2009-09-29

Partizipation

Eine Serie von Einträgen soll in den kommenden Tagen und Wochen künftige Gesellschaftsformen unter die Lupe nehmen, die sowohl den Willen der Bevölkerung stärker zu zum Ausdruck bringen, als auch innerhalb einer Lebensspanne verwirklichbar wären.
Richtig - ich werde über etwas schreiben, das es laut Politik und Mainstreammedien gar nicht geben darf, weil das gegenwärtige System das einzig wahre sei, und das beste, das wir je hatten und haben können. Trotzdem findet man bei näherer Beschäftigung mit dem Thema Partizipation schon kurz nach dem Einstieg mehrere Varianten geteilter Verantwortung, die Quoten bis zu 100% direkter Volksbeteiligung zulassen.

Inwiefern das deutsche Demokratiemodell darin versagt, das Volk zu beteiligen und Probleme zu bewältigen, habe ich schon mehrfach dargelegt. Hatte diese besondere Form der Staatsorganisation durch seine Fortschrittlichkeit gegenüber Weimar und dem Dritten Reich nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine gewisse Berechtigung, so kann sie heute nur als rückwärts gewandt bezeichnet werden. Sicherheit wird Vorrang gegenüber Freiheitsrechten gewährt, Kapital vor Lebensqualität, streng hierarchische obrigkeitsstaatliche Gliederung will auch im sechzigsten Jahr der BRD keinen Millimeter egalitären oder wenigstens partizipatorischen Änderungen am Staatsaufbau weichen.

Dabei ist Änderung die einzige Konstante, die wir in der Natur ebenso beobachten können wie in der Kultur. Warum Menschen glauben, sie wären den alles transformierenden Kräften des Universums nicht unterworfen, sondern könnten ihnen trotzen, ist schwer zu verstehen. Diese kindische Einstellung erfreut sich heutzutage jedoch allseitiger Beliebtheit, insbesondere dort, wo Gesellschaften Wettbewerb fördern, Starke belohnen, Erfolglose marginalisieren und Fehler stigmatisieren.
Änderungen als notwendig zu erachten ist hier gleichbedeutend mit dem Eingeständnis des Versagens. Wo sie unvermeidlich sind, werden sie als bloße Variante einer insgesamt erfolgreichen Linie getarnt, der man treu bleibe.

So finden wir unter dem Sammelbegriff Demokratie nach zweieinhalbtausendjähriger Entwicklung die unterschiedlichsten Staatsformen.
Nur zur Auffrischung: Seit in der Antike damit experimentiert wurde, war mal lediglich eine kleine, besitzende Kaste wahlberechtigt, mal alle männlichen Weißen mit Bürgerrecht, mal auch alle weißen Frauen. Irgendwann erhielten Andersfarbige Wahlrecht. In den letzten Wochen hörten wir Stimmen, die das Wahlrecht auf beruflich aktive Bürger eingrenzen wollen, so dass beispielsweise Rentner und Arbeitslose herausfallen.
Es gibt die Idee der direkten Demokratie, also des Plebiszits, mit dem das wahlberechtigte Volk über Sachfragen abstimmen darf. Am weitesten verbreitet ist heute jedoch die repräsentative Demokratie, in der einige wenige gewählte Volksvertreter Entscheidungen treffen. Diese Repräsentanten werden teilweise direkt, teilweise über Parteilisten, teilweise über Mittelsmänner gewählt. Es gibt Einkammer- und Zweikammersysteme. Machtbefugnisse der Regierung können den Entscheidungsspielraum von Repräsentanten bzw. Volk mehr oder weniger einengen.
Je nachdem, wie sich der Staat historisch entwickelt hat. Selbst sozialistische Staaten nahmen und nehmen für sich in Anspruch, demokratisch organisiert zu sein.
Demokratisch ist das, was jene definieren, die ihre Vorstellungen durchzusetzen vermögen. Mit dem Volkswillen hat das nicht zwingend zu tun, wie man in Irak und Afghanistan derzeit unschwer verfolgen kann.

Wer sich also in einem System einrichtet und nur die Strukturen nutzt, die dort vorgesehen sind, macht sich die Interessen einer Gruppe von Profiteuren zu eigen. Wandel, der ohnehin kommt, ob wir wollen oder nicht, wird selten zu unserem Vorteil sein, wenn wir ihn nicht einfordern. Partizipation muss daher stets mehr sein, als zu wählen oder sich zur Wahl zu stellen. Partizipation hat mit Kommunikation zu tun, mit Eigeninitiative, mit Einmischung, mit Widerspruch und vor allem mit Opposition gegen jede Maßnahme, die die Zahl der Beteiligten reduzieren oder eingeschränkt halten soll oder Ähnliches mit den Teilnahmemöglichkeiten vorhat.
Wer das Bestreben eines Bundesinnenministers Schäuble als undemokratisch oder gar bedrohend empfindet, darf konsequenterweise ruhig noch einen Schritt weiter gehen: Wo z.B. wirtschaftliche oder kulturelle Schranken das Überleben des Einzelnen, die freie Entfaltung der Persönlichkeit, den Informationsfluss und die Meinungsbildung behindern, besteht Notwendigkeit zu verstärkter Partizipation. Wir brauchen mehr Einflussmöglichkeiten, denn die bisherigen erweisen sich als unzureichend.

