2009-08-29

Was guckstu?!


OMG! Der ist so klasse!

Google Banksy or just watch a slide show.

2009-08-18

1981 (Fundstück)

Fragen: Frank Wiering
Antworten: Samuel T. Cohen

F: Entwickeln Sie gern Waffen?

A: Ehrlich gesagt, ja. Es ist eine Herausforderung. Eine sehr faszinierende Beschäftigung.

F: Was denkt Ihre Frau über die Bombe?

A: Über die Bombe? Meiner Frau ist die Bombe völlig gleichgültig. Sie beschäftigt sich mit Tennis und mit dem Haushalt und überhaupt nicht mit dieser Art schrecklicher Dinge.
...
Wenn ich gefragt werde, ob es nicht unmoralisch sei, Menschen zu töten, aber Eigentum zu verschonen, dann sage ich immer: Die Menschen sind feindliche Soldaten und nur darum geht der Krieg. Eigentum, Zivileigentum zu verschonen ist sicherlich moralisch.
...

F: Was passiert den Soldaten, über denen die Bombe explodiert?

A: Sie werden durch die intensive Bestrahlung mit Neutronen schwere Traumata davontragen. Die meisten feindlichen Truppen innerhalb des Strahlungsgebietes sind in ein paar Minuten außer Gefecht gesetzt. Es ist im wesentlichen eine Wirkung auf das zentrale Nervensystem; sie werden gelähmt. Sie können einfach nicht mehr kämpfen. Bei größerem Abstand greift die Strahlung den Magen-Darm-Kanal an. Die Symptome sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und so weiter. Was sich dahingehend auswirkt, dass sie im wesentlichen funktionsuntüchtig werden.

F: Sterben sie danach?

A: Ja, die meisten Soldaten in diesen ersten beiden Kategorien sterben nach einiger Zeit. Je dichter sie dran sind, desto schneller sterben sie. Diejenigen, die am dichtesten beim Zentrum sind, bekommen wahrscheinlich einen so großen Schock, dass sie sehr schnell sterben.

F: Ist das nicht eine schreckliche Art zu sterben?

A: Jede Art zu sterben ist schrecklich, wenn es soweit ist. Wenn man die physiologischen Auswirkungen der Neutronenbombe mit denen von konventionellen Waffen vergleicht, dann wird man logischerweise zu dem Schluss kommen, dass, wenn man zwischen den beiden wählen müsste, man sich für die Neutronenbombe entscheiden würde.
Der moderne Krieg ist mechanisiert. Man drückt nur noch auf Knöpfe. Es gibt keinen Platz mehr für Helden. Der nächste Krieg wird keine Wiederholung der Grabenkämpfe und Sturmangriffe des Ersten Weltkrieges sein, auch nicht dessen Wiederholung im größeren Maßstab im Zweiten Weltkrieg. In diesen zwei Kriegen gab es häufig die Möglichkeit sich zu sagen: Ich bin tödlich verwundet also werde ich wohl sterben, aber ich nehme noch einige Feinde mit. Im Dritten Weltkrieg wird das kaum mehr vorkommen.
...

F: Mr. Cohen, Sie haben einen Sohn bei der Marine. Wie fänden Sie es, wenn er Opfer einer Neutronenbombe würde?

A: Oh, nein, nein, nicht in der Marine. Die Neutronenbombe wird auf dem Land eingesetzt. Wenn mein Sohn jemals in eine Kriegszone kommt, gehört die Neutronenbombe nicht zu den Gefahren, die ihn bedrohen. Wohl Torpedos und ferngesteuerte Raketen.

F: Was würden Sie in einer solchen Situation für ihn vorziehen, einen Torpedo oder eine Neutronenbombe?

A: Eigentlich lieber einen Torpedo. Denn ein Torpedo, den ich eine umgekehrte Neutronenbombe nenne, vernichtet Material, aber kein Leben. Ein Torpedo soll das Schiff zum Sinken bringen, und mein Sohn kann auf einem Floß oder Rettungsboot entkommen und am Leben bleiben. Mir wäre es also lieber, wenn sein Schiff mit Torpedos angegriffen würde; die Neutronenbombe würde alle töten und das Schiff unversehrt lassen.

