2009-04-19

Weiß nix. Macht nix. II

Kommentar von S.: Dass es nicht perfekt funktioniert, sieht man jeden Tag. Aber hast du eine bessere, praktikable Lösung? *spielt mal den advocatus diaboli*
Hehe, die Rolle steht dir ;)
Gute Frage aber.
Ich kann mich nicht hinstellen, um alles in Grund und Boden zu motzen, ohne zumindest eine Idee vom „Danach“ zu haben. Es muss für mich auch nicht alles perfekt zusammenspielen. Viele Menschen – viel Reibung. Das gehört zum Leben.

Ich will aber ein paar Stichworte nennen. Heilige Kühe, die du öffentlich unmöglich schlachten darfst.
Hier geht es nicht um Ärgernisse, die durch falsches Feintuning verursacht (oder durch richtiges behebbar) sind, sondern um zerstörerische Entwicklungen aus dem System heraus. Wegen zentraler Mechanismen unseres Wirtschaftens. Wo man solche Elemente als Ursachen ausfindig macht, müssen sie beseitigt werden, um unser Überleben als Zivilisation, oder wenigstens Gattung, zu sichern. Wir kommen um eine Zerstörung der Säulen der Marktwirtschaft nicht herum:

Zins und Wachstum
Zinsen sind der zentrale Motor der Umverteilung von unten nach oben und der Ausbeutung der Lebensgrundlagen ohne Rücksicht auf die Zukunft. Zinsen sind die Ursache, warum unsere Wirtschaft wachsen muss, während weltweit Staats- und Privatverschuldung ansteigt. Der Mechanismus wird in Clauss' Vortrag sehr gut erklärt.
Die Zukunft muss so werden, wie die Vergangenheit einmal war: zinsfrei, bzw. für eine Übergangszeit mit Negativzinsen auf Sparguthaben, damit ein Anreiz besteht, es in Umlauf zu bringen.

Arbeit und Lohn
Wenn wir das Recht auf Leben und Menschenwürde ernst nehmen, besteht eine Verpflichtung zur Lebenssicherung jedes Einzelnen. Ich habe von mehreren Machbarkeitsstudien gehört, nach denen das bereits jetzt praktikabel wäre. Stichwort Bedingungsloses Grundeinkommen. Eine Abkehr vom Leistungszwang hin zu freiwilligen Leistungen, die persönlichen Komfort finanzierbar machen. Die Notwendigkeit, Dienste wie z.B. Krankenhäuser am Laufen zu halten, wird dazu führen, dass gesellschaftlich wichtige Jobs auch angemessen bezahlt werden, damit sich Freiwillige finden. Bis jetzt weisen wir ja u.a. noch arbeitswillige Pflegekräfte ab, die zwar gebraucht würden, die aber den Profit des Trägers schmälern.
Denkbar ist auf lange Sicht sogar ein geldfreies System, in dem der Einzelne seinen Beitrag zur notwendigen Produktion leistet und dafür Zugriff auf alle Güter hat, derer er bedarf. Das klingt nach Kommunismus, aber nichts anderes versuchen wir mit der Krücke Geld zu tun: Wir leisten unseren Beitrag am Arbeitsplatz, bekommen dafür Lohn und verwenden diesen, um die Früchte anderer Leute Arbeit zu kaufen. Nur dass wegen der Umverteilung nach oben unser Bedarf mit der Zeit immer weniger gedeckt wird.

Profit und Eigentum
Ein Bauer in Argentinien zieht eine Kuh groß. Das kostet ihn 5 Euro. Er verkauft sie an die Schlachterei für 10 Euro. Diese dreht sie durch die Mangel und nimmt dafür vom Großhändler 20 Euro. Nach Europa verschifft kauft ein anderer Großhändler die Einzelteile für 40 Euro, um sie für 80 Euro an den Einzelhändler zu verticken. Der Endkunde zahlt, wenn er die Kuh wieder zusammensetzen möchte, 160 Euro. Die Zahlen sind fiktiv, aber so läufts vom Prinzip her. Jedes Glied der Kette kann davon leben.
Wer jedoch in dieser Kette eine marktbeherrschende Stellung einnimmt, kann die Preise bestimmen und damit seinen Profit über Bedarf vergrößern, mithin sein Eigentum.
Und da stellt sich die Frage: Wieviel Eigentum braucht der Einzelne? Ich glaube hier sollten Obergrenzen eingeführt werden, damit Ressourcen nicht gehortet oder künstlich knapp gehalten, sondern dort verwendet werden, wo sie zur Lebenssicherung gebraucht werden.


Freie Märkte
wenn es utopisch ist, dass alle Menschen auf diesem Planeten an einem Strang ziehen, dann muss man lokal dafür sorgen, dass man sich aus der Abhängigkeit globalen Handels befreit. Es macht schon von der Energiebilanz her keinen Sinn, Äpfel aus Neuseeland oder Plastikspielzeug aus Fernost zu importieren. Es führt obendrein dazu, dass Arbeitnehmer und ganze Staaten gegeneinander ausgespielt werden, um das Lohnniveau zu drücken. Nicht nur hier, sondern auch dort.
Wenn man als Staat schon Geld in den Markt pumpt, dann sollte es die örtliche Produktion fördern und die örtliche Konsumkraft.
Völlig freier Markt kann in einer völlig freien, grenzenlosen Welt zu Wohlstand führen. Aber noch haben wir die nicht. Solange wir innerhalb von Grenzen leben, muss das auch für den Handel gelten.

