2008-04-23

Walser & La Mettrie

Der Augenblick der Liebe von Martin Walser war eine Bereicherung. Nicht nur mir endlich selbst ein Bild vom umstrittenen Autor gemacht haben zu können. Nicht nur einmal einen Roman gelesen zu haben, dessen spärliche Handlung eher symbolischer Natur ist, der dafür mit ausdifferenzierten Gedankengängen, feingeschliffener Sprache und ins Detail gehenden Gefühls- und Gedankenbeobachtungen glänzt. Die ersten paar Textseiten, eine trockene, auf den Punkt gebrachte Beschreibung einer Kommunikation der Stille,
 
"auf einer für eine Besucherin vor Höhen unhörbaren Frequenz. Die höchsten Töne sind die feinsten. Je weniger sie miteinander sprechen, desto besser verstehen sie einander. Das erklär mal einer Besucherin...
Wenn er der Besucherin sein und Annas einvernehmliches Nichtssagen erklären könnte, wüsste sie immer noch nicht, wie wichtig Anna für ihn wird, wenn sie dann einmal drauflosquatscht. Er sitzt, sie räumt auf, er kan nur sitzen, starren, sie aber redet, und das tut sie für ihn. Zustimmend schweigen, das kann er noch. Sie plappert bewusst, macht deutlich, dass sie jetzt nur plappert, damit demonstriert sie, man könne doch immer noch plappern, Quatsch reden. Es kann sein, sie versackt dann jäh. Dann wird es ziemlich still. Dann fängt er an. Er schafft nicht halb so viel Stimmung oder wenigstens Akustik wie sie. Und gibt auch gleich auf. Dann ist die Stille, die folgt, ein Ausdruck vollkommener Harmonie. Näher kann man einander nicht sein als in dieser wunderbaren Wüste gemeinsam erworbenen Schweigens."

Natürlich bäumt sich zunächst einmal alles in einem auf gegen dieses hörbare Ticken von Omas Wanduhr, gegen dieses scheinbare Ausgelebtsein, Ausgepumptsein, Sichnichtsmehrzusagenhaben. Ich glaube aber, es rührt daher, dass Walser diese Assoziation wünscht, dass er tatsächliche Verständnisinnigkeit ausklammert und auch die Erlösung des Nichtsprechenmüssens.
Jedenfalls konnte ich mich selten so mit einem literarischen Charakter identifizieren, wie mit Gottlieb Zürn. Wie gesagt weniger dessenwegen, was er anstellt, als um seiner Auffassung von seiner Position im Leben willen und seinem subjektiven Empfinden zu einzelnen Begebenheiten.
Ich hab's mit tragikomischen Gestalten wie George Paxton oder eben Gottlieb, wenn Autoren wie James Morrow (So muss die Welt enden) und Martin Walser es schaffen, deren Beweggründe im Inneren ebenso wie ihre Verstrickung in äußere Zwänge plausibel darzustellen, ohne eine Karikatur wie Arthur Dent zu erzeugen.

Dies nur vorweggenommen, damit der Eintrag Tagebuchcharakter erhält, denn ich mag keine Artikel, die lediglich die Arbeit anderer Leute ausbeuten.
Eigentlich ging es mir um ein Zitat aus o.g. Buch. Walser ließ besagten Herrn Zürn Überlegungen des französischen Philosophen Julien Offray de La Mettrie zusammenfassen, die den menschlichen Entscheidungsspielraum zum Thema hatten. La Mettrie ging dabei natürlich vom Kenntnisstand Mitte des 18.Jh. aus und - das war eher ungewöhnlich - explizit von seinem persönlichen Erfahrungsschatz, von Selbstbeobachtung.
Angesichts aktueller Ergebnisse der Hirnforschung, die den freien Willen (und damit die Verantwortung des Einzelnen für seine Handlungen) zunehmend in Frage stellen, ein interessanter Beitrag.

Da mir La Mettrie bisher gänzlich unbekannt war und ich keine Originaltexte gelesen habe, kann ich mich natürlich nicht dafür verbürgen, dass Walser dessen Thesen auch nur annähernd korrekt transportiert hat. Das ist im Grunde egal. Es würde mich jedoch interessieren, ob sie jemand, so wie sie da stehen, nachvollziehen mag, oder ob sie so etwas wie Abstoßung oder Ablehnung erzeugen.

"Dein durch La Mettrie geschärftes Thema: die Erziehung als Ausbildung zum Gefangenen.
Von Anfang an war kein Mensch und keine Institution daran interessiert, dich zu dir selbst kommen zu lassen. Die Erziehung als Zumutung. Aber dann hast du angefangen, deine Erzieher zu betrügen. Du hast mehr als eine Persönlichkeit entwickelt. Das tut jeder. Keiner ist nur das, was die Erziehung aus ihm machen wollte. Wieviele Persönlichkeiten einer dann ausbildet, hängt davon ab, wieviele er zur Befriedigung seiner Bedürfnisse braucht. Ein paar Berufspersönlichkeiten und ein paar Privatpersönlichkeiten sind es allemal.
Der Erfolg dieser Persönlichkeitsentwicklung hängt davon ab, wie sehr es dir gelingt, jede Persönlichkeit, wenn du sie brauchst, wenn sie also agiert, als deine einzige zu produzieren. Dazu musst du jedesmal selber glauben, das jetzt seist du ganz und gar. Dann wird dir das auch von anderen geglaubt. Dieser mozartische Kettenzerbrecher hat dich hingewiesen auf deine Gefangenschaft. Also, dem Befreier La Mettrie gewidmet: Du als der Gefangene. Von Anfang an.
Was auch immer du an Fluchten geplant und ausgeführt hast, du bist ausgebrochen als der Gefangene, und wo du hinkamst, warst du der Gefangene auf der Flucht."