F: Wenn wir davon ausgehen, haben Sie dann in den letzten 20 Jahren jemals gedacht: O Gott, was hab ich da erfunden?

A: Nein, niemals. Es ist die mit Abstand wirksamste Selektivwaffe, die jemals erfunden worden ist. Das klingt sehr angeberisch, aber es ist tatsächlich so. So etwas hat es noch niemals gegeben.
...

F: Sehen Sie sich selbst als Wissenschaftler?

A: Nicht mehr. Nicht wirklich. Wenn wir die Psychoanalyse und das Unterbewusste hierbei ins Spiel bringen, mag es sehr seltsam klingen, dass der erste Gedanke, der mir kam, in einer Art freien Assoziation - es wird Ihnen sicherlich eigenartig erscheinen -, dass der erste Gedanke war, dass ich mich selbst als einen Humanisten betrachte.
...

F: Wie kann man eigentlich kreativ sein, wenn man an zerstörerischen Dingen arbeitet?

A: Verzeihung, mein Herr! Die Neutronenbombe ist keine zerstörerische Waffe. Deshalb kann ich diese Frage nicht beantworten.

F: Aber sie tötet Menschen.

A: Sie tötet feindliche Soldaten. Noch einmal, das gehört nun mal leider zum Krieg. Und so ist es immer gewesen. Entschuldigen Sie mich. Ich muss zur Arbeit.

2009-08-16

Der Wert der Werte

Folgende Definitionen habe ich benutzt. Es mag andere oder umfassendere Begriffsbeschreibungen geben, aber das ist nicht Thema des Eintrags.

Ethik ist die Wissenschaft von den sittlichen Werten, Handlungen und Gesinnungen. Meist gleichbedeutend mit Moralphilosophie oder Sittenlehre und damit zusammenfallend mit Philosophie.

Moral = Sittenlehre = Ethik

Moralismus ist die Lehre, dass die Bejahung der Moral Ziel und Zweck des menschlichen Daseins sei.

Wert = Eigenschaft oder Charakter eines Gegenstands. Dieser wird zum Wertträger und lässt sich damit vergleichend einordnen.
Werte werden de facto wie Axiome behandelt, aber es handelt sich eigentlich um wandelbare Maßstäbe.

Axiome sind unbeweisbare, unteilbare, in sich einsichtige und unbestreitbare Grundsätze. Ableitungen aus verschiedenen Axiomen führen nicht zu Widersprüchen.

Wertphilosophie oder auch Axiologie beschäftigt sich mit dem Geltungsbereich von Werten.
Es gibt die Vorstellung absoluter, von Menschen unabhängigen Werten (Wertabsolutismus).
Und es gibt die eine philosophische Richtung, die Werten Geltung nur im Bereich menschlichen Wirkens zugesteht (Wertrelativismus). Zwischen und innerhalb dieser Denkrichtungen bestehen natürlich vielfältige Abstufungen und Unterscheidungen



In meiner Kindheit hatte ich eine Phase, in der ich mich jeder Form von Anstand und Sitte widersetzte. Der Wert gesitteten Benehmens zur Reduzierung von Reibereien und Schaffung einer gemeinsamen Basis stand dabei - aufgrund altersbedingt fehlender gedanklicher Konzepte - weniger zur Debatte, als die konkreten Ausdrucksformen. Es wollte mir nicht einleuchten, weshalb man sein Besteck auf bestimmte Weise anfassen musste, weshalb man bei Tisch nicht rülpsen durfte oder weshalb Kinder Erwachsene zuerst zu grüßen hatten, während jene die Ehrerbietung unerwidert lassen konnten. Ich hatte Sittlichkeit als Willkür erkannt, und niemand hatte mir eine andere Vorstellung davon vermitteln können.
Der hohe Wert einzelner Tugenden wie z.B. Treue verblieb dagegen zunächst unhinterfragt.