Wertpapiere
...hatten mal einen greifbaren Gegenwert. Das muss auch künftig wieder so sein. Spekulationsgewinne erzeugen „Werte“, für die es weder eine Dienstleistung noch eine Sache als Gegenwert gibt und gehören schlicht und ergreifend verboten. Denn es wird Geld genau dort gebunden, wo es nicht zur Sicherung der Lebensgrundlagen beiträgt.

Repräsentation
...nimmt dem Einzelnen Entscheidungen ab und damit die Verantwortung für alles, was in seiner Gesellschaft von Repräsentanten bestimmt wird. Man gewöhnt sich daran, deren Beschluss abzuwarten, ist vielleicht nicht damit einverstanden, sieht aber auch keine Möglichkeit einzugreifen.
Ich finde, dass Entscheidungen von Betroffenen gefällt werden sollten. In Schneppenheim, wo es um Schneppenheimer Angelegenheiten geht, und von der Gesamtbevölkerung, wo es um nationale Belange geht. Das Mindeste wäre eine Direktbeteiligung nach Schweizer Modell, auf lange Sicht eine Art Anarchie als Gesellschaftsordnung. Setzt aber einige Verbesserungen hinsichtlich Sozialisation und Bildung voraus.

Gleiches Recht für alle?
Weiß nicht, wie es dir als Fachfrau geht, aber für mich sieht es so aus, als ob sich unser Recht immer mehr an Sonderfällen orientiert. Allein die Zahl der Paragraphen legt es nahe. Einzelne nutzen die Wohlfahrt aus, laufen Amok, entführen ein Flugzeug, und sofort muss dafür ein neues Gesetz her, das Freiheiten einschränkt, Kontrollen installiert und Sanktionen verschärft. Bis hin zu einer Verfassungsänderung.
Was aber regeln Verfassungen? Die allergrundlegendsten Regeln des Zusammenlebens, die Ziele des Staats. Und nicht den Extremfall. Verfassungsregeln gelten auch im Ausnahmezustand. Die Menschenwürde ist nicht per Gesetz oder Verordnung abschaffbar. Das Fernmeldegeheimnis muss eigentlich weiter gelten. Versammlungs- und Meinungsfreiheit gehören zu einer echten Demokratie wie das Wasser zum Fisch.
Gesetze regeln dann das Einzelne. Was geschieht z.B. bei Verstößen.
Hier gehören der Komplexität Grenzen gesetzt. Eine Gesellschaft wird nicht gerechter, wenn jeder nur erdenkliche Einzelfall anders behandelt wird, sondern sie wird ungleicher. Sie entfernt sich von den ursprünglichen moralischen Werten der Gesellschaft und lädt daher zum Unterlaufen von und zum Verstöß gegen Regeln.
10 Gebote lassen der Sünde wenig Schlupflöcher. 1000 Gesetze werden der Wirklichkeit vermutlich gerechter.


Kommentar von C.: 
"Dass wir uns zum Trost an die ursprüngliche Bedeutung von Wörtern klammern, die de facto nur bemäntelnde Funktion haben: soziale Marktwirtschaft, Demokratie (= Volksherrschaft), Republik (= Sache der Öffentlichkeit), um nur ein paar zu nennen, die uns vorspiegeln, es ginge um unser Wohl und unseren Willen."


Da die meisten Menschen heutzutage aber gar nicht mehr wissen (wollen), was Demokratie, Republik .. eigentlich bedeuten, hilft ja auch nicht weiter. Da wird nur geschimpft oder ignoriert, obwohl man gar keine Ahnung hat.
"Seit wann stellen Kommunismus bzw. die als real existierender Sozialismus bezeichneten Gesellschaftsformen die einzig anti-kapitalistischen dar? Es gab zig andere, wird irgendwann zig andere geben."

die da wären?
Du weißt ja, ich bin dem Kommunismus bzw Realsozialismus nicht grundlegend abgelehnt, aber das das nicht das Nonplusultra ist (ob langweilig und phantasielos hin oder her), hat sich ja in der Vergangenheit mehrfach bewiesen.
Allerdings, du glaubst nicht, wie angenehm es ist, sich um bestimmte Dinge einfach nicht mehr kümmern zu müssen. Hier zB., obwohl China/Peking mittlerweile alles andere als kommunistisch ist, brauche ich mir nicht den Kopf zu zermartern welche Tankstelle das billigere Benzin hat, oder wo der Saft ein paar cent weniger kostet, es kostet eh überall gleich. Öffentliche Verkehrsmittel sind derart subventioniert dass meine Monatskarte mit 10 Euro drauf fast 3 Monate reicht (Busfahren galore für 4 cent)...
Oder DDR (da kann ich ja auch ein wenig mitreden), die ach so böse Kontrolle und Bemutterung durch den Staat, ich weiß gar nicht was die Leute haben.. es hat sich wenigstens jemand um einen gekümmert. Nach der Schule hatte so gut wie jeder eine Perspektive, und nicht wie derzeit die Leute in der Schule eigentlich verblödet ihren Abschluss kriegen, weil die Schule irgendwann auch keine Lust mehr hat. Aber nein, DDR war ja grundlegend schlecht. Ich mutmaße mal, wenn die BRD ein bisschen weniger Anti-DDR Regime gewesen wäre, wäre vieles anders gelaufen. Staatliche Betriebe haben noch keinem was geschadet und es ist mir immer noch ein Rätsel, mit welcher Rechtfertigung Manager und Politiker Geld in den Arsch geschoben kriegen, nur damit sie den Karren noch weiter in den Dreck ziehen, weils ihnen anscheinend egal ist, was mit der Bevölkerung passiert.
Ich frage mich auch, warum man anscheinend weder aus der Vergangenheit noch aus der Gegenwart lernt. Es kann doch eigentlich nicht so schwer sein, einfach mal nachzudenken, bevor man den nächsten sinnlosen Gesetzesentwurf freilässt.

