2009-05-19

Bitte gehen Sie weiter! Es gibt hier nichts zu sehen!

Erweiterter, überarbeiteter und mit mehr Links versehener Auszug aus einer Diskussion bei [info]honigsenf. Wer seine Ruhe haben möchte, kann sich die Lektüre natürlich ersparen.

(die Diskussion vorantreibende Einwürfe des Gesprächspartners in Kursiv)

Wenn mir Typen wie dieser Fleischhauer begegnen, geht mir der Hut hoch: Weiter so an allen Ecken. Linke, haltet endlich die Klappe, ihr Miesmacher.
So langsam muss man sich über die Maßen bemühen, wenn man alternative Berichterstattung wünscht. Selbst den Spiegel Online les ich nur noch, weil ich ihn ungefähr einschätzen kann bei seinem Versuch, die Wirklichkeit zu verbiegen. Der war mal links, genau wie die SPD mal links war. Aber das ist Jahrzehnte her. Inwzischen muss man sich von beiden Linkenbashing gefallen lassen. Die SPD, die seit mehr als 10 Jahren den Finanzminister stellt, hat die Hartz-Gesetze verbrochen (Niedriglohn, Abschiebegesellschaften, 1-Euro-Jobs, unsägliche Sozialsätze etc); die Zerstörung der staatlichen Rente zugunsten von Privatverträgen, die (wenn überhaupt) erst ab dem 90. Lebensjahr rentabel sind; die Senkung der Spitzensteuersätze; die Hochschulreform; die Privatisierung von Schulen, Wasser- und Energieversorgung und anderen wichtigen Dienstleistungen; die Deregulierung des Börsen- und Immobilienhandels sowie die Befreiung von Spekulationsgewinnen. Jetzt schieben sie das Geld den Aktionären in den Arsch. Sie taten und tun alles, um Vermögen von unten nach oben zu verteilen.
Während z.B. Steinbrück vergangenes Jahr noch munter von den Banken mit staatlicher Beteiligung forderte, sie sollten mehr in Hedgefonds investieren, damit mehr Rendite rausguckt, darf er sich heute im Spiegel zum Retter vor pöhsen Managern hochspielen. Und die Redaktion mischt mit, denn kaum ein Tag vergeht, an dem sie nicht gegen Links Stimmung macht (1, 2, 3, 4 usw). Kritische Berichterstattung beschränkt sich auf boshafte Kommentare zu TV-Sendungen.

Da muss man sich nicht wundern, wenn selbst Leute, von denen man es eigentlich nicht erwartet, ja, die allen Grund zur Revolte hätten, neoverfickte Ansichten vertreten.
Dieses ganze neolib- und neocon- Geschwurbel, von wegen Marktwirtschaft und repräsentative Demokratie seien die einzig funktionierenden Modelle (was bitte funktioniert hier überhaupt noch?), wir bräuchten weltweiten Wettbewerb, unsere Kultur würde durch islamismistischen Terrorismus bedroht, Billionen für marode Banken seien eine Investition in die Zukunft, aber 1-2-stellige Milliardenbeträge für Bildung und Soziales eine unverantwortliche Steuergeldverschwendung usw usf.
Du glaubst gar nicht, was ich mir von meinem arbeitslosen Mitbewohner anhören muss... oder doch. Du brauchst ja nur die Nachrichten einzuschalten.
Dieser Bullshit über ungebremstes Wachstum nützt lediglich einigen wenigen. Aufschwung findet für die Mehrheit der Bevölkerung seit mindestens 20 Jahren nicht mehr statt. Und zwar nicht aufgrund von Fehljustierungen, sondern weil das System an sich darauf hinausläuft.
Freie Presse sollte sich mehr mit solchen Themen beschäftigen. Entsprechende Artikel musst du aber anderswo als in den etablierten Newskanälen suchen, weil diese sich davor fürchten, links einsortiert zu werden. Übrigens auch eine Auswirkung der allgemeinen Akzeptanz neoverfickter Ansichten ;)

Wie oft hören wir davon, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, dass den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft Studien vorlagen, die genau jene Schwierigkeiten treffsicher voraussagten. Werden Schicksale von vorn herein auf breiter Basis als Kollateralschaden in Kauf genommen? Müssen wir es als brave Bürger hinnehmen?

