2008-09-30

Oh hängt ihn auf, ihn unsern Fürst

Nun kackt sich die Finanzwelt wieder mal mächtig in die Hose. Der Kongress hat das einzig Richtige getan: die fetten Zockerschweine volle Kanne auflaufen lassen.
Bitteschön. Sollen reihenweise Banken pleite machen. Sollen meinetwegen auch die "Verbraucher" (von Menschen mit individuellen Schicksalen darf man ja gar nicht mehr reden) drunter leiden. Einmal muss es ja sein, bevor ein perverses Wirtschafts- und Finanzsystem den gesamten Globus ruiniert.
Was hier kaputtgeht, ist nicht "die Wirtschaft", sondern staatlich geförderte Pferdewetten, hauptsächlich mit Geld, das es nur auf dem Papier gibt. Wertschöpfung und Vernichtung im Vakuum. Leider handelt es sich bei den Spielern um die selben Leute, die auch dein und mein sauer verdientes Geld verwalten. Aber ich lass gern ein paar Euro dafür verdampfen, dass die Lektion bei jedem Einzelnen ankommt: Für das, was man tut, muss man auch die Verantwortung übernehmen.

Und hört bloß auf, mir die Ohren vollzuheulen mit eurem selbst verschuldeten Elend.
Was hat die KfW, die für einen Gründerkredit über 5000€ ein Gutachten über 2500€ von mir sehen wollte, unhinterfragt Millionenbeträge zu verschieben? Was hat eine Sparkasse Köln-Bonn ihre Nase in fragwürdige Spekulationen stecken? Muss man ein System, das sich soeben selbst eine Bankrotterklärung ausgestellt hat, auch noch staatlich stützen? Die Zeche haben meiner Ansicht nach die Einzelpersonen und Firmen zu bezahlen, die den Schaden angerichtet haben. So, wie das für jeden Einzelnen von uns ebenfalls gilt. Auch um den Preis, dass der Crash damit noch drastischer ausfällt, als ohnehin schon.

2008-09-18

Darwinia

Robert Charles Wilson: Darwinia
Im März 1912 erlebt die Welt einen ungeheuerlichen Vorgang. Über Nacht brechen sämtliche Verbindungen nach Europa ab. Telegrafenleitungen und Funkverkehr verstummen jäh. Jenseits von Atlantik und Mittelmeer scheint sich von einer Minute auf die andere niemand mehr zu befinden. Selbst Ozeanriesen wie die Olympic sind verschollen. Man vermutet eine Naturkatastrophe ungeahnten Ausmaßes.
Als erstes Schiff dringt die Oregon in die Gewässer jenseits des "wall of mystery", wie die US-Presse die unsichtbare Grenze nennt, ein, um Cork im Süden Irlands anzulaufen. Statt ausgebauter Hafenanlagen und grüner Hügel findet die Mannschaft jedoch nur einen undurchdringlichen Dschungel aus eigenartigen Gewächsen vor. Keine Menschen, keine Städte, noch nicht einmal Ruinen deuten darauf hin, dass die Oregon sich an der richtigen Stelle befindet.
So wie in Irland sieht es in ganz Europa aus. Oslo, Berlin, London, Paris, Wien, Rom, Moskau. Alles spurlos verschwunden. Hinter den unveränderten Küstenlinien nichts als immer der selbe feindselige Dschungel. Das British Empire enthauptet, der Katholizismus ruiniert, die deutschen, spanischen, französischen, portugiesischen Kolonien plötzlich auf sich allein gestellt, der transatlantische Handel schlagartig abgewürgt, trudelt die Welt in ein wirtschaftliches und politisches Chaos. Während Exil-Europäer ihre scheinbar von göttlicher Hand ausradierten Staaten neu zu formieren versuchen und die USA dem gegenüber mit Gewalt eine große Landnahmekampagne beginnen, möchten Forscher dem Geheimnis von Darwinia, wie man den "neuen" alten Kontinent jetzt ironisch nennt, auf die Spur kommen.
Eine spannende Alternativ-Historie, wenn man sich denn überhaupt für Geschichte und SF interessiert.

2008-09-08

Book off

Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas muss man, glaube ich, nicht gesondert vorstellen. Die Verfilmungen hat man sowieso schon gesehen und irgendwann liest ihn auch jeder mal. Hat dennoch viel Spaß gemacht, den wieder aufzuschlagen, um zu verfolgen, wie der unbeugsame Wille eines Einzelnen dem Schicksal ein Schnippchen schlägt. Letztlich bekommt der Graf seine Rache ja mit der Macht des Wortes und lässt seine Gegner über die eigenen Fallstricke stolpern, ohne jemand verbal oder tätlich angreifen zu müssen.
Bezeichnend die Szene, als Edmund Dantes dem Caderousse zeigt, dass jener stets bescheiden leben musste, aber in genau dem Moment, als er ohne eigenes Zutun zu Reichtum kam, dieser schon wieder nicht genug gewesen sei.
Ist es nicht so? Man hat nie genug.

Ende: Tagebuch aus dem 3.Weltkrieg von Anton Andreas Guha hat mich richtig von den Socken gerissen. Geschrieben wurde es 1983, auf einem der Höhepunkte des Kalten Krieges, nach NATO-Doppelbeschluss und Stationierung der Pershings in Deutschland. Es spielt gegen Ende der 90er. Die Lage spitzt sich wegen einer erneuten Kuba-Krise zu. Einzelne Scharmützel am anderen Ende der Welt führen zu einer ganzen Reihe weiterer Krisenherde rund um den Globus, die alle mit Europa nichts zu tun haben, letztlich aber herüberschwappen. Vorhersehbar, mit der Präzision eines Uhrwerks, eskaliert der Krieg bis zur letzten Konsequenz.
Guhas "Tagebuch" deckt einen Monat ab, einen Zeitraum, während dem er einen Frankfurter Journalisten seine Beobachtungen und Gedanken niederschreiben lässt: die Hilflosigkeit der Bevölkerung, die Machtlosigkeit der Opposition, die Kurzsichtigkeit der Politik, schließlich die Zwangsläufigkeit der Entwicklung.
Nun gibt es inzwischen ja massig Darstellungen über die Nachkriegszeit bis 1991. Zuletzt widmete der Spiegel eine Spezialausgabe diesem Thema. Nirgends allerdings habe ich eine so treffende Schilderung der paranoiden Atmosphäre der 80er Jahre gefunden wie hier.
Händeringend versucht der gebildete Chronist seiner Ängste Herr zu werden. Kant, Hegel, Marx und auch die Bibel vermögen ihm jedoch keinen Trost zu spenden, sondern werden von den Zwängen des Atomzeitalters genau so ad absurdum geführt, wie die paradoxe "Logik" politischen Dünkels.
Ein Buch, das man unbedingt gelesen haben muss, denn auch wenn mit der Sowjetunion die Dauerkonfrontation namens Kalter Krieg aufgehört hat zu existieren, sind wir noch lange nicht befreit vom Alpdruck. Wir denken nur nicht mehr immerzu daran wie damals.

Hurra, wir kapitulieren! - Von der Lust am Einknicken hinterlässt zwiespältige Eindrücke. Henryk M. Broder macht sich Gedanken zur Appeasementpolitik gegenüber islamischem Extremismus. Vieles, was er anprangert, entbehrt nicht der Logik. Stellenweise wäre wirklich mehr Durchsetzungsvermögen angebracht, anstatt Verständnis für Menschen aufzubringen, die gegenüber anderen absolut kein Verständnis zeigen.
"In Köln, wo auf der alternativen 'Stunksitzung' ein Selbstmordattentäter persifliert wurde, war der stellvertretende Bürgermeister der Stadt über den Sketch tief besorgt - damit rücke man den Dschihad und die Hamas in ein schlechtes Licht."
Derlei Beispiele gibt es in Broders Zeitgeistbuch genug. Woran es dann hapert, das sind konkrete Vorschläge, wie man es nun besser machen könnte. Hätte ich einen 170seitigen LJ-Motzeintrag geschrieben, er sähe wohl ganz ähnlich aus. Es genügt nicht, immer nur dagegen zu sein, und sei man noch so sehr im Recht.

2008-08-12

Bilderbuch nach neuer Rechtschreibung

Don't look so surprised
It's only dogma,
The alien prophet cried.
The beetle and the springbok
Took the bible from its hook.
The monkey in the corner
Wrote the lesson in his book.
What God wants God gets.