In meiner Jugend hatte ich eine Phase, in der ich Moral generell ablehnte, denn es fiel mir auf, dass moralische Regeln dazu benutzt wurden, Handlungen und Ziele zu rechtfertigen, für die es keine andere Grundlage zu geben schien. Wiederum hatte ich Moral als Willkür erkannt. Man konnte sie sich nach Belieben zusammenstoppeln, und nur der Grad der allgemeinen Akzeptanz ihrer Elemente verschaffte ihr Gültigkeit bzw. stempelte sie zur Un-Moral.
Dennoch hatte ich natürlich auch weiterhin Werte, die, wenn ich sie konsequent ernst nahm, bestimmte Formen des Handelns nach sich zogen. Was mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war, war der Unterschied zwischen einer äußeren, übergestülpten Moral einerseits, die man zu befolgen hatte wie ein Gesetz, und andererseits einer inneren Moral, die ich unmöglich ablehnen konnte, denn sie resultierte aus Werten, die ich selbst als richtig erkannt hatte.
Die äußere Moral zu akzeptieren, und sei es nur zum Schein, macht eine Einzelperson zum Mitglied einer (Werte-) Gemeinschaft. Deinen persönlichen Erkenntnissen zu folgen macht dich in dem Grade inkompatibel zu deiner Umwelt, als es in deiner Umgebung an Mitmenschen mangelt, welche deine Werte teilen.

Als junger Erwachsener begann ich den Wert des Geldes in Frage zu stellen. Oder genauer: den Geldwert, den man einem Gegenstand oder einer Handlung zuwies. Offensichtlich war auch der nicht absolut. Preise und Löhne ändern sich ständig, als Reaktion auf Anpassungen im Preis- und Lohngefüge. Eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Komme ich mit meinem Lohn nicht zurecht, verlange ich mehr und bekomme vielleicht sogar mehr. In der Folge steigende Preise bringen mich wiederum in Bedrängnis. Wie kann es anders sein.
Manche nennen das, ausgehend von Gerechtigkeit als Wert, ungerecht. Aber man könnte es auch so sehen, dass ungleiche Verteilung einfach nur unpraktisch ist, wenn man den Erhalt von Menschenleben zum Ziel hat. Würdiges Menschenleben ist ja sogar ein in der Verfassung festgeschriebener Wert. Ihn zu akzeptieren führt zu Schmerzensgeldzahlung im Schadensfall und zur Entgeltung von beleidigter Würde. Wie aber bemisst man den Geldwert erlittener Schmach, eines verlorenen Glieds oder gar des Lebens? Materialwert 2 Euro? Wiederbeschaffungswert eines 18-Jährigen dank Unterhaltskosten 120.000 Euro?

Die Beschäftigung mit Geld(-wert) offenbart einen ganzen Sumpf unlogischer Denk- und Verhaltensweisen, sowie auf Dauer unhaltbarer Mechanismen. Das Ganze völlig unhinterfragt durch praktisch jedermann, den man darauf anspricht. Dabei ist mit der Einordnung des Geldwerts das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Es wird weitaus komplizierter, wenn man in den Bereich der Wertphilosophie vordringt. Was verleiht einem Wert überhaupt Geltung? Gibt es eine Orientierungsmarke, einen absoluten Wert?