Probleme können doch nur gelöst werden, wenn jemand sie beim Namen nennt und dann ihre Ursachen bekämpft. Deswegen "nerven" Systemkritiker auch dauernd rum.
Vor den Negativfolgen von Hartz sowie der durch Marktliberalisierung verursachten Finanzkrise wurde beispielsweise bereits 2003 und früher gewarnt. Es gibt außerdem diverse Vorschläge, wie die aktuelle Krise überwunden werden bzw. wie die postkapitalistische Gesellschaft beschaffen sein kann. Ein paar Dinge habe ich ja auch genannt (s.u.).
Interessanterweise finden sich solche Stimmen praktisch nie auf Titelseiten resp. Bildschirmen. Sie werden regelrecht totgeschwiegen. Bestes Beispiel ist hier die Linke Partei. Man darf selbstverständlich völlig anderer Meinung sein als diese, aber sie zählt als einzige in ihrem Programm detailliert auf, was sie unternehmen möchte. Wirtschaftsverbände und Parteien verbreiten über die Mainstreammedien aber unwidersprochen, die Linke biete keine irgendwie gearteten Lösungskonzepte an.
Dies nur mal erwähnt, um anschaulich zu machen, dass es keineswegs an nicht-kapitalistischen Ideen mangelt. Sie widersprechen halt den Interessen profitorientierter Presse, profitorientierter Politik und vor allem profitorientierter Wirtschaft. Für uns als Einzelpersonen wie auch als Gesamtgesellschaft eröffnen sie jedoch Optionen jenseits heutiger Gegebenheiten.
Erst weil oben genannte, miteinander verfilzte Interessenträger den freien Diskurs über solche Optionen in einer breiten Öffentlichkeit durch Mangel- und Falschinformation zu verhindern versuchen, wurde die sogenannte linke Konsenzkultur nötig. Aber sie ist weder einheitlich links noch in allen Belangen einig.
Geht es einem Arbeiter im Niedriglohnsektor heutzutage wirklich so schlecht wie einem Arbeiter im selben Sektor vor 50 Jahren?

Es ging ihm zumindest in einer Hinsicht besser. Nämlich weil tatsächlicher jeder, der arbeiten wollte, auch Arbeit bekam, und er damit in der Lage war, sich und seine Familie zu ernähren. Und zwar ohne befürchten zu müssen, morgen auf der Straße zu sitzen.
Unsere Großeltern mussten hart arbeiten und sie besaßen weniger technische Spielereien, aber es ging ihnen besser. Sie besaßen eine gewisse Planungssicherheit. Nach einer kleinen Atempause entwickelt sich die Lage für eine Mehrheit der Bevölkerung allerdings wieder zum Schlechteren. Sie wird kollektiv unter Druck gesetzt.
Ich weiß nicht, wen du alles kennst, aber frag mal einen Postler, einen Pfleger, einen outgesourcten Telekom'ler, einen Versicherungsangestellten, einen Fabrikarbeiter bei Daimler oder wo immer. Die Belegschaften werden hauptsächlich dadurch reduziert, dass die selbe Arbeit auf weniger Schultern verteilt wird. Weißt du, welchem Stress und welchen Gesundheitsbelastungen sie damit ausgesetzt werden?
Wo Arbeitsplätze durch technischen Fortschritt wegfallen, kann man den Fortschritt nur als solchen bezeichnen, wenn er der Gemeinschaft nützt, sprich, die Gewinne sozialisiert werden. Schön und gut, wenn uns Fortschritt Arbeit abnimmt. Als echter Gewinn für die Menschheit kann man ihn aber erst verbuchen, wenn er uns auch von der Notwendigkeit des Geldverdienens befreit. Solang er - wie in unserem System - nichts erzeugt als Arbeitslosigkeit bei maximierten Eigenprofiten bzw. Aktienrendite, kann man ihn wohl kaum erstrebenswert nennen, oder?

Oder wie sieht es an den Universitäten aus?
Bildung stellt keinen Wert in sich mehr dar, sondern nur noch unter dem Aspekt der ökonomischen Verwertbarkeit. Bildungsabschlüsse sind weder national noch international mehr vergleichbar, Forschungsthemen orientieren sich zunehmend an kommerziellen Interessen (Adieu Geisteswissenschaften), die Lehre leidet unter akutem Geldmangel, Studenten werden im Eilverfahren durchgeschleust, ohne dass sie Eigeninitiative ergreifen müssen, Infrastruktur verfällt.
Der Markt wirds schon richten? Nein, der Staat muss es am Ende richten, weil der Markt lediglich von der Substanz lebt und sie aussaugt.