Nach "Eine kurze Geschichte der Zeit" hat sich mein Bild der modernen Physik und das von Hawking verändert. Ich hatte geglaubt, es ginge in der Wissenschaft darum, Theorien für die Funktionsweise der Welt zu finden. Wir beobachten, dass Ereignisse nach Gesetzmäßigkeiten ablaufen, versuchen Formeln dafür zu finden und verifizieren die Formeln, indem wir sie mit anderen Beobachtungen und durch Vorhersage künftiger Ereignisse vergleichen.
Stattdessen Gott hier, Gott da. Und immer die Sorge, inwieweit Gott sich in das gewonnene Weltbild einpassen lässt. Als ob man ihn dadurch finden, ihn erklären und verstehen könnte.

Mein Eindruck? Es gibt da nichts zu verstehen, weil es da schlicht und ergreifend nichts gibt.

Nun könnte es gut sein, dass Gott all diese von uns vermuteten Naturgesetze zu einem undurchsichtigen Zweck erfunden hat (obwohl er schön blöd wäre, sich in seinem Handlungsspielraum durch Regeln einengen zu lassen), aber inwiefern besteht überhaupt Anlass zur Vermutung, dass es einen Schöpfer oder gar Steuermann gegeben hätte? In einem unendlich scheinenden Universum nicht der geringste Hinweis, dass da etwas wäre. Geschweige denn etwas, das sich für unsere Tugend, unsere Sexualität oder Gebete interessiert. Warum auch, angesichts der Fantastilliarden Materieklumpen allein in Reichweite unserer Teleskope.

Es ist die nackte Angst vor der Sinnlosigkeit des Daseins, die uns nach dem Vater weinen lässt. Wir tun niemals etwas ohne Grund. Wir lernen fürs Leben, arbeiten für die Miete, töten auf Befehl. Und an diesen Schmerzen im Arsch sind die Außerirdischen schuld, die uns entführt haben. Wir ertragen es nicht, aus reinem Zufall in die Existenz geworfen worden zu sein. Wir möchten, dass unsere Leben und all die durchlittenen Schmerzen Sinn besitzen, einem höheren Zweck dienen; und wir nehmen uns dabei so wichtig, dass wir uns über den Rest der "Schöpfung", Tiere, Pflanzen, Einzeller, ja das gesamte Universum erheben. Alles geschieht wegen uns, für uns. Und wir wiederum sind zu SEINER Lobpreisung da.

Das ist so durchsichtig, so dünn, dass man sich wundert, weshalb überhaupt so viel Zeit damit verschwendet wird, eine Andere Welt, ein Paradies, Jenseits, einen Himmel mit imaginärem Oberboss zu suchen. Aber ich schätze, da eh alles zwecklos ist, ist diese Art zu denken genau so gut wie jede andere. Mich wundert's nur, dass ausgerechnet Leute wie Hawking sich damit beschäftigen. Bestimmt hat Gott die Welt so erschaffen und dirigiert, damit ich das Buch lese, davon Lust auf den Roger Waters Song bekomme und mal wieder die Platte auflege.
All diese Vorgänge seit dem Urknall, die sich auf diesen einen Moment zuspitzen, an dem die Nadel aufs Vinyl aufsetzt. All die Galaxien mit ihren Milliarden Sonnen; Werden und Vergehen von tausenden von Generationen; der lange Weg von der Alge bis zum Mensch; ein Mann, der erst eine international erfolgreiche Rockgruppe verlassen und 49 Jahre alt werden musste, bevor er das Lied komponieren konnte, das ich heute höre - all das kann kein Zufall sein.

Wieviele Aliens mussten eigentlich sterben, weil Gott mir dieses kleine Vergnügen gestattete?

2008-07-31

Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett

Arnaldur Indriðason - Kältezone
In einem austrocknenden isländischen See kommt das Skelett eines Mannes zutage, Jahrzehnte zuvor anscheinend gemeinsam mit russischem Abhörgerät versenkt. Die Lösung des Falls ist ein spannendes Puzzle, bei dem die mit eigenen Problemen reichlich ausgestatteten Ermittler nicht viel mehr als vage Anhaltspunkte und Vermutungen leiten.
Der Krimi hier hat richtig Spaß gemacht.
Zum einen besitzen die Personen in ihrer teils trockenen, teils verschrobenen Art hohen Sympathiefaktor. Isländischer Alltag der Spät60er/Anfang70er Jahre und heute spielt eine Rolle und auch Politik in Zeiten des Kalten Krieges. Dem Autor gelingt es, dich spüren zu lassen, dass die Handlung in einem völlig anderen als dem gewohnten US- oder Euro-Umfeld stattfindet. Allein, dass alle sich duzen und es in unserem Sinne keine Familiennamen gibt, erzeugt schon eine besondere Stimmung.
Zum anderen geht es hier nicht nur um den Fall als solchen. In mehreren Situationen stehen Charaktere (und damit auch man selbst) vor der Frage, wie man sich als Mensch richtig, wie man sich menschlich verhält. Vom Schluss her betrachtet ist das sogar die zentrale Frage des ganzen Buches.
Dort, wo Kältezone ins Leipzig des Jahres 1956 entführt, trägt es übrigens auch etwas zur akutellen China-Diskussion bei.

2008-07-28

Fritten-Johann hat schlechte Karten

Mein lieber Mann. Da hängt sich einer weit aus dem Fenster (1,2,3). Was er sich vornimmt, ist in maximal acht Jahren kaum zu erreichen, aber immerhin. Lasst ihn anfangen. Gebt ihm eine Chance und erschießt ihn nicht gleich wieder.

Ganz schön jung ist er ja. Er wirkt sogar noch jünger als JFK. Und Hölle, kann er sprechen. Die ganze Halbstunde lang kein einziger Blick ins Manuskript (hatte er überhaupt eins dabei?), klare Aussprache, verständliche Wortwahl. Mein Englisch ist zwar schon böse eingerostet, aber das war überhaupt kein Problem. Wenn er mit dem Vokabular lügen will, wird er dabei ertappt werden, bevor der Satz zu Ende ist.

Dies lässt sich als Prüfstein nehmen, wie sehr Geschichte tatsächlich von Charakteren abhängt. Oder von Sachzwängen in unabwendbare Verläufe dirigiert wird.

2008-07-02

Autopilot

Die Seele baumeln lassen. Ja, das werde ich wohl. Abschalten. Wobei ich dafür keineswegs wegfahren müsste. Das geht bei mir jederzeit. Jenseitiger Blick, regungsloses Dasitzen, flacher Atem. Exakt die Situation, in der Frauen dich zu fragen genötigt fühlen, was du grade denkst. Du verdrehst innerlich die Augen. Und du sagst: Nichts!
Und hey, in meinem Fall stimmt das sogar. Das Hirn war so schön leer, frei von Worten, Gedanken, Konzepten, Plänen. Das Muster der Tapete, ein Astloch im Fensterrahmen, das Rauschen einer Fernstraße - das war die ganze Welt. Sonst nichts.
Aber nein, sie glauben dir nicht, die Frauen. Sie wollen genau wissen, an welches Covergirl du gedacht hast. Sie lassen nicht locker. Und sie meinen, dir zu schmeicheln, wenn sie sagen: Du sahst grade aus, als würdest du etwas Großartiges ausbrüten.
Ach, sei einfach still.

2008-06-19

They're coming to take me away, haha!

Es gibt gute Gründe, die Sommerferien zu hassen. Mindestens so viele, wie den Sonntag.
Nya.

Ich komme mit dem Verschwörungsbuch nicht mehr voran. Es verursacht Knoten in meinem Nervensystem. Lese zwei, drei Artikel und blicke schon wieder gar nichts mehr. Ein Arschloch leckt das andere, jeder hat mit jedem zu tun, alles mit allem. JFK, die Illuminaten, die Rosenkreuzer. Nicht zu vergessen P2, die Mafia, der Vatikan, die Juden und die US-Regierung. Das Ganze ist ein riesiger Berg Hühnerkacke. Weltherrschaft? Wer in aller Welt sollte diesen Flohzirkus namens Menschheit freiwillig besitzen wollen?

Netter Dialog in Veronica Mars, S2, E8:
Daddy: In my experience most crime is personal. Not these... these weird conspiracies.
Daughter: Well, in my experience this is exactly what THEY want you to think.