Ein paar der Möglichkeiten, die entweder durch Umbau der Gesellschaft oder Änderung des eigenen Verhaltens zu mehr persönlichen Einfluss aufs Gesamtgeschehen führen, schildern die nächsten Einträge. Dort soll es um kleine, aber wirkungsvolle Änderungen des Wahlrechts gehen, danach um alternative Wahl- bzw. Demokratiemodelle. Jenseits des Demokratiegedankens begegnen wir vollpartizipatorischen Gesellschaften. Den vorläufigen Abschluss der Artikelserie bilden dann Lebensweisen, die sich nicht mehr der formenden Kraft sozialer Gemeinschaften unterwerfen, sondern diese als Nebenprodukt menschlichen Daseins entwickeln.

2009-09-26

Das Wort zum Sonntag

Wie es aufrechten Demokraten wohl ansteht, bekunden wir frei und öffentlich unsere Kritik an der Schande, daß von deutschem Boden wieder Krieg ausgeht, obwohl das vereinigte Deutschland den Völkern der Welt feierlich geschworen hatte, daß es - außer zur Verteidigung - keine seiner Waffen jemals einsetzen würde. Solcherart Beliebigkeit im Umgang mit völkerrechtlichen Verpflichtungen demonstriert nur allzu gut, wie weitgehend der vermeintlichen politischen Elite dieser Republik Rechtsbewußtsein und Gesetzestreue sowie Anstand und Moral abhanden gekommen sind. Nicht zuletzt dies markiert die Tragik der Demokratie unserer Tage.
(Jürgen Rose: Was sucht die Bundeswehr am Hindukusch? 13.4.2009)

Viel Geld als Sold kann nur bewirken, dass man sich vertraglich zu Einsätzen wie den in Afghanistan verpflichtet, der normale Soldat erwartet aber dabei einen möglichst risikolosen Einsatz. Der wurde und wird zwar zugesagt. Aber die Realität sieht immer mehr anders aus. Es wird eben auch in Afghanistan verteufelt gefährlich. Und wenn es dann schon um Risiko geht, dann werden Soldaten nicht nach dem Risiko bezahlt, sondern nach Dienstgrad und Funktion. Dabei ergibt sich die paradoxe Situation, dass das Risikogeld gar nicht nach dem realen Risiko gezahlt wird, dem kämpfende Soldaten unterliegen. Denn das gezahlte Risikogeld für Militäreinheiten hängt entscheidend vom Dienstgrad ab. Und je höher dieser ist, desto höher ist das Geld, der Sold, aber desto geringer ist das Risiko zu sterben oder zum Krüppel geschossen zu werden [...] Das schafft Erbitterung in der Truppe. Folglich kann man Soldaten und Soldatinnen nur noch mit der Zusage des sehr geringen Risikos oder mit Straf- oder Sanktionsandrohungen dazu bringen, den Kopf hinzuhalten. Zur Bestrafung und Sanktionsverhängung sind dann wieder die Offiziere da, die am höchsten bezahlt werden und das geringste persönliche Risiko zu tragen haben.
(H-J. Falkenhagen und Brigitte Queck in: Tlaxcala.net, 27.10.2008)

Nicht ein einziges Mal in den letzten zweihundert Jahren hat ein muslimisches Land den Westen angegriffen. Die europäischen Großmächte und die USA waren immer Aggressoren, nie Angegriffene. Seit Beginn der Kolonialisierung wurden Millionen arabische Zivilisten getötet. Der Westen führt in der traurigen Bilanz des Tötens mit weit über 10 : 1. Die aktuelle Diskussion über die angebliche Gewalttätigkeit der muslimischen Welt stellt die historischen Fakten völlig auf den Kopf. Der Westen war und ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt. Nicht die Gewalttätigkeit der Muslime, sondern die Gewalttätigkeit einiger westlicher Länder ist das Problem unserer Zeit.
(Jürgen Todenhöfer: Warum tötest Du, Zaid?)

Die beteiligten Unternehmen haben mit dem Boxer einmal mehr ihre beeindruckenden Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Deutschland braucht auch zukünftig eine starke wehrtechnische Industrie. Innovative Fahrzeuge wie der Boxer sind die richtigen Produkte, um die weltweite Spitzenstellung zu untermauern
(Bernd Siebert, MdB CDU 24.9.09)

Es wird aus den Dokumenten erschreckend klar, dass die "Hoheitsträger" an die im Parteiprogramm verkündeten Grundsätze weder selbst glaubten noch sich hielten; dass vielmehr Prinzipienlosigkeit ihr einziges Prinzip gewesen ist. Alles erlaubten sie sich, und alles war erlaubt, wenn es nur nicht ihrem einzigen Ziel im Wege stand, der Vorbereitung und Führung des imperialistischen Krieges, den sie brauchten, um sich persönlich an der Macht zu halten. Denn Herrschsucht war das treibende Motiv ihres Denkens und Handelns; Herrschsucht verbunden mit Habsucht und Genusssucht. Darin trafen sie sich mit ihren Auftraggebern, den Führern der Wirtschaft, den profitgierigen Industriellen und Bankiers, die auch einen Weltkrieg gewissenlos in ihre Geschäfte einkalkulierten. Um sie sammelte sich das ganze Gesindel der Stellenjäger und Speichellecker, der Mitläufer und Nutznießer.
(T.R. Emessen: Aus Görings Schreibtisch, 1947)

2009-09-21

Paralleluniversum?

