2009-10-27

Biodiversity

"I'm afraid there are people who do imagine that it would be possible for us to have a world in which there were humans... and rice."
(Daniel Quinn, 1998)

Zitat aus dem nachfolgen Filmchen, in dem Buchautor Daniel Quinn (Ishmael-Trilogie) und Evolutionsbiologe Alan Thornhill über das Verhältnis zwischen Nahrungsangebot und Bevölkerungswachstum reden. Sprengstoff!


Edit:
Gestern habe ich nach "Ishmael" und "The Story of B" auch "My Ishmael" fertiggelesen. In allen drei Büchern wird aus Leuten "mit einem ehrlichen Verlangen, die Welt zu verändern" die Geschichte der Menschheit herausgekitzelt, wie man sie an keiner Universität lehrt. Sokratische Fragen und bildhafte Gleichnisse veranschaulichen Widersprüche im menschlichen Denken und Irrwege menschlichen Handelns. Jedes Wort enthält Bedeutung. Gleichzeitig sind die Sprache einfach und die Charaktere liebenswert genug, den Leser nonstop bei der Stange zu halten. Quinn zählt für mich daher als einer der brillantesten Autoren überhaupt.

It boils down to the fact that...

Ich beobachte seit langem, dass Menschen ohne Not Ankündigungen machen, Verträge eingehen oder Versprechen äußern, deren Erfüllung sich dann ewig hinauszieht, um schließlich gekippt zu werden. Es ist zwischenzeitlich schwer, diese Leute zu erreichen oder Antwort auf Fragen zu bekommen. Gesprächstermine und Deadlines platzen in Serie, aber die Sache selbst wird bis zu ihrem plötzlichen Ende nie in Frage gestellt.

Dabei ist es unerheblich, ob sie die Äußerungen gegenüber oberflächlich Bekannten, Kollegen, Familienmitgliedern oder Freunden abgegeben haben, oder ob sie eventuell sogar noch ein persönliches Interesse mit der Sache verbindet. Es ist egal, ob man sie drängt oder in Ruhe lässt, ob man freundlich bleibt oder Tacheles redet, Vertrauen beweist oder Kontrollen durchführt. Es ist gleichgültig, ob Geld fließt oder nicht. Und es gibt auch eine ungeheure Bandbreite von Gründen, die die Auftragnehmer für ihre Inaktivität ins Feld führen. Es kommt praktisch immer auf das Selbe hinaus:

Am Ende stehst du allein da.

Für das, was Gegenstand der Absprache war, ist es fast oder ganz zu spät - und du hast einen weiteren Freund an die um sich greifende Unzuverlässigkeit verloren.
Meist sind sie selbst es, die einem nicht mehr in die Augen sehen können, aber natürlich haben oft auch auf der Gegenseite Wut und Enttäuschung ihr Werk getan.

Solche Vorgänge beobachte ich wie gesagt schon seit sehr langer Zeit, und zwar nicht nur bezüglich meiner eigenen Angelegenheiten, sondern auch in den Händeln anderer Leute und ebenso im Gebaren von Unternehmen. Da ist kein persönlicher Defekt, welcher das unbefriedigende Ende speziell meiner Aufträge unausweichlich macht. Es geschieht überall, ständig.
Trotzdem frage ich mich in jedem einzelnen Fall, inwieweit es an mir gelegen haben könnte. Manchmal, ja, war es mein Verschulden, und ich habe mein Verhalten daraufhin geändert. Aber es erklärt nicht die Masse der gleichartigen Vorgänge und ich habe bisher auch noch nicht zur Ursache durchdringen können.

Ich kann nur vermuten, dass wir, weil unsere schnelllebige Umwelt dies verlangt, laufend unsere Prioritäten ändern. Wir verlernen dabei, Werte wie Ehre, Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit oder Treue zu schätzen, welche ja klare Maßstäbe und feste Prioritäten verkörpern. Wir streben sie nicht an, weil sie letztlich dem Ticken der Uhr zuwiderlaufen, und darum sind wir womöglich immer weniger in der Lage, ein Projekt zuverlässig zu Ende zu bringen. Selbst wenn das unserem Ansehen schadet. Ich glaube zwar nicht, dass das die ganze Wahrheit ist, aber sicherlich näher dran, als puren Zufall am Werk zu sehen.

Einträge wie diesen sollte man eigentlich für Kommentare blockieren, weil emotionale Reaktionen vorprogrammiert sind. Da ich aber nach bestem Wissen eine Beobachtung zu beschreiben versucht habe, ohne jemanden dafür zu verurteilen, und da ich niemand, der sich vielleicht doch geprügelt fühlt, den Eindruck vermitteln möchte, ich würde nicht auch einstecken können, bleibt die Tür offen.

2009-10-26

Pisa und Bologna sind keine böhmischen Dörfer

Es wird viel und ausführlich über Bildung gemeckert. Die Industrieverbände jammern, dass Schulabgänger schlecht auf das Berufsleben vorbereitet werden. Universitäten beklagen, dass die Allgemeinbildung der Abiturienten auch nach dreizehn lang(weilig)en Jahren nicht breit genug sei. Eltern finden, dass Lehrer meist inkompetent seien. Lehrer schieben den Trägern den schwarzen Peter zu, denn bessere Bezahlung könne das Niveau nur heben. Die Träger wiederum mauern mit der Begründung, dass noch nicht mal genug Geld für adäquates Lehrmaterial vorhanden sei. Und da wundern sich Bedenkenträger, weshalb man an der Schule nichts über soziale Kompetenz und an der Uni nichts über Informationsbeschaffung lernt. Statt dessen Fakten, Fakten, Fakten pauken, genau das, was Generationen von Schülern, ja, wir selbst, schon immer wussten: Das meiste Zeug ist so zweckfrei, so sinnlos, dass es, wenn überhaupt, nicht die nächste Klassenarbeit überlebt.

Hätten sie mal auf uns gehört, als wir noch in der Lage waren, Freude am Lernen zu empfinden. Erinnert sich noch jemand, wie das im frühen Kindesalter war? Oder im Kindergarten? Auf der Straße mit den Kumpels, oder sogar noch in der ersten Klasse? Wir waren die reinsten Wissensstaubsauger. Was ist danach schiefgegangen?

Da sagen manche: Der Frontalunterricht zerstört den Spaß am Lernen. Wir brauchen mehr Exkursionen und Gruppenarbeit.
Doch hat das seit den 70er Jahren etwas geändert?
Andere meinen: Das dreigliedrige System ist schuld. Sitzenbleiben ist schuld. Noten sind schuld. Wir demotivieren Kinder, indem wir sie auf diese Weise unter Druck setzen, insbesondere die, die tatsächlich an solchen Hürden hängenbleiben.
Ein solches Gefälle bei Bildungsniveau und Durchfaller-Raten zwischen den klassisch-dreigliedrigen Ländern wie Baden-Württemberg und Bayern und den Gesamtschulländern wie NRW zu sehen, hieße, es an den Haaren herbeizuziehen.
Und die Furzidee mit den Eliteschulen - sprechen wir nicht drüber.

Wenn es sowohl misslingt, das kindliche Lerninteresse zu nutzen als auch funktionierende Mitglieder der Gesellschaft als "Endprodukt" des Bildungsprozesses zu erzeugen, dann ist die Zeit, die wir in Schulen jeglicher Art verbringen wohl auch nicht dazu gedacht. Andernfalls hätten wir entsprechende Änderungen vorgenommen.
Hört sich an wie eine Verschwörungstheorie, ergibt vor dem Hintergrund wachsender Arbeitslosenzahlen jedoch Sinn. Gebildete Häupter mögen wohl Gutes im Auge gehabt haben, als sie die allgemeine Schulpflicht einführten, doch vielen werktätigen Untertanen waren ihre Kinder bis ins 19. Jahrhundert hinein noch wertvolle Hilfe auf dem Hof oder als Arbeiter in Fabriken. Solange sie vom Beitrag zum familiären Broterwerb abgehalten wurden, waren sie dagegen nutzlose Esser, und daher kam es auch immer wieder zu Protesten gegen die Schulpflicht.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Mit voranschreitender Mechanisierung und Rationalisierung von Arbeitsvorgängen sind in den letzten 200 Jahren Millionen Jobs weggefallen. Zwar gingen nutzlos gewordene Landarbeiter in die Industrie. Und nachdem dieser zweite Sektor zunehmend Maschinen einsetzte, erschuf man Jobs in einem dritten Sektor, dem Dienstleistungsbereich. Doch auch hier verdrängt Technik fortlaufend menschliche Arbeitskraft, während ein vierter Sektor nirgends in Sicht ist. Das letzte, was das System braucht, sind mehr Hände.