Ich glaube, ich steig da jetzt einfach aus. Schnapp mir was Ordentliches zu lesen.

2008-06-10

Der es-ist-zwar-spät-aber-ich-kann-nicht-schlafen-Eintrag

Montag Ruhetag. Nach den langen Sonntagen ist das für mich der schönste Tag der Woche. Im Gegensatz zu den freien Sonntagen, als ich noch abhängig Beschäftigter war, mag ich ihn wirklich sehr, was damit zusammenhängt, dass ich nicht zur Ruhe gezwungen werde. Wenn ich mag, kann ich einkaufen gehen oder was auch immer. Gehe vor die Tür, setz mich ins Auto und stehe mitten im Leben. Ganz anders, als die verschlafenen, langweiligen, piefigen Sonntage von früher. Gut, heute hat man mehr Optionen, als noch vor ein paar Jahren, als noch nicht mal der Bäcker seinen Laden aufmachen durfte. Tankstelle oder Tod, hieß die Devise. Ich wär aber trotzdem für Abschaffung der wöchentlichen Rudel-Zwangspause zugunsten einer flexibleren Lösung.

Überhaupt mischt sich der Staat in viel zu viele Angelegenheiten ein, die ihn eigentlich nichts angehen. Was hat er uns vorzuschreiben, wen wir heiraten dürfen, wogegen wir uns versichern müssen oder welche Verträge Gültigkeit besitzen?

Der neueste Klops der sorgenfaltenzerfurchten Berliner Polit-Opas hat mit unserem Dauer-Ärgernis Rundfunkgebühren zu tun, diesmal munter gekoppelt mit ihrem aktuellen Lieblingskind, dem pöhsen Internet.
Setzt der Chefjustitiar des ZDF, Carl-Eugen Eberle, noch eins drauf:  Die Öffentlich-Rechtlichen müssten schon deshalb im Internet eingreifen, verkündete er auf einem Expertentreffen, weil dort Inkompetenz herrsche: "Die Kompetenz der privaten Anbieter ist nicht die Information, sondern die Vermarktung von Werbung." Nur die Anstalten seien in der Lage, "unabhängige Informationen" zu bieten.

Mahlzeit.
Meint der vielleicht die tendenziell braunschwarzen Berichte des Bayerischen Rundfunks oder das Trendgehechele des WDR? Wo bleiben denn die staatlich protegierten Pfeifen, wenn es darum geht, Fehlentwicklungen, Machtmissbrauch und Inkompetenz statt in Timbuktu im eigenen Land aufzudecken?

Und wann wollen sie in Berlin endlich aufhören, sich in Dinge zu mischen, von denen sie keine Ahnung haben. Jeder Einzelne von uns ist in irgendeiner Weise bereits von Globalisierung betroffen. Wir alle wissen, dass die Vernetzung auf verschiedenen Ebenen nur noch durch den Zusammenbruch der Zivilisation rückgängig zu machen wäre. Ob es uns passt oder nicht. Aber an der Spree (und am Hamburger Landgericht) glaubt man fest an ein herausnehmbares deutsches Tortenstück vom Internet, das unter deutsche Rechtsprechung, Abteilung Druckwerke, fällt.
Ja leck mir doch die Stirn!

Früher war für solchen Unsinn die CDU zuständig. Und ehrlich, Leute, ich war gottfroh, als Birne endlich abgesägt wurde. War ein hartes Stück Arbeit. Leider nur um festzustellen, dass Paranoia, Regulierungswut und elitäres Gehabe seither das Steckenpferd der SPD sind. Der Obermacker hieß dann halt Gerhard oder Kurt statt Helmut. Für den intellektuellen Dünnschiss ist nicht mehr Geißler, sondern Gabriel zuständig. An dieser Stelle zitiere ich ganz gern Hans Söllner: Vielleicht kann man ihn noch für Reklame hernehmen. Siemens Wäschetrockner: Klappe auf - warme Luft - Klappe zu..

Wer sich über katastrophale Wahlergebnisse wundert, ist weltfremd oder versucht die Wählerschaft für blöd zu verkaufen. Wahrscheinlich beides. Die dreiste Selbstbedienung derjenigen, die können bei gleichzeitiger Unfähigkeit in Sachen Problembewältigung wird den Laden zwangsläufig ins Schlingern bringen. Zum 40. Geburtstag der BRD feierte man noch die Stabilität der Demokratie. Statt markiger Sprüche heute nur noch Sorgenfalten.

Ein guter Rat - nein zwei:
1.) Von Microsoft lernen. Patches machens nicht besser. Ab einer gewissen Stufe der Komplexität wird jedes System instabil. Jeder neu zu berücksichtigende Spezialfall, jede Nachbesserung führt nur zu weiteren, teils noch größeren Problemen. Irgendwann irreparablen. Lieber entschlackt man gründlich und führt ein Projekt auf das Grundlegende zurück.
2.) Solange nur zwischen Teufel und Beelzebub gewählt werden kann, zeig ich euch weiter den Stinkefinger. Wenn eine Wahl oder Handlung keinen nennenswerten Unterschied gegenüber einer anderen macht, kann man beide sein lassen. Ich beteilige mich gern wieder, wenn auf den Wahlzetteln ein Feld mit "Ich traue keinem der Kandidaten genug Kompetenz zu" steht. Besser wärs allerdings, wenn direkte Mitwirkung ermöglicht würde.
Entgegen dem offiziellen Getöse kann eben nicht jeder ein Abgeordneter sein. Im Bundestag sind einfach nicht genug Sitze für 80 Millionen Menschen. Außerdem ist es grundsätzlich unzumutbar, sich durch korrupte Seilschaften hochschleimen zu müssen, bevor man im Alter von über 50 endlich ein sechstel Prozent zur Ergebnisfindung beisteuern darf.

2008-06-05

Open Street Map

Ende letzten Monats hat die OpenStreetMap (wieder) eröffnet, mit ganz großem Tamtam in Blättern wie BILD und SPIEGEL. RTL hat wohl auch was gebracht. Jetzt gehts also richtig los mit Datenerfassung. Bestimmt laufen demnächst Hunderttausende mit GPS-Handhelds, -Handys und -Schleppis durch die Pampa, um Straßen, Bäche, Briefkastenstandorte und Pommesbuden aufzunehmen (und dabei serienweise Laternen umzunieten ;)
Viele Zentren sind schon recht gut erfasst, aber die meisten Dörfer fehlen bislang selbst in Deutschland. Die Randbezirke Pekings oder der afrikanische Busch wären ebenfalls eine reizvolle Aufgabe.

Wer's noch nicht kennt - OSM ist ein Wiki für Kartenmaterial. Jeder, der schon mal nach lizenzfreien Geodaten gesucht hat, wird wissen, wie nötig das Projekt ist. In ein bis zwei Jahren werden wir daraus kostenlose Karten fürs Navi, Anfahrtskizzen, Routenplaner oder Spezialatlanten herstellen können.

2008-05-31

The Angels Have The Phone box


Robert Anton Wilson: Das Lexikon der Verschwörungstheorien. München, Piper, 2002.

Voll krasses Pferd, wo man sich überall reinsteigern kann. 400 Seiten Verfolgungswahn, und das ist nur an der Oberfläche gekratzt.



Das Buch besteht aus mehreren Hundert Einzelartikeln, jeweils zwischen einer halben und fünf Seiten lang. Jeder befasst sich mit einer Konspiration, einem Geheimbund oder einer Person / Organisation.
Der Autor versucht, die Zusammenhänge sachlich darzustellen, aber da blinzelt ab und zu auch mal ein schelmisches Auge. Ist so ein Mittelding zwischen Unterhaltung und Einstiegsliteratur. Es gibt überall Querverweise zu anderen Artikeln sowie Hinweise auf weiterführende Infos.

Der Band enthält außerdem ein Interview mit Wilson, in dem er u.a. meint:



"Gegen Ende der 60er hatte ich mich dann mehr oder weniger an den Gedanken gewöhnt, dass nahezu jeder, mit dem ich mal politisch zusammengearbeitet hatte, ein Regierungsagent war. Anstatt nun paranoid zu werden, fand ich das eher ziemlich komisch.
...Wahrscheinlich sind Hunde die einzigen Leute, die dem Menschen noch trauen, aber mir ist aufgefallen, daß selbst manche Hunde in letzter Zeit ihre Zweifel haben."

Stimmt. Mir als Tierbedarfshändler ist das auch schon aufgefallen.

