2008-09-30

Oh hängt ihn auf, ihn unsern Fürst

Nun kackt sich die Finanzwelt wieder mal mächtig in die Hose. Der Kongress hat das einzig Richtige getan: die fetten Zockerschweine volle Kanne auflaufen lassen.
Bitteschön. Sollen reihenweise Banken pleite machen. Sollen meinetwegen auch die "Verbraucher" (von Menschen mit individuellen Schicksalen darf man ja gar nicht mehr reden) drunter leiden. Einmal muss es ja sein, bevor ein perverses Wirtschafts- und Finanzsystem den gesamten Globus ruiniert.
Was hier kaputtgeht, ist nicht "die Wirtschaft", sondern staatlich geförderte Pferdewetten, hauptsächlich mit Geld, das es nur auf dem Papier gibt. Wertschöpfung und Vernichtung im Vakuum. Leider handelt es sich bei den Spielern um die selben Leute, die auch dein und mein sauer verdientes Geld verwalten. Aber ich lass gern ein paar Euro dafür verdampfen, dass die Lektion bei jedem Einzelnen ankommt: Für das, was man tut, muss man auch die Verantwortung übernehmen.

Und hört bloß auf, mir die Ohren vollzuheulen mit eurem selbst verschuldeten Elend.
Was hat die KfW, die für einen Gründerkredit über 5000€ ein Gutachten über 2500€ von mir sehen wollte, unhinterfragt Millionenbeträge zu verschieben? Was hat eine Sparkasse Köln-Bonn ihre Nase in fragwürdige Spekulationen stecken? Muss man ein System, das sich soeben selbst eine Bankrotterklärung ausgestellt hat, auch noch staatlich stützen? Die Zeche haben meiner Ansicht nach die Einzelpersonen und Firmen zu bezahlen, die den Schaden angerichtet haben. So, wie das für jeden Einzelnen von uns ebenfalls gilt. Auch um den Preis, dass der Crash damit noch drastischer ausfällt, als ohnehin schon.

2008-09-18

Darwinia

Robert Charles Wilson: Darwinia
Im März 1912 erlebt die Welt einen ungeheuerlichen Vorgang. Über Nacht brechen sämtliche Verbindungen nach Europa ab. Telegrafenleitungen und Funkverkehr verstummen jäh. Jenseits von Atlantik und Mittelmeer scheint sich von einer Minute auf die andere niemand mehr zu befinden. Selbst Ozeanriesen wie die Olympic sind verschollen. Man vermutet eine Naturkatastrophe ungeahnten Ausmaßes.
Als erstes Schiff dringt die Oregon in die Gewässer jenseits des "wall of mystery", wie die US-Presse die unsichtbare Grenze nennt, ein, um Cork im Süden Irlands anzulaufen. Statt ausgebauter Hafenanlagen und grüner Hügel findet die Mannschaft jedoch nur einen undurchdringlichen Dschungel aus eigenartigen Gewächsen vor. Keine Menschen, keine Städte, noch nicht einmal Ruinen deuten darauf hin, dass die Oregon sich an der richtigen Stelle befindet.
So wie in Irland sieht es in ganz Europa aus. Oslo, Berlin, London, Paris, Wien, Rom, Moskau. Alles spurlos verschwunden. Hinter den unveränderten Küstenlinien nichts als immer der selbe feindselige Dschungel. Das British Empire enthauptet, der Katholizismus ruiniert, die deutschen, spanischen, französischen, portugiesischen Kolonien plötzlich auf sich allein gestellt, der transatlantische Handel schlagartig abgewürgt, trudelt die Welt in ein wirtschaftliches und politisches Chaos. Während Exil-Europäer ihre scheinbar von göttlicher Hand ausradierten Staaten neu zu formieren versuchen und die USA dem gegenüber mit Gewalt eine große Landnahmekampagne beginnen, möchten Forscher dem Geheimnis von Darwinia, wie man den "neuen" alten Kontinent jetzt ironisch nennt, auf die Spur kommen.
Eine spannende Alternativ-Historie, wenn man sich denn überhaupt für Geschichte und SF interessiert.