So wurden aus sechs Schuljahren acht, später in der Regel neun, teilweise bis zu zwölf. Die Praxis ist genaugenommen, Minderjährige von Erwerbstätigkeit fernzuhalten, indem man sie bis zur Volljährigkeit in der Schule lässt oder sie bei früherem Abgang in eine Berufsschule steckt.
In dieser Zeit verkonsumieren sie das Geld ihrer Eltern, statt den Arbeitsmarkt zu überfordern.
Berufs- und Fach(hoch)schulen streckten darüber hinaus ihre Lehrprogramme von ursprünglich zwei über drei auf vier Jahre, ohne dass es durch Verdopplung des Fachwissen gerechtfertigt gewesen wäre. Zumindest soweit ich das mit meiner eigenen Erfahrung auf zwei Berufsfeldern beurteilen kann. Praxisanteile (die den leichtesten Zugang zum Beruf darstellen) wurden gekürzt, Theorieblöcke gestärkt.

Mein Gott, was musste ich alles pauken. Deutsch, Religion und Recht waren Pflichtfächer sowohl in Altenpflege als auch in Bibliothekswesen. Dafür gab es natürlich fadenscheinige Begründungen. Ich musste außerdem sämtliche Abteilungen meiner Praxisstellen durchlaufen, die theoretische Grundlage jedes möglichen Handgriffs erlernen, nur um später für immer hinter einem Lesesaalschalter monotone Stempelei zu betreiben oder in einem Heim so schnell wie möglich Essen in alte Leute umzufüllen. Dieser ganze Tanz um die Wichtigkeit von Bildung besitzt wenig Bezug zum Nutzen, den wir aus ihr ziehen. Welchen Beruf wir auch ergreifen, wir beginnen zunächst auf der untersten Stufe der jeweiligen Jobhierarchie, die uns unsere Ausbildung eröffnet: als Äquivalent eines Stiefelputzers. Es ist Übung, die den Meister macht, wie es auch Selbst-Tun ist, das aus Kindern lebensfähige Wesen werden lässt.

Die meisten Menschen sind nicht dumm genug, diese Tatsache zu übersehen, doch wie dringlich wird die Frage nach der Sinnhaftigkeit unseres Bildungssystems gestellt? Ist es nicht so, dass wir oft genug die Kröte einfach schlucken, damit wir uns nicht mit Zweifeln aufhalten? Wollen wir's nicht alle ganz schnell hinter uns bringen, damit wir "frei" sind? Wenn wir groß sind, wenn wir erwachsen sind, wenn wir im Berufsleben stehen, wenn die Kinder erwachsen sind, wenn wir in Rente gehen - die Grenzen dieser imaginären Freiheit entziehen sich unserem Zugriff fortschreitend, leuchten wie eine Karotte am Horizont, der wir Esel bis zum Umfallen hinterhertraben. Währenddessen vertrödeln wir Jahr um Jahr, darunter unsere beste, unsere lernbegierigste Zeit an der "Penne".
Ich selbst konnte mich - nach motiviertem Start - nur dank eiserner Disziplin durch Gymnasium, Fachhochschule und Fachschule boxen, immer in der Hoffnung, der Abschluss (oder wenigstens der vermiedene Abbruch) mache sich ganz gut in meinem Lebenslauf.

Das mag im Einzelfall eine Rolle spielen. Im gesamtgesellschaftlichen Rahmen zählt die Zeit, die du von der Straße weg bist. Eine Armee von 15jährigen, die auf den Arbeitsmarkt fluten, wäre der Albtraum jedes Volkswirtschaftlers. Getränke-, Fahrkarten- und EC-Automaten, Fertigungsstraßen, Internetshopping, Ansagemaschinen und ihre Verwandten verdrängen den Menschen in jedem nur denkbaren Bereich, von der Landwirtschaft bis in Behörden hinein, und die einzige Frage, die man dir stellt, lautet nicht: Bist du besser. Sie lautet: Bist du billiger als sie?
Der Ruf nach qualifizierten Kräften ist ein Witz. Trotz Miss-Bildung gibt es genug von ihnen. Wir haben vom Verlagern von Programmierjobs nach Indien gehört. Inzwischen werden noch billigere Länder gesucht. Welche der beiden Eigenschaften, Qualität oder Preis, in der Regel den Vorzug erhält, ist keine Frage. Auch an meinem Marktstand schlägt diese Tatsache täglich dutzendfach durch.

Die Inhalte unserer Lehre sind im wahrsten Sinne des Wortes leer. Sie dient nicht dem Vorankommen des Einzelnen, nicht der Vorbereitung auf's Erwachsenenleben. Sie hält uns schlicht für viele Jahre vom Arbeitsmarkt fern. Auf den jedoch sind wir später angewiesen, denn in unserer Gesellschaft gibt es Nahrung, Kleidung, Wohnung nur für Geld. Und solange sich unsere Gesellschaft auf Geld gründet, werden wir alles tun, unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.

Bevorzugt werden Leute mit Zertifikaten. Papiere bekommt man natürlich nur, wenn man die vorgeschriebene Zeit auf der Lehranstalt abgesessen hat.
95% des dort vermittelten Wissens verlernen wir wieder. Zurecht. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen, doch üblicherweise erwerben wir das essentielle Handwerkszeug für unsere Jobs in eben diesen Jobs. Indem wir praktizieren.

Kinder sind darin großartig. Kinder lernen problemlos mehrere Sprachen gleichzeitig. Sie sind im Alter von vier Jahren in der Lage, das Konzept von der Kontinentaldrift oder den Vorgang der Geburt zu verstehen. Sie können lesen lernen, ohne ihre Zeit in Klassenräumen zu vergeuden. Sie können korrekte Stromkreise bauen oder ihr Fahrrad selbständig reparieren, wenn man ihr Interesse daran weckt und sie ausprobieren lässt.
Die Kinder "wilder" Stämme können im Alter von sieben, acht Jahren auf sich gestellt in einer (nach unseren Maßstäben) feindlichen Umwelt überleben. Sie werden mit Erreichen der Pubertät als erwachsene Vollmitglieder ihrer Gemeinschaft aufgenommen, und niemand hält ihnen vor, sie seien erst 10 oder schon 16 Jahre alt.
Sind wir - um die Gegenprüfung vorzunehmen - in irgendeinem beliebigen Alter befähigt, ohne Geld in der Tasche für Kleidung, Nahrung und ein Dach über dem Kopf zu sorgen?

Es mag wohl sein, dass wir das in unserer Gesellschaft nicht müssen, aber das macht uns hochgradig vom System abhängig, und das System ist Geld für Arbeit und Ware für Geld. Wenn Menschen bedauern, dass sie "seinerzeit nicht aufs Gymi gegangen" seien, wenn sie sich stöhnend durch dröge Studiengänge quälen, wenn sie sich nicht trauen die Arbeitsstelle zu wechseln, wenn sie ratlos sind, weil sich ihr Traumjob als Hamsterrad entpuppt hat, wenn sie nach einem langen Arbeitstag lustlos, wie erschlagen zwischen Zappe und Chipstüte auf dem Sofa fläzen, dann ist all dies Ausdruck der Unfreiheit, in der die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung der industrialisierten, geldbasierten Gesellschaften gefangen ist.