2008-05-27

Erde an Mars

Liebe Veronica,
drei Staffeln hindurch war ich ein treuer Verehrer deines Scharfsinns und - ich gebe es zu - deines niedlichen Mädchenlächelns. Nein, nicht des Lächelns allein. Wohl aber in Verbindung mit Ausweis- und Dokumentenfälschung, Vortäuschen falscher oder fremder Identitäten, unerlaubter Akteneinsicht, Einbruch, Diebstahl, Erpressung, Anstiftung zu Gewalttaten, Bestechung, Verletzung des Fernmelde- und Briefgeheimnisses sowie harmloserer, lediglich moralisch anrüchiger Praktiken wie Lügen, Ausspionieren des Privatlebens von Freund und Feind, gegeneinander Ausspielen, voreiligem Beschuldigen, Fraternisieren mit fragwürdigen Typen etc etc.

Am Anfang fand ich das noch ganz lustig. Insgesamt betrachtet frage ich mich dann aber doch, wer am Drehbuch mitgeschrieben und wer die Serie finanziert hat. Ich meine - du kannst dir alles erlauben was du willst, solange du nur den Bösewicht hinter Gitter bringst. Dient ja dem Allgemeinwohl, the greater good (THE-GREA-TER-GOOD!). Fast wie Guantanamo Bay. Und falls persönliches Engagement an seine Grenzen stößt, falls außerdem der Rechtsstaat versagt, gibts immer noch die höhere Gerechtigkeit, welche einen bösen Buben den anderen auslöschen lässt.
Eine Serie zum Mitdenken. Wäre so schön gewesen. Leider verlangt die im entscheidenden Moment, dass du dein Gehirn abschaltest.

Gut, ich sollte das nicht so ernst nehmen. Außerdem fand ich die dritte Staffel mit ihrem beschissenen Vorspann und der kurzatmigen Handlung sowieso crappy. Nevermind the brainwash?

Falsch.
Echte Tragödien spielen sich genau nach Drehbuch hier in Deutschland ab: "Mann wird von sechs Kugeln getroffen - und erschießt sich am Ende selbst" verkündet heute eine Spiegel-Schlagzeile. Frag nicht, was der Staat für dich tun kann. Tu es selbst.
Es steckt so viel Wahrheit in TV-Serien.
Ich hoffe, ihr entschließt euch trotz mangelnden Zuschauerinteresses zu einer vierten Staffel.

Mit Vergnügen
Pax

2008-04-23

Walser & La Mettrie

Der Augenblick der Liebe von Martin Walser war eine Bereicherung. Nicht nur mir endlich selbst ein Bild vom umstrittenen Autor gemacht haben zu können. Nicht nur einmal einen Roman gelesen zu haben, dessen spärliche Handlung eher symbolischer Natur ist, der dafür mit ausdifferenzierten Gedankengängen, feingeschliffener Sprache und ins Detail gehenden Gefühls- und Gedankenbeobachtungen glänzt. Die ersten paar Textseiten, eine trockene, auf den Punkt gebrachte Beschreibung einer Kommunikation der Stille,
 
"auf einer für eine Besucherin vor Höhen unhörbaren Frequenz. Die höchsten Töne sind die feinsten. Je weniger sie miteinander sprechen, desto besser verstehen sie einander. Das erklär mal einer Besucherin...
Wenn er der Besucherin sein und Annas einvernehmliches Nichtssagen erklären könnte, wüsste sie immer noch nicht, wie wichtig Anna für ihn wird, wenn sie dann einmal drauflosquatscht. Er sitzt, sie räumt auf, er kan nur sitzen, starren, sie aber redet, und das tut sie für ihn. Zustimmend schweigen, das kann er noch. Sie plappert bewusst, macht deutlich, dass sie jetzt nur plappert, damit demonstriert sie, man könne doch immer noch plappern, Quatsch reden. Es kann sein, sie versackt dann jäh. Dann wird es ziemlich still. Dann fängt er an. Er schafft nicht halb so viel Stimmung oder wenigstens Akustik wie sie. Und gibt auch gleich auf. Dann ist die Stille, die folgt, ein Ausdruck vollkommener Harmonie. Näher kann man einander nicht sein als in dieser wunderbaren Wüste gemeinsam erworbenen Schweigens."

Natürlich bäumt sich zunächst einmal alles in einem auf gegen dieses hörbare Ticken von Omas Wanduhr, gegen dieses scheinbare Ausgelebtsein, Ausgepumptsein, Sichnichtsmehrzusagenhaben. Ich glaube aber, es rührt daher, dass Walser diese Assoziation wünscht, dass er tatsächliche Verständnisinnigkeit ausklammert und auch die Erlösung des Nichtsprechenmüssens.
Jedenfalls konnte ich mich selten so mit einem literarischen Charakter identifizieren, wie mit Gottlieb Zürn. Wie gesagt weniger dessenwegen, was er anstellt, als um seiner Auffassung von seiner Position im Leben willen und seinem subjektiven Empfinden zu einzelnen Begebenheiten.
Ich hab's mit tragikomischen Gestalten wie George Paxton oder eben Gottlieb, wenn Autoren wie James Morrow (So muss die Welt enden) und Martin Walser es schaffen, deren Beweggründe im Inneren ebenso wie ihre Verstrickung in äußere Zwänge plausibel darzustellen, ohne eine Karikatur wie Arthur Dent zu erzeugen.

Dies nur vorweggenommen, damit der Eintrag Tagebuchcharakter erhält, denn ich mag keine Artikel, die lediglich die Arbeit anderer Leute ausbeuten.
Eigentlich ging es mir um ein Zitat aus o.g. Buch. Walser ließ besagten Herrn Zürn Überlegungen des französischen Philosophen Julien Offray de La Mettrie zusammenfassen, die den menschlichen Entscheidungsspielraum zum Thema hatten. La Mettrie ging dabei natürlich vom Kenntnisstand Mitte des 18.Jh. aus und - das war eher ungewöhnlich - explizit von seinem persönlichen Erfahrungsschatz, von Selbstbeobachtung.
Angesichts aktueller Ergebnisse der Hirnforschung, die den freien Willen (und damit die Verantwortung des Einzelnen für seine Handlungen) zunehmend in Frage stellen, ein interessanter Beitrag.

Da mir La Mettrie bisher gänzlich unbekannt war und ich keine Originaltexte gelesen habe, kann ich mich natürlich nicht dafür verbürgen, dass Walser dessen Thesen auch nur annähernd korrekt transportiert hat. Das ist im Grunde egal. Es würde mich jedoch interessieren, ob sie jemand, so wie sie da stehen, nachvollziehen mag, oder ob sie so etwas wie Abstoßung oder Ablehnung erzeugen.

"Dein durch La Mettrie geschärftes Thema: die Erziehung als Ausbildung zum Gefangenen.
Von Anfang an war kein Mensch und keine Institution daran interessiert, dich zu dir selbst kommen zu lassen. Die Erziehung als Zumutung. Aber dann hast du angefangen, deine Erzieher zu betrügen. Du hast mehr als eine Persönlichkeit entwickelt. Das tut jeder. Keiner ist nur das, was die Erziehung aus ihm machen wollte. Wieviele Persönlichkeiten einer dann ausbildet, hängt davon ab, wieviele er zur Befriedigung seiner Bedürfnisse braucht. Ein paar Berufspersönlichkeiten und ein paar Privatpersönlichkeiten sind es allemal.
Der Erfolg dieser Persönlichkeitsentwicklung hängt davon ab, wie sehr es dir gelingt, jede Persönlichkeit, wenn du sie brauchst, wenn sie also agiert, als deine einzige zu produzieren. Dazu musst du jedesmal selber glauben, das jetzt seist du ganz und gar. Dann wird dir das auch von anderen geglaubt. Dieser mozartische Kettenzerbrecher hat dich hingewiesen auf deine Gefangenschaft. Also, dem Befreier La Mettrie gewidmet: Du als der Gefangene. Von Anfang an.
Was auch immer du an Fluchten geplant und ausgeführt hast, du bist ausgebrochen als der Gefangene, und wo du hinkamst, warst du der Gefangene auf der Flucht."