Zusammen mit der äußeren Moral hinterfragte ich, soweit ich zurückdenken kann, also etwa dem vierten Lebensjahr, nach und nach Mechanismen des Zusammenlebens und kam zu der Auffassung, dass willkürliche Festlegungen allgegenwärtig sind. Und nicht nur das: Die festgelegten Wertideale und Verhaltensnormen dienen ganz offensichtlich weniger dem Gemeininteresse als dem Vorteil kleiner Gruppen. Wohl wunderte ich mich, dass die zahlenmäßige Mehrheit wenig Elan darin zeigte, den Zustand zu ändern und zu einer inneren Moral zu finden, sondern im Gegenteil auf die Rechtmäßigkeit gesellschaftlicher Normen pochte. Aber ich vermutete zum Einen Defekte meinerseits, die eine Anpassung verhinderten, und tippte zum Anderen auf die unrettbare Verdorbenheit des Menschen als Geschöpf, auf eine animalische Natur, die unsere Vorstellungen wie am Gummiband wieder in die Niederungen des Existenzkampfes zerrte, sobald wir in der Aufrechterhaltung unserer kulturellen Bemühungen für nur einen Augenblick nachließen.

Die Beschreibung der Auslöser meiner Irritation zeigt, wie sehr unser Denken von Wertvorstellungen und Wertmaßstäben abhängt. Wir schaffen mit ihnen Spaltungen zwischen uns und einer Umwelt, mit der wir eigentlich verschmolzen sind. Wir ziehen Grenzen, wo nahtlose Übergänge das Bild bestimmen. Wir identifizieren uns, in absteigender Intensität, mit unserer Familie, unserer Dorfgemeinschaft, unserer Region, dem Staat bzw. Volk, der Rasse und schließlich der Menschheit. Daher bewerten wir die Interessen, auch die Lebensinteressen, von Geschöpfen um so niedriger, je ferner sie uns stehen.

Leben war und ist in allen Kulturen das höchste Gut auf Erden. Ist Leben also die gesuchte Orientierungsmarke, der absolute Wert?
Wertet jeder Mensch das eigene Leben als höchstes Gut, dann haben wir sieben Milliarden verschiedene höchste Werte, noch bevor wir die das Lebensrecht anderer Geschöpfe anerkennen. Mindestens einer der beiden Bestandteile von "eigenes Leben" muss überzählig sein. Entweder ist Leben ein Wert an sich, unabhänig wessen, oder das ganze Konstrukt ist wertlos, weil es bei mehreren gleichartigen Interessen kein universell oberstes geben kann. Im Konfliktfall heben sie sich gegenseitig auf.

Werte sind, zumindest so, wie wir sie täglich ansetzen, relativ. Das mögen liberale Geister in freier Erörterung anerkennen. In der Praxis ist sich dann aber trotzdem jeder selbst der Nächste und wird mit Absolutheit sein eigenes Recht gegen die Ansprüche Anderer verteidigen. Das lässt sich nicht nur im Einzelfall, sondern auch in Betrachtung der Gesamtheit feststellen, etwa dabei, wie wir als Gattung mit dem Leben allgemein umgehen.
Wir tun uns schwer mit der universellen Anerkennung des Lebens. Sowohl als Wert an sich, als auch trotz der Tatsache, dass uns seine Rolle bei der Erhaltung unseres eigenen Lebens bekannt ist.

Bakterien und Algen sind dabei so wichtig, wir sollten ihnen Altäre aufstellen. Ziehen wir ein Tötungsverbot in Erwägung?

Pflanzen, die die Energie des Sonnenlichts unmittelbar zu Nahrung sowie zu Nahrung unserer Nahrungstiere umwandeln, gehören mit zu den wichtigsten Geschöpfen dieses Planeten. Stehen sie unter unserem besonderen Schutz?

Erachten wir das aus Myriaden von Organismen entstandene Kalkgestein als wertvoller denn vulkanischen Basalt?

Viele Tierarten, von Würmern über Insekten und Reptilien bis hin zu Säugetieren (man achte auf die in der Aufzählung enthaltene Wertung) halten ein komplexes Ökosystem in Gang. Ihr "Wunsch", als Individuen und Arten zu überleben ist unübersehbar. Respektieren wir dies?

Ratten, Pferde, Hunde, Delfine, Elefanten besitzen ein Gehirn, das sie nachweislich in hohem Grade lernfähig macht, zumindest in Ansätzen eine Vorstellung von sich selbst als Individuen ermöglicht und auf jeden Fall die Fähigkeit zu trauern, zu leiden und sich zu freuen verleiht. Hält es uns davon ab, sie ihrer Freiheit zu berauben und sie für unsere Zwecke auszuschlachten? Würden wir ein Menschenleben für ein Pferdeleben tauschen?