"Große Koalition: So war’s!
Arbeitslosigkeit gesenkt, Krise bekämpft, Familien gestärkt: Die Bilanz der Großen Koalition kann sich sehen lassen."
Die Zeit, 19.9.09

Am liebsten hätt ich rückwärts gegessen. Doch zum Glück war ich beim Lesen noch nüchtern.
Was ist dran an dieser Schlagzeile?
Ich habe mich heute früh in die Arbeitsmarktstatistiken der letzten Jahre vertieft und versucht, mir einen Überblick zu verschaffen. Die letzten vergleichbaren Zahlen fand ich für 2008, aber das genügt, um den Artikel als Farce zu entlarven:

Arbeitsmarktstats2008 (in Mio.)
Erwerbslose3,27
stille Reserve0,47
stille Reserve in Maßnahmen0,67
ausschließl. geringfügig Beschäftigte
(Einkommen unter 400 EU)
4,89
Leiharbeiter0,79
Kurzarbeiter0,30
1-Euro-Jobber0,76
Arbeitslose als Existenzgründerca. 0,20
gemeldete Personen in prekären Verhältnissen11,35


Die im Artikel proklamierte Verbesserung gegenüber den Zuständen bei Beginn der großen Koalition ist allein schon angesichts der stillen Reserve praktisch null.
Hinzu kommen unerwartet hohe Zahlen von prekären Beschäftigungsverhältnissen.
2009 sieht's noch wüster aus.

Wie ist's dann um den zweiten Punkt bestellt? Die Krise bekämpft?
- Steinbrück, seine Partei und seine Berater haben die Krise selbst heraufbeschworen, indem sie nicht nur den Aktienmarkt liberalisiert haben, sondern auch noch forderten, dass sich Banken mit staatlicher Beteiligung selbst an der Zockerei beteiligten.
- Wie ist es außerdem möglich, dass die HRE nur einen Tag nach Ablauf der Haftung des Mutterkonzerns pleite gehen konnte?
- Kann man eine Krise bewältigen, indem man ihre Folgen in Form von Schulden auf eine ferne Zukunft verschiebt? Diese Schulden sind während der großen Koalition von 1,4 auf 1,6 Billionen Euro angestiegen. 200 Milliarden mehr; so viel, wie in den ersten 30 Jahren der BRD.
- Ganz abgesehen davon ist noch nicht raus, ob die Wirtschaft über'n Berg ist. Angesichts 1,2 Millionen Kurzabeitern mag man da eher zweifeln.

Haben unsere Recken dann etwas für die Familie getan?
2004 lebten ca. 1,5 Millionen Kinder von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe ihrer Eltern.
2007 spricht der Kinderreport Deutschland von 2,5 Millionen betroffenen Kindern, im Bericht für 2008 von knapp 3 Millionen. Mehr will ich gar nicht mehr wissen.
Wer heute Nachwuchs in die Welt setzen möchte, sollte überlegen, ob er nicht lieber ein Apfelbäumchen als krisensichere Investition pflanzt.

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Ergänzung 23.9.09
"Rund 10,5 Millionen Menschen in Deutschland arbeiteten im Jahr 2008 in sogenannten atypischen Beschäftigungsformen; das entspricht einer Quote von 32,4 Prozent der Erwerbstätigen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung (16/13991) auf eine Kleine Anfrage (16/13907) der Fraktion Die Linke hervor."
Weiter heißt es da:
"Die Erwerbsquote junger Menschen bis 25 Jahre lag im Jahr 2008 bei 52,6 Prozent und hat sich damit kaum gegenüber dem Jahr 2000 (52,4 Prozent) verändert, schreibt die Regierung."
(Quelle: Dt. Bundestag)

G-Tier

Die FDP-Innenexperte Max Stadler hält die allgemeinen Terrorwarnungen von Unionspolitikern für falsch. Er könne die Informationspolitik der Bundesregierung und anderer Politiker nicht nachvollziehen. Diese warnten und fügten gleichzeitig hinzu, dass es keine konkreten Hinweise gebe. "Das führt nur dazu, dass die Bevölkerung Terrorwarnungen nicht mehr ernst nimmt und ein Gewöhnungseffekt eintritt", sagte Stadler der "Berliner Zeitung".
(Tagesschau.de, Nachrichten, 11.8.2009)

Pflüger erinnerte an die in den 50er Jahren geführten Auseinandersetzungen gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands und damit an die erste Niederlage der Friedensbewegung. Er zog den Vergleich zu der in den letzten Jahren erfolgten langsamen Gewöhnung der Deutschen an Kriege - über die Blauhelm-Einsätze und so genannte friedenserhaltende Maßnahmen bis zum ersten Kriegseinsatz in Jugoslawien und zur Verteidigung der deutschen Sicherheitsinteressen am Hindukusch. Inzwischen rege sich fast niemand mehr auf, wenn Einsätze in allen Teilen der Welt auch mit einem "robusten Mandat" erfolgten.
(Neue Rheinische Zeitung, "Blumen für Stukenbrock", 12.9.2006)

Ob auf dem Weihnachtsmarkt, beim Berlin-Marathon, der Weltmeisterschaft oder beim Weltwirtschaftsgipfel: Insgesamt ist die Bundeswehr "näher am Bürger". Es wird signalisiert: Ohne Militär läuft nichts. Die Bevölkerung soll sich an den Anblick von - auch bewaffneten - Soldaten im Straßenbild gewöhnen. Im Hintergrund steht die Forderung vor allem der Unionsminister, dass die Bundeswehr im Inland auch regelmäßig ordnungspolizeiliche Funktionen übernehmen soll. Nachdem eine Gewöhnung an Auslandseinsätze durch eine "Schritt-für-Schritt"-Politik (so der frühere Verteidigungsminister Volker Rühe 1992) weitgehend gelungen ist, soll dies nun auch für Inlandseinsätze gelten.
(Friedensforum, "Inlandseinsätze der Bundeswehr nehmen zu", 2007)

Die Ausrottung der eigenen Rasse ist kein leicht begreflicher Vorgang [...] Außer verbranntem Land, vergiftetem Wasser, strenger Stille, da und dort einer Muschel, gelegentlich einer Schabe, hier und da einem Grasbüschel, den Trauben eingesalzter Leichen, die in den südatlantischen Zeitfalten schwammen wie Flöße aus Dörrfleisch, gab es nichts mehr.
Brian Overwhite hatte unrecht. Der menschliche Geist konnte sich an alles gewöhnen. An Kindesmisshandlung durch Eltern. An Auschwitz. Und ebenso an das Sonnentodsyndrom. Es ist bloß Blut, sagte der Verstand. Es sind nur Schmerzen. Die Aufgabe ist lediglich, Menschen in Öfen zu schieben. Was wir erleben, ist einfach nur das Ende der Welt.