Ähnlich wie im Bildungssektor läuft es überall, wo es um die Grundversorgung der Bevölkerung mit wichtigen Gütern und Dienstleistungen geht: Wasser, Strom, Telekommunikation, öffentlicher Transport. Die wichtigsten Argumente für Wettbewerb und Privatisierung waren doch, dass Wettbewerb für mehr Effizienz und damit sinkende Preise sorgen würde. Die sinkenden Preise werden allerdings durch Entlassungen finanziert, durch Lohndumping, sinkende Warenqualität, Kinderarbeit in Drittweltländern, längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich und schließlich durch staatliche Bezuschussung.

Schau dir die "günstigeren" Preise auf dem Strommarkt an. Schau dir an, wieviel Wissen du für deine Studiengebühr bekommst. Schau dir an, wie KIK seinen Klamotten herstellen lässt oder wie sich Fertignahrung zusammensetzt. Schau, wie in den letzten sechs Jahren eine Million Menschen ihren Vollzeitjob verloren haben, während inzwischen weit mehr als 10% der Lohnempfänger von ihren Kleinjobs nicht mehr leben können. Die 30 DAX-Konzerne machen 2008 Milliardengewinne, die sie an ihre Aktionäre ausschütten, kündigen aber gleichzeitig Massenentlassungen an und gehen bei der Regierung um Unterstützung betteln, damit Geld für Investitionen da ist. Mehr als 60% der Rentner leben von weniger als 1000 Euro monatlich. Jeder fünfte hat weniger als den Hartz-Satz. So könnt ich endlos weiter machen.
Tatsache bleibt: Es gibt genügend nutzbringende Arbeit, aber sie wird nicht bezahlt, weil sie keinen Gewinn abwirft. Es gibt genug Geld zur Lebenssicherung jedes Einzelnen, aber es befindet sich statt in Zirkulation überwiegend im Privatbesitz einer Minderheit. Aus dem System heraus begründet.

Die privatisierte Rente funktioniert ebenfalls nicht. Lebensversicherungen bleiben weit hinter der Geldentwertung zurück, Fondssparen bietet wie gesehen keine Sicherheit und wird großteils von Bank- und Maklergebühren gefressen usw.

Anstrengende, verantwortungsvolle und anspruchsvolle Jobs mit Wochenend- und Schichtarbeit z.B. in der Kinder-, Kranken- und Altenpflege werden drastisch unterbezahlt und die Löhne sinken stellenweise sogar. Davon ließ sich schon vor der Pflegeversicherung kaum leben. Für die wir alle ein Heidengeld hinblättern müssen, die aber jedem gegenüber vorher nur noch sehr reduzierte Leistungen zugesteht - laut einem Schlüssel. Darum arbeiten sämtliche Einrichtungen praktisch mit 30% weniger Kräften als vor zehn Jahren.
Es gäbe genug Leute, die hier trotz mieser Löhne arbeiten wollten. Sie würden dringend gebraucht, aber sie dürfen nicht. Das ist pervers. Und es beleidigt die Menschenwürde derer, die diese Republik mit eigenen Händen am Laufen halten bzw. aufgebaut haben, wenn an ihrer Gesundheit gespart wird.

Nur ein paar Beispiele von sehr vielen. Und es liegt wie gesagt nicht daran, dass es hie und da zu Missbrauch oder Fehlentscheidungen gekommen wäre. Solange die Grundlage unserer Wirtschaft unbegrenztes Wachstum ist, solange unsere Geldzirkulation auf verzinslichem Schuldgeld basiert und wir als einzelne Mitglieder der Gesellschaft kein direktes Mitspracherecht haben, werden sich immer mehr Werte in den Händen weniger ansammeln. Damit fehlen sie bei der Produktion lebenswichtiger Güter für die Mehrheit.