Schimpansen und andere Menschenaffen sind intelligent, sprachbegabt und ichbewusst. Sie benutzen Werkzeuge und zeigen soziale Fähigkeiten und Verhaltensmuster ähnlich unserer eigenen. Stellen wir sie unter den selben Schutz, den wir uns selbst angedeihen lassen? Haben sie ein Recht auf freie Entfaltung?

Menschen beantworten die Frage nach dem Wert eines bestimmten Lebewesens sehr unterschiedlich. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass sie ihn danach bemessen, welche Rolle das Geschöpf bei ihrer Selbsterhaltung spielt. Fleischesser machen einen Unterschied zwischen einer Katze und einem Rind, während Vegetarier je nach Motivation eine Linie zwischen Säugetieren und dem Rest, Wirbeltieren und dem Rest, zwischen Tieren und Pflanzen oder Mehrzellern und Einzellern ziehen. Kommerzielles Interesse kann die Grenze zwischen schützenswertem und unwertem Leben sogar so eng ziehen, dass sie auch ohne Not zwischen einem Individuum und dem Rest liegt: ultimativer Ausdruck unseres totalen Kriegs gegen die Umwelt.
Indem wir jeden einzelnen Quadratmeter der Erde für uns beanspruchen, systematisch die Nahrungsgrundlage unserer Rivalen zerstören und sie bis zur Ausrottung zu vernichten suchen, unterscheiden wir uns von allen anderen Lebewesen, denen wir eigene Wertvorstellungen absprechen. Da kann man mit reißenden Tigern und Wanderheuschrecken aufwarten, so lange man will: Der Absolutheitsanspruch, mit dem wir die Welt in Besitz nehmen - erobern - hat keine Parallele in der Natur. Er ist eine direkte Folge der Bewertung unseres Menschseins als Krone der Schöpfung.

Und das bringt mich zu der Frage, ob unsere Vorstellung vom "Wert" der Dinge nicht die eigentliche Ursache für viele unserer Probleme ist. Wenn wir keine der gesamten Menschheit gemeinsamen Werte und Bewertungen finden können, nichts, das sich objektiv feststellen, logisch ableiten oder wenigstens erfühlen ließe, dann wäre das gesamte Konzept von "Wert" eine ungeheure, unnötige, ja sogar hoch schädliche Verkomplizierung unseres Daseins. Es brächte uns in Konflikt mit uns selbst und mit unserer Umwelt, weil es eine extremistische Sicht auf eine unwertig beschaffene Wirklichkeit darstellen würde.

Den Konjunktiv kann ich mir eigentlich sparen, denn Schadverhalten ist ohne Zweifel feststellbar. Wir leben Moralismus, die Verehrung des Wertesystems, mit uns selbst als höchstem Gut darin. Daher betrachten wir uns als Selbstzweck, als "Wert an sich". Es gibt hinsichtlich Körpermerkmalen und einzelner Überlebenstechniken schnellere, robustere, begabtere und wahrnehmungsempfindlichere Lebewesen als uns. Doch das einzige Merkmal, mit dem wir evolutionär die Nase vorn haben, das Gehirn, erfindet den Begriff "Wert" und reißt sich bei diesem selbst gewundenen Zopf aus der Gemeinschaft des Lebens heraus und erhebt sich über selbige.

Nicht sogleich. Nein.
Aber ganz speziell unsere grade mal ein paar tausend Jahre alte Kultur des Anhäufens von Gütern und Vernichtens des ganzen Restes.
Unsere Kultur, die sich selbst von dem abspaltet, was sie als ihre natürliche Lebensgrundlage bezeichnet.
Unsere Kultur, die Konzepte von "Normalität", "Harmonie" und "Humanität" erfindet und damit eingesteht, diese Ideale bisher nicht verwirklicht zu haben.
Unsere Kultur, die sich selbst Wert zuschreibt, während sonst keine Instanz des Universums das bestätigen möchte.