Aber ja, ich bin immernoch interessiert an Alternativen. Auch wenn mir spontan kein Land einfällt, dessen Staatsform ich gerne übernommen hätte. Obwohl... wie wärs mit einer Monarchie? Scheint in Schweden, Norwegen, Dänemark ja ziemlich gut zu funktionieren.

PS, weiß nicht ob es dich interessiert, aber das hier, vom guten alten Jacky Chan, ist auch ganz interessant: http://community.livejournal.com/ohnotheydidnt/34295998.html
 

Die genaue Übersetzung kennen wohl die Wenigsten, da hast du recht. Eine Vorstellung davon, dass es z.B. um die Herrschaft des Volkes geht, aber sehr wohl. Und dass wir angeblich nicht in einer freien, sondern einer sozialen Marktwirtschaft leben, wird ebensowenig hinterfragt. Sozial war gestern, denn die Bezüge reichen bei weitem nicht mehr. Statt wie früher am Bedarf orientieren sich die Auszahlungsbeträge heute am Füllstand der Kassen, der wiederum von der Höhe der Lohnnebenkosten abhängt, die man den Arbeitgebern zumuten möchte.
Worauf ich hinaus will ist, dass sich unsere Gesellschaft fast ausschließlich an Wirtschaftsinteressen ausrichtet, dass das aber nicht immer so war und es auch keinen Grund gibt, warum das so bleiben müsste.
Menschen haben schon verdammt viel ausprobiert. Jäger- und Sammlergesellschaften, bäuerliche Kulturen, Feudalismus, Merkantilismus, Theokratien, direkte Demokratien, Adelsherrschaften, Räterepubliken, Parteidiktaturen, Alleinherrschaft usw. Die wenigsten sind aus unserer Sicht erstrebenswert. Aber es hat sie gegeben, sie haben in ihrer Zeit funktioniert und sie waren zumindest bis Mitte des 19. Jh. alle nicht-kapitalistisch.
Der Punkt ist, dass die Mehrzahl der Politiker behauptet, es gäbe keine Alternative zu Marktwirtschaft und repräsentativer Demokratie, und dass diese Behauptung vom Großteil der Bevölkerung geschluckt wird, weil Anti-/Nicht-Kapitalismus (zu unrecht) mit Kommunismus gleichgesetzt wird, welcher wiederum (zu unrecht) als Synonym für die gescheiterten Ostblockdiktaturen steht - die heute keiner mehr haben will. 


Ich habe diesen Punkt aufgegriffen, weil die Nutznießer des Systems mit Gleichsetzungspolemik etwaige Kritik an zentralen Elementen wie Repräsentation, Wachstum, Zins, Güteranhäufung oder Lohndumping als weltfremde Träumerei von Leuten abstempeln, die sich Chaos und Diktatur (was denn nun??) wünschen. Sie verhindern damit die Ausschaltung der größten Problemursachen, nämlich den Säulen des Kapitalismus, von dem sie profitieren.
Gefährlich für das Überleben der Menschheit als Ganzes ist solches Verhalten deshalb, weil uns lediglich endliche Ressourcen zur Verfügung stehen, während unser Wirtschaftssystem nur funktioniert, wenn es wachsen kann. Auf wessen Kosten, das sieht man sowohl in der Umwelt als auch in der Gesellschaft. Keine neue Erkenntnis, sondern mindestens seit den 60er Jahren bekannt und mehrfach nachgewiesen. Dass bei uns z.B. die staatstragenden vier Parteien so tun, als könnte es dank ein paar kosmetischen Änderungen endlos so weitergehen, halte ich persönlich für vorsätzlich allgemeinschädigend. So dumm kann man nicht sein. So dumm muss man sich schon stellen.


Natürlich ist es angenehm, wenn einem Verantwortung abgenommen wird, wie in der DDR. Aber wie viele Menschen in der BRD übernehmen die Verantwortung für angerichteten Schaden, statt es auf die Umstände und die Obrigkeit abzuschieben?
Ich kenne auch kein Land, das derzeit eine ernsthafte Alternative bietet. Mehr oder weniger treiben alle in die selbe Richtung, vielleicht von Venezuela und Nordkorea einmal abgesehen. Wir werden uns etwas Neues ausdenken müssen, aufbauend auf den Erfahrungen der letzten 150 Jahre, so wie z.B. das Grundgesetz den Horror des Nazireichs spiegelt.
Ein paar Ideen siehst du bei der Antwort auf S.'s Kommentar. Wie neulich gesagt hab ich nicht den ultimativen Plan, allein deshalb schon, weil es mir keineswegs um Weltverbesserung geht, sondern um mich selbst: Wie richte ich mich unter den gegebenen Umständen so ein, dass ich mich weder anpassen noch runterreißen lassen muss. Nur aus diesem Grund und aus Neugier beschäftige ich mich mit dem Thema.