Diese Unfreiheit bei der Gestaltung der eigenen Biografie zieht eine weitere Unfreiheit nach sich: die der gleichgültigen Unwissenheit. Sie stammt zum einen aus dem Abfüllen mit Junk-Informationen, zum anderen aus jener Müdigkeit, die Pflichterfüllung bei stupiden, repetitiven, nutzlosen, entfremdenden Arbeiten mit sich bringt.
Das System versagt nicht etwa darin, gebildete, verantwortliche und freie Menschen heranzuziehen. Es produziert nur genau die Sorte Abhängige, die es für sein Überleben braucht.
Dazu bedarf es keiner Verschwörung. Es genügt, wenn das Ergebnis eines Ablaufs denselben bestärkt. Eine solche positive Rückkopplung haben wir, wie oben erläutert, im Bildungswesen wie im gesamten marktwirtschaftlichen Treiben vorliegen, unabhängig vom Nutzen für die Gemeinschaft.

Es gilt zu erkennen, wie uns Geld unserer Fähigkeit zu überleben beraubt hat, wie es uns zu überwiegend unproduktiver und stupider Arbeit zwingt und uns Bildung von zweifelhaftem Nutzen aufnötigt. Wie es Ungleichheit und Spaltung schafft. Kein Element unseres Daseins, Fortpflanzung, Kunst, Glaube, Ernährung, Erholung etc. bleibt davon unberührt. Geld hat durch die mit ihm verbundenen, sich selbst verstärkenden Mechanismen fast den gesamten Globus erobert, aber das macht es nicht zu einem erfolgreichen Konzept. In der Tat funktioniert das Geldsystem für den weit überwiegenden Teil der Menschheit nicht. Geld vereinfacht den Handel - und erschafft dabei Probleme, die wir ohne die beiden nicht hätten. In wenigen Jahren wird es uns an einen Punkt geführt haben, an dem wir aller Errungenschaften wieder verlustig gehen, auf die "wir" (eine Minderheit, nicht die ganze Menschheit) so ungern verzichten.

2009-10-22

Fermi, once more

"...Die Logik sagt uns aber, dass nicht alle Technologien aus demselben Grund schweigen oder fleißig senden. Nicht jede Art beschränkt sich darauf, bloß zuzuhören oder unentwegt ins All zu funken. Wo Vielfalt ist, herrscht Pluralismus, entstehen viele Meinungen und ergo unterschiedliche Verhaltensweisen. Dieses ungeschriebene irdische Gesetz sollte auch die Soziologie vieler außerirdischer Kulturen prägen..."
(Warum wir von ihnen nichts hören - Anmerkungen zum Fermi-Paradoxon und SETI. Harald Zaun in: Telepolis, 22.10.2009)

Es mag alle Arten von Völkern im Universum geben. Hören könnten wir ohnehin nur die, welche nahe genug für ein erkennbar künstliches Signal leb(t)en. Das schränkt die Vielfalt schon deutlich ein. Zum Nichtzustandekommen des Kontakts genügt es im Prinzip, wenn unsere unmittelbaren Nachbarn uns wissenschaftlich oder sozial um ein, zwei Nasenlängen voraus sind.

Die Logik könnte uns nämlich auch sagen: Schaut her, wenn so viele Völker der selben "Meinung" sind, spricht das stark für einen gemeinsamen Grund. Wir haben ihn nur noch nicht entdeckt. Entweder, weil uns ein entscheidendes Stück Information fehlt. Oder weil wir so verdammt von uns eingenommen sind, dass wir uns für ein wirklich cleveres Völkchen halten. Z.B. in Sachen Pluralismus. Dieses ungeschriebene irdische Gesetz ist eben nur ein irdisches Gesetz, und vielleicht noch nicht einmal hier universal gültig, sondern eher eine Tendenz im Denken bestimmter Kulturen. Wenn wir erst angefangen haben, unseren Egozentrismus zu überwinden (der wirklich nur ein kulturelles Phänomen unter den Erben der Neolithischen Revolution darstellt), könnte sich bewahrheiten, dass Meinungen - siehe meinen gestrigen Artikel - keinen Pfennig wert sind und wir uns ernsthaft mit der Frage beschäftigen: "Was sollen wir da draußen?" - und keine unterstützenden Fakten finden.

2009-10-21

Partizipation in einer ressourcenbasierten Gesellschaft

Obwohl eine Erläuterung dessen, was in einer ressourcenbasierten Gesellschaft (im Folgenden RBG) an Stelle von politischen Prozessen treten soll, schwerlich ohne Schilderung des Gesamtentwurfs verständlich wird, möchte ich einen Versuch wagen.
Die RBG nach Jacque Fresco stellt ein holistisches Konzept dar (PDF). Alle ihre Elemente sind aufeinander abgestimmt und dafür designt / gestaltet / geschaffen, reibungsfrei miteinander zu funktionieren. Ihr Ziel ist die Gewährleistung sowohl der Grund- als auch der höheren Bedürfnisse aller Menschen, und zwar ohne Korrektive wie Justiz und Politik, sowie ohne Geld und Handel als Gleitmittel.

Es fällt vielleicht Manchem schwer, sich eine solche Gesellschaft vorzustellen, denn momentan prägen vielfältige Interessenslagen, Meinungsgegensätze und Machtfaktoren die politische Willensbildung einer Welt, in der Güter knapp und daher nur gegen teuer Geld zu haben sind. Ungleichheiten treten zwangsläufig auf und Politik hat daher die Aufgabe, u.a. durch Gesetze das Funktionieren der ungleich ausgestatteten, miteinander in Wettbewerb stehenden Glieder des Gemeinwesens zu regulieren.
Die Zahl der Gesetze ist inzwischen jedoch enorm und geht für jeden einzelnen Staat in die Zehntausende, ohne dass dabei mehr Sicherheit entstünde, oder wenigstens Klarheit darüber, was Rechtens sei. Trotzdem gilt: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Täglich übertritt jeder von uns Dutzende dieser Regeln, und noch nicht einmal grundlegendste Regeln wie die 10 Gebote, die in ähnlicher Form auch in anderen Gesellschaften vorkommen, werden eingehalten. Es ist offensichtlich, dass die Menschheit als Ganzes nicht in der Lage zu moralischem Verhalten ist, wo Moral angesichts schwieriger Verhältnisse gefragt wäre.

Ein Grund, weshalb sich bisher keine der menschlichen Gesellschaften dauerhaft halten konnte, ohne in Chaos zu versinken, überworfen zu werden oder in Diktatur auszuarten, liegt darin, dass es einen Übermenschen gebraucht hätte, die Diskrepanz zwischen hehrem Anspruch und armseliger Wirklichkeit zu überwinden. Man kann von niemand erwarten, dass er sich anständig verhält, wenn Hunger ihn treibt oder Gier die allgemeine Norm darstellt.
Denn der Mensch ist kein moralisches Wesen. Er kann sich auch nicht über die Physik hinwegsetzen und sich nicht ohne Schaden zu nehmen über die Gesetze des Lebens erheben. Er ist ein Wesen, das sich den Umständen anpassen kann und muss wie jedes andere Tier auch. Ändert sich die Umwelt, ändert sich auch das Verhalten.

Sicher, der Mensch ist keine bloße Maschine, die auf Knopfdruck eine bestimmte Handlung vollführt. Durch Willensentscheidung kann er Zwängen zuwiderhandeln oder seine biologische und gesellschaftliche Prägung überschreiben, um zu einer anderen als der erwarteten Lösung zu finden. Deshalb ist das Spektrum der Ansichten auch so mannigfaltig. Aber er wird nicht auf Dauer Zwängen entgegenwirken, denn er verbraucht dann über Gebühr seine Kraft und handelt sich Nachteile ein, die sein Überleben gefährden.

Genau hier setzt Fresco an.
Statt einen neuen Menschen zu fordern (oder ihn schlicht vorauszusetzen), geht er von der tatsächlichen Natur des homo sapiens aus. Wohl ist dieser fähig zu Gier, Bosheit, Egoismus, Brutalität. Seine genetische Disposition lässt jedoch genausogut Freigiebigkeit, Freundlichkeit, Altruismus und Friedfertigkeit zu. Es gibt kein Soldaten-Gen, kein Kapitalisten-Gen und kein Politiker-Gen. Aber es gibt Lebensumstände, die es dem Einzelnen geraten sein lassen, sich eher egoistisch oder altruistisch zu verhalten oder an widersprüchlichen Erwartungen in ihn psychisch zu zerbrechen. Denn immer ist er daran gebunden, unter den gegebenen Bedingungen seine Bedürfnisse zu befriedigen, um überleben zu können. Wir alle brauchen Luft, Wasser, Nahrung und ein paar andere Kleinigkeiten, um die wir, wie alle Lebewesen, konkurrieren, weil wir es versäumen, sie in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Daraus speisen sich unsere Interessen. Dies formt unsere Meinungen.