2009-08-14

Wahlomat

Kleiner Nachtrag zum gestrigen Thema.
Unter besagten Laternen standen wir nun, wir Standler all', und an einer jeden hing so ein Plakat für die Gemeinderatswahl. Die reinste Rübensammlung. Da hab' ich mir notiert:
  1. Alle Kraft für Wesseling
  2. Frischer Wind für Wesseling
  3. Wesseling hat Zukunft!
  4. Weitblick und Gespür für Wesseling
  5. Stark vor Ort
  6. Bildung und Gerechtigkeit
Such dir den Spruch raus, der programmatisch (chrrrchchch) am ehesten zu deiner Einstellung passt, und schau dann, welche Partei du wählen müsstest.
  1. amtierender BM
  2. GRÜNE
  3. CDU
  4. SPD
  5. FDP
  6. LINKE
Partei 3 macht mich neugierig. Gibt es Pläne von Seiten des politischen Gegners, die Stadt einzuebnen?
Partei 5 hat auf ein Foto verzichtet. Das selbe Plakat hängt in allen Gemeinden.
Partei 6 dürft ihr auf gar keinen Fall wählen, weil die anderen dann ganz böse werden. Außerdem wollen sie Bildung und Gerechtigkeit nur für alle, nicht ausdrücklich für Wesseling.

Wie sie da alle hängen

Liebe Politiker und Steigbügelhalter des Kapitals, habt endlich Erbarmen mit eurem Volk und nehmt eure dämlichen Visagen aus der Kamera. Wer will eure hässlichen Rüben sehen, die Augen voller Falschheit, die vertrockneten, blutleeren Lippen zu einem sardonischen Lächeln verzogen, Münder, aus denen noch nicht einmal mehr Lügen quillen, sondern nur noch leere Phrasen ... Wende ... Reform ... Aufschwung ... Chancengleichheit ... Schuldenabbau ... Freiheit verteidigen ... Zukunft sichern ... Arbeitslosigkeit reduzieren ... Seit Ewigkeiten die selbe Leier, langweilig, berechenbar, nichtssagend. Da war man direkt froh, dass der ewige Aufschwung zwischendrin mal von sowas wie "Terrorgefahr" unterbrochen wurde.

Helmut Schmidt, das war dieser Kanzler, den sie heute so verehren. Der hat sich schon vor 30 Jahren über die von seiner Partei mitverschuldete Erwerbslosigkeit beschwert. Zwei Millionen Bittsteller sind zuviel, hat er gemeint. Und er begab sich an die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit.
Zweieinhalb Millionen erst. Dann drei. Dann vier und fünf. So erfolgreich haben die Jungs da oben dem entlassenden Gewerbe ins Gewissen geredet, jetzt haben wir wahrscheinlich sieben oder acht, die Hälfte davon verdeckt. Man sollte das honorieren. Ja, mehr wählen sollte man. Wenn wir mehr wählen würden, könnten unsere Parlamentarier mit dem ganzen Rückhalt aus der Bevölkerung noch sehr viel mehr erreichen. Zwanzig Millionen Menschen am und unter dem Existenzminimum, das wäre dann ein Klacks. Die Wirtschaft würde boomen, die Aktienkurse in den Himmel schießen und bis zu 17,5% der Leute könnten sich sogar ein Auto leisten. Wir hätten Millionen 1-Euro-Jobs bei der Bundeswehr. Werdet Feldjäger!, würd's heißen. Verteidigt die Freiheit der Neo-neuen Bundesländer am Hindukusch! Jawohl, schickt die paar läppischen Amis nach Hause, wir machen das selbst.