2008-04-12

Alles Schlampen, außer Muddi

Die Welt ist sch...lecht.
Nein, nicht die Welt. Sie ist weder gut noch böse, weder schön noch hässlich. Die Welt ist die Welt, und sie geht auch nicht unter, wenn der Mensch irgendwann mal so freundlich ist, sich aus ihr zu verpissen. Ehrlich, das sollte er langsam gebacken kriegen. Aber wahrscheinlich ist er sogar dafür zu blöde.

Schau schau, der Pax kann sein Leben wieder nicht leiden. Noch viel weniger das der Anderen. Es braucht für mich keine Chinesen, die unsportlich auf Tibeter einprügeln, um die Menschheit zu hassen. Auch keine fetten Krawattensäcke, die sich eine Extraportion Sahne abschöpfen, während sie ihre Untergebenen erst piesacken, dann kurzhalten, bevor sie sie endgültig auf die Straße setzen.
Mir reicht schon die ganz normale Fiesheit des Alltags, die Rücksichtslosigkeit der Straße, die egoistisch-selbstverständliche Gleichgültigkeit von Nullen, die sich für große Nummern halten.

Schon die Anwesenheit eines Zweibeiners macht mich manchmal irre. Was sage ich - allein der Gedanke an deren Existenz treibt mich je nach Stimmung auf die Palme oder in die Resignation.
Dabei fühle ich mich seit dem Wintertief weder besonders niedergedrückt noch ärgerlich. Auch hatte ich oft genug Gelegenheit, Ausnahmen kennenzulernen, nicht zuletzt die Leute auf der FL. Wenn dir allerdings jeder Versuch, die Dinge einmal mit anderen Augen zu sehen, mit dem Ziemer wieder ausgetrieben wird, hast du irgendwann keinen Bock mehr, gegen den Wind zu gehen. Genausowenig mag ich mich vor ihm herschieben lassen. Was tun?

Joah, Therapie, nech?
Fragt sich nur, wofür. Gehirnwäsche wäre nämlich nicht nur gratis, sondern auch noch umsonst. Denn eigentlich fehlt es nur am nötigen Kleingeld für den angemessenen Lebensstil und ein bisschen Extrabespaßung. Es braucht wenig, mich glücklich zu machen. Aber selbst das Bisschen fehlt, und Pax ist sauer, ungeduldig und frustriert.

Momentan lese ich wieder ein Wanderbuch. Mit dem Kühlschrank durch Irland ist was für Spaßvögel. Zu Fuß die Strecke Berlin - Moskau zurückzulegen, so wie Wolfgang Büscher, stell ich mir schon was härter vor. Sind es 2000 Kilometer? 3000? Der Hammer. Drei Grenzüberschreitungen. Jedesmal wird das Land karger, die Menschen fremder. In deinen Rucksack passen eine Garnitur Klamotten, ein Notizbuch, Landkarten und ein paar Geldscheine. Du hast kein Handy dabei, kein Navigationsgerät, kein Taschenradio, keinen Rasierapparat. Außer der Straße erinnert über weite Strecken nichts an die Zivilisation. Du läufst und läufst und läufst. Vorbei an Warschau, Bialystok, Minsk, Katyn, Smolensk. Dazwischen Dörfchen, wo, wenn überhaupt, ein Kolchosladen steht, ein schäbiges Hotel, eine Wodkabar. Und dann weiter durch diese endlosen, sonnenverbrannten Steppen, die sich bei Regen in Sumpf verwandeln und im Winter steinhart gefroren sind.

Büscher beschreibt die Einsamkeit des Wanderers, seine eigene, vom Horizont des Fußgängers begrenzte, von der Zeit losgelöste Welt so treffend, dass man sich hineinversetzt fühlt in den Schwermut, den Trott, die Taubheit des Wanderns. Die kleinen Triumphe, wenn eine Absteige bis spät noch geöffnet hat, ein Landarbeiter Wodka und Kate teilt, aufdringliche Fragesteller hinter einem zurückbleiben. Du merkst, wie sich seine Gedanken einen halben Tag lang an etwas festfressen, dann wieder mit dem Blick abschweifen, weg von der Straße. Wie die Beine fast schon alleine Schritt um Schritt tun, manchmal den ganzen Tag ohne Gedanken an eine Rast.

Das Seltsame beim Lesen: Ich mag des Autors Schreibstil nicht, aber er könnte die enormen Distanzen nicht besser zu Papier bringen. Mir sind seine Beobachtungen zuwider, aber ich teile seine Sichtweise. Ich bin mit ihm durch das Buch schon bis Smolensk gewandert, aber ich würde es nicht wieder tun. Gleichwohl werde ich weiterlesen müssen, fasziniert vom Fremden in einem fremden Land und beseelt von dem Wunsch, einmal Ähnliches zu tun. Vielleicht nicht Osteuropa. Lieber Kanada oder Argentinien. Auf den Spuren einer Radtour vor 20 Jahren. Es waren nur 14 Tage. Es war nur Frankreich. Aber es war das erste Mal, dass ich für länger auf mich allein gestellt war. Rad und Rucksack und Kompass.

2008-03-22

Streikerei vorbei

Namen sind mächtig. Die Mumie, Speed, Fluch der Karibik, The Matrix, Star Trek NG/DS9/Voyager, King Kong und viele andere Filme beweisen es. Der Inhalt kann noch so sehr abweichen, noch so dümmlich sein - wenn die Urfassung erfolgreich war, werden Remakes ebenso wie Fortsetzungen hirnlos gekauft. Wäre es also nicht längst wieder Zeit für Buck Rogers? *schauder* Immerhin erscheint diesen Monat eine DVD-Auflage der alten Folgen.

Bei Planet der Affen handelt es sich um eins der extremeren Beispiele. Jede der zahlreichen Varianten baut zwar auf einer gemeinsamen Kernstory auf. Rahmen, Details der Handlung, Charaktere sowie Qualität der Umsetzung unterscheiden sich dagegen stark.
Hab mir unlängst alle greifbaren deutschsprachigen Versionen reingezogen. Ich mag den Stoff und ich fand es kurzweilig, nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zu suchen.


Pierre Boulle: La planète des singes (1957)
Drei französische Forscher brechen von der Erde zum Beteigeuze-System auf. Sie begegnen einer schönen Wilden und werden gemeinsam mit deren Stamm bei einer Treibjagd von Affen gefangen genommen. Dank zweier Schimpansen-Biowissenschaftler gelingt ihnen die Flucht vom Planeten, den zahme Affen vor 10.000 Jahren von den Menschen übernommen hatten. Ein Geheimnis, das Angehörige des Primaten-Establishments gern gewahrt wissen wollen.
Bei der Rückkehr müssen die Flüchtlinge feststellen, dass sich auch die Erde, auf der seit ihrer Abreise mehrere Jahrhunderte vergangen sind, inzwischen fest in Affenhand befindet.
Pierre Boulles Buch, das die Vorlage zur Erstverfilmung war, klingt an vielen Stellen naiv und vertauscht im Grunde lediglich die Rollen von Affen und Menschen, um unseren Überlegenheitsphantasien einen Spiegel vorzuhalten. Erhobene Zeigefinger werden kostenlos in voller Länge mitgeliefert, wie es während der 50er Jahre allgemein üblich war. Siehe beispielsweise Frühwerke von Lem, Asimov oder auch dem am vergangenen Mittwoch verstorbenen Clarke.
Übrigens hat das Buch noch eine kleine Rahmenhandlung, die in keiner der anderen Story-Versionen auftaucht, dem Stoff jedoch zusätzliche Würze verleiht: Der Bericht der französischen Forscher befindet sich in einer Flaschenpost, die von terranisch-äffischen Weltraumurlaubern aus dem All gefischt wird. An Wahrheitsgehalt vermögen sie nicht zu glauben.

