2009-02-21

Entkunstete Art

Übrigens auch dabei sind die letztens kurz angesprochenen Schinken "Der Titanic-Irrtum" (mwaaa, welch ein Schmarrn. Terrorpiraten klauen Atomwaffen bla) sowie "Die Doppelfalle: Das Risiko Gorbatschow". Erwartungsgemäß ein Lehrstück in Sachen Paranoia, selbst angesichts seiner Entstehungszeit zum Ende des Kalten Krieges. Einbezogen sind Fakten bis Mitte 1989, kurz vor der Entmachtung Honeckers. Hans Graf Huyn ging davon aus, dass der sowjetische KP-Chef versucht habe, den Westen über seine wahren Ziele zu täuschen: die unverändert angestrebte Weltrevolution. Gorbatschows Konzept sei bei Lenin und Stalin entlehnt. Perestrojka diene ausschließlich der Stabilisierung der Wirtschaft, mit dem einzigen Zweck, die UdSSR als Weltmacht zu erhalten. Atomare Abrüstung unterstütze den Prozess. Überdies werde damit dem Westen das Bild eines ganz normalen, friedliebenden Staates vorgegaukelt, so dass die Wehrbereitschaft nachlasse. Glasnost werde zum einen benötigt, um innere Gegner der Perestrojka mit Hilfe des (jetzt motivierteren) Volkes ans Messer zu liefern, und vermittle zum anderen nach außen den Eindruck einer sich wandelnden, sich demokratisierenden Gesellschaft, ohne dass der Wandel in die Tiefe gehe.

Ich möchte nicht ausschließen, dass es so gewesen sein könnte. Es gibt Anzeichen für die These, etwa den Einmarsch im Baltikum oder das wochenlange Schweigen nach Tschernobyl. Was wissen wir denn, was in den Köpfen vorgeht?
Dass Gorbatschow bei aller Reformfreude öffentlich am Sieg des Sozialismus festhielt, könnte aber genau so gut Augenwischerei gegenüber den sowjetischen Altkadern gewesen sein, während in Wahrheit die Zerschlagung des Sowjetsystems geplant war.
Wen auch immer er zu täuschen versuchte - wir wissen, wer später ent-täuscht worden ist: eben jene konservativen Altkader, die ihn mit Hilfe des Militärs wegzuputschen versuchten.

Ähnliches werden wir möglicherweise bei Obama beobachten können, der selbstverständlich konservative amerikanische Werte hochhalten muss, um nicht vom Start weg als Zielscheibe dazustehen. Der gleichzeitig Dialogbereitschaft mit dem Erzfeind zeigt, der Freieitsrechte der Machtlosen stärken will. Relativ gleichgültig ist es dabei, ob er dies aus Opportunismus oder aus Menschenliebe betreibt. In der Politik zählt nur das Endergebnis.