Schulden? Wer hat hier grad Schulden gesagt? Die lumpigen paar Billionen Euro machen uns doch nicht bange! Unser Arsch gehört jetzt zwar den Banken, aber hey - denkt doch mal ein bisschen mit, Leute. Da stehen hunderte von Arbeitsplätzen auf dem Spiel. Die wollen auch von was leben.
Jetzt kneift aber mal die Hinterbacken zusammen und spuckt in die Hände, dann kriegen wir wenigstens die Zinsen bezahlt, wenn schon nicht den Rest. Dafür sind wir schließlich eine Solidargemeinschaft. Wenn ihr mit 78 in Rente geht, wollt ihr schließlich auch eure Lebensmittelmarken beantragen dürfen.

Ja, Leute, geht wählen. Egal was. Es spielt eh keine Rolle mehr. Hauptsache, die Fratzen verschwinden schnell wieder aus dem Stadtbild, damit die Laternen wieder Leuchtmittel sein dürfen; und nicht Notgalgen für Bilder von Verbrechern, die sich früher noch die Mühe gemacht hätten, persönlich dort zu hängen.

2009-08-08

Durch Markt und Bein

Wenn mein Name Minka wäre, würde ich mir wegen meines Frauchens ernsthaft Sorgen machen. Warum müssen Katzenmuttis meist so aussehen, als ob sie alles verspeisen, was nicht bei drei auf den Kratzbäumen ist? Wahrscheinlich kaufen sie das Futter nicht für ihre Vierbeiner, sondern für sich selbst. Was erklären würde, warum es immer das Billigste sein muss: damit nur ja der Wanst voll wird...

Dann machte mich heute zum zigsten Mal jemand mit diesen blöden Ochsenziemern kirre. Die seien bei mir aber arg teuer. €3,90 sind's, die für ungefähr 80-90cm getrockneten Pimmel anfallen.
Ehrlich gesagt - das ist mir piepegal. Dann geht zum Fressnapf oder zur Hölle und holt euch da einen vom Haken.
Warum so teuer?
Antwort: Wenn ich an meiner Ware nicht einen gewissen Schnitt mache, bleibe ich besser zu Hause, denn die Kosten für Einkauf, Platzmiete und Betrieb des Fahrzeugs wollen ebenso eingespielt werden, wie Miete, Strom, Wasser, Nahrung, Versicherungen usw.

Wenn man's genau nimmt, müsste der Ochsenpiesel zigtausendfach teurer sein. Ich hab grad keine genaue Zahl parat, aber wenn man einem Menschen seine paar Zentimeter Schniedel abschneidet, kostet das mehrere Millionen Euro. Wieviel länger ist dagegen das beste Stück des maskulinen Rinds, und wieviel seltener: 1,5 Milliarden Rinder gibt es weltweit (der allergrößte Teil davon weiblich), dagegen ungefähr 7 Milliarden Menschen.

Überhaupt - wer legt diese irrsinnigen Preise fest? Ist ein Leben nur ein paar Euro fuffzich wert? Oder machen am Ende Millionen Euro den Verlust der Potenz wett?
Der Zauber um's Geld gehört zum Perversesten, was mit menschlichem Verhalten verbunden ist. Dabei haben die Wenigsten eine Vorstellung davon, wie es "geboren" wird, welchem Zweck es dient und welcher Natur ihre persönliche Rolle im Verteilungsprozess ist. Es wird ganz einfach nicht hinterfragt. Wie kann etwas als so wichtig für uns und unsere Gemeinschaft erachtet und trotzdem als so selbstverständlich hingenommen werden?

2009-08-03

Lass mich dein Kopfschmerz sein

Der Samstag begann mit Arbeit in Brühl, setzte sich auf der Animagic in Bonn fort und er endete in Godesberg - wie so oft - in einer Diskussion, die sich über Mitternacht hinweg in den frühen Morgen ausdehnte. Obwohl es eigentlich um ganz andere Themen ging und es DAS bestimmt nicht war, worauf wir hinaus wollten, gelangen uns neue Erklärungen für das Fermi-Paradoxon.