Frescos Gesellschaftsentwurf eliminiert Meinungen, indem er die ihnen zugrunde liegende Vertretung von Interessen überflüssig macht. Interessensgegensätze entstehen dann, wenn zwei oder mehr Parteien sich um ein knappes Gut bemühen. Stellt man dieses Gut in ausreichender Menge zur Verfügung, endet der Streit. Überwindung von Knappheit soll im Wesentlichen erreicht werden durch erneuerbare Energien, Produktion stabiler auf- und abwärtskompatibler leicht zu reparierender und 100% recycelbarer Gegenstände, der Bevorzugung von Funktion vor Form, sowie der gemeinschaftlichen intelligenten Verwaltung aller Rohstoffe der Erde.

Die wirtschaftliche Dimension der RBG und ihre Grundlagen führe ich gern an anderer Stelle aus. Für heute soll uns genügen, dass die Sicherstellung des persönlichen Wohlergehens sowie alle danach verbliebenen Probleme rein technischer Art sind. Sie lassen sich anhand von Fakten lösen, die elektronisch, mechanisch oder manuell gesammelt wurden und in aller Regel dürfte ein Computer bei der Auswertung objektiv nützlichere Ergebnisse erzielen, als ein Parlament von Nichtswissern, die von Lobbyisten dirigiert werden.

Über Lösungen technischer Art wird in einer RBG nicht entschieden oder abgestimmt, man kommt bei ihnen an. Lösungen ergeben sich aus Zielsetzung und Faktenlage, wobei die Zielsetzung in Zahlen ausgedrückt wird. Wo dies nicht möglich ist und der Stand der Technik keine automatisierte Lösung zulässt, wo Kreativität, Intuition und Assoziation gefragt sind, dort treffen dann tatsächlich noch Menschen Entscheidungen. Jeder, der Fachkenntnis bzw. Kreativität mitbringt, kann in einen solchen Prozess eingebunden werden. Die Abläufe sind jedoch die selben wie bei der computerisierten Entscheidung. Zu klären sind lediglich die Fragen: Welche Ressourcen werden benötigt? Welche sind verfügbar? Welche können wie substituiert werden? Welches ist die nutzbringendste, nachhaltigste Ausführung?

In der RBG sind im Gegensatz zu allen anderen Gesellschaftsformen Entscheidungsfindung, Entscheidungsumsetzung und Nutznießertum nicht durch von einander getrennte Personengruppen repräsentiert. Jeder kann an jeder Stelle teilhaben.
Demokratische, juristische oder obrigkeitliche Mechanismen spielen dabei keine Rolle. Warum auch? Es gibt keine spezifisch deutsche Interpretation eines Bauplans, keine neoliberale Methode ein Haus zu bauen oder ein Radio, das weiblichen Interessen eher entspricht als männlichen. Wir müssen niemand erklären, wie er seine Sexualität ausleben soll, brauchen keinem vorschreiben, welche Substanzen er zu sich nehmen darf, und es ist auch nicht notwendig einem Verkehrsteilnehmer mit Strafe zu drohen, wenn das Fahrzeug selbst das Sicherheitsmanagement übernehmen könnte. Die Mehrzahl der Gesetze (und somit dessen, was Politik leistet) ist heute schon durch machbare technische Lösungen und gesellschaftliches Design im Prinzip überflüssig. Ordnungsvergehen und Straftaten könnten auf Null heruntergefahren werden, und mit ihnen psychische Entgleisungen als Ausdruck einer zutiefst kranken Gesellschaft, die sich immer und immer wieder re-regulieren und re-justieren muss, um den Zusammenbruch hinauszuzögern.

Ich ginge mit den Menschen zu hart ins Gericht, hieß es letztens. Immerhin - wir lebten, ganz anders als vor Jahrtausenden, in einer fortgeschrittenen Zivilisation, steht in den Büchern. Wir jammerten auf hohem Niveau, postulieren die Kommentarspalten. Ich verstehe sie sogar irgendwie, hat uns doch die Keule noch lange nicht mit voller Wucht getroffen.
Ja, wir halten uns heute für sehr zivilisiert. Wir haben Raumfähren und Computer und Funkwecker. Wir haben weltweiten Handel und Sozialversicherungen und demokratische Verfassungen. Wir garantieren die Menschenrechte.

Doch wie ist das mit dem Recht auf Leben - gestehen wir es jedem zu?
Wir würden einem Hungernden nicht den Kanten Brot verweigern, um den er uns bittet, oder?
Warum, zur Hölle, kleben wir dann ein Preisschild dran? Weshalb gestatten wir es den Unternehmen, die Preise so weit in die Höhe zu treiben, dass heute jeder Sechste zu wenig Kalorien zu sich nimmt, und jeder Dritte sich neben dem Essen kein Leben leisten kann?

Solange wir ausblenden, dass andere für unseren Wohlstand bluten, solange wir Egoismus, Gier, Wettbewerb und Aggressivität als unbesiegbar betrachten und daher nicht niederringen, sind und bleiben wir, jeder Einzelne von uns, unzivilisiert. Und eine Gesellschaft, die sich auf Wettbewerb gründet, ist darwinistische Barbarei. Die fortgeschrittene Barbarei des 21.Jahrhunderts.

Mit welchem Recht erheben wir uns über den faschistischen Staat? Darauf will ich hinaus, wenn ich sage, dass Demokratie und Marktwirtschaft zu überwinden sind, weil sie Schaden für viele und Nutzen für eine schwindende Minderheit bringen.

2009-10-19

"Was guter Kapitalismus leisten muss"

Der Spiegel mal wieder voll auf NeoLib-Kurs:
"Wie sieht die Weltwirtschaft nach dem Bankencrash aus? Ein Umdenken ist zwingend, Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte müssen korrigiert werden. Dabei darf aber nicht der Kapitalismus als Ganzes in Frage gestellt werden."

Warum eigentlich nicht? Das wird auf den ca. zwei A4-Seiten mit keiner Silbe begründet. Statt dessen unsägliches 08/15-Gelaber über die ewig selben Legenden des Marktes: Kredite als Wachstumsmotor. Stabiles Wirtschaftswachstum. Gerechte Besteuerung. Zentralbanken als kompetente Lenker der Finanzströme. Die USA leben über ihre Verhältnisse (...und wir?) usw usf.
Mit anderen Worten - nichts soll sich ändern. "Ich will so bleiben wie ich bin" (Du darfst!). Die Verursacher der Krise beaufsichtigen die Märkte, also sich selbst, damit die Umverteilung nach oben gewährleistet bleibt.




Der o.g. Artikel war nur durch eine Klammerbemerkung ganz am Schluss als Reklame erkennbar. Von einer seriösen Zeitschrift erwarte ich mir mehr Zurückhaltung. Durch die notwendigen betriebswirtschaftlichen Bedingungen ist eine Redaktion eh schon über Gebühr mit Staat und Wirtschaft verflochten. Braucht man da noch Schleich- und Eigenwerbung? Muss man sich in jeder Beziehung korrumpieren?

Wie ich schon neulich sagte, werden Erwartungen an Zurückhaltung und Seriosität mit Sicherheit enttäuscht, solange wir gezwungen sind, uns dem Wettbewerb zu stellen um zu überleben. Mögliche Vorteile, eventuelle Profitchancen rausgehen zu lassen heißt verlieren. Der Markt beeinflusst unser Verhalten bis in den hinterletzten Winkel unseres Daseins. Und eine seiner größten Lügen ist die Behauptung, das entspräche der menschlichen Natur.

Was guter Kapitalismus leisten muss? Untergehen.
's wird Zeit für was Besseres.

