, das Dabeisein im Interview, das Durchleben einer Missbrauchssituation.
Doch wie im Artikel "Determinismus" beschrieben, muss selbst die so erfasste Wahrheit in Frage gestellt werden angesichts der Tatsache, dass die Realität für jeden von uns anders aussieht:
- weil wir nicht unendlich viele Eigenschaften eines Gegenstandes erfassen können
- weil wir daher entsprechend der uns wichtigen Werte Wahrnehmungsfilter einsetzen
- weil wir in aller Regel unfähig sind, das Wahrgenommene zu einem späteren Zeitpunkt richtig und vollständig wieder abzurufen
- weil wir nicht sehen, was hinter den Kulissen abläuft.

Haben wir eine Aufnahme des Gesprächs, könnte diese gefälscht sein.
Waren wir live dabei, wissen wir nicht, ob sich Interviewer und Interviewter vorher abgesprochen haben.
Wenn nicht, so spielen immer noch die Motivationen der beiden Gesprächspartner eine Rolle, was der Leser mit der gegebenen Information anstellen soll.
Und: Haben die beiden einander richtig verstanden? Haben wir sie richtig verstanden?
Wir können nicht in der Zeit zurückreisen, um die Abläufe zu verifizieren.

Erkenntnistheoretische Fragen zu stellen öffnet die Büchse der Pandora. Man kann nicht nur die eine Quelle anzweifeln, während man aus anderen Sicherheit gewinnen will. Woher beziehen verlässliche Quellen ihre Verlässlichkeit? Was macht einen Beweis zum Beweis, ein Indiz zum Anhaltspunkt und eine Wahrscheinlichkeit wahrscheinlich? Gehen wir die Kette der Fragen erbarmungslos bis zur letzten Konsequenz durch, dann landen wir bei der Einsicht, dass es keine Sicherheit gibt, und damit kein Wissen, und damit keine determinierte, für alle Beobachter gleich geartete Realität.

Scheiße.
Eigentlich wollten wir nur über Musik reden, oder?

Nun, so tragisch sind die Konsequenzen nicht. Problematisch werden sie erst, wenn wir über Distanz kommunizieren, an "die eine", wahre Wirklichkeit glauben (nämlich jene, die wir selbst wahrnehmen) und dabei noch über abstrakte Konzepte wie Moral, Realität, Arbeit, Gerechtigkeit sprechen, während das Überleben in den uns umgebenden Gesellschaften bewusste Verhaltensweisen wie Lügen, Betrug, Informationsverdrehung und -unterdrückung fordert und fördert, bzw. unbewusste neurotische und psychotische Selbstschutzmechanismen auslöst, die zu Wahrnehmungsverzerrungen führen.

Ich kann gar nicht oft genug darauf hinweisen, dass das Problem in einer menschengerechten Gesellschaft und mit einer gesunden Einstellung zum Leben nicht einmal im Ansatz besteht. Eine artgerechte Gesellschaft wäre nicht auf Wettbewerb aufgebaut. Sie würde die Bedürfnisse aller ihrer Mitglieder in vollem Umfang befriedigen. Weder gäbe es den Wunsch, sein Glück auf dem Missbrauch anderer zu errichten, noch die Notwendigkeit, eben jenen Missbrauch unter den Teppich zu kehren. Der Einzelne sähe auch keine Veranlassung, sich an der künstlichen Persönlichkeit weit entfernt lebender Menschen aufzugeilen, während er die eigenen Nachbarn nicht kennt. Gesunde Gesellschaften besäßen überschaubare Dimensionen, in denen die Kommunikationspartner einander und die Situation kennen. Individuen würden sich zwar mit dem gesamten Universum verbunden sehen, ihr Interesse wäre jedoch auf örtliche Angelegenheiten fokussiert, statt auf die Stars von Tokyo oder die Sterne der Großen Magellanschen Wolke. Diese haben nämlich eines gemein: Sie sind zu weit weg, als dass sie in unserem Leben eine Rolle spielen, oder wir in ihrem.

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