2008-04-12

Alles Schlampen, außer Muddi

Die Welt ist sch...lecht.
Nein, nicht die Welt. Sie ist weder gut noch böse, weder schön noch hässlich. Die Welt ist die Welt, und sie geht auch nicht unter, wenn der Mensch irgendwann mal so freundlich ist, sich aus ihr zu verpissen. Ehrlich, das sollte er langsam gebacken kriegen. Aber wahrscheinlich ist er sogar dafür zu blöde.

Schau schau, der Pax kann sein Leben wieder nicht leiden. Noch viel weniger das der Anderen. Es braucht für mich keine Chinesen, die unsportlich auf Tibeter einprügeln, um die Menschheit zu hassen. Auch keine fetten Krawattensäcke, die sich eine Extraportion Sahne abschöpfen, während sie ihre Untergebenen erst piesacken, dann kurzhalten, bevor sie sie endgültig auf die Straße setzen.
Mir reicht schon die ganz normale Fiesheit des Alltags, die Rücksichtslosigkeit der Straße, die egoistisch-selbstverständliche Gleichgültigkeit von Nullen, die sich für große Nummern halten.

Schon die Anwesenheit eines Zweibeiners macht mich manchmal irre. Was sage ich - allein der Gedanke an deren Existenz treibt mich je nach Stimmung auf die Palme oder in die Resignation.
Dabei fühle ich mich seit dem Wintertief weder besonders niedergedrückt noch ärgerlich. Auch hatte ich oft genug Gelegenheit, Ausnahmen kennenzulernen, nicht zuletzt die Leute auf der FL. Wenn dir allerdings jeder Versuch, die Dinge einmal mit anderen Augen zu sehen, mit dem Ziemer wieder ausgetrieben wird, hast du irgendwann keinen Bock mehr, gegen den Wind zu gehen. Genausowenig mag ich mich vor ihm herschieben lassen. Was tun?

Joah, Therapie, nech?
Fragt sich nur, wofür. Gehirnwäsche wäre nämlich nicht nur gratis, sondern auch noch umsonst. Denn eigentlich fehlt es nur am nötigen Kleingeld für den angemessenen Lebensstil und ein bisschen Extrabespaßung. Es braucht wenig, mich glücklich zu machen. Aber selbst das Bisschen fehlt, und Pax ist sauer, ungeduldig und frustriert.

Momentan lese ich wieder ein Wanderbuch. Mit dem Kühlschrank durch Irland ist was für Spaßvögel. Zu Fuß die Strecke Berlin - Moskau zurückzulegen, so wie Wolfgang Büscher, stell ich mir schon was härter vor. Sind es 2000 Kilometer? 3000? Der Hammer. Drei Grenzüberschreitungen. Jedesmal wird das Land karger, die Menschen fremder. In deinen Rucksack passen eine Garnitur Klamotten, ein Notizbuch, Landkarten und ein paar Geldscheine. Du hast kein Handy dabei, kein Navigationsgerät, kein Taschenradio, keinen Rasierapparat. Außer der Straße erinnert über weite Strecken nichts an die Zivilisation. Du läufst und läufst und läufst. Vorbei an Warschau, Bialystok, Minsk, Katyn, Smolensk. Dazwischen Dörfchen, wo, wenn überhaupt, ein Kolchosladen steht, ein schäbiges Hotel, eine Wodkabar. Und dann weiter durch diese endlosen, sonnenverbrannten Steppen, die sich bei Regen in Sumpf verwandeln und im Winter steinhart gefroren sind.

Büscher beschreibt die Einsamkeit des Wanderers, seine eigene, vom Horizont des Fußgängers begrenzte, von der Zeit losgelöste Welt so treffend, dass man sich hineinversetzt fühlt in den Schwermut, den Trott, die Taubheit des Wanderns. Die kleinen Triumphe, wenn eine Absteige bis spät noch geöffnet hat, ein Landarbeiter Wodka und Kate teilt, aufdringliche Fragesteller hinter einem zurückbleiben. Du merkst, wie sich seine Gedanken einen halben Tag lang an etwas festfressen, dann wieder mit dem Blick abschweifen, weg von der Straße. Wie die Beine fast schon alleine Schritt um Schritt tun, manchmal den ganzen Tag ohne Gedanken an eine Rast.

Das Seltsame beim Lesen: Ich mag des Autors Schreibstil nicht, aber er könnte die enormen Distanzen nicht besser zu Papier bringen. Mir sind seine Beobachtungen zuwider, aber ich teile seine Sichtweise. Ich bin mit ihm durch das Buch schon bis Smolensk gewandert, aber ich würde es nicht wieder tun. Gleichwohl werde ich weiterlesen müssen, fasziniert vom Fremden in einem fremden Land und beseelt von dem Wunsch, einmal Ähnliches zu tun. Vielleicht nicht Osteuropa. Lieber Kanada oder Argentinien. Auf den Spuren einer Radtour vor 20 Jahren. Es waren nur 14 Tage. Es war nur Frankreich. Aber es war das erste Mal, dass ich für länger auf mich allein gestellt war. Rad und Rucksack und Kompass.