Kommentar von F.: Hab nur ich das Gefühl, daß so Maßnahmen a la "Verschrottungsprämie" in künftigen Geschichtsbüchern als völlig naiv- untaugliche Versuche, den Umbruch (ich will nicht mehr von Krise reden; Krise haben die, welche das bisherige System weiterführen wollen) aufzuhalten stehen wird? Und dass künftige Schüler ungläubig, belustigt darüber schmunzeln werden?

Ein Hauptproblem der Menschen in jeder Gesellschaftsform ists wohl, das immer einige danach streben Macht über andere zu erlangen. Ein Grundinstinkt. Bei manchem weniger bei anderen eben stärker ausgeprägt. Dieses Streben nach Macht wird früher oder später jedem Gesellschaftssystem den Garaus machen. Aber das ist eben Entwicklung.
Die Menschen, Wir müssen uns mehr an der Natur orientieren. Schliesslich sind wir untrennbar mit ihr verbunden, sind ein Teil des Ganzen, auch wenn das die Selbstherrlichen nicht sehen wollen. In der Natur gibt es kein unbegrenztes Wachstum. Nur einen Kreislauf. Unser Lebenssystem ist begrenzt und lässt daher auch nur begrenztes Wachstum zu. Das liegt doch völlig klar auf der Hand. Dazu braucht man keinen Nobelpreisträger oder sontwas Wirtschaftsguru, sondern einfach nur gesunden Menschenverstand...
Ein Werbespruch der Industriellenvereinigung hierzulande war bis vor kurzem noch: "Gehts der Wirtschaft gut, gehts den Menschen gut.". Das War vielleicht mal so, seit einiger Zeit wirkt das nur noch wie blanker Hohn.

Aber Schluß mit dem Gejammere.
Veränderungen beginnen im Kleinen.
Wir sind klein.
Wo, womit fangen Wir an?
Was gebraucht wird sind kleine Dinge.
Die man tun kann (wie zB keine weitgereisten Lebensmittel kaufen, um gegen den Co2 Ausstoß anzugehen). Aber nicht nur in der Umweltrichtung sondern in allen Richtungen, wo Veränderung not tut.
Jemand Ideen?

Denkt daran, daß am Anfang alles einfach sein muß. Kinder lernen nicht mit Schiller oder Goethe lesen, sondern einfach mit A... B... C... etc.

Graswurzeln. Yays :)
Ein enormer Komplex von Problemen hängt mit dem Austausch von Waren und Dienstleistungen zusammen.
Das letzte Glied der Kette ist der Endverbraucher. Was wir kaufen, wieviel wir kaufen, wo wir kaufen, ob wir überhaupt kaufen oder lieber selbst herstellen oder vielleicht sogar ganz auf etwas verzichten, das beeinflusst in der Summe das große Ganze.
Ich kauf z.B. lieber im Laden an der Ecke als im Supermarkt; so wenig wie möglich bei den großen Fischen; lieber örtliche / regionale Produkte als Importe; lieber gebraucht als neu. Flohmärkte? Tauschbörsen? Impulskontrolle?
Hin und wieder ein abfälliges Wort über Produkte, die mit schlechtem Service, mangelhafter Qualität, Kinderarbeit, Hungerlöhnen oder Massenentlassungen billig gehalten werden, sorgt auf Dauer für Änderungen im Denken und Verhalten von mehr Menschen.

Was unser kleines Demokratieproblem betrifft, können Andersdenkende sich außerparlamentarisch organisieren, um sich gegenseitig den Rücken zu stärken bzw. gemeinsam mehr Mitsprache durchzusetzen. Ich denke nicht nur an Gewerkschaften. Man kann Lügen und Halbwahrheiten überall entgegentreten. Alternative Newsnetzwerke benutzen und bestücken.
Ja, wir sind klein. Aber Kleinvieh macht auch Mist.

Weiß nix. Macht nix.

So ähnlich sollte es ursprünglich eine Antwort auf einen Comment von [info]1030010 werden, geriet aber dann zu ausführlich. Auch in [info]kouri0201s Blog ging es um das Thema. Da sich vieles für mich langsam zu einem Gesamtbild fügt und es mir zu wichtig ist, um in ein paar Worten abgehandelt zu werden (immerhin beschäftige ich mich seit fast 25 Jahren damit), mache ich lieber einen eigenen Eintrag daraus. Er soll ältere ergänzen und als Grundlage für weitere dienen.

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comment: "...Ach ich stehe der paranoid anklingenden Verwendung des Wörtchens "sie" nichtmehr ganz so skeptisch gegenüber. *g*
Die einen, das sind 'wir', die wir nicht mit gewissen Machtstrukturen einverstanden sind in die wir hineingeboren werden und 'sie', das ist eine Metapher für all jene die diese Strukturen aufrechterhalten. Ich bin der Meinung dazu zählen nicht nur die, die dieses System entworfen haben oder davon profitieren, sondern mehr noch all die, denen es scheißegal ist ob sie darin ausgebeutet werden."
Eigentlich liegen ihre Absichten ja auch offen zutage. In jeder Tageszeitung nachzulesen. Als Einzelne fühlen wir uns nur immer zu klein, etwas ändern zu können oder auch nur unsere Ahnung von dem unglaublichen Zynismus dahinter für bare Münze zu nehmen. "Kann doch gar nicht sein, dass alle so fies sind, wie das jetzt für mich aussieht."
Schaut man sich das Gesamtbild an und geht dann wieder ins Detail, dann passt halt letztlich doch alles zusammen. Die gesamte westliche Lebensweise eine hocheffiziente Umverteilmaschine, ein Betrug so riesengroß, dass er das Gesichtsfeld, das Wahrnehmungsvermögen sprengt und jede Kritik lachhaft erscheinen lässt. Es ist leichter mitzumachen. Nicht darüber nachzudenken. Seinem Bauchgefühl nicht zu folgen. Es kommt einem wahrscheinlicher vor, dass man selbst sich irrt, kleines Licht, das man ist, und dass vielleicht nur unterschwelliger Neid eines Besitzlosen das Urteilsvermögen trübt.

