2011-08-31

Vom Schlafwandler zum Wachträumer

Auf komplizierte Fragen gibt es keine einfachen Antworten, heißt es.
Ich bin anderer Ansicht: Wie die Antwort ausfällt hängt von der persönlichen Einstellung ab.
Lassen wir uns von der versteckten Prämisse des Fragestellers leiten, dass das angesprochene Problem komplexer Natur sei, müssen wir uns auf die schwierige Suche nach Antworten machen, die eine vorgegebene Anzahl von Faktoren berücksichtigt, einem Kompromiss, der die Wertesysteme aller Beteiligten am wenigsten verletzt.

Bei genauerer Betrachtung lässt sich feststellen, dass die Fragestellung unnötig kompliziert formuliert worden ist. Zerlegt man sie in ihre fundamentalsten Bestandteile, entpuppt sie sich oft sogar als völlig realitätsentfremdet.

'Einfaches Leben' ist die Kunst, die tieferen Ursachen komplizierter Sachverhalte aufzuspüren, um scheinbare Dilemmata anhand einer klar strukturierten Werteskala aufzulösen. Wichtig hierbei ist das Bewusstsein, dass alle unsere Entscheidungen stets aufgrund unserer individuellen Prioritäten getroffen werden. Daraus ergeben sich nämlich Konsequenzen:

  • Jeder kann zu einer anderen Antwort kommen; keine der Antworten ist an sich richtig oder falsch, sondern der inneren Logik des individuellen Wertesystems entsprechend nur folgerichtig (oder nicht).
  • Es lohnt sich daher nicht, über Anworten zu streiten.
  • Das individuelle Wertesystem kann und muss dem neuesten Erkenntnisstand angepasst werden. Entwicklungsverweigergung ist nicht gerade ein Zeichen von Intelligenz. Im Rahmen seiner Erkenntnisse kann jeder Mensch allerdings stets nur eine einzige gültige Werteskala anwenden. Das trifft auch auf vermeintlich 'biegsame', 'charakterlose' Gestalten zu; deren Prioritäten sind vielleicht nur eher egoistischer als altruistischer Natur, weichen oft von den Behauptungen ab und widersprechen den Erwartungen der sozialen Umwelt.
  • Wertmaßstäbe müssen übersichtlich (wie gesagt klar strukturiert) und widerspruchsfrei sein. Wenn wir Ausnahmeregeln, Sonderfälle, umfangreiche Begriffsdefinitionen u.ä.m. konstruieren müssen, um ihre Gültigkeit aufrechtzuerhalten, ist das ein klares Zeichen von Fehlern im System; nutzen wir diese Erkenntnis nicht, um unsere Werte zu korrigieren (straffen), betreiben wir bereits Heuchelei. (Anm.: Schon allein daraus ergibt sich meiner Meinung nach die Scheinheiligkeit aller Legislative, Jurisprudenz und Exekutivgewalt, mithin die Verlogenheit aller nicht-anarchischen Gesellschaften.)

Daraus folgt für einen Menschen, der sich für ein einfaches Leben entschieden hat, dass sich das individuelle Wertesystem eher an natürlichen Gegebenheiten, besonders den Grundbedürfnissen und 'Naturgesetzen', orientiert als an zivilisatorischen (kulturellen) Werten und Regeln. Es fußt eher auf persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen als auf Buchwissen; eher auf Eigenverantwortung als Gehorsam; eher auf Eigeninitiative als Ansprüchen/Erwartungen an andere Menschen; eher auf toleranter Friedfertigkeit als streitbarem Gerechtigkeitsempfinden. Die weniger dominanten Teile können durchaus einen Platz im Leben haben, aber man ist sich ihrer Rolle, ihrer Mechanismen - und besonders auch ihrer Willkürlichkeit - bewusst.

Einfaches Leben, anders ausgedrückt, beschäftigt sich eher mit dem, was ist, als mit dem, was sein sollte oder könnte.

Die Ähnlichkeit zu spirituellen Geisteshaltungen kommt nicht von ungefähr; es ist auch kein Wunder, dass wir Spiritualität und einfaches Leben sowohl in den Weisheiten der Lehrer als auch im Alltag vieler Menschen direkt verknüpft sehen. Bewusste, 'gewollte Armut', wie sie durch die Jahrtausende propagiert worden ist, kann wertvolle Hiife leisten, wenn wir aufwachen, d.h. den ablenkenden Ballast von Rechten und Pflichten, die Scheinrealität vermeintlich komplizierter Sachverhalte, die Illusion von Wohlstand, Sicherheit und Fortschritt abwerfen wollen.

Gewollte Armut ist jedoch nur ein Aspekt einfachen Lebens und kann, wenn sie nicht aus tiefster innerer Überzeugung angenommen worden ist, nur der erste Schritt hin zu einer solchen Überzeugung sein. Ein einfaches Leben zu führen ergibt keinen Sinn, wenn der Verzicht auf Annehmlichkeiten und Überfluss als Opfer betrachtet wird. Einfaches Leben, aus einem inneren Bedürfnis angestrebt, ist kein Kampf gegen Gelüste, sondern eine Befreiung aus ihren Klauen; die Entdeckung all dessen, was uns wahrlich wichtig ist im Leben.

Im Licht dieser Entdeckungen erhalten wir einfache Antworten auf unsere Fragen - und auch die Kraft, zu unseren Werten zu stehen, selbst wenn das bedeutet, gegen Traditionen, Moralvorstellungen und Gesetze zu verstoßen.

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