(James Morrow: So muss die Welt enden, 1986)

In the end, our values are based on what works and helps us create easier, better lives. If we live in a system that rewards competition, unenlightened self-interest, corruption, vanity and arrogance, then these are the values that will constantly be perpetuated in society. While many people give lip service to ‘honesty, caring for others and humility’, it is easy to see why these qualities do not prevail, for the system of survival in society today does not support or reinforce them [...]
Therefore, if we want to alter the behavior of people, we have to alter the social conditions. We want to ‘design out’ the flaws. We design out the need for paper proclamations and laws.

(Peter Joseph et.al.: Observations and Responses, 2009)

Vor einigen Jahren erinnerte uns Professor Bixler an die Gefahren eines allzu angepassten Lebens. Jedermann versucht, sich nach Kräften anzupassen. Natürlich müssen wir uns anpassen, wenn wir weder neurotisch noch schizophren werden wollen. Aber es gibt auch Dinge auf der Welt, denen Menschen guten Willens sich niemals anpassen dürfen. Ich bekenne, dass ich nicht die Absicht habe, mich jemals an die Übel der Rassentrennung und die lähmenden Wirkungen der Diskriminierung zu gewöhnen, an die moralische Entartung religiöser Bigotterie, an die zersetzende Wirkung engherzigen Sektierertums, an wirtschaftliche Bedingungen, die den Menschen Arbeit und Brot vorenthalten, an krankhaften Militarismus und an die selbstzerstörerischen Auswirkungen körperlicher Gewalt. Menschliche Rettung liegt in den Händen des schöpferischen Nonkonformisten.
(Martin Luther King: Gewandelte Nonkonformisten)

2009-09-20

The Devil is in the House

Vor drei Jahren:
Rede des Präsidenten von Venezuela, Hugo Chávez, vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, 20.9.2006

Mit der Feststellung, dass es nach Schwefel rieche, sowie einer Buchempfehlung eröffnete Chávez eine der bemerkenswertesten Reden in der über 60jährigen Geschichte der Weltorganisation. Im Namen der Länder des Südens machte er in drastischen Worten deutlich, wie er das Verhalten der Industriestaaten sieht:

"Sie wollen uns das demokratische Modell aufzwingen, wie sie es verstehen: die falsche Demokratie der Eliten. Und außerdem ein sehr originelles demokratisches Modell: durchgesetzt mit Bomben, mit Bombenangriffen und durch Invasionen und Kanonenschüsse! Was für eine Demokratie! Man müsste noch einmal die Thesen von Aristoteles lesen, oder? Und die der ersten, die dort in Griechenland von der Demokratie gesprochen haben, um zu sehen, was für ein Demokratiemodell das ist, das durch Marines, durch Invasionen, durch Aggressionen und Bomben durchgesetzt wird."

Die vollständige Rede gibt es in deutscher Übersetzung und als 24minütiges Video mit englischer Synchro - und unsäglichen Untertiteln. Eine begeistert applaudierende Vollversammlung sowie eine sichtlich erboste Fox-Moderatorin geben dem Mitschnitt dafür eine würzige Note, die dem Transkript fehlt.

2009-09-18

-veau ist das Ni- ?

Der Teufel warnt vor dem Beelzebub:

SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier warnte vor einem massiven Sozialabbau im Fall einer schwarz-gelben Bundesregierung. Union und Liberale wollten bei einem Wahlsieg die Mehrwertsteuer erhöhen und die beschlossenen Mindestlöhne zurücknehmen, sagte er am Mittwochabend bei einer Wahlkundgebung vor dem Münchner Rathaus.
Gleichzeitig wolle Schwarz-Gelb die Unternehmenssteuern senken und die Leiharbeit ausweiten. Die kleinen Leute müssten für die Wirtschaftskrise zahlen, während es keine Konsequenzen für die Bosse gebe. "Das hält eine Gesellschaft nicht aus", rief Steinmeier. ZDF, heute
...und natürlich warnt er vor sich selbst. Sozialabbau, Mehrwertsteuererhöhung, Senkung der Unternehmenssteuern, Ausweitung der Leiharbeit und steuerfinanzierte Bankenrettung ohne dass die Verursacher dafür gradestehen müssen -- das alles (und mehr) ist unter aktiver Beihilfe des Kandidaten auf dem Mist der SPD gewachsen bzw. wurde von ihr mit getragen. Wird es auch weiterhin. Farbkombination spielt keine Rolle.

Das Volk wird den Berliner Spaßmachern Applaus für ihre Darbietungen zollen. Der beste Witz belohnt mit einem Kreuzchen im richtigen Feld. Wie das halt auch mit nigerianischen Bettel-eMails ist - es gibt genug Trottel, die's ernst nehmen; die's glauben.

"Die Bürger demokratischer Gesellschaften sollten Kurse für geistige Selbstverteidigung besuchen, um sich gegen Manipulation und Kontrolle wehren zu können.", findet Noam Chomsky.
Und auch gegen die Beleidigung unserer Intelligenz. Finde ich.