Eins
Wir sind tatsächlich allein. Ein leeres All ist hochgradig unwahrscheinlich, aber denkbar, wie man sich beispielsweise einen Punkt ohne räumliche Ausdehnung vorstellen kann.
Die Wahrscheinlichkeit widerspricht einem leeren, nicht aber der Idee eines nur gedachten Alls. Wenn sich jemand ein leeres All denkt, mit uns als einzigen Bewohnern darin, würden wir es exakt so sehen: leer. Wir wären Teil einer perfekten Illusion. Künstliche Lebewesen in einer Simulation, die simpel genug gestrickt ist, nur eine einzige Population zu enthalten.
Solange unsere Wahrnehmung und unser Bewusstsein eingeschränkt sind, lässt sich das aber schwer feststellen.
Die Überlegung an sich ist irrelevant, weil wir lediglich innerhalb der Vorgaben des Denkers handeln können. Unsere Wahrnehmung des Universums würde nur widerspiegeln, was der, der uns denkt, darin eingeplant hat. Wenn er seinen Kreaturen tiefere Erkenntnis vorenthalten will, werden wir ihn aus eigenem Antrieb wohl nicht überlisten können.

Alle weiteren Erklärungsversuche gehen davon aus, dass wir, der Wahrscheinlichkeit folgend, nicht allein sind. Wenn es andere Zivilisationen gab und gibt, würden sie in der schieren Größe des Universums so zahlreich sein, dass die unterschiedlichsten Lebens- und Zivilisationsentwicklungen - mehrfach - stattgefunden haben müssen. Die Wahrscheinlichkeit eines Kontakts wäre aufgrund der vielfältigen Kommunikationsmethoden wiederum sehr hoch. Da trotzdem keine zu uns durchdringt, muss es einen überall wirksamen Faktor geben, der Kontakte verhindert. Vielleicht sogar grundsätzlich.

Zwei
Hypothese 2 benutzt wiederum die Voraussetzung, dass Wahrnehmung und Bewusstsein uns am rechten Sehen hindern. Was, wenn unsere Vorstellung von Realität und ihrer Abläufe (z.B. Kausalität) bzw. der Form und Zusammensetzung des Alls uns von anderen Weltbildern trennt? Dann könnte es keine Kommunikation mit anderen Lebensformen geben, denn es gäbe keine Schnittmenge zwischen ihrer und unserer Wirklichkeit.
Das Problem könnte zum einen darin liegen, dass unser Weltbild (nur) die Wahrnehmung von Außerirdischen verhindert.
Es könnte aber auch darin liegen, dass wir - ungeachtet unserer Fähigkeiten - tatsächlich anderen physikalischen Realitäten unterworfen sind, als alle anderen Völker. Beides ließe sich mit der Zeit vielleicht überwinden.

Drei
Falls Intelligenz auf Erlösung hinausläuft, auf Freiheit von jeglichem Zwang, Einfluss, Streben, löscht es sich mit Erlangung absoluter Freiheit selbst aus. Es hieße ja auch Befreiung von biologischen Fesseln wie dem Selbsterhaltungstrieb.
Der Zustand könnte relativ früh auftreten. Prinzipiell besaß z.B. die Menschheit spätestens vor 2500 Jahren das philosophische Handwerkszeug dazu.
Mildere Variante von Hypothese 3: Ein gewisser Grad der Erkenntnis erlöst das Leben vom Streben nach endloser Ausdehnung. Denn was wäre schon gewonnen, wenn man andere Welten besiedelte. Im Prinzip genügt es, mit dem eigenen Planeten in Einklang zu leben.

Vier
Gibt es einen galaktischen Frosch, der still in seinem schwarzen Loch sitzt, bis sich in seiner Nähe eine Fliege bewegt, er die Zunge herausschnellen lässt und das Tier verschluckt?
Mit anderen Worten: Sind interstellare Kommunikation und Raumfahrt lebensgefährlich?
(note to self: Hypothese 4 BILD und P.M. zum Abdruck anbieten ;)