Das ist das eigentlich Perfide: dass wir im Vertrauen auf Mehrheitsentscheidungen sowie das Gute im Menschen und im Glauben an eine dem Gemeinwohl verpflichtete Führungsschicht nicht nur unserer materiellen Grundlagen beraubt werden, sondern auch unserer eigenen Kraft, unseres Selbstvertrauens, unserer Gefühle und Gedanken, und dass sogar wir selbst unseren Wert, unser Dasein zuallererst über wirtschaftliche Aspekte definieren.
Dass wir uns schlecht fühlen, vielleicht sogar als Versager, wenn der Beutel leer ist.
Dass wir uns zum Trost an die ursprüngliche Bedeutung von Wörtern klammern, die de facto nur bemäntelnde Funktion haben: soziale Marktwirtschaft, Demokratie (= Volksherrschaft), Republik (= Sache der Öffentlichkeit), um nur ein paar zu nennen, die uns vorspiegeln, es ginge um unser Wohl und unseren Willen.

Perfide ist auch, dass man uns glauben macht, wir hätten uns freiwillig für diesen Zustand entschieden, weil er das Bestmögliche sei, während wir als Einzelne in immer tiefere Abhängigkeit vom System hineinmanövriert werden, so dass wir uns mit jedem Schritt mehr verheddern und bald gar keinen Ausweg mehr sehen.

Die Wahrheit ist: Es gibt keinen Gesellschaftsvertrag. Ich habe keinen unterschrieben. Ihr vermutlich ebenfalls nicht. Niemand. Wir wurden auch nicht gefragt.

Die überwältigende Mehrheit der Menschen aber kann sich die Gewährleistung wichtiger Funktionen ohne Marktwirtschaft gar nicht mehr vorstellen, was schon damit anfängt, dass für alles Geld verwendet wird: Arbeit, Transport, Lebensmittel, Kommunikation, Versorgung im Krankheits- oder Pflegefall.
Das Wissen, wie man aus eigener Kraft bzw. mithilfe sozialer Netzwerke überlebt, war teilweise bis vor 40 Jahren noch vorhanden. Nicht-kapitalistische Gesellschaften sind nicht nur denkbar, sie sind auch machbar. Sogar gemeinwohlorientiert. Aber in nur zwei/ drei Generationen ist uns die Vorstellungskraft genommen worden. Und auch der Mut, etwas Neues zu beginnen oder eine eigene Vision zu entwickeln.

Der Wunsch nach Systemwechsel hin zu einer bedürfnisgerechten Gesellschaft wird heutzutage mit nur einem einzigen Totschlagargument abgeschmettert: der Kommunismus hätte sich ja als viel schlimmer erwiesen und er sei überdies gescheitert.
Diese Antwort ist nicht nur sachlich falsch (weil Lenins Staat lediglich die Herrschaft Weniger über Viele neu arrangiert hat), sondern auch sowas von unkonstruktiv und phantasielos, dass mir graust. Seit wann stellen Kommunismus bzw. die als real existierender Sozialismus bezeichneten Gesellschaftsformen die einzig anti-kapitalistischen dar? Es gab zig andere, wird irgendwann zig andere geben.

Die Frage ist doch nicht, ob wir Kommunismus einführen wollen. Die Frage lautet, wie wir unsere systemimmanenten Probleme lösen wollen. Systemimmanent sind sie nämlich. Und das bedeutet ja wohl, dass sie nur außerhalb des Systems beantwortet werden können.
Die extreme Abwehrhaltung gegenüber alternativen Modellen hindert uns an der Problembehebung, kommt einem Denkverbot gleich und ist damit zutiefst unintelligent. Sie erhebt den an repräsentative Demokratie gekoppelten Kapitalismus zur einzig funktionierenden Gesellschafts- und Wirtschaftsform. So erfolgreich, dass sie bis nach Afghanistan exportiert werden muss. Fragt sich, wie man eigentlich Erfolg definiert, wo große Mehrheiten per Definition macht- und besitzbefreit leben.

Es gibt Alternativen. Man kann sowohl als Gemeinschaft wie als Einzelner substanziell etwas ändern. Die Abwärtsspirale ist aufhaltbar. Wen interessiert schon, welchen Namen das Kind nachher trägt.
Sicher ist, dass eins eben nicht dauerhaft funktioniert: das, was wir gerade mit uns und unserer Umwelt anstellen. Eben aus mathematischen Gründen, wie z.B. Leonard und Clauss vorrechnen, unabhängig von Ideologien.