Michael Wilson u.a. (Drehbuch), Franklin J.Schaffner (Regie): Planet of the Apes (1968)
Der Film mit Charlton Heston in der Hauptrolle beginnt mit einer amerikanischen Shuttle-Langzeitmission von der Erde aus. Als das Raumfahrzeug über einem unbekannten Planeten abstürzt, wird die Mannschaft aus ihrer Stasis geweckt. Man begegnet wieder einer schönen Wilden und ihrem Stamm, die von Affen eingefangen werden. Auch in dieser Version überlebt letztlich nur einer der Erdmenschen, Taylor. Er kann dank Hilfe zweier Schimpansen-Biowissenschaftler mit der Wilden fliehen, muss jedoch entdecken, dass er keine Raum-, sondern lediglich eine Zeitreise hinter sich gebracht hat. Er befindet sich auf der Erde des Jahres 3978, 1010 Jahre in seiner eigenen Zukunft, wo zahme Affen nach einer nuklearen Apokalypse die Macht an sich gerissen haben. Wiederum sind eingeweihte Kreise daran interessiert, dass die Wahrheit über die Entstehung des Affenstaates unbekannt bleibt.
Der Erstverfilmung folgten bis 1973 vier Fortsetzungsteile, die u.a. klären, wie es so weit hatte kommen können. Es gibt einige Schlüsselszenen mit großer Symbolbedeutung, z.B. die Entdeckung der zerstörten Freiheitsstatue, die zwar eigenständig, doch sehr eindrücklich Boulles Kritik an der Kurzsichtigkeit menschlicher Verhaltensweisen aufgreifen.
Als 6-DVD-Box 2001 unter dem Titel "Planet der Affen - Special Edition" (457min) und 2005 unter dem Titel "Planet der Affen - Die Saga" (455min) neu aufgelegt.

Michael Avallone: Beneath the Planet of the Apes (1970)
Dt.: Rückkehr zum Planet der Affen, ist das Buch zum gleichnamigen zweiten Teil der Erstverfilmung. Auf der Suche nach der verschollenen Taylor-Expedition landet Brent im Jahr 4955 nahe dem alten New York, wo die Affenzivilisation die endgültige Ausrottung des Menschen anstrebt. Neben den stummen, primitiven Dschungelbewohnern an der Oberfläche leben technisch hochentwickelte Mutanten, die DIE BOMBE anbeten, in einer unterirdischen Metropole. Erinnert ein ganz klein wenig an Eloi und Morlocken aus Wells' Zeitmaschine, spielt aber auf das Wettrüsten des Kalten Krieges an.
Der alles vernichtende Endkampf wurde filmisch wie literarisch (ahem) schwach umgesetzt.
Das vorliegende Buch hat zwar seine nachdenklichen Momente, kann auf lediglich 140 Seiten aber nicht erreichen, was schon der Film missen ließ: Niveau.
Die Rahmenhandlung des Buches spiegelt eher den '68er Zeitgeist als das Zwiegespräch eines unbekannten außerirdischen Lehrmeisters mit seinem Schüler.

David Gerrold u.a.: Battle for the Planet of the Apes (u.a., 1973 ff)
Fünfteilige, im 31.Jh. spielende Buchreihe aus der "Terra"-Reihe des Groschenverlages Pabel.
Guess what: Der kommerzielle Erfolg der Filmserie sollte ein weiteres Mal gedruckt zu klingender Münze gemacht werden, wobei die Terra-Heftchen nur sehr lose an ihre filmische Vorlage angelehnt und in ihrer reißerischen Niveaulosigkeit schwer zu ertragen sind.

William Broyles u.a. (Drehbuch), Tim Burton (Regie): Planet of the Apes (2001)
Die Neuverfilmung beginnt 2029 auf einer amerikanischen Raumstation irgendwo in einer anderen Galaxie. Affen sind dort halbintelligente Diener bei der Ausführung von Routinearbeiten. Als ein Schimpanse in einem Magnetsturm verloren geht, folgt ihm Leo Davidson, sein menschlicher Ausbilder, stürzt jedoch auf einem unbekannten Planeten ab. Während der obligatorischen Treibjagd begegnet der Held seiner schönen Wilden und ihrem Stamm und wird mit ihnen gemeinsam von den Affen gefangen und versklavt. Sie landen im Haushalt einer Familie aus Regierungskreisen, flüchten jedoch noch in der ersten Nacht mit Hilfe des menschenfreundlichen Töchterchens.
Auf der Suche nach seinem vermeintlichen Rettungskommando entdeckt der Held, dass er vom Magnetsturm 3000 Jahre in die Zukunft geschleudert worden ist, während die Raumstation längst am Boden zerschellt liegt. Das erklärt die Herkunft der Affenzivilisation ebenso wie die Gegenwart primitiver Menschenpopulationen.
Es kommt zu einer finalen Schlacht zwischen Menschen und Affen, die in einer Aussöhnung endet. Dem Helden gelingt die Rückkehr zur Erde. Diesmal ohne seine blonde Eroberung. Leider muss er - Ironie des Schicksals - feststellen, dass ihm die Affen zuvorgekommen sind...
Ein Film ohne sittlichen Nährwert. Entstanden allein um des düsteren Grusels und der Effekte Willen. Konzept und Details sind eher weniger glaubhaft, als in der 68er Version. Während übrigens Boulles Affen eigene Sprache und Schrift entwickelten, ist den beiden Movies gemein, dass nach Jahrtausenden selbstverständlich alle Parteien die selbe Lingua sprechen.

William T.Quick: Planet of the Apes (2001)
Bücher zum Film sind bis heute schnell verdientes Geld. Natürlich gibt es daher auch eine Buchfassung der Neuverfilmung, die sich fast wortgetreu ans Drehbuch hält. Wie so oft langweilige Lektüre, die mit fürchterlich verkürzten Spannungsbögen, fehlender Charaktertiefe (geschweige denn -Entwicklung) und vorhersehbaren Klischeehandlungen glänzt.
Darüber hinaus unterschlägt Quick ganz einfach die Schlusspointe. Die Story endet, als der Held den Planeten der Affen verlässt *gähn*

2008-03-21

Nein, Leute. Nein.

LJ-STREIK am Karfreitag!
Keine Einträge, keine Kommentare, und am besten gar nicht erst auf die Seite gehen.

Warum?
Heimlich, still und leise wurden am 12.3. die kostenlosen, werbefreien Basicaccounts als Option für neue User abgeschafft. Man hat nur noch die Wahl zwischen Plus- und Paidaccount. Eine Ankündigung hielt man nicht für nötig.

Ok, ich habe schon einen kostenfreien Account. Der bleibt mir ja erhalten.
Ok, das Bereitstellen von Ressourcen, die das Bloggen für so viele User ermöglicht, kostet eine Stange Geld.
Ok, die derzeitigen Site-Eigentümer leiten ein kommerzielles Unternehmen und können mit ihrem Eigentum anstellen, was sie wollen.

Aber:
Es waren die Millionen User, die LJ zu einem attraktiven Ort im Web gemacht haben, indem sie kostenlos Inhalte produzierten und Freunde warben. Angelockt wurden sie mit dem Versprechen von Freiheit, insbesondere Werbefreiheit.

Ich habe schon lange genug davon, mich vor den Karren von Leuten spannen zu lassen, die sich in funktionierende Dienste und Unternehmen einkaufen, um diese umzubauen, kommerziell auszupressen und dann fallen zu lassen, wenn sie dank dieser Behandlung keinen Heller mehr wert sind.

Ich habe auch genug davon, mich dem Willen von Leuten zu beugen, die keine Kunst, kein Gefühl, keine Kreativität, keinen Sinn für die Praxis, keine Nachhaltigkeit kennen, sondern lediglich nach Leitsätzen handeln, die sie im Wirtschaftsstudium eingebläut bekamen. Nicht zuletzt sind die vermehrt auftretenden Firmenpleiten und Börsenkrisen Auswirkungen einer Haltung, die als einziges Argument nur noch Geld kennt.

Bringt der Streik was?
Er kommt ein bisschen kurzfristig, aber ich hoffe sehr, dass das Loch in der Traffic-Statistik groß genug ist. Das nämlich würde zeigen, dass wir hier eine Community haben, nicht eine Milchkuh, die man beliebig melken kann, bis sie umfällt.
Ich möchte nicht eines Tages livejournal.com aufrufen und wie bei animexx.de oder - noch übler - wetteronline.de mit lästiger Reklame zugekleistert werden, die anderen Leuten die Taschen füllt.
Und es auch noch dadurch unterstützen, dass ich ehrenamtlich Inhalte beisteure.