Bitteschön, das ist für mich keine abgehobene Theorie aus irgendwelchen Büchern oder Filmen, sondern ganz real erlebbar. Ich war an wissenschaftlichen Einrichtungen, bei staatlichen und privaten Pflegediensten, im Baugewerbe, im Transport, bei der Post und bin jetzt selbständiger Einzelhändler. Ich war auch schon arbeitslos. Darüber hinaus lernte ich im Lauf der Zeit eine Menge Leute aus allen Schichten und Landesteilen kennen, die von ihrer Biografie erzählten. Ergebnis bisher: Weder Karl Marx noch Adam Smith haben allein recht behalten. Mein Eindruck deckt sich jedoch eher mit ersterem.

Unsere Welt ist eben nicht begrenzt, weil es sich bei der Welt nicht um einen Kuchen handelt, bei dem sich einige mehr als andere abschneiden (wie von vielen Menschen angenommen). Wir wachsen, eben aufgrund unseres technischen Fortschritts beständig.
...
Was wäre die Alternative zu Marktwirtschaft und repräsentativen Demokratien? Sozialismus? Ist schon einige Male gescheitert - oder findest du Lenin, Stalin und Co. haben da vorbildliche Arbeitgeleistet?
Wirklich, was wäre die Alternative??

Lustig, dass jeder die Frage exakt so stellt, als hätten wir das Ende der Geschichte erreicht oder als wäre außer uns und den ex-Ostblockdiktaturen rein gar nichts vorstellbar.

Die Alternative zur aktuellen Konstellation heißt nicht Sozialismus, wie ihn Marx oder Lenin formuliert haben. Marx war ein wenig weltfremd und Lenin ein bisschen zu sehr down to earth (um nicht zu sagen: skrupelloser Politverbrecher).
Die Alternative hat noch keinen Namen, sondern muss erst geschaffen werden. Man kann sie nicht wie eine Packung Marlboro aus der Tasche ziehen und grinsend in die Kamera halten. Aber es gibt ein paar Dinge die wir verändern können, ja sogar müssen, wenn wir sie als Ursache der Krisen dieser Zeit ausmachen.

Wenn du meinst, unsere Welt sei unbegrenzt, dann schau dir an, was mit einer Kultur in einer Petrischale geschieht, deren Nährboden sich verbraucht hat. Ohne Zufuhr neuer Materie von außen tot wie Uroma Gretel. Wieviel ist unsere Zivilisation noch wert, wenn das letzte bisschen Kupfer abgebaut und der letzte Baum gefällt ist?
Es genügt nicht, die Schultern zu zucken und zu sagen, dass man keine Alternative sieht. Man kann mit Kleinigkeiten bei sich selbst beginnen. Um eine Änderung des Großen Ganzen, unserer Fernziele, unseres Verhaltens als menschliche Gemeinschaft, den Systemwechsel kommen wir trotzdem nicht herum. Wenn ihn unsere Repräsentanten nicht haben wollen, dann müssen wir ihn außerparlamentarisch einfordern.

Der zentralste Punkt ist die Abschaffung von Zinsen und die Kopplung der Geldmenge an reale Güter und Dienstleistungen, sprich, an einen Energiewert, der für ihre Herstellung sowie ihren Transport benötigt wird.
Befreit uns von Wachstumszwang, Spekulationsblasen und Geldentwertung. Sollte das Öffnen der sozialen Schere ausbremsen, ebenso die Umweltzerstörung.

Arbeit muss demnach ebenfalls nach ihrem Energiewert bezahlt werden. Das schränkt die Bandbreite der Löhne stark ein, verlangsamt damit wiederum das Horten, erlaubt aber jedem ein genügendes Auskommen.
Dass Arbeit nach dem Energiewert bezahlt werden sollte, heißt, dass man als Grundlage den Energieaufwand eines Menschen bei der Ausübung seiner Arbeit ansetzen muss. Der ist bei einem deutschen Manager, einem chinesischen Fabrikarbeiter oder einem rumänischen Versicherungsagenten nicht so unterschiedlich, wie uns die jetzigen Löhne weismachen wollen. Wenn man unbedingt Leistungsanreize setzen will, könnte man auch nach Produktivität Zulagen geben: Um wieviel Kilojoule hat die Tätigkeit die Gesellschaft bereichert. Aber das ist schon schwieriger zu veranschlagen.