Wer's trotzdem toll findet, kann sich den Schmu als Buch untern Weihnachtsbaum legen: "Der gute Kapitalismus... und was sich dafür nach der Krise ändern müsste".
 
Kommentar: Wenn du Interesse an hintergründigeren und gesellschaftskritischen Analysen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der letzten zehn Jahre hast, empfehle ich dir dringend, mal in Albrecht Müller reinzulesen:
http://www.nachdenkseiten.de/?page_id

Nachdenkseiten kenn ich. Wenn man Hintergrundwissen, Korruptionsdokus und Zahlen sucht wird man da oft fündig. Da gabs ein paar Auszüge aus dem Buch zu lesen. Und wenn die Leute eine Infragestellung des Marktes zuließen, würd ich sie auch empfehlen. Aber leider glauben sie dort wie überall an einen gerechten, sauberen Kapitalismus, der kommen würde, wenn Leute mit mehr Grips und Gemeinsinn das Sagen hätten.

Walden Two

Vorwort des Autors, B.F.Skinner, zur 1976er Ausgabe seines 1948er Werkes WALDEN TWO.
Er beschreibt darin eine Gemeinde, die auf ähnlichen Ideen aufbaut, wie die von Zeitgeist vertretenen.

"...An important theme within Walden Two is that political action is to be avoided. Historians have stopped writing about wars and conquering heroes and empires, and what they have turned to instead, though far less dramatic, is far more important. The great cultural revolutions have not started with politics. The great men who are said to have made a difference in human affairs - Confucius, Buddha, Jesus, the scholars and scientists of the Revival of Learning, the leaders of the Enlightenment, Marx - were not political leaders. They did not change history by running for office. We need not aspire to their eminence in order to profit from their example. What is needed is not a new political leader or a new kind of government but further knowledge in human behavior and new ways of applying that knowledge to the design of cultural practices.

It is now recognized that great changes must be made in the American way of life. Not only can we not face the rest of the world while consuming and polluting as we do, we cannot for long face ourselves while acknowledging the violence and chaos in which we live. The choice is clear: either we do nothing and allow a miserable and probably catastrophic future to overtake us, or we use our knowledge about human behavior to create a social environment in which we shall live productive and creative lives to do so without jeopardizing the chances that those who follow us will be able to do the same. Something like a Walden Two would not be a bad start. "

Projekte solcher Art gibt es nicht nur in Romanen und Gesellschaftsentwürfen, sondern auch als echte Gemeinden überall in der Welt, etwa Las Gaviotas, Auroville oder Lammas. Weitere entstehen gerade in Schottland, Venezuela, Neuseeland, den USA etc. Wohin man schaut befinden sich Menschen im Aufbruch.

Nachdem ich bei google-books ein wenig in Walden Two reingeschmökert habe, durfte nun tauschticket in Aktion treten, um eine deutsche Übersetzung zu beschaffen.

2009-10-15

Zeitzeuge

Heute vor 40 Jahren fanden in den USA die letzten groß angelegten Friedensmärsche gegen den Vietnamkrieg statt, das sogenannte Moratorium. Dabei kam es u.a. vor dem Weißen Haus zu einer Massendemonstration, die beinahe ein weltweites Desaster ausgelöst hätte. Durch Courage in den Reihen der Sicherheitskräfte konnte dies verhindert werden. Neulich hatte ich das Vergnügen, einen Zeitzeugen kennenzulernen und veröffentliche dessen Erinnerungen mit seiner ausdrücklicher Genehmigung, auch der zur Nennung aller Namen.

I was a Sp4 in the 1/17th Airborne Cavalry of the 82nd Airborne Division at Fort Bragg, NC in 1969... I was in the Army from 1967 to 1970.
During the weekend of the Moratorium, the 82nd Airborne Division was put on alert to go to Washington, DC, to 'police' the protest. Leaves and passes were canceled and the Division was 'briefed'. We were told that the Moratorium was a cover for a violent government takeover by communists that was to be suppressed by any means necessary. We were told we were to go to the Moratorium with loaded weapons and if we felt it necessary to open fire, we would not be held responsible.

To the soldiers, after years of lies about the Viet Nam War, this meant a bloodbath against the protesters was the intended result of the action. At first, one soldier refused to accept a weapon, then more, and after a few hours, it was apparent that the soldiers, many of them Viet Nam Veterans, would not go and obey orders.

Personally, I refused the order at the door to the armory room and was told to go up to my platoon bay and wait. I did so, expecting to be alone in the bay and ultimately be either jailed for life or be killed for refusing orders. At the time, I had decided I would die for my country, if necessary, so I would as easily die when refusing an illegal order. As I sat there, more and more soldiers came up, without weapons, and we sat and played cards, not talking about it, all of us afraid but apparently resolute. I had decided I would rather go to prison than obey an order I consider against the Constitution and the Bill of Rights, which I had taken a vow to uphold. I was ordered to go down to see the Captain, and upon entering the office, I was confronted by a room lined with angry NCOs [Unteroffiziere] and Officers, with my Commanding Officer sitting at a desk.

He asked me if I had refused to take a weapon. I responded by reciting the Constitution that says that people have the right to assemble for regress of grievances, word for word, surprisingly doing it from memory, an astounding act I didn't know I could do. My CO then told me I had to obey orders and THEN protest those orders. I responded by saying that ultimately it was every individuals responsibility to decide what they will do, regardless of other people's orders, that I would not go to Washington and kill Americans exercising their rights regardless of orders.

We argued awhile, my demeanor exactly as expected by a soldier talking to his commanding officer, but making clear to him that my decision, regardless of what is done to me as a result, was not going to change under any intimidation. Finally he ordered me up to my bay, saying as I left that he was sorry that the Viet Nam war was not a 'declared war' so he could take me out and shoot me. At that point, I was willing to die for the People of the USA if it was decided to kill me, even if carried out by my own Army. I also decided I would be a pacifist from then on, a decision I have upheld since that day. War, regardless of reason, is obviously social insanity committed by an insane institution.

More soldiers were called down and returned. I have no idea what was said to them, because nobody talked about it. There was no 'conspiracy', no 'subversion', no agenda... it was completely spontaneous and unplanned, before, during, and after. I expected the news to carry the story, but apparently nobody spoke to the press about it. I am not, nor have ever been, a believer or member of any communist or any other 'ism'. I consider them all equally stupid.

After hours of waiting, play cards and not talking about anything but cards, our NCO came up all smiles and we were given our leaves and passes back, and it was as if the incident never happened. Years later, I heard that the USSR had warned Nixon that if he dropped a nuke on Hanoi, the USSR would consider it a 'first strike' and retaliate massively. The Generals told Nixon it was a bluff, so Nixon ordered a nuclear bomb dropped anyway. Apparently the 82nd had to then tell Nixon that the soldiers would not come to Washington, where he was planning to announce the strike from the Oval office, -to be seen as 'Presidential'-. Knowing that such an announcement might well cause the protesters to come through the fence of the White House like a Tsunami, Nixon recalled the B-52 and the bomb was not dropped. Under the Freedom of Information Act, I heard that the USSR considered the incident as important to them as the Cuban Missile Crisis was to Kennedy and was planning to retaliate just as they had warned. I believe that the world exists now because of the soldiers of the 82nd refusing, en mass, an illegal order by the President of the United States.


- (William Alan Fangohr aka Roan Carratu aka Worldmind,
mit der Nummer RA16961035 im Juni 1967 in die Armee aufgenommen und ehrenvoll entlassen im Juni 1970)

2009-10-13

Partizipation - ein Interview

Ein paar Tage zu spät drauf gestoßen, um es als Einleitung für die Serie über Mitwirkung zu verwenden:
60 Jahre Demokratiemängel - Interview mit Hans Herbert von Arnim in: "Die Freie Welt".

Der Verfassungsrechtler spricht über die Folgen, welche daraus erwachsen, dass das Grundgesetz als Quasiverfassung am Leben erhalten wird, obwohl es weder durch die Umstände gerechtfertigt ist, noch vom Volk legitimiert wurde.