2008-03-17

Tüte voll Shit - pt.2: the unfun

Stellt euch einen Samstag und einen Sonntag vor.
Es ist Wochenende, die Sonne scheint, die Osterferien haben begonnen und es findet ein Frühlingsfest samt verkaufsoffenem Sonntag statt.
Die Stadtmitte besitzt optimale Voraussetzungen. Viele Geschäfte, herausgeputzte Häuser, alter Baubestand. Sieht alles ganz toll aus und lädt zum Einkaufen ein.
Die Straßen und Gassen sind brechend voll mit fliegenden Händlern, Fressbuden, Fahrbetrieben, Attraktionen und außerdem - der wichtigste Teil der Veranstaltung - Besuchern.
Am Samstag drängen sich bei schönstem Wetter mindestens 10.000 von ihnen zwischen den Ständen, am Sonntag bei Regen nochmal 20-30.000 schätzungsweise.
Das wars dann aber auch.
Die Ladengeschäfte (sogar der Bäcker am Eck) hatten überwiegend geschlossen und die Leute schoben sich nur durch. Noch nicht mal glotzenderweis', sondern einfach nur stupide gradeaus. Dass ich in der Situation nichts verkaufen konnte, mag man ja noch verstehen. Aber wieso wurden die beiden Kunsthandwerker nebendran kein einziges Stück los? Weshalb kam der Räucherstand, der seit Jahren gute Umsätze dort fährt, grade auf eine schwarze Null? Der Schmuckverkäufer gegenüber langweilte sich ebenso, wie die Karussell- und Boxauto-Typen auf dem Platz hinter mir.
Selbst die Fresstempel - Nudeln, Pommes und auch der Crêpes-Stand - haben Miese gemacht.

Dies wohlgemerkt in einem Ort mit hoher Beschäftigungsrate und wenig Schulden, auf einem Markt, der für seine guten Umsätze seit jeher bekannt ist. Ist das der Aufschwung, von dem alle reden? Oder wieso klebt mir zur Zeit braune Masse an den Fingern?

Was mich ärgert: Es bräuchte so wenig, den Betrieb krisensicher zu machen. Aber die Banken geben lieber Milliarden an windige Investoren, statt einem Kleinunternehmer 500 Euro Dispo zu gewähren. Und die Kundschaft lässt sich lieber von den großen Ketten abzocken, statt am Markt Qualität zu vernünftigen Preisen zu bekommen.
Einer Wirtschaft, die so handelt, gönne ich ihren Börsencrash, ihre China-Krise und ihre Energieverknappung. Alles Dinge, die nicht sein müssten, wenn man ein bisschen weniger raffgierig wäre.
Es ist ein Fehler, nur die großen Fische füttern zu wollen.

Tüte voll Shit - pt.1: the fun

Drogen sind schlecht für's Hirn.
Darum keine Macht denselben.



Der Industriestandort Wesseling (nahe Köln) machte in den letzten Jahren auf Bonzen City. Neuester Schrei ist die Hundeverfolgung im Stadtgebiet. Sie hätten's gern clean.

Aus diesem Grund werden zum Einen große Viecher in diskriminierender Weise besteuert und müssen so eine Art Arierausweis besitzen. Wenn einer der Großeltern (oder gar der Eltern!) "Kampfhund" oder Jude oder sowas war, ist es praktisch unmöglich, das Vieh zu halten. Die Behörden haben ein Auge drauf, dass sich kein böses Blut einschleicht.

Zum Anderen läuft gerade eine Aktion wie "Unser Dorf soll schöner werden". Nur dass die hier "Mein Häufchen kommt ins Tütchen" heißt und sich mit den Hinterlassenschaften unserer vierbeinigen Mitbewohner befasst. Im gesamten Stadtgebiet hängen Plakate mit dem oben abgebildeten Motiv. Flyer wurden ebenso gedruckt, und es laufen zur Kontrolle schwarze Scheriffs rum. Die Verwaltung verteilt kostenlos Beutel in der Größe von Einkaufstaschen, in die man halbe Schäferhunde stecken könnte. Gedacht sind sie aber für... naja.

Fußhupenbesitzer regen sich darüber grenzenlos auf. Die Tüten seien viel zu groß für das bisschen Shit, das ihre Teppichratten fallen ließen, aber natürlich kaufen sie bei mir keine in angemessenerem Format und stylisherer Verpackung, weil die vom Rathaus verteilten unpraktischen hässlich schwarzen Dinger KOSTENLOS sind; und "was ich zahlen muss, wird gefressen!"
Tze.

Kleiner Witz am Rande: Die städtischen Beamten veranstalten bei der Beutelabgabe für Hunde das gleiche Drama, wie mit dem gelben Sack. Es wird geknausert, es wird registriert.

Noch einen Randnotiz: In oben erwähntem Flyer steht u.a.

"Die Hundesteuer ist keine Reinigungsgebühr [...] Die Einnahmen fließen dem allgemeinen Haushalt zu. Außerdem soll sie die Zahl der Hunde in der Stadt regulieren."

Äh... ja? Wie macht sie das? Und wieso ausgerechnet Hunde? Goldfische? Wellensittiche? Tauben? Katzen?

2008-03-10

Wochenschau

Zwischen dem festen Willen, um jeden Preis glücklich zu werden und dem niemals nachlassenden Bemühen des Schicksals, sich eisern an deine Beine zu klammern, um dich in die kalten Tiefen der Verzweiflung zu ziehen, stehst du, Menschlein, das du glaubst, den Dingen eine Wendung nach deinem Geschmack abtrotzen zu können.

Kannst du nicht.

2008-02-04

Das Goldt der Wüste

"Ich schätze mal, neunzig Prozent der Leute, die zu meinen Veranstaltungen kommen, sind liebenswürdig und charmant, aber im Gedächtnis haften bleiben die Idioten."

Da sagt er womöglich etwas Wahres, der werte Max Goldt. Kennen wir doch genau so, diesen Effekt, der letztendlich bewirkt, die ganze Welt für dumm und verkommen zu halten. Siehe LJ-Einträge weiter oben.
Jawhohl, hiermit gebe ich zu, mich oft ungerecht und einseitig zu äußern und am liebsten zynische (oder wenigstens sarkastische) Einträge zu lesen. Kein Bedauern. So ist es eben. So bin ich eben. Es hat etwas zu bedeuten, nehme ich an.
Ich befinde mich in Gesellschaft, und das hier häufig eingefügte Adjektiv trifft womöglich nicht zu. Schaut man sich um, wo tatsächlich Lob ausgeteilt wird, wann etwas als nützlich, angenehm, in irgendeiner Weise positiv bewertet wird, kann man lange suchen. Das Hintergrundbrummen vibriert in und um uns schon so allgegenwärtig, dass es gar nicht mehr wahrgenommen wird. Ganz wie in dieser Geschichte von Günter Eich. Oder war es von einem seiner Zeitgenossen?

Auch Max Goldt bemerkt es, wenn er über Journalisten schreibt, die ihn scheinbar nicht so zu verstehen scheinen, wie er es gern hätte, wenn er über billigen TV-Zynismus lamentiert, den Berliner Bäckereien Unfähigkeit zur Herstellung schmackhafter Kuchen bescheinigt, über alte Künstlereliten herzieht, ohne den jungen ihre mangelnde Gravität unter die Nase zu reiben usw. usf.

Er wirkt dabei keineswegs gallig-zynisch. Seine Beschreibungen des ihn Umgebenden entbehren nicht der Komik, sofern man selbst einen ähnlichen Blick auf die Welt pflegt. Ausgestattet mit einem sehr scharfen Blick für das Skurrile, für den Keim kommender Dekadenz, für Ansätze zur Entgleisung und ausgewachsenes Dünnbrettbohrertum gibt er sich dauersarkastisch.
Es scheint verdammt schwer zu sein, ihm etwas recht machen zu können, aber das kann natürlich täuschen, denn Der Krapfen auf dem Sims enthält u.a. Texte, die er für TITANIC geschrieben hat und zielt m.E. auf ein Publikum ab, das auf hohem Niveau am Motzen ist. Existenzielle Fragen werden kaum aufgeworfen, sondern der Teufel aus dem Detail gezerrt, wobei jeder Text eine neue Odyssee beginnt, die uns von der slowakischen Rechtschreibreform zur Umsiedlung der Bevölkerung von Metaluna IV führt. Schließlich hat ja alles mit allem zu tun. Die wichtigste Weisheit des Globalisierungszeitalters.
Insofern bietet das Buch viel Stoff zum müßigen Nachdenken, lässt uns absurde Situationen aus der eigenen Erfahrung schmunzelnd wiedererkennen und gestattet es, dem Treiben in den Niederungen unter unserem Olymp gepflegten Dünkels wohlmeinend mitleidige Blicke zu schenken.
Krapfen kommen in Goldts Schriftensammlung übrigens ebensowenig vor wie Simse, Rechtschreibfehler oder politisch unkorrekte Haltungen. Natürlich. Es nähme den Beschreibungen und Meinungen die Würze, stünden sie nicht in krassem Gegensatz zu den geschilderten Wahrnehmungen.