Es muss eine Obergrenze für privates Eigentum geben, die ruhig großzügig bemessen sein darf. Es sollten jedoch genügend Ressourcen für alle Menschen im Kreislauf verbleiben.
Sparen für Projekte oder für Krisenzeiten ist sicherlich sinnvoll. Geld, das sich nicht in Umlauf befindet bzw. Eigentum, das aus dem Verkehr gezogen ist, ist aber in jeder Wirtschaft wortwörtlich totes Kapital. Deswegen macht unsere Regierung gerade einen Fehler, wenn sie ihre Investitionen nicht erst durch den ganzen Volkskörper laufen lässt. Von dort kommt es sowieso irgendwann bei den Banken an. Nur hat es dann fünf bis sechsmal den Besitzer gewechselt und jedem etwas eingebracht.

Entscheidungsbefugnisse müssen an den Einzelnen oder lokale Gemeinschaften zurückgegeben werden. Normkartoffeln, politisch korrekte Sexualität und Zwangsversicherungen haben in einem zivilisierten Staat eigentlich nichts verloren. Und wenn wir schon die Menschenwürde ins Grundgesetz schreiben, dann soll sie bitte konsequent für alle durchgesetzt werden. Auch und gerade für Leute, die sich keinen Rechtsanwalt leisten können. Unser Leben besitzt schließlich einen Wert über das Finanzielle hinaus. Neben dem Preis gibt es für jedes Ding noch andere Kriterien, etwa Qualität, Quantität, Schönheit oder Zweckmäßigkeit. Man könnte ganze Gesellschaften darauf aufbauen.

Geld ebenso wie Eigentum lässt sich auf lange Sicht sogar ganz aus dem Inventar menschlicher Organisationsformen streichen, wenn jeder seinen schöpferischen Beitrag ins Allmende einfließen lässt, aus dem er sich im Gegenzug auch frei bedienen würde. Das erfordert natürlich enormes Umdenken. Größere, Autarkie anstrebende Gruppen vom Volumen eines Stadtstaates müssten zu Beginn als Kristallisationspunkte dienen.
Es ist genau so denk- und machbar, wie alles, was wir bisher erträumt und umgesetzt haben. Aber wir müssen endlich aufhören, jenen zu vertrauen, die ihre Macht über uns benutzen, sich die Taschen vollzustopfen; Spiegelgefechten Aufmerksamkeit zu schenken, die von der Umverteilmaschine ablenken; den Blick von Armut, Neid, Umweltzerstörung, psychischer Gestörtheit, Monopolismus, Konsumterror, Filz, Grundrechteabbau abzuwenden. All das kann nicht gerechtfertigt werden mit persönlichem Wohlbefinden oder gesamtwirtschaftlichen Profitsteigerungen. Weder Ziele noch Methoden westlicher Lebensart werden dadurch richtiger, dass es einige schaffen, dem Schicksal der Mehrheit auf diesem Planeten zu entgehen.

Also. Was weiter?
Hier stehe ich mit meinen lebenslangen Hass auf das, was Menschen einander antun. Jemand, der keine Ziele mehr hatte, an nichts mehr glaubte, kaum jemand vertraute. Aber Hass und Isolation haben meinen Blick für die Kratzer im Lack unserer Gesellschaft geschärft. Jetzt langsam wird auch deutlich, dass das Knirschen im Getriebe keine Einbildung war. Und es ist vermutlich alles andere als Zufall, dass sich für mich das Puzzle aus Ungereimtheiten gerade zu einem Zeitpunkt krisenhafter Zuspitzung zu einem Bild fügt: Ja, als Einzelne sind wir wehrlos. Es ist schon schwer genug für uns, Zusammenhänge einer verflochtenen Welt zu erkennen. Aber wir können uns mit anderen zusammenschließen. Einer. Dann noch einer. Und noch einer. Und noch einer. Und schließlich stellen wir fest, dass wir auf die Steuermänner gar nicht mehr angewiesen sind. Wir fahren die Karre einfach selbst. Wer kann uns zwingen, die Tagesschau zu sehen? Einen Kredit aufzunehmen? Wählen zu gehen? Für die Deutsche Bank zu arbeiten? Coke zu trinken?
WIR sind doch das Volk, und nicht unsere Repräsentanten oder Arbeitgeber. WIR sind die Mehrheit. Wir sind der Souverän, wenn wir darauf bestehen.