Die Linke befindet sich zwar ganz dicht an etwas dran, was man "politische Ehrlichkeit" nennen könnte, aber das Problem hier liegt in der dem System innewohnenden Korruption, die verhindern wird, dass solche Programme auch tatsächlich umgesetzt werden. Ich sage nur: Grüne in Hamburg.
Und selbst wenn Piraten, Violette oder eben die Linke es schaffen würden, ihre Ziele 1:1 in Wirklichkeit werden zu lassen, dann hätten sie damit lediglich unsere Wunden vernäht, ohne den Messerstecher aus dem Verkehr zu ziehen, der sie uns zugefügt hat.

Ich betrachte Politik als Teil des Problems, nicht als dessen Lösung. Es ist mir egal wer drankommt, denn an den Ursachen all unserer Schwierigkeiten ändert das rein gar nichts. Wenn ich mich allerdings frage, warum ich mir die ganze Propaganda eigentlich bieten lassen muss, dann komme ich bei der Antwort ganz eindeutig auf die Feststellung: weil es genug Leute gibt, die die Show für Wirklichkeit nehmen und damit das System am Leben erhalten. Solang das so bleibt erlaube ich mir die Freiheit, den Unfug an den Pranger zu stellen.

2009-09-14

Die Welt ist ein Fladen

"Ich habe viel über das Leben und die Entropie nachgedacht und bin wiederholt zu dem Schluss gekommen, dass es der Zweck des Lebens ist, die Entropie des Universums anzuheben. Je mehr wir uns entwickeln, desto mehr wirken wir auf den Zusammenbruch des Universums hin [...] Der Punkt ist, dass sich das Universum von einem Status niedriger zu einem höherer Entropie begibt, und die Natur das Leben (uns) kreiert hat, weil wir ein wirkungsvolles Instrument sind, das Universum zu seiner maximalen Entropie zu führen. In anderen Worten: Weil Klumpen von Materie, wie die Sonne und die Erde, derzeit existieren, umgeben von relativ leerem Raum, ist die Energie des Universums nicht gleichmäßig verteilt. Die Natur neigt zum Gleichgewicht, und auf eine Art tut sie das mit der Entwicklung des Lebens. Wir sind ganz einfach Entropiemaschinen; gebunden an die Notwendigkeit / das Bedürfnis zu überleben hilft der bloße Akt des Lebens dem Ziel der Natur, Energie gleichmäßig im Universum zu verteilen. Das Konzept [...] gibt uns eine Grundlage für die Existenz des Lebens, die fest in der Wissenschaft verankert ist."

Wenn irgendetwas (hier heißt es "Natur", andernorts "Gott") uns absichtlich erschaffen hat [vorausgesetzt also wir sind kein Abfallprodukt], dann wäre es in der Lage gewesen, sein Produkt, das Universum, so perfekt zu manipulieren, dass es einige Atome nehmen und in Leben verwandeln konnte.

Einige Fragen:

1) Warum hat es dann das Universum nicht von vorn herein mit gleichmäßig verteilter Materie resp. Energie geschaffen?
Ist es vielleicht so, dass es da einen Gott gab, der das Universum erschuf, und in diesem Universum eine Kraft namens Natur, die Gott(es Schöpfung) entgegenwirkt?
Oder spielt hier jemand ein Spiel, mit Lebewesen als Figuren?

2) Warum sollte es sein Originalprodukt in kürzest möglicher Zeit zerstört sehen? Geplante Veraltung? [Kaufen Sie Universum II - jetzt noch schneller, noch interessanter!]

3) Wenn es einen Sinn oder Zweck der Existenz von Leben gibt, dann gibt es ein Etwas, für das es eine Bedeutung hat. Wenn wir also herausfinden sollten, dass es tatsächlich einen Sinn des Lebens gibt, haben wir den Beweis für die Existenz dieses Etwas.
Aber dieses Etwas ist außerhalb des Spielfelds. Was auch immer das Universum absichtlich geschaffen haben soll, ist außerhalb desselben. Selbst wenn wir also beweisen könnten, dass dieses Etwas existiert, werden wir nie erfahren, was seine wahre Natur ist. Wissenschaft wäre auf etwas außerhalb des Universums nicht anwendbar [da es nur auf Erfahrungen innerhalb seiner künstlichen Umgebung beruht]. Dieses Etwas wäre außerhalb unserer Reichweite. Es hätte keine Bedeutung für uns. Ob es existiert oder nicht macht keinen Unterschied, weil wir niemals in der Lage wären, es zu berühren, zu verstehen, verändern, zu unserem Vorteil zu benutzen oder seine Regeln zu ändern.

Vorausgesetzt da draußen ist tatsächlich etwas, dann sieht unsere Situation aus wie die von Bakterien, die man in eine Petrischale, genannt Universum, gesetzt hat. Die Schale ist gefüllt mit Nährlösung, also Energie, und der Schöpfer des Experiments schaut der Kultur nun beim Wachsen zu, bis alle Nährlösung erschöpft, sprich optimal verteilt ist. Es bleibt unserer Phantasie überlassen, was dann passiert.
[Warum muss überhaupt alles eine Bedeutung haben? Könnte das Universum nicht tatsächlich ein Abfallprodukt sein? Das Bild eines - da war er wieder - Kuhfladens, der von Mikroorganismen zersetzt wird, hat große Ähnlichkeit mit einem geplanten Experiment, nur dass es von allein abläuft. Welche Ansicht hat ein Bakterium zum Sinn des Lebens?]
Aus einer anderen Richtung kommend kann ich also zustimmen. Wir sind Sklaven der Entropie.

