2008-02-04

Das Goldt der Wüste

"Ich schätze mal, neunzig Prozent der Leute, die zu meinen Veranstaltungen kommen, sind liebenswürdig und charmant, aber im Gedächtnis haften bleiben die Idioten."

Da sagt er womöglich etwas Wahres, der werte Max Goldt. Kennen wir doch genau so, diesen Effekt, der letztendlich bewirkt, die ganze Welt für dumm und verkommen zu halten. Siehe LJ-Einträge weiter oben.
Jawhohl, hiermit gebe ich zu, mich oft ungerecht und einseitig zu äußern und am liebsten zynische (oder wenigstens sarkastische) Einträge zu lesen. Kein Bedauern. So ist es eben. So bin ich eben. Es hat etwas zu bedeuten, nehme ich an.
Ich befinde mich in Gesellschaft, und das hier häufig eingefügte Adjektiv trifft womöglich nicht zu. Schaut man sich um, wo tatsächlich Lob ausgeteilt wird, wann etwas als nützlich, angenehm, in irgendeiner Weise positiv bewertet wird, kann man lange suchen. Das Hintergrundbrummen vibriert in und um uns schon so allgegenwärtig, dass es gar nicht mehr wahrgenommen wird. Ganz wie in dieser Geschichte von Günter Eich. Oder war es von einem seiner Zeitgenossen?

Auch Max Goldt bemerkt es, wenn er über Journalisten schreibt, die ihn scheinbar nicht so zu verstehen scheinen, wie er es gern hätte, wenn er über billigen TV-Zynismus lamentiert, den Berliner Bäckereien Unfähigkeit zur Herstellung schmackhafter Kuchen bescheinigt, über alte Künstlereliten herzieht, ohne den jungen ihre mangelnde Gravität unter die Nase zu reiben usw. usf.

Er wirkt dabei keineswegs gallig-zynisch. Seine Beschreibungen des ihn Umgebenden entbehren nicht der Komik, sofern man selbst einen ähnlichen Blick auf die Welt pflegt. Ausgestattet mit einem sehr scharfen Blick für das Skurrile, für den Keim kommender Dekadenz, für Ansätze zur Entgleisung und ausgewachsenes Dünnbrettbohrertum gibt er sich dauersarkastisch.
Es scheint verdammt schwer zu sein, ihm etwas recht machen zu können, aber das kann natürlich täuschen, denn Der Krapfen auf dem Sims enthält u.a. Texte, die er für TITANIC geschrieben hat und zielt m.E. auf ein Publikum ab, das auf hohem Niveau am Motzen ist. Existenzielle Fragen werden kaum aufgeworfen, sondern der Teufel aus dem Detail gezerrt, wobei jeder Text eine neue Odyssee beginnt, die uns von der slowakischen Rechtschreibreform zur Umsiedlung der Bevölkerung von Metaluna IV führt. Schließlich hat ja alles mit allem zu tun. Die wichtigste Weisheit des Globalisierungszeitalters.
Insofern bietet das Buch viel Stoff zum müßigen Nachdenken, lässt uns absurde Situationen aus der eigenen Erfahrung schmunzelnd wiedererkennen und gestattet es, dem Treiben in den Niederungen unter unserem Olymp gepflegten Dünkels wohlmeinend mitleidige Blicke zu schenken.
Krapfen kommen in Goldts Schriftensammlung übrigens ebensowenig vor wie Simse, Rechtschreibfehler oder politisch unkorrekte Haltungen. Natürlich. Es nähme den Beschreibungen und Meinungen die Würze, stünden sie nicht in krassem Gegensatz zu den geschilderten Wahrnehmungen.

Und so war es für mich einerseits eine wahre Freude, Der Krapfen auf dem Sims zu lesen. Es sprach meine misanthropische Ader an, befriedigte die Lust an feinem, trockenem Witz und schenkte ungetrübten Sprachgenuss.
Andererseits kotzte mich die zur Schau getragene Perfektion an; auch der Hochmut, der mitschwingt, wenn das Verhalten Dritter fast 200 Seiten lang aus allen Blickwinkeln unter Dauerbeschuss genommen wird, während sich der Autor von etwas zu distanzieren versucht, dessen integraler Bestandteil er ist: einer Kultur des öffentlichen Bemotzens, Verneinens, Entwertens.
Dabei ist er kein Wischmeyer, der wie ein Wadenbeißer alles ankläfft, was sich bewegt und dies Deutschbuch nennt. Wer also über Humor und etwas Intelligenz verfügt, darf einen Leseversuch wagen. Selbst wenn's nicht gefallen sollte, macht das Cover niemand Schande, der mit diesem Buch gesehen wird.

Dank an emmy für die Empfehlung.