Kommentar von J.: Ich denke Du hast nichts dagegen, wenn ich mich davon demnächst ein wenig inspirieren lasse, nachdem der Herr mir schon meine geliebteste Phrase als Überschrift geklaut hat. ^_-

Du siehst die Mißstände dort, wo mein eigenes Wissen nicht konkret genug ist in Fakten, um es als ordentliche message zu verpacken. Dennoch reden wir von der selben Sache, dabei spielt es keine Rolle, ob zynisch oder idealistisch.
Wie sind die nervigen Motzer, die Schwarzmaler und Besserwisser, wo wir unserer Paranoia freien Lauf lassen, da steckt man lieber den Kopf in den gefärbten Sand eigener heiler Konsumwelten. Solang die Cola noch aus dem Automat kommt, kann die Welt doch nicht so schlecht sein.
Wir sind diejenigen die Augen und Maul aufmachen, jeder auf seine Weise. Einer und noch einer und noch einer.
Fixe Patentlösungen, umzusetzen auf Fingerschnipps, haben wir genausowenig anzubieten wie die laufende Politik. System ist ein steter Wandel, angepasst an die Bedürfnisse des Volkes, kein fixes Konstrukt an das das Volk angepasst werden muß.
DIE Lösung gibt es nicht, aber es gibt andere, humanere, intelligentere, dienlichere. Wir haben sie, ihr habt sie nicht.
WIR sind die Revolution von morgen.

Jetzt wo du's sagst, erinnere ich mich daran. Keke. Da hast du mich wohl unbewusst geleitet, obwohl ich eher die NichtLustig-Karikatur im Kopf hatte.

Hätte nicht gedacht, dass es jemand bis zum Kommentarknopf runter schafft *g*
Ich stimme mit dir überein, dass wir relativ dicht beieinander liegen mit unseren Betrachtungsweisen. Teilweise helfen mir deine Ansichten sogar, den Blick auf Optionen zu lenken, statt bei den Missständen hängenzubleiben. Zum ersten Mal seit langem pflege ich wieder Ideen, die über mich selbst hinausgehen.

Um ehrlich zu sein wachsen mir die Fakten langsam über den Kopf. Ich weiß schon langsam nicht mehr, wo ich was gelesen habe. Letztlich ist es aber wurscht, wer wen mit welchen Mitteln beschissen hat, denn eigentlich handelt es sich dabei ausschließlich um Symptome einer Krankheit, die viel tiefer geht. Leider muss man solche Punkte immer wieder im Einzelnen aufzählen, um begreiflich zu machen, dass es mit ein paar Schönheits-OPs nicht getan ist. Und dass man vielleicht nicht grade jene Finanz- und Politikböcke zum Gärtner machen sollte, die schon längst bewiesen haben, wieviel mehr ihnen der eigene Arsch gegenüber unserem bedeutet.
Wahrscheinlich hatte der alte Karl aber recht, als er meinte, dass der nächste Schritt erst unternommen wird, wenn der Leidensdruck hoch genug ist.

Ich bring dir am Donnerstag mal was zu lesen mit. Sieht so aus, als bastelte da schon jemand an der Arche Noah II :D


Kommentar von F.: Über Fakten wird man kaum jemanden erreichen können, es gibt einfach zu viele davon und für Otto Normalverbraucher ist deren Richtigkeit in keiner Richtung nachvollziehbar. Man zieht sich heute wohl eher den "Faktensatz" seiner Wahl und glaubt was einem ins Weltbild passt (das hat man sich auch vorher wo ausgesucht).

Ideen, Visionen, klare und konkrete Ziele sind wohl eher der Weg zur Aufmerksamkeit.

Und Freibier
Wenn Fakten so egal sind, brauche ich das Gespräch mit anderen nicht.
Hoppla, das ist ja genau der Grund, warum ich mich nur noch selten auf Leute einlasse.
Natürlich kann man sich auch über Gültigkeit oder Bewertung von Fakten streiten. Und ich habe wirklich nichts dagegen, wenn jemand mit dem Thema in Ruhe gelassen werden will, meine Ansichten krude findet oder das Gefühl hat, seine Welt sei eigentlich ganz in Ordnung.
Wie gesagt schreibe ich diese ganzen Dinge für mich selbst auf. Ich möchte Ordnung in meine Erfahrungen und Gedanken bringen. Ich möchte, bevor ich den nächsten Schrtitt tue, sehen, von welcher Situation ich ausgehe. Sonst kann ich nicht wissen, was Sinn ergibt.