Aber das ist alles Spekulation auf Grundlage unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit (wenn es so etwas gibt). Frag einen Schamanen oder einen Wissenschaftler oder einen Drogenanwender oder einen Priester. Jeder kann dir eine andere Welt zeigen, in sich logisch, wenn du ihre Voraussetzungen und Beobachtungen akzeptierst, die ihre persönliche Wahrnehmung widerspiegeln.
[Man könnte sich sein ganzes Leben damit beschäftigen. Und manche tun das. Man nennt sie Philosophen.]

In Antwort auf einen Kommentar:
Glaube und organisierte Religion scheinen mir ehrlich gesagt nur Auswüchse eines Zusammenspiels von Selbstbetrug und Machtmissbrauch zu sein. Man muss schon tief in sich etwas spüren können, das über das Rationale hinausgeht, und dann besteht kein Grund mehr, etwas zu glauben: Man weiß es einfach. Dann spricht absolut nichts dagegen, solche Kräfte zu nutzen. Manche Menschen haben Zutritt zu dieser spirituellen Ebene des Geistes gefunden. Soweit ich das von außen beobachten kann, hat das ihr ganzes Leben verändert. Vermutlich kann man nicht nur ein bisschen spirituell sein.
Aber wie gesagt, ich rede da von Dingen, die ich nicht verstehe.

2009-09-13

Bad English with good intentions

Fear separates us from each other. Fear is the key to division, possession, rules and laws and any kind of corruption. Remember "Addendum" where it displays corruption as the dominance of self-preservation.

So would you prefer to fight your fear by seeking security? Or is it more useful not to separate from each other and thus annihilate any conflict before it comes into existence?
What if we didn't emphasize the ME any more - MY wishes, MY hopes, MY fear, MY interests, MY insight, MY way of life, MY property, MY security - and started thinking and acting as though we really were the change we wanted to see in the world?

For The Zeitgeist Movement is not simply about throwing overboards our belief in money, hierarchy and all the rest. WE are the ones who create our individual self. So WE separate the world into persons, groups, nations, races. So WE create borders, both visible and invisible, and property within the borders. So WE are the ones who create the feeling of the borders, of the property and of our beliefs being threatened. So WE create suspicion. So WE try to protect ourselves through fences, laws, patents, weapons and so on.
So WE are the system we want to overcome.

This is easier understood than actually lived, I know. But there is no way past the dissolution of the self(-interest) or we will end up with the same old mess on just a different day.
Beating the system by its own game won't serve us well.

2009-09-09

Jetzt im Ernst?

Eine Ameise wandert einsam die Ameisenstraße hinunter, als eine Kuh ihren Weg kreuzt. Während das mächtige Tier über das Insekt hinwegsteigt, fällt ein kapitaler Fladen herab und begräbt die Ameise. Als diese sich nach Stunden wieder aus dem Dreck herausgearbeitet hat, schimpft sie: "So eine Gemeinheit! Genau ins Auge!"

Worum geht diese Diskussion eigentlich? Ob Soldaten töten dürfen? Oder ob Taliban keine Menschen sind und ihnen daher das im Grundgesetz verbürgte Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit nicht zusteht? Oder ob "Kollateralschäden" in der Zivilbevölkerung halt einfach dazugehören? Oder ob es Menschen erster und zweiter Klasse gibt: Solche, die Staatsbürger sind, und solche die es nicht sind. Solche, die sich der FDO verpflichtet fühlen, und solche, die nach ihren eigenen Regeln leben. Solche, für die das Recht auf Leben gilt, und solche, für die es nicht gilt.

Wie verrottet muss man sein, um einen Krieg zu unterstützen, der bereits Millionen von Toten, Hunger, Vertreibung und Verstümmelung bewirkt hat. Alles im Namen von Frieden und Demokratie. Alles in meinem und eurem Namen. Kein Taliban-Regime, kein Bin-Laden hat auch nur 1 Promille des Schadens angerichtet, den westliche Truppen jeweils über Irak und Afghanistan brachten.

Wir reden hier nicht von einem juristischen Fall - z.B. wen die Bundeswehr mit welchen Mitteln angreifen darf - und auch nicht von einem technischen Problem - wie ein "Präsizisionsschlag" auszuführen sei, damit man "nur" Taliban tötet.
Wir reden von einem Abschlachten von Menschen, Angehörigen unserer eigenen Gattung, in industriellem Maßstab. Tag für Tag 4-500 Personen. Pro Kriegsregion. Streubomben, Sprengfallen, Flächenbombardements, Angriffe auf Dörfer. Welche Bedeutung kommt da einem einzelnen Akt wie der Sprengung gekaperter Tankwagen zu?

Ich höre Leute hierzulande von einer "Tragödie" sprechen, als hätten die Piloten versehentlich den Bombenschacht geöffnet.
Oder von einem "Fehler". Man kann sich ja mal verkalkulieren. Irren ist menschlich.
War sich irgendjemand nicht bewusst, dass die Aufnahme des Kampfes gegen den "Feind am Hindukusch" Opfer fordern würde? Wurde der Bundestag arglistig darüber hinweggetäuscht, dass unsere Kampfflugzeuge Projektile statt Lebensmittelpakete abwerfen?

Weder Politikern noch Militärs nehme ich ihre Betroffenheit ab. Ihre Krokodilstränen sind Kameras geschuldet. Der Fernsehzuschauer verlangt etwas Herzerwärmendes, sonst geht ihm womöglich noch vor der Wahl auf, welch kalte Berechnung hinter dem Millionentod in Vorder- und Zentralasien steckt. Dann könnte der Krieg, der eigentlich vom Inlandsgeschehen ablenken sollte (ganz zu schweigen vom enormen PROFIT, der sich ziehen lässt) seine politischen Verursacher treffen.