2009-04-09

Herzliches Beileid II

Kommentar von F.: Erstaunlich wenig Reaktionen auf deine Posts zu "ernsten" Themen.
Ist dieses Schweigen eine "ich kanns schon nimmer hören" Reaktion?

Vom Gefühl her würde ich sagen, daß wir dem Anfang vom Ende des Kapitalismus beiwohnen.
Irgendwie war klar das sowas kommt, denn Extreme können sich auf die Dauer nicht halten.

Ein- unser- Wertesystem ist im Taumeln und damit ein Machtsystem das sich mehr oder weniger unaufällig im Hintergrund aufgebaut hat.

Dieses Machtsystem zielt darauf ab, den Menschen zu entmündigen. Die Gesellschaft wird immer beherrschender, kontrollierender. Und warum? Weil die Leute die Eigenverantwortung mehr und mehr ablegen. Ständig lese ich von neuen Verboten und Reglementierungen für das alltägliche Zusammenleben, bei denen ich mir denke "Hä? Das ist doch eh selbstverständlich, das man das nicht tut!". Jede neue Reglementierung zerstört Eigenverantwortung, im Gegenzug schlagen die Menschen, die sich ja auch irgendwie gegängelt fühlen eben wo anders über die Stränge. Erlaubt ist, wobei man nicht erwischt wird?. Die Grossen habens uns ja vorgelebt. Mittlerweile geben sich bei uns ja auch immer mehr Bankiers ein Zuchthaus-Stelldichein.

"Freiheit bedeutet Verantwortung tragen" - k.a. von wem das Zitat ist, aber ich würds gerne jedem "freien" Bürger da draussen ins Stammbuch schreiben, damit sie sich wieder erinnern können.

Die plüschige Kuschelecke war gestern. Die Welle ist unterwegs. Steht auf, schärft euren Blick, bildet euch Meinungen und seid bereit Verantwortung zu übernehmen.

Hugh, ich habe gesprochen.

Keine Ahnung, woher die Stille, mein roter Bruder.
Vielleicht tätsächlich überfüttert. Man kann schon keine Minute mehr den Kontakt zur Außenwelt aufbauen, ohne das Wort "Krise" um die Ohren geschlagen zu bekommen.
Vielleicht befremdet von meiner zunehmenden Entfernung vom Alltag eines ganz normalen jungen Menschen, dem noch alle Chancen offen stehen.
Vielleicht auch mehr mit der eigenen Erlebenswelt beschäftigt. Lustigerweise hat jeder in meiner FL ein anderes Gebiet, auf dem er sich tummelt.
Sei ja auch jedem unbenommen. Ich kann keinem böse sein, der das letzte bisschen Glück auszukosten versucht, das es auf dieser Welt zu ernten gibt. Zumal ich eher schreibe, um meine Gedanken zu ordnen oder etwas festzuhalten.

Ehrlich gesagt möchte ich mir lieber das Denken abgewöhnen. Ich wäre froh, mir würden die hässlichen Seiten unserer Gesellschaft nicht ständig ins Gesicht springen. Wenn du sie kritisierst bist du ein Miesmacher oder gar Paranoiker. Kommt später doch alles raus, will erst recht keiner mehr was damit zu tun haben. Und wie oft wird man von Leuten angegriffen, denen es eigentlich egal sein könnte.

Das Ende des Kapitalismus wird sich meiner Ansicht nach noch ein paar Jahrzehnte hinauszögern. Wir werden es mit Sicherheit noch erleben, denn es wird mit dem absehbaren Zurneigegehen von Rohstoffquellen und dem Zusammenbruch größerer Ökosysteme einhergehen. Aber ich rechne bis dahin eher mit einer Verschärfung der Zustände. Grundsätzlich wurden z.B. Globalisierung, Marktwirtschaft und Börsenhandel weder von der Politik noch dem Großteil der Bevölkerung in Frage gestellt. Im Gegenteil. Die "Notwendigkeit, weitere Einschnitte hinzunehmen" wird allseits bekundet. Selbst mein gesellschaftlich aussortierter, unterprivilegierter Mitbewohner argumentiert neoliberal. Den zig Billionen, die in die Taschen weniger Zocker gewandert sind, folgen derzeit weitere, die direkt in Banken und Großkonzerne fließen, statt den Umweg über Lebenserhalt bzw. Konsum der Bevölkerung zu nehmen. Die Umverteilung zugunsten einer kleinen Gruppe wird bis ganz zum Schluss an Fahrt zunehmen. An dieser Stelle bestätigen sogar die modernen Theoretiker unverblümt den ollen Marx. Wachstum ist schließlich einer der Grundpfeiler des Kapitalismus.

Was danach kommt, ist mir eigentlich ziemlich schnurz. Wenn es nichts mehr zu verteilen gibt, spielt die Art des Wirtschaftens absolut keine Rolle mehr. JETZT könnte man noch finanzierbare Sozialsysteme einführen, die die Grundbedürfnisse jeder Person sichern. JETZT könnte man die Geldwirtschaft so umstellen, dass die Geldmenge dem Waren- und Dienstleistungswert entspricht. JETZT könnte man die Binnennachfrage stärken, um sich aus der Abhängigkeit von Weltmarkt, Billiglohn und energieverschleudernden Transporten zu lösen. In zwei, drei Jahren könnte es schon zu spät sein. Ich sag nur: Fische kann man nicht drucken.
Die Karten liegen auf dem Tisch, schon seit den 60er Jahren. Dass substantiell nichts anderes getan wurde, als den Heuschrecken das Fressen zu erleichtern, lässt tief blicken. Ich für meinen Teil brauche keine Verschwörungstheorie, um zu erkennen, dass es am allerwenigsten um dein oder mein Wohl geht. Ein Blick auf die Nachrichten genügt.