Ich glaube, ich habe während der letzten Monate einen gangbaren Weg gefunden. Zumindest für mich. Sieht nach einer eleganten Lösung aus, die sich meiner Ansicht nach auch für den weltweiten Gebrauch eignet. Es gibt doch tatsächlich ein paar Irre, die ähnlich denken und ich will mal sehen, ob ich auf meine alten Tage nicht noch Aussteiger werde ;)

Nichts dagegen, wenn jemand mit mir geht.
Aber alle, denen ich sympathisch sein muss oder die ein extra Zuckerchen brauchen, damit sie zuhören, können sich meinetwegen bis zum letzten Tropfen aussaugen lassen. I don't fucking care.

Und jetzt her mit dem Freibier!
Mir bitte ne Cola.

2009-05-06

Helau?

"Woran krankt also der Kapitalismus? Er krankt nicht allein an seinen Auswüchsen, nicht an der Gier und dem Egoismus von Menschen, die in ihm agieren. Er krankt an seinem Ausgangspunkt, seiner zweckrationalen Leitidee und deren systembildender Kraft. Deshalb kann die Krankheit auch nicht durch Heilmittel am Rand beseitigt werden, sondern nur durch die Umkehrung des Ausgangspunktes. An die Stelle eines ausgreifenden Besitzindividualismus, der das als natürliches Recht proklamierte potentiell unbegrenzte Erwerbsinteresse der Einzelnen, das keiner inhaltlichen Orientierung unterliegt, zum Ausgangspunkt und strukturierenden Prinzip nimmt, müssen ein Ordnungsrahmen und eine Handlungsstrategie treten, die davon ausgehen, dass die Güter der Erde, das heißt Natur und Umwelt, Bodenschätze, Wasser und Rohstoffe, nicht denjenigen gehören, die sie sich zuerst aneignen und ausnützen, sondern zunächst allen Menschen gewidmet sind, zur Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse und der Erlangung von Wohlfahrt. Dies ist keineswegs weltfremd. Es knüpft an eine alte Tradition an, die erst im Übergang zum Besitzindividualismus und Kapitalismus verlorengegangen ist."
Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde am 23.4.09 in der SZ

Dass ich sowas mal in der Süddeutschen finden würde... wer hätt's gedacht.
Lesenswerter, langer Artikel, der, ausgehend von (für meine Begriffe akzeptablen) christlichen Grundwerten die Pflicht des Staates zum Systemumbau begründet.

Ich könnte eigentlich eine kleine Auszeit gebrauchen. Von der Arbeit, vom Telefon, von Krisen. Aber die Welt wartet nicht auf uns.
Ich hätte gern mehr Zeit, um alles einsickern zu lassen. Mit jedem Zusammenhang, der mir klar wird, tun sich neue Quellen auf, die daran anknüpfen.
Z.B. Zeitgeist: Addendum. Hier wie auch bei Böckenförde wird nicht die Gier als Ausgangspunkt genannt. Am Anfang steht der Selbsterhaltungstrieb, den unser Gesellschaftsmodell erst zur Gier hochschaukelt. Der Mensch wäre unter anderen Rahmenbedingungen auch fähig, sich an anderen Maximen auszurichten, behaupten beide. Und stellen sich damit in Gegensatz zu jedem, der keine Alternative zum Kapitalismus sieht.

Ich glaube allerdings, so langsam müsste ich ganz konkrete Konsequenzen aus dem Erlernten ziehen. Erste Schritte, die jeder tun kann. Sei es nur fürs eigene Wohlbefinden, wenn schon nicht als Anfang oder Teil einer Graswurzelbewegung.
Ganz allein wirds allerdings nicht funktionieren. Wahlverweigerung und Boykott der großen Fische - die leichteste Übung. Massenmedien ignorieren - schön, schön.
Aber für dem Ausstieg aus Geld und Zins braucht man dringend mindestens ein, zwei Dutzend Leute unterschiedlichster Berufszweige, um Autarkie zu erreichen. Ohne dieses Element bleibt jedes Bemühen Flickschusterei.