Keiner von denen, die für den bewaffneten Out-of-Area-Einsatz gestimmt haben, und keiner von denen, die ihn noch immer befürworten, darf sich Frieden und Freiheit auf die Fahnen schreiben.
Wer wirklich Frieden will, der zieht nicht in den Krieg. Er wird Waffengebrauch jeder Art ablehnen, und vor allem wird er es ablehnen, andere Länder zwangsweise mit seinen "Errungenschaften" zu beglücken, seien sie nun christlich, sozial, liberal oder grün. Was diese Werte angeht wäre zuerst im Inland einiger Nachholbedarf zu decken, wäre zu beweisen, dass mehr als hohle Phrasen unser Land regieren. MG-Feuer in Kabul oder Hartzgesetze in Düsseldorf - beides entspringt der selben Wurzel: Menschen sind entmenschlichte Zahlen im Kalkül.

Und was mich angeht - für mich ist dieses Pack völlig unwählbar.
Sicher, Politiker sind genau so Opfer des Systems wie ich. Eines Systems, das uns zu ständiger Gewinnoptimierung, zu Vorteilsnahme, erbarmungslosem Konkurrenzkampf und jeglicher Art von Korruption treibt.
Politiker sind jedoch auch Gestalter der Gesellschaft, genau wie jeder von uns. Wir sind nicht nur Objekte gleichgültiger Mechanismen, sondern auch handelnde, Entscheidungen treffende Subjekte. Als solche können wir uns von scheinbaren Sachzwängen lösen, Wertmaßstäbe neu einschätzen, Freiheit im Handeln gewinnen. Es liegt durchaus in unserer Macht - nicht im übertragenen Sinne, sondern wörtlich für jeden Einzelnen gültig - mit jedem Handgriff eine Entscheidung für oder gegen den Krieg zu treffen. Über jede Form von Konflikt überhaupt. Es ist doch noch gar nicht so lang her, da riefen wir: WIR sind das Volk.

Solange wir aber einkaufen wie die Weltmeister, brav unser Arbeitssoll erfüllen, wortlos wählen gehen, ohne Widerspruch die Zeitung lesen, unsere Kinder zum Bund schicken, unsere Individualität pflegen und uns ansonsten nicht drum scheren, wo unsere Klamotten herkommen, wird die Kuh immer wieder zufällig das Auge der Ameise treffen. Und die kann froh sein, dass sie angesichts der ganzen Scheiße um sie herum überhaupt noch am Leben ist.

Kommentar von F.:  Ich weiß dass ich nichts weiß.
Hab aber auch keine Lust mit nem Taliban darüber zu reden.
Die Welt ist schlecht und ich hab keine Ahnung was wirklich abgeht.
Muß mich auf Berichte verlassen.
Welcher Seite glaube ich?
In unserer Informationsgesellschaft gehts uns kaum besser als den Analphabeten im Mittelalter.
Wir müssen auch glauben, was man uns erzählt.
Oder wir glauben garnichts mehr, schränken unsere Meinungen und Aktivitäten auf den engen Kreis unserer reinen, persönlichen Erfahrungen ein und begeben uns wieder auf die Bäume.

Man muss sich nicht unbedingt mit jedem unterhalten haben. Vor allem nicht mit verärgerten Leuten mit Waffe in der Hand. Berechtigt uns aber noch lang nicht, Andersdenkende übern Haufen zu knallen. Und wenn sich hiesige Politiker jetzt verstärkt Sorgen um Anschläge machen - selbst verschuldetes Elend.

Wohl wahr. Was wissen wir schon von Dingen, die wir nicht selbst gesehen haben? Der Witz ist aber, dass das Wissen um diese Dinge benutzt wird, das Handeln von Menschen zu beeinflussen.
Dabei ist es für uns völlig irrelevant, was passiert oder vorgetäuscht wird. Ändert sich unser Denken nach einem Flugzeugabsturz, einer Parlamentswahl oder einem Attentat? Zumindest nicht, wenn wir starke Grundsätze haben, an denen wir unser eigenes Handeln ausrichten. Ein Menschenleben bleibt ein Menschenleben, vorher, nachher, hier, dort, weiß oder gelb. Man kann drauf spucken. Heucheln und Haare spalten aber nicht.

2009-09-02

Green Day

Ob es das schon wieder war mit unserem diesjährigen Sommer?
Hmhm... ich wollte nichts riskieren und habe daher meinen geplanten Ausflug ins Grüne, der eigentlich eine Woche, wenigstens aber vier Tage dauern sollte, vorgezogen. Auf einen halben Tag gekürzt konnte er natürlich lang nicht die Wirkung entfalten, die ich mir von ihm versprochen hatte. Ich wollte die Birne komplett freibekommen von all den Dingen, die mich in Routineverhalten zwingen. Entbunden von Alltag müssten mir doch Lösungen einfallen, wie ich den Abschied so schmerzlos als möglich gestalten könnte, ohne den Erfolg meines Vorhabens zu gefährden.