2009-10-12

Partizipation durch Geodätische Demokratie

Mit dem letzten Artikel aus dieser Serie bin ich extrem unzufrieden. Wenn ich ihn so überfliege, erscheint er mir oberflächlich und nichtig. Schon während des Schreibens fehlte mir etwas, und dieses Etwas war Interesse an der Materie. Meine Gedanken gehen weit über eine bloße Reform der mitteleuropäischen Gesellschaften hinaus; und mein Herz verlangt sogar noch mehr als das, womit meine Gedanken spielen.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Beteiligung von mehr Menschen an der Organisation des Gemeinwesens nicht per se zu einer Besserung der Verhältnisse führen muss. Die Verteilung von Gütern wird nicht von allein gerechter (egal was man darunter verstehen möchte), der Wille des Einzelnen kommt nicht automatisch zur Geltung, und auch Freiheit ist kein Gut, das in Volksabstimmungen erzielt wird. Denn direkte Demokratie, Basisdemokratie und Radikaldemokratie stellen lediglich inhaltslose Mechanismen dar, die mit jeder beliebigen Ideologie gefüllt werden können, bis hin zu faschistischen Richtungen.
Wohl wahr, dass unser gegenwärtiges, repräsentatives System leicht in eines mit mehr Volksbeteiligung überführt werden könnte. Doch was wäre gewonnen? Nach wie vor würden Entscheidungen aufgrund von Meinungen statt Fakten getroffen werden. Oder aufgrund von persönlichen Interessen, statt dem größtmöglichen Gemeinwohl. Meinungen sind manipulierbar und die Summe der Einzelinteressen ist weit davon entfernt, das Gemeinwohl abzubilden.
Wir befinden uns darüber hinaus in einer Situation, in der weite Kreise der Bevölkerung schlecht informiert sind, mangelhafte Allgemeinbildung besitzen, kaum auf die sozialen Erfordernisse des Lebens vorbereitet, dafür um so mehr von Medien beeinflusst wurden, die sich im Besitz weniger Personen befinden. Es ist dies eine Situation, in der praktisch jeder von Geldgebern abhängig und durch sie erpressbar ist. Angst vor Jobverlust, Angst vor sozialem Abstieg, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor fremden Menschen - all das kann nicht durch Basisdemokratie geheilt werden.

Ein Gemeinwesen, in dem es einer Mehrheit an Bildung und an Bewusstsein für Zusammenhänge mangelt, ist ein Albtraum, denn es regieren Angst und Furcht, selbst wenn man sie nicht an der Oberfläche spürt. Die Läden mögen vor bunten Waren bersten, das Land nimmt in vielen Statistiken eine Spitzenposition ein, die Müllabfuhr kommt regelmäßig und - immerhin - die Mehrheit steht noch in Lohn und Brot. Dafür nehmen wir das Elend hin, das sich anderswo abspielt und hoffen, es klopft nicht an unsere Tür. Wir beharren auf der Erfüllung unserer persönlicher Bedürfnisse, bis unsere Partnerschaften zerbrechen. Wir schimpfen auf die Bürokraten, doch fürchten wir das Chaos, das der Abschaffung aller lästigen Formulare folgen könnte.

Wir sind nicht frei, solange wir uns vor Veränderung fürchten.
Wir können nicht aufhören uns zu fürchten, solange wir über unsere Situation im Unklaren sind.
Wir können Klarheit nur erreichen, wenn wir Meinungen und Hoffnungen durch Wissen ersetzen.
Wir können Wissen nur erlangen, wenn wir lernen, und zwar auf jeder Ebene und in jeder Beziehung.

Gemeinwesen, in denen es einer Mehrheit an Bildung und an Bewusstsein für Zusammenhänge mangelt, sind ein Missstand, in dem wir seit Jahrtausenden leben. Ein solcher ist auch unsere Gegenwart, welche wir nur ertragen können, indem wir die Folgen unseres Handelns innerhalb nachteilhaft organisierter Abläufe ausblenden, verleugnen, bagatellisieren, wegschieben oder zur Normalität erklären.
Erst wenn diese Abwehrmechanismen angesichts zusammenbrechender Strukturen versagen, erlauben wir uns einen Neubeginn. Einen schmerzhaften, wie man in Europa wie auch in der ganzen "entwickelten" Welt feststellen wird. Vielleicht geben wir dann nicht dem nächsten Albtraumsystem eine Chance, sondern erlauben uns ein Mehr an Bildung und sozialem Training.

Damit betreten wir den Raum jenseits lexikalisierter Gesellschaftstypen. Beginnen möchte ich mit dem Entwurf einer direkten Demokratie, die obligatorisch auf Bildung aufbaut. Der Erfinder, über den ich in ein paar Tagen in einem anderen Zusammenhang etwas erzählen möchte, nennt das Modell Geodesic Democracy, zu deutsch: Geodätische Demokratie, oder kurz: Geonet. Es basiert auf der Struktur eines Ikosaeders, eines regelmäßigen Körpers, in dem jeweils alle Flächen, Winkel, Strecken und Schnittpunkte gleich sind. Geonet stellt damit eine egalitäre, dreidimensional organisierte Gesellschaft ohne hierarchische Elemente dar.

Den Kern bilden sogenannte i-Teams. Nur über diesen Kern möchte ich hier berichten. Das geodätische Konzept umfasst weitaus mehr.
Die i-Teams dienen der umfassenden Sammlung entscheidungsrelevanter Fakten. Sie bestehen jeweils aus 12 Personen. Jede Person ist Mitglied in zwei i-Teams gleichzeitig. Insgesamt entstehen so Personenverbindungen zu sechs weiteren Teams. Die Mitgliedschaft im Team-System ist freiwillig, unbegrenzt und niemandem verweigerbar. Die Einteilung erfolgt nach dem Zufallsprinzip. Einmal pro Jahr wird die Zusammensetzung der Teams geändert, um Seilschaften, Dominanzen und andere Formen von Korruption zu verhindern bzw. aufzulösen.

In jedem Team gibt es vier Funktionen, die in kurzen Abständen reihum ausgeübt werden.
Es gibt einen Friedensstifter, der sich so weit aus den Diskussionen herauszuhalten hat, dass er sie stoppen kann, wenn Emotionen hochkochen.
Ein Mitglied fungiert als Diskussionsleiter, eine Art Moderator, der u.a. passive Teilnehmer in die Diskussion einbindet. Er entscheidet über die zu besprechenden Themen, kann diese danach aber nicht mehr stoppen oder einschränken. Er muss die Teilnehmer zur Sachbezogenheit anhalten und kann unkonstruktives Verhalten Einzelner dokumentieren.
Der Schriftführer legt Kurzprotokolle der Teamsitzungen nieder. Die Protokolle werden dauerhaft und frei zugänglich aufbewahrt und können nicht mehr geändert werden.
Und dann gibt es noch einen Zeitnehmer, der darauf achtet, dass die vorher festgelegten Zeitpläne der streng reglementierten Sitzungen exakt eingehalten werden.
Keine der Funktionen besitzt Autorität über die beschriebenen Funktionen und Zeiträume hinaus.

Eine Sitzungsperiode des Teams besteht aus einer Bildungswoche und einer Entscheidungswoche. Die Bildungswoche kann mehr oder weniger frei genutzt werden, um Informationen zu vorgegebenen Themen aufzuspüren. Während Onlinetreffen kann auch Teamwork betrieben werden. Am Ende der Woche wird beschlossen, welche der Themen in der Entscheidungswoche näher beleuchtet werden. Am Ende dieser zweiten Woche erfolgen Kurzvorträge zur Unterrichtung des gesamten Teams. Lösungsvorschläge können enthalten sein. Die Ergebnisse werden dauerhaft und frei zugänglich aufbewahrt. In der Schlusssitzung wird auch abgestimmt, welche Themen an die sechs anderen Teams zur Untersuchung weitergeleitet und welche Themen in der folgenden Bildungswoche behandelt werden sollen.