Der Weg zum Finale ist, wie du schon sagst, gepflastert mit Vorschriften. Ja keine Eigeninitiative zulassen. Alle Emotionen schön im Kanal halten. Mitbestimmung unerwünscht. Der Einzelne hat zu wenig Durchblick dafür.
Klar doch. Übung macht den Meister - wir haben keine. 

2009-04-02

Herzliches Beileid

Treffen sich zwei Bänker
A: Na, wie gehts? Was macht die Rendite?
B: Ach, nicht gut. Mein Finanzsystem liegt im Sterben.
A: Oje. Hoffentlich nichts ernstes...?
B: Wird schon wieder werden.

Man sieht: Sie treibt mich irgendwie um, diese Sache, der man auf keinem Kanal, nirgends, entgehen kann. Print- und Onlinemedien, Fernsehen, Radio, persönliche Gespräche. Kaum ein Thema beherrscht die Nachrichten so umfassend, so allgegenwärtig. Die reinste Gehirnwäsche, der man schon gar nicht mehr zuhören mag.

Dabei denke ich oft, dass das, was da erzählt wird, unmöglich wahr sein kann. Dass niemand all den Mist hinnehmen kann, der verbockt worden ist. Noch schlimmer: dass ernsthaft Maßnahmen vorgeschlagen - und durchgeführt! - werden, die im Endeffekt noch größere Probleme verursachen.

Ich will hier gar nicht ins Detail gehen. Andere, die besser reden können und vor allem mehr Einblick ins Geschehen haben, tun das bereits. Wie ich hoffe, mit wachsendem Erfolg. Denn als alter Kapitalismusgegner (ziemlich vorbelastet, das Wort, hm?) wird mir derzeit deutlich wieder vor Augen geführt, weshalb sowohl unser Wirtschafts- als auch Politsystem unreformierbar ist. Da haben wir nun eine große Koalition, die eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung repräsentieren soll, aber sie bekommt es trotz schwacher Opposition noch weniger als alle bisherigen Regierung gebacken, grundlegende Weichenstellungen vorzunehmen. Man kennt das bereits aus der Zeit von 1966 bis 1969.
Warum?
Weil es schlicht und ergreifend nicht im Interesse der sogenannten Volksparteien liegt.

Wähl dir eine andere Regierung, heißt es dann oft.
Gern. Aber habe ich dabei wirklich eine Wahl, wenn keine der systemtragenden Parteien Alternativen anzubieten hat? Abgesehen davon, dass ich das System in sich pervers und zynisch finde? Wie kann z.B. eine Gesellschaft ernsthaft erhaltenswert bezeichnet werden, in der der Eine unverdient Millionen einstreicht, während der Andere unverschuldet von 370 Euro leben muss? Wie kann es außerdem erstrebenswert sein, dass zu diesem Zweck unsere Lebensgrundlagen weltweit irreparabel ruiniert werden?

Ein großer Teil der Bevölkerung beginnt langsam zu begreifen, dass Wahlen an den Gegebenheiten nichts ändern werden. Bundesweit sinkt die Wahlbeteiligung auf allen Ebenen. Bei den Kommunalwahlen nun fast flächendeckend um die 50% oder sogar deutlich darunter, wie neulich in Kiel (ca. 35,5%), wo der regierende Bürgermeister nun nicht einmal mehr 19% der Bevölkerung vertritt. Wichtige Entscheidungen werden auf höherer Ebene getroffen, während den Kommunen schlicht und ergreifend das Flüssige fehlt, mit dem sie etwas bewirken könnten.

Aber die Entscheidungen auf höherer Ebene, etwa dem Bundestag oder in den europäischen Institutionen, welche die Rahmenbedingungen für die Misere der Kommunen geschaffen haben, werden von Parteien getroffen, die sich im Grunde einig sind: Keine Änderungen am globalen Freihandel, Beibehaltung des Zinssystems, Fortführung der Luftbuchungen auf den Finanzmärkten, Privatisierung von für das tägliche Leben vitaler Infrastruktur wie Kommunikation, Transport, Lebensmittel- und Energieversorgung, unbegrenzter Spielraum zur Preisgestaltung und zur Vermögensanhäufung sowie - last not least - fortschreitende Beschneidung der Sozialleistungen zur Aufrechterhaltung privatwirtschaftlicher Interessen.

Welchen Zweck bitteschön soll der Urnengang da noch haben? Gehet hin und pieselt hinein, auf dass der Herr wisse, wes Glaubens seine Schäflein seien?
Ich denke, die Zeichen stehen deutlich genug an der Wand, dass solch drastischer Ausdrucksmittel keines Bedarfs ist. Man muss nur lesen wollen. Die Probleme sind menschengemacht. Sie können auch von Menschen geändert werden. Noch.