So geriet der vergangene Montag erst mal zum Probelauf.
Morgens um sieben aufgestanden, die am Vortag gepackte Survivalkiste ins Auto und die Umsätze des Sonntags zum Einzahlungsautomaten geschleppt. Danach fuhr ich zu einem Parkplatz am Waldrand. Südlich von Kuchenheim (der Name... :-) erstreckt sich ein größeres Waldgebiet in die Eifel hinein, gesperrt für Verkehr, aber offen für Spaziergänger - und durchlöchert von kleineren und größeren Lichtungen, die auf den Luftbildern teils recht isoliert gelegen scheinen. Genau das Richtige!
Kiste auf Sackkarre, Pax vornedraus, ging's dann hinein in den Wald. Erst die Hauptachse entlang, dann einen Seitenweg rein, und von dort aus irgendwo querwaldein zu einer dieser einsamen Lichtungen. Ich fand dann tatsächlich eine Lücke zwischen den Bäumen, die nach einem ehemaligen Treckerpfad aussah, schon böse von hohem Gras und Brombeerranken überwuchert, aber gerade noch gangbar. Bald zeichnete sich ein Aufhellen zwischen den Stämmen ab - ja, da war was. Der Platz hatte ungefähr 50x60m Abmessung... und er war erst vor ein, zwei Tagen gemäht worden. WTF?
Ich stellte meinen Krempel ab, um einen Rundgang zu absolvieren. Woher war die Mähmaschine gekommen? Wer mäht überhaupt ein Loch mitten im Wald?
Schräg gegenüber fand ich, gut versteckt im Schatten, die Zufahrt. Ich hätte es einfacher haben können, als durch die zugemauerte Hintertür einzubrechen. Ich hätte nur dem Schotterweg zu folgen brauchen, der einen weiten Bogen schlägt.
Lektion 1 gelernt: Der deutsche Wald ist kein Naturprodukt. Lichtungen gibt es nur dort, wo sie erwünscht sind. Sie erfüllen immer einen Zweck. Daher muss jede Lichtung verkehrstechnisch erschlossen sein. Einsamkeit ist hierzulande Luxus.

Ich gab mich also an dieser Stelle mit meiner Wahl zufrieden, baute meinen Klappstuhl am oberen Ende des leicht abschüssigen Geländes auf und begutachtete den Platz: Ein Hochstand in der einen Ecke, vier relativ junge Apfelbäumchen entlang einer Langseite, gegenüber hohe Tannen. Ein schneller Mundraub, dann begab ich mich an die Aufgabe des heutigen Tages: sitzen und warten.

Während ich das langsame Steigen und Wiederherabsinken der Sonne beobachtete, befreite sich mein Verstand von Hektik, von Notwendigkeiten, Plänen, Hoffnungen und allem anderen, womit sich das Ich den ganzen Tag so beschäftigt. Kein Handy, kein Computer, kein Buch, keine Musik. Ich hatte nichts derlei dabei. Während die Stunden vergingen, ohne dass ich einen Menschen zu Gesicht bekommen hätte, ohne dass ich, abgesehen von ein paar hochfliegenden Maschinen, auch nur ein leises Geräusch menschlicher Aktivität gehört hätte, wollte mir ums Verrecken nicht langweilig werden. Ich hatte Zeit ohne Ende. Das Hirn lief leer, dann landete ein Käfer auf meiner Hand. Es füllte sich wieder an - und leerte sich erneut in spürbaren Wellen. Wirklich faszinierend. Ich habe kein Problem mich ans Alleinsein zu gewöhnen, aber ich muss mich über Stunden akklimatisieren, sobald ich mit Menschen in Kontakt komme.

So kann ich mir also die Frage bejahen, ob ich mir vorstellen könnte, auf diesem Stückchen Land zu leben, für immer.
Nun, Ewigkeit ist ein unüberschaubarer Zeitraum, aber ich denke schon, dass ich mich mit diesem Setting dauerhaft wohlfühlen würde. Ich würde mir ein Earthship bauen, Sonnenlicht und Wasser sammeln und Gemüse anpflanzen. Ich müsste mir vorher noch einiges an Wissen bzw. praktischen Fähigkeiten anlernen, aber sonst spräche eigentlich nichts dagegen -außer dem deutschen Staat natürlich, der sich überhaupt nicht vorstellen kann, warum jemand vom Strom-, Wasser-, Kanal- und Straßennetz getrennt sein, warum jemand ohne Krankenversicherung leben oder die Verantwortung für sein Tun selbst übernehmen möchte. Und der solches Treiben rundheraus unmöglich macht.
Voilà. Da zeichnet sich schon von ganz allein ab, wohin die Reise geht!

2009-09-01

District 9

War heute ein bisschen im Grünen (mehr dazu vielleicht morgen oder übermorgen) und hab mir zum Abschluss einen SciFi gegönnt: District 9.
Die Menschheit bekleckert sich mal wieder nicht gerade mit Ruhm, der Drehbuchautor aber auch nicht. Die Parallele zu Starship Troopers sticht ins Auge: Eine gesellschaftskritische Story geht in einer Orgie aus Blut, Schleim und Explosionen unter. Der unaufmerksame Normalbürger wird sich über die ekligen Aliens gruseln und an den Actionszenen aufgeilen, die Kritiker werden was von Nazismus oder üblem Menschenbild nuscheln, und die paar Hansel, denen weder Humanchauvinismus noch Plutokratie Fremdworte sind, brauchen nicht erst aufgerüttelt werden. Anspruchsvolle Filme werden dieser Tage in anderen Genres gedreht.
Doku- und Livecam-Style, wie sie zur Zeit gern allerorten verwendet werden, lassen den Streifen aus dem sonst eher kalten Glas-Stahl-Marmor-geplagten SciFi-Genre herausstechen. Der Rest ist Standard. Solange Hollywood außer humanoiden oder insektoiden Wesen nichts zuwege bringt, bleib ich in meinen Socken. Jeder Euskirchener verhält sich überraschender als ein "Prawn".