Teilnahme am Geonet kostet im Vergleich zu anderen volontären Tätigkeiten viel Zeit, etwa zwei Stunden am Tag, aber as entspricht auch der Bedeutung von Mitwirkung in diesem System.
Jeder Teilnehmer vertritt lediglich sich selbst. Er ist niemandem außer sich selbst verantwortlich und kann von guter Arbeit nur profitieren. Stellt sich heraus, dass die aktuelle Zusammensetzung des Teams selten Konsens zulässt, häufig Zeitpläne beeinträchtigt, mangelhafte Ergebnisse zur Folge hat u.ä.m. können personelle Veränderungen beschlossen werden, d.h. den Austausch einzelner Personen oder die Auflösung des Teams nach sich ziehen. Personen oder Organisationen, die die Teams zu infiltrieren oder unter Druck zu setzen versuchen sollten, würden durch die hohe Zahl der Teilnehmer und deren ständige absichtliche, randomisierte oder zyklische Neubesetzung keinen lohnenden Angriffspunkt finden. Mediale Beeinflussung würde wegen der intensiven Selbst- und Gruppenunterrichtung wenig auszurichten vermögen, ist aber immer noch denkbar, wenn die derzeit fortschreitende Monopolbildung nicht gestoppt bzw. rückgängig gemacht wird.

2009-10-09

Wie biddä??

Wofür bekommt der Eumel eigentlich den Friedensnobelpreis? Für einen Haushaltsentwurf, der 901 Milliarden Dollar, 63% des Gesamthaushalts, für Militär und nationale Sicherheit vorsieht? Für die Fortsetzung des Irakkriegs trotz gegenteiliger Ankündigung? Für die Verdoppelung der Truppen im Afghanistankrieg? Für die Unterbeschussnahme Pakistans? Für erneute Drohungen gegen Iran? Für das Nichteinschreiten in Gaza? Für die Schaffung von sozialem Unfrieden im eigenen Land? Noch nicht mal die außer-legalen Gefangenencamps sind aufgelöst. Von gutem Willen keine Spur, geschweige denn von Taten.

Er mag ja ein netter Typ sein. Aber das war nun wirklich ein Ritterschlag für einen Windbeutel. So nach dem Motto: Herr Obama, wie vereinbaren Sie es mit Ihrem Status als Nobelpreisträger etc.? Nice try. 
In gewisser Weise kommt mir das weniger sachdienlich vor als zu Zeiten, als die Konfrontationslinie offensichtlich war. Man kann nur hoffen, dass wir es mit Unfähigkeit zu tun haben, nicht mit bewusster Täuschung der Öffentlichkeit.

Es gibt Leute, die vorleben, worüber Obama bisher nur redet. Was machen sie mit ihm, wenn er tatsächlich mal tut, was er verspricht? Ihn zum Weltpräsident ernennen?

2009-10-06

Mehr Partizipation durch direkte Demokratie

Wenn man von direkter Demokratie spricht, meint man eine Gesellschaft, in der dem Volk ein Teil der Entscheidungsgewalt in Sachfragen übertragen wird, um in Abstimmungen ausgeübt zu werden. Dies entspricht der altgriechischen Urform der Demokratie. Daneben gibt es die sogenannte Basisdemokratie, welche keine dem Volk übergeordneten Instanzen kennt. Die Grenzen verschwimmen im allgemeinen Sprachgebrauch und spielen für diesen Eintrag auch keine Rolle, denn die Abstimmungsmechanismen, die ich heute vorstellen möchte, funktionieren in beiden Varianten.

Jedenfalls ein wohlklingender Ausdruck - Direkte Demokratie! Das Versprechen einer glückseligen Zukunft ganz nach Volkes Wunsch. Volkes Kuckucksheim sozusagen. Doch ist er nicht irgendwie doppelt gemoppelt, so wie echte Wahrheit, dunkle Nacht oder süßer Zucker?
Stimmt schon. Doch da Demokratie als Wort sich heute fest im elitären Griff der Repräsentanten befindet, bedarf es eines irgendwie erweiterten Ausdrucks, um auf die von Direktdemokraten gemeinte Staatsform verweisen zu können.

Gegner der Volksbeteiligung an Sachfragen führen oft Bedenken hinsichtlich geringen Bildungsstandes in weiten Teilen der Bevölkerung an, sowie das Problem, unpopuläre, aber notwendige Maßnahmen durchzubekommen oder Minderheitenrechte zu berücksichtigen (Mehrheitsdespotismus). Betont wird auch immer wieder die technische Unmöglichkeit, jedermann in Entscheidungsfindungsprozesse einzubinden.

Alle drei Punkte lassen sich nicht nur ausräumen. Sie können genausogut gegen das repräsentative Modell verwendet werden.
Wie schon im letzten Eintrag angemerkt sind auch Parlamentarier nicht allwissend. Sie hängen in ihrem Urteil von Experten ab. Diese wiederum haben ihr Wissen aus einem bestimmten Umfeld und damit einem bestimmten Interessensbereich. Die Gefahr von Fehlurteilen, Korruption und alltagsuntauglichen Entscheidungen ist sehr hoch.
Das Äquivalent einer unpopulären Entscheidung ist im repräsentativen System eine, die den Interessen der Finanziers des zuwiderläuft. Opel und IKB seien hier als Beispiele genannt, während Plebiszite in der Schweiz durchaus hin und wieder zu unerwarteten Resultaten führen, denkt man etwa an die Nicht-Abschaffung der Armee.

Was die technische Seite betrifft, hat sich auf der elektronischen Schiene viel getan. Knapp 80% der deutschen Haushalte sind am Internet. Der Rest wäre mit staatlicher Subvention sicherlich schnell angeschlossen. Potentiell wären 100% der Bevölkerung an Beschlüssen beteiligbar, wenn auch ganz erhebliche Abstriche gemacht werden müssen, wo körperliche oder geistige Einschränkungen den Gebrauch des Mediums behindern. Immerhin ließen sich aber deutlich höhere Zugangsraten beim aktiven Wahlrecht erzielen, 100% der Tage für 80% der Bevölkerung (heute: 0,2% der Tage für 75% der Bevölkerung).

Bleibt die Frage, wie man 60 bis 70 Millionen Willensäußerungen feststellt, formalisiert, quantifiziert und schließlich daraus eine Entscheidung generiert.
Dafür gibt es Modelle, die ich in aller Kürze umreißen will. Nähere Informationen liefert das MetaGovernment Project.

Scoring
Jedes Mitglied der Gesellschaft kann Vorschläge frei in den Raum stellen oder beantworten. Mit Hilfe von positiven und negativen Bewertungspunkten, ebenfalls frei verteilbar, kann außerdem jeder Vorschläge und Antworten einstufen. Beiträge, die auf diese Weise Konsens erzielen, gehören zur aktiven Politik. Es ist auch möglich, mehrere Beiträge durch Scoring zu einer Synthese zusammenzufassen.

Votorola
Eine Software zur Konsenserzielung und Entscheidungsfindung.
Im Unterschied zu der uns geläufigen Methode der Wahl, die zu einem gewissen Stichtag endet, sind Wahlen bei Votorola fortlaufend. Der Stimmstand gibt jederzeit die Einstellung der Abstimmungsteilnehmer wider. Jeder Abstimmungsteilnehmer erhält eine bestimmte Zahl Stimmen, die wie Spielsteine ständig im Einsatz bleiben und je nach momentaner Präferenz verschoben werden. Die "Legislaturperiode" kann unter Umständen nur wenige Tage dauern, wenn ein Kandidat schwerwiegende Fehler begeht. Eine einmal für brauchbar befundene Politik könnte sich andererseits mit leichten Anpassungen prinzipiell Jahrzehnte halten.
Kandidaten einer Personenwahl werden durch einfaches Wählen eingeführt. Nominierungen und Zulassungsprozesse gibt es nicht.
Stimmt Kandidat 1 für Kandidat 2, so fließen Letzterem alle Stimmen für Kandidat 1 zu.
Sachvorschläge können unbegrenzt eingebracht, variiert und bewertet werden.