In letzter Zeit habe ich mich verstärkt mit Wegen beschäftigt, wie ich mich persönlich "aus der Affäre ziehen" kann, wie ich zu einem Leben finde, das mich frei macht. Frei im Sinne finanzieller Abhängigkeiten. Autark, was die Beschaffung lebensnotwendiger Dinge betrifft. Frei von Gruppenzwang. Vielleicht auch frei von staatlicher Gängelung. (Wobei letzteres in einer völlig in Staatsgebiete aufgeteilten Welt kein einfaches Unterfangen darstellt.)

Denn erst durch den Wegfall einer ganzen Reihe von äußeren Einflüssen, von sogenannten Sachzwängen, ist man effektiv frei, Entscheidungen zu treffen. Hat man tatsächlich Möglichkeiten, statt zwischen Teufel und Beelzebub zerrissen zu werden.

Jedenfalls würd ich mich wesentlich besser fühlen, wenn mich unsere Gesellschaft nicht derart einengte. Sie gab mir immer das Gefühl, dass es für sie keine Rolle spielt, was ich tue (geschweige denn, was ich will oder brauche) und das führte zu Hoffnungslosigkeit. Wenn man Handlungsspielraum nur noch dadurch bekommt, dass man "aussteigt" - nun denn, dann muss es halt so sein.

Ich gebe zu, noch nicht sehr weit gediehen zu sein mit meinen Plänen. Ich habe eine Reihe von groben Ideen und ich habe die vorteilhafte Ausgangslage, mit selbständiger Arbeit Erfahrung gesammelt zu haben. Das Wasser, in das ich werde springen müssen, wird mir weniger kalt vorkommen.

Zuerst aber wird es wichtig sein zu wissen, wo ich überall in Abhängigkeit stehe bzw. welchen Zwängen ich ausgesetzt bin. Im Grunde versuche ich herauszufinden, "wie die Welt funktioniert". Genauer gesagt die bundesdeutsche, die europäische Gesellschaft. Das ist spannend. Das ist frustrierend. Das ist für mich sehr, sehr interessant. Akademisch abgehoben, wenn es um Dinge wie z.B. Freizins / Freiwirtschaftslehre oder Anarchie geht. Konkreter in Dingen physischer Ökonomie. Hautnah, wenn zu überlegen steht, wie ich künftig meinen Lebensunterhalt bestreiten soll: ohne den Handel mit China, ohne starken Euro, ohne nennenswerte Einkünfte, ohne funktionierende Rentenausschüttung. Und damit ohne RWE-Stromlieferungen, geschweige denn die bunte, berauschende Warenwelt des freien Westens.

Ich glaube, das ist möglich. Vielleicht stellen wir bald fest, dass es möglich sein muss. Wie auch immer. Ich bin gelegentlich über Material gestolpert, das mir geholfen hat, lose Gedanken-Enden zu verknüpfen, so dass alternative Lebensweisen für mich persönlich vorstellbar wurden. Die erste Frage, wenn man sich systemkritisch äußert, lautet ja meist: "Ja, was willst du denn sonst machen? Es gibt doch nichts anderes; zumindest nichts besseres. Und der Kommunismus ist sowieso gescheitert."

Tolles Statement. Gewöhnung an den Kapitalismus hat die meisten von uns schon so weit im Griff, dass wir trotz offensichtlicher Selbstzerstörungstendenzen, sogar trotz persönlich spürbarer Einbußen panische ANGST bereits gegenüber der IDEE einer anders funktionierenden Gesellschaft empfinden. Zu wissen, dass die Falle sicher zuschnappt, gleichzeitig unbeirrt hineinrennend. Genau das heißt es, zur Wahl zu gehen. So gesehen eine ähnlich zu bewertende Staatsbürgerpflicht wie sich zwischen Pepsi und Coke zu entscheiden.

Wie gesagt, ich will nicht behaupten, den ultimativen Plan zu haben. Es liegt mir auch fern, die Welt zu verbessern oder gar zu retten. Um der Wahrheit die Ehre zu geben denke ich eher, dass es für eine Rettung womöglich zu spät und dass viel Menschenwerk ohnehin der Erhaltung nicht wert ist. Defätist, mein zweiter Name.
Ich will nur ein Leben für mich. Es muss nirgendwo hinführen. Erfüllung sollen andere suchen.
Ich will wissen, wie ich da hinkomme, und so höre ich ihnen zu, den Nachrichten, den Kommentatoren, und selbstverständlich, gar mit Vorliebe, den Außenseitern. Gelegentlich sinds auch Verschwörungsparanoiker. Die sind so fertig, so gefickt, dass sie hinter jedem Busch ein Alien vermuten. Eigentlich zu bemitleiden, wenn es einen nicht zum lachen reizen würde.

Manchmal sind es dagegen Leute, die nur in eine solche Ecke abgeschoben werden, damit man sich mit den Inhalten nicht auseinandersetzen muss.

Neben den zuletzt geposteten Vorträgen von Annie Leonard und Andreas Clauss möchte ich als Beispiel auch eine aktuelle Rede von Sahra Wagenknecht (MdEP) hinzufügen. Nach allem, was in den Medien über diese Frau gesagt worden ist, werden manche vielleicht entnervt abwinken. Angesichts ihrer Argumente bekommt die Echauffiertheit in den Reihen der Volksparteien und das Gemaule der Presse für mich einen ganz üblen Beigeschmack.



Selten musste ich einem Politiker so uneingeschränkt recht geben wie in diesem Fall. Ich wünschte mir, wir hätten gerade jetzt nicht irgendeine Frau als Bundeskanzlerin, sondern eine wie die Wagenknecht.