2008-09-08

Book off

Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas muss man, glaube ich, nicht gesondert vorstellen. Die Verfilmungen hat man sowieso schon gesehen und irgendwann liest ihn auch jeder mal. Hat dennoch viel Spaß gemacht, den wieder aufzuschlagen, um zu verfolgen, wie der unbeugsame Wille eines Einzelnen dem Schicksal ein Schnippchen schlägt. Letztlich bekommt der Graf seine Rache ja mit der Macht des Wortes und lässt seine Gegner über die eigenen Fallstricke stolpern, ohne jemand verbal oder tätlich angreifen zu müssen.
Bezeichnend die Szene, als Edmund Dantes dem Caderousse zeigt, dass jener stets bescheiden leben musste, aber in genau dem Moment, als er ohne eigenes Zutun zu Reichtum kam, dieser schon wieder nicht genug gewesen sei.
Ist es nicht so? Man hat nie genug.

Ende: Tagebuch aus dem 3.Weltkrieg von Anton Andreas Guha hat mich richtig von den Socken gerissen. Geschrieben wurde es 1983, auf einem der Höhepunkte des Kalten Krieges, nach NATO-Doppelbeschluss und Stationierung der Pershings in Deutschland. Es spielt gegen Ende der 90er. Die Lage spitzt sich wegen einer erneuten Kuba-Krise zu. Einzelne Scharmützel am anderen Ende der Welt führen zu einer ganzen Reihe weiterer Krisenherde rund um den Globus, die alle mit Europa nichts zu tun haben, letztlich aber herüberschwappen. Vorhersehbar, mit der Präzision eines Uhrwerks, eskaliert der Krieg bis zur letzten Konsequenz.
Guhas "Tagebuch" deckt einen Monat ab, einen Zeitraum, während dem er einen Frankfurter Journalisten seine Beobachtungen und Gedanken niederschreiben lässt: die Hilflosigkeit der Bevölkerung, die Machtlosigkeit der Opposition, die Kurzsichtigkeit der Politik, schließlich die Zwangsläufigkeit der Entwicklung.
Nun gibt es inzwischen ja massig Darstellungen über die Nachkriegszeit bis 1991. Zuletzt widmete der Spiegel eine Spezialausgabe diesem Thema. Nirgends allerdings habe ich eine so treffende Schilderung der paranoiden Atmosphäre der 80er Jahre gefunden wie hier.
Händeringend versucht der gebildete Chronist seiner Ängste Herr zu werden. Kant, Hegel, Marx und auch die Bibel vermögen ihm jedoch keinen Trost zu spenden, sondern werden von den Zwängen des Atomzeitalters genau so ad absurdum geführt, wie die paradoxe "Logik" politischen Dünkels.
Ein Buch, das man unbedingt gelesen haben muss, denn auch wenn mit der Sowjetunion die Dauerkonfrontation namens Kalter Krieg aufgehört hat zu existieren, sind wir noch lange nicht befreit vom Alpdruck. Wir denken nur nicht mehr immerzu daran wie damals.

Hurra, wir kapitulieren! - Von der Lust am Einknicken hinterlässt zwiespältige Eindrücke. Henryk M. Broder macht sich Gedanken zur Appeasementpolitik gegenüber islamischem Extremismus. Vieles, was er anprangert, entbehrt nicht der Logik. Stellenweise wäre wirklich mehr Durchsetzungsvermögen angebracht, anstatt Verständnis für Menschen aufzubringen, die gegenüber anderen absolut kein Verständnis zeigen.
"In Köln, wo auf der alternativen 'Stunksitzung' ein Selbstmordattentäter persifliert wurde, war der stellvertretende Bürgermeister der Stadt über den Sketch tief besorgt - damit rücke man den Dschihad und die Hamas in ein schlechtes Licht."
Derlei Beispiele gibt es in Broders Zeitgeistbuch genug. Woran es dann hapert, das sind konkrete Vorschläge, wie man es nun besser machen könnte. Hätte ich einen 170seitigen LJ-Motzeintrag geschrieben, er sähe wohl ganz ähnlich aus. Es genügt nicht, immer nur dagegen zu sein, und sei man noch so sehr im Recht.