Und so war es für mich einerseits eine wahre Freude, Der Krapfen auf dem Sims zu lesen. Es sprach meine misanthropische Ader an, befriedigte die Lust an feinem, trockenem Witz und schenkte ungetrübten Sprachgenuss.
Andererseits kotzte mich die zur Schau getragene Perfektion an; auch der Hochmut, der mitschwingt, wenn das Verhalten Dritter fast 200 Seiten lang aus allen Blickwinkeln unter Dauerbeschuss genommen wird, während sich der Autor von etwas zu distanzieren versucht, dessen integraler Bestandteil er ist: einer Kultur des öffentlichen Bemotzens, Verneinens, Entwertens.
Dabei ist er kein Wischmeyer, der wie ein Wadenbeißer alles ankläfft, was sich bewegt und dies Deutschbuch nennt. Wer also über Humor und etwas Intelligenz verfügt, darf einen Leseversuch wagen. Selbst wenn's nicht gefallen sollte, macht das Cover niemand Schande, der mit diesem Buch gesehen wird.

Dank an emmy für die Empfehlung.

2008-01-30

Now, who's the jerk?

Fundstücke der heutigen Aufräumerei. Schule hat manchmal auch gerockt.

Englisch Arbeitsblatt 1: British Newspapers
THE TIMES - read by the people who run the country.
DAILY MIRROR - read by the people who think they run the country.
GUARDIAN - read by the people who think they ought to run the country.
MORNING STAR - read by the people who think the country ought to be run by another country.
DAILY MAIL - read by the wives of the people who run the country.
FINANCIAL TIMES - read by the people who own the country.
DAILY EXPRESS - read by the people who think the country ought to be run as it used to be.
THE DAILY TELEGRAPH - read by the people who think it still is.
THE SUN - read by the people who couldn't care less who runs the -#*!@- country, providing she's got big tits.


Englisch Arbeitsblatt 2: Religions explained
Taoism - Shit happens.
Confucianism - Confucius says: "Shit happens".
Buddhism - Shit happening is an illusion.
Zen - What is the sound of shit happening?
Hinduism - This shit has happened before.
Islam - Shit happening is the will of Allah.
Judaism - Why does shit always happen to us?
Catholicism - If shit happens, you deserve it.
Calvinism - Shit happens because you don't work hard enough.
Christian science - If shit happens, pray and it will go away.
Protestantism - Please let shit happen to someone else!
Atheism - Shit happens for no reason.
Agnosticism - Maybe shit happens, maybe it doesn't.
Stoicism - Shit happens. I can take it.
Hare Krishna - Shit happens, shit happens, shit happens...
Johova's Witnesses - Let us in and we'll tell you why shit happens.
Rastafarianism - Let's smoke this shit and see what happens.

2008-01-21

...die ich mir als Jugendlicher nie vorstellen konnte

Lasst es uns liebeswertes Ransdgruppenspießertum nennen, um mit J.s Worten zu umschreiben, was auch mir zur Situation eingefallen war. Und wenn wir ehrlich sind, darf man nicht nur mit dem Finger auf die Anderen zeigen, sondern muss zur Kenntnis nehmen, dass man selbst ein Teil der Kulisse ist, vor der sich alles abspielt.
Ich hätte mir nie träumen lassen, auf welch absonderliche Arten sich Spießertum ausdrücken kann, aber das ist die wahre Bedeutung des Älterwerdens: Irgendwann holt dich der Alltag ein. Es ist nicht nur möglich, dass du deinen Eltern immer ähnlicher wirst, ohne dass du es willst, sondern gerade dein Verharren in Rebellion gegen eben diese Möglichkeit kann dich aufs Glatteis führen. Während du noch denkst, du seist ja so anders, verrennst du dich in Gewohnheiten, Gebräuche und Klischees. Du bist vielleicht gerade 20 Jahre alt, und du legst bereits das Fundament für ein Häuschen, in dem du dich bis zum Lebensende einrichten möchtest, verplemperst Zeit und Geld für nutzlosen Konsum, während du dir dein allumfassend gültiges Weltbild baust.

Andererseits: Was ist falsch daran? Lässt sich psychosefrei etwas verhindern, das der menschlichen Natur entspricht?
Oder nochmals anders gefragt: Ist Spießertum nicht einfach die Erkenntnis, dass dein Nachbarn nach anderen Regeln lebt, als du selbst? Dann müsste jeder zunächst den Spieß aus seinem eigenen Auge ziehen. Eine jahrtausendealte Spießerwahrheit aus der Bibel.

2008-01-08

The mind is a terrible thing to taste

Ist es überstanden? Haben wir den Dezember endlich hinter uns? Den mit dem ganzen Klimbim, den kein vernünftiger Mensch mehr ertragen kann? Der glühweinseligen Christenheit, den Rotfräcken,dem bösen W-Wort und diesem willkürlichen Neuanfang, der nur wieder einen wohlfeilen Vorwand bietet, sich volllaufen zu lassen, damit man es nachher auf den Suff schieben kann, wenn man seine verlogenen Vorsätze gleich wieder über Bord wirft?
*Phew*

Den martialischen, bei Ministry entlehnten Titel hatte ich glaub' schon mal. Was ziemlich wurschtig ist, solang er passt. Und das tut er ganz bestimmt, denn nach dem stark zweimonatigen Ausflug in meine persönliche Hölle, dessen letzte Hälfte von Sprachlosigkeit bestimmt war, habe ich ehrlich gesagt ziemlich wenig Lust, überhaupt noch über irgend etwas nachzudenken. Selig, die arm sind im Geiste.
Doch es hilft ja alles nichts. Niemand kann aus seiner Haut, so sehr er sich auch wehrt. Du bist gefangen. Gefangen in deinen Denkmustern, die gefangen sind in einem Körper, welcher gefangen ist in Lebensumständen, die entstehen aus Sachzwängen gesellschaftlicher Art, gegründet wiederum auf unumstößliche Gesetze der Natur. Da erzähl mir einer was von freiem Willen. Ich pfeife auf den freien Willen. Wenn es ihn gibt, bin ich umgeben von einer Bande Affen, die sich für Menschen halten. Von Augen, die nur sehen, aber nicht wahrnehmen. Die vorgeben zu hören, aber nicht verstehen. Die reden, ohne etwas zu sagen. Da wäre es mir tausend Mal lieber, sie hielten sich die Mäuler zu, statt lauwarme Luftblasen abzusondern.

Ich war wütend bis zur Raserei. Die Schlacht in der Normandie hätte ich allein entscheiden können, auch wenn kurz darauf der Saft komplett weg war. Ich wollte einen Schalter, der das Nichts aktiviert, aber da war keiner. Und auch kein Strom.
Ich will raus aus diesem Sumpf, der kein Vorn und kein Hinten kennt; bestenfalls Zweck, aber keinen Sinn besitzt. Ich ertrinke in der Nähe von Menschen, die mir ihre Gegenwart aufdrängen. Ihre kleinen, lumpigen Leben, an denen sie so sehr hängen. Ihre Beweggründe, die sie für so universell halten, dass sie kein Wort darüber hinaus verstehen. Ihre gedankenlosen Versprechen und ihre kurzsichtigen Hoffnungen, die so selten wahr werden.
Sehr oft wünsche ich mir Einsamkeit. Nicht dass Einsamkeit ein erstrebenswerter Zustand an sich wäre. Ich komme zwar ganz gut dauerhaft mit ihr klar, genauso wie ich auch die Gegenwart sinniger und sinnlicher Menschen durchaus genießen kann. Das Wichtigste daran ist jedoch die Freiheit. Freiheit von Einflussnahme, Manipulation, Vereinnahmung, aufgedrängter Kommunikation, erzwungenen Reaktionen und ähnlichem mehr. Lieber kommuniziere ich gar nicht, als problembehaftet. Worin auch immer die Ursachen liegen mögen.
Es ist ermüdend, sich immer wieder erklären zu müssen, um trotzdem unverstanden zu bleiben. Wirklich, es gibt Momente, da möchte ich das Sprechen verlernen. Momente wie in den letzten Wochen, als ich nicht mehr fähig war, etwas Vernünftiges zu schreiben. Geschweige denn zu sagen.