Vilfredo
Um festzustellen, welche Richtung Politik nehmen soll, stellt ein Fragesteller zunächst Fragen. Diese können vom Wähler über eine Software beantwortet werden. Nach Ablauf einer Frist beginnt eine zweite Phase. Alle gegebenen Antworten werden zur Wahl gestellt, wobei der Wähler alle Antworten ankreuzen kann, die er für geeignet hält. Von zwei Antworten, die beide von den selben Leuten favorisiert werden, fällt die mit dem kleineren Stimmenanteil heraus. Die Eingangsfrage wird wieder gestellt und es werden nun neben den verbleibenden Antworten neue zugelassen, die eine Synthese oder einen Kompromiss vorschlagen. Der Prozess endet, wenn ein Konsens gefunden wurde.

White House 2
Das Online-Programm ist eine bereits in Gebrauch befindliche Plattform, die von knapp 10.000 US-Bürgern benutzt wird, um Wünsche bezüglich Washingtoner Politik zu äußern. "President Obama, please..." lautet die Einleitungsformel. Dahinter folgt, was immer ein Teilnehmer sich wünscht. Derzeitige Nummer 1 ist ...Replace the federal income tax with the FairTax, mit 5733 Zustimmungen bei 407 Gegenstimmen. Folgt man dem Link, mit dem der Wunsch hinterlegt ist, findet man zugehörige Vorschläge, Diskussionen, Zahlenmaterial und Stellungnahmen, und natürlich kann man seine Stimme dazu abgeben.

Als gemeinsame Präsentationsplattform für o.g. Modelle dient das MetaGovernment Project. Die Lösungen sind relativ einfach und noch nicht spam-resistent. Große Massen an Vorschlägen sind schwer zu bewältigen. Ein Problem sehe ich auch darin, dass von individuellen Wünschen, Interessen und Meinungen ausgegangen wird, was zu irrationalen oder korrupten Ergebnissen fernab der Fakten bzw. Notwendigkeiten führen kann. Außer in Vilfredo ist niemand gezwungen, sich näher mit der Materie zu befassen, so dass eine Vielzahl von gefühlsmäßigen ad hoc -Stimmabgaben zu erwarten ist. Meinungen sind leicht über Massenmedien oder wirtschaftlichen Druck beeinflussbar. So darf man eigentlich kaum erwarten, dass basisdemokratische Modelle allein in der Lage sein werden, einen Wandel in der Welt herbeizuführen, der den großen Herausforderungen unserer Zeit begegnen kann. Die Metagovernment-Projekte verstehen sich daher nicht als eigenständige Gesellschaftssysteme, sondern versuchen lediglich Methoden zu entwickeln, mit Hilfe derer gesündere, partizipatorische Staatswesen entstehen können.

2009-10-01

Mehr Partizipation durch Wahlrechtsreform

Zwei Zahlen veranschaulichen mangelnde Teilhabe der Bevölkerung am politischen Entscheidungsfindungsprozess:
1) Während einer Legislaturperiode von vier Jahren haben wir genau drei Mal die Möglichkeit wählen zu gehen: den Gemeinderat, den Landtag und den Bundestag. Das heißt, wir sind lediglich an einem von 487 Tagen eingeladen unseren Willen auszudrücken. Indirekt über die Wahl eines Kandidaten oder indirekt-indirekt über die Wahl einer Partei, die einen Kandidaten auswählt und in Listen platziert. Auf die Regierungsbildung oder Sachfragen haben wir keinen Einfluss.
2) Zählt man die Abgeordneten aller Landtage und des Bundestages zusammen, kommt man auf ca. 3000 Abgeordnete, die Einfluss auf das Geschehen über örtliche Fragen hinaus besitzen. Nur jeder 26.000ste Einwohner kann sich damit überhaupt aktiv in die Politik einbringen.

Ein enormes Missverhältnis angesichts der Bedeutung, die der Politik im Allgemeinen zugemessen wird. Gerechtfertigt wird dies mit höherer Effektivität des kleinen Kreises einerseits sowie mangelnder Sachkenntnis der Bevölkerung andererseits.

Besieht man dagegen die enormen "Erfolge" der Regierung und des Deutschen Bundestags, nicht nur während der vergangenen Legislaturperiode, sondern seit mindestens den späten 60er Jahren und zieht man in Betracht, wie wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung genommen wird, wie wenig ihre Meinung gefragt ist oder ihre Wünsche erfüllt werden, dann wundert es mich fast schon, dass ihre fortschreitende Desillusionierung sich nicht schon viel früher und in wesentlich drastischeren Zahlen ausgedrückt hat. Wir haben am Beispiel der SPD den größten Stimmenverlust, den je eine Partei bei der Bundestagswahl hat einstecken müssen, und wir hatten in diesem Zusammenhang den tiefsten Stand der Wahlbeteiligung seit Gründung der Bundesrepublik. Nichtwähler stellen den größten Block mit 29,2%, die stärkste Fraktion wird gerade einmal 23,9% der Bevölkerung repräsentieren. Die Parteien im Bundestag bilden tatsächlich nur noch Interessen-"Fraktionen" ab, also Bruchteile des Gesamtspektrums. Die Sitzverteilung spiegelt nicht das Gesamtbild der Wahl wider.

Wähler wie Gewählte scheinen mit der Situation unzufrieden zu sein. Sitzzuteilungsverfahren wurden geändert, aber Wahlrechtsreformen wurden nicht angestrebt. Diese könnten drei Problemfelder adressieren: Steigerung des Interesses an der Wahl, genauere und umfassendere Auswertung des Volkswillens sowie Sicherstellung der korrekten Umsetzung desselben.

1) Wie kann man Menschen dazu motivieren teilzunehmen bzw. ihren Willen zu artikulieren?

Die alleroffensichtlichste Maßnahme wäre eine Belohnung für absolvierten Wahlgang. Etwa eine Steuererleichterung oder ein Einkaufsgutschein. Auch eine Suppenküche oder ein Hot Dog wie beim Blutspenden für's Rote Kreuz könnten als kleiner Anreiz dienen, der bestimmt ein paar Prozent mehr Bürger ins Wahllokal lockt. Wo's was zu Essen gibt, sind immer Leute zu finden :D Viel freundlichere Maßnahme jedenfalls, als der Vorschlag eines SPD-Bonzen, 50 Euro Strafgeld für Stubenhocker zu verhängen.

Die Senkung der Altersgrenze auf 15 oder 16 Jahre beim aktiven Wahlrecht könnte in Verbindung mit etwas aufklärendem Unterricht Wunder wirken.

Eine Erleichterung des Zugangs zur passiven Wahl würde die politische Landschaft sehr beleben. Momentan sind die bürokratischen Hürden noch relativ hoch, so dass selbst Profis manchmal an ihnen scheitern.
 
Volksabstimmung bei Differenzen zwischen den Kammern und im Rahmen von Petitionen würde als direkte Beteiligungsmöglichkeit bestimmt ebenfalls so Manchen den Weg zur Urne finden lassen.

2) Wie könnte man dafür sorgen, dass die Stimmenauswertung das Wahlergebnis genauer abbildet, so dass sich darin auch Grad und Art der Partizipation ausdrückt?

Angesichts stark sinkender Wahlbeteiligung auf allen Ebenen darf angenommen werden, dass auf diese Weise Unmut bezüglich des Wahlverfahrens und des politischen Systems als Ganzes geäußert werden soll. Eine gewisse Mindestteilnahme als Voraussetzung für die Gültigkeit einer Wahl, ein sogenanntes Quorum, sollte sicherstellen, dass die gewählten Personen und Parteien tatsächlich die Mehrheit des Volkes vertreten. Im Falle eines Scheiterns an dieser Hürde sollte zwingend die Ursache des Boykotts ermittelt und behoben werden.

Die Abschaffung der 5%-Hürde in Verbindung mit o.g. Zugangserleichterung zur passiven Wahl ergibt ein genaueres Bild des Volkswillens als nach der momentanen Regelung.

Zugelassen sollten auch Negativstimmen sein, so dass der Wähler Parteien oder Kandidaten ausschließen kann, die er nicht in verantwortlichen Positionen wissen möchte.
 
Nichtwählerstimmen sind in Deutschland nicht vorgesehen. Zusammen mit Belohnung oder Strafe würden sie jedoch notwendig werden. Sonst bliebe nur die ungültige Wahl.

Gibt man dem Bürger Punkte zur freien Verteilung, so könnte eine Gewichtