2008-07-31

Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett

Arnaldur Indriðason - Kältezone
In einem austrocknenden isländischen See kommt das Skelett eines Mannes zutage, Jahrzehnte zuvor anscheinend gemeinsam mit russischem Abhörgerät versenkt. Die Lösung des Falls ist ein spannendes Puzzle, bei dem die mit eigenen Problemen reichlich ausgestatteten Ermittler nicht viel mehr als vage Anhaltspunkte und Vermutungen leiten.
Der Krimi hier hat richtig Spaß gemacht.
Zum einen besitzen die Personen in ihrer teils trockenen, teils verschrobenen Art hohen Sympathiefaktor. Isländischer Alltag der Spät60er/Anfang70er Jahre und heute spielt eine Rolle und auch Politik in Zeiten des Kalten Krieges. Dem Autor gelingt es, dich spüren zu lassen, dass die Handlung in einem völlig anderen als dem gewohnten US- oder Euro-Umfeld stattfindet. Allein, dass alle sich duzen und es in unserem Sinne keine Familiennamen gibt, erzeugt schon eine besondere Stimmung.
Zum anderen geht es hier nicht nur um den Fall als solchen. In mehreren Situationen stehen Charaktere (und damit auch man selbst) vor der Frage, wie man sich als Mensch richtig, wie man sich menschlich verhält. Vom Schluss her betrachtet ist das sogar die zentrale Frage des ganzen Buches.
Dort, wo Kältezone ins Leipzig des Jahres 1956 entführt, trägt es übrigens auch etwas zur akutellen China-Diskussion bei.

2008-07-28

Fritten-Johann hat schlechte Karten

Mein lieber Mann. Da hängt sich einer weit aus dem Fenster (1,2,3). Was er sich vornimmt, ist in maximal acht Jahren kaum zu erreichen, aber immerhin. Lasst ihn anfangen. Gebt ihm eine Chance und erschießt ihn nicht gleich wieder.

Ganz schön jung ist er ja. Er wirkt sogar noch jünger als JFK. Und Hölle, kann er sprechen. Die ganze Halbstunde lang kein einziger Blick ins Manuskript (hatte er überhaupt eins dabei?), klare Aussprache, verständliche Wortwahl. Mein Englisch ist zwar schon böse eingerostet, aber das war überhaupt kein Problem. Wenn er mit dem Vokabular lügen will, wird er dabei ertappt werden, bevor der Satz zu Ende ist.

Dies lässt sich als Prüfstein nehmen, wie sehr Geschichte tatsächlich von Charakteren abhängt. Oder von Sachzwängen in unabwendbare Verläufe dirigiert wird.

2008-07-02

Autopilot

Die Seele baumeln lassen. Ja, das werde ich wohl. Abschalten. Wobei ich dafür keineswegs wegfahren müsste. Das geht bei mir jederzeit. Jenseitiger Blick, regungsloses Dasitzen, flacher Atem. Exakt die Situation, in der Frauen dich zu fragen genötigt fühlen, was du grade denkst. Du verdrehst innerlich die Augen. Und du sagst: Nichts!
Und hey, in meinem Fall stimmt das sogar. Das Hirn war so schön leer, frei von Worten, Gedanken, Konzepten, Plänen. Das Muster der Tapete, ein Astloch im Fensterrahmen, das Rauschen einer Fernstraße - das war die ganze Welt. Sonst nichts.
Aber nein, sie glauben dir nicht, die Frauen. Sie wollen genau wissen, an welches Covergirl du gedacht hast. Sie lassen nicht locker. Und sie meinen, dir zu schmeicheln, wenn sie sagen: Du sahst grade aus, als würdest du etwas Großartiges ausbrüten.
Ach, sei einfach still.