2007-11-25

Voll Grass ey

Auf der Suche nach etwas Positivem, etwas, das meine gedrückte Laune hebt, schlug ich vorgestern endlich ein Buch auf, das ich geschenkt bekommen habe und normalerweise nicht selbst gekauft hätte. Es heißt Sehnsucht nach Indien und enthält literarische Annäherungen deutscher Autoren an das südasiatische Land.

Indien. Da denkt man doch gleich an Yoga, Tadj Mahal oder an Fakire. Hungernde Kinder, weltberühmte Chemieunfälle und derlei lassen wir mal außen vor. Wir wollten ja das Positive finden. In einem Lesebuch, das von einer Inderin zusammengestellt worden ist, sollte das ein Leichtes sein.

Tatsächlich werden einige typisch romantische wie auch hippiesk verklärte Klischees bedient, die mich häufig an den japanischen Wunschtraum vieler Kiddies denken lassen. Die Wahrheit ist bodenständiger. Wir wissen das. Die Herausgeberin weiß das.
Daher kommen auch ziemlich krasse Beispiele aus der neueren deutschen Literatur zu Wort, die von völliger Entzauberung künden, von Kulturschock und absolutem Unverstehen indischer Mentalität, gleichzeitig jedoch die Entfremdung von der eigenen Heimat beschreiben. Eine Heimat, welche angesichts ihrer Überregulierung, Übersättigung und ständigen Fortschrittsstrebens Fernweh nach dem Subkontinent auslöst, sobald man ihn verlassen hat.
Arnold Stadler beispielsweise schreibt:

Schlimme Dinge habe ich dann bei meiner Rückkehr gehört. Es waren drei Wörter in einem einzigen Nachrichtensatz: "Verbraucherministerin Künast ordnete das Keulen von 400.000 Rindern in einem Kälbervernichtungsprogramm an." Ich schämte mich, in einer Sprache zu leben und zu schreiben, in der solche Wörter und Dinge möglich sind [...] In Indien aber hörte ich, dass es Menschen und Organisationen gab, die darüber nachdenken, wie die vom Vernichtungsprogramm bedrohten Kühe zu retten seien.

Die Autoren der letzten paar Jahrzehnte liefern häufig Momentaufnahmen. Bilder von Augenblicken, die nicht in Worten interpretiert werden, aber allein durch ihre Auswahl veranschaulichen, wie fremd sie europäischem Denken sind.

Übelst bei Grass, dessen Stil weit jenseits von Sarkasmus anzusiedeln ist. So schwarz, dass einem ebenso vor dem fernen Land graust wie vor den eigenen Leuten. Ob man nun wegschaut, relativiert, indische Philosophie aufgreift oder mitleidend zu helfen versucht - seine ätzende Kritik verschont niemand, der von außen mit Indien in Kontakt kommt:

Von unseren Palmen aus, die das Eastern Railway Hotel in lockerer Reihe abschirmen, sind die Kloakenfischer nicht zu sehen. Aber ich weiß, dass sie da sind. Niemand, kein Gesundbeter mittels Statistik, kein Liebhaber indischen Tiefsinns, kein sanfter Indologe, dem sich alles, auch die Kloake, zu ewiger Ordnung fügt, wird sie mir wegschwatzen können. Es ist Teezeit. Umlauert von hässlichen Katzen und übergangslos, als grenze Hölle an Hölle, lese ich "Die Blendung" von Canetti, abgesichert im Kolonialgestühl.

Sein Blick konzentriert sich so völlig aufs Elend, dass keine anderen Eindrücke mehr zulässig scheinen. Und so schreibt er über Kalkutta:

Auf einer Postkarte ein Lebenszeichen aus Kalkutta schicken. Kalkutta sehen und weiterleben... Auf einer unbewohnten Insel ein Buch über Kalkutta schreiben... Unartige Kinder, Frauen, die nie zufrieden sind, nach Kalkutta verwünschen. Einem jungen Paar als Ziel der Hochzeitsreise Kalkutta empfehlen... Alle Vorschläge zur Sanierung Kalkuttas von einem Komponisten vertonen und in Kalkutta als Oratorium (gesungen von einem Bachverein) uraufführen lassen. Aus Kalkuttas Widersprüchen eine neue Dialektik entwickeln. Die UNO nach Kalkutta verlegen.

Auch viel derbere Sprüche fallen. Ich liebe Spott dieser Art. Für heute aber wars zu viel davon.

Dass Veena Kade-Luthra auch solche Texte hineingenommen hat, finde ich bewundernswert. Würde ich - bei aller Kritik - Ausländern dieses Bild von Deutschland vermitteln wollen?

Es gehen da tiefe geistige Interessen mit jungenhafter Lust am Exotischen und lüsterner Sehnsucht nach Sensationen wunderlich durcheinander, meint Hesse. Mein Weg nach Indien und China ging nicht auf Schiffen und Eisenbahnen, ich musste die magischen Brücken alle selber finden. Ich musste aufhören, dort die Erlösung von Europa zu suchen, ich musste aufhören, Europa im Herzen zu befeinden.

Trifft irgendwie auch auf den Japankult zu. Asien zu verstehen heißt, sich von Europa, von der eigenen nordischen Prägung, auch von den Vorstellungen über die eigenen Natur freizumachen.
Da das kaum möglich scheint, werden wir immer wohlmeinende Zuschauer blieben.

Wirklich aufgeheitert kann ich mich heute noch nicht nennen. Das Buch war für den Zweck keineswegs hilfreich, sondern bestärkte eher unterschwelligen Zynismus. Mein Indienbild ist auch nicht unbedingt bereinigt. Eher erweitert. Da mich das Land wenig interessiert, spielt das kaum eine Rolle. Erstaunlich daher, wie lang der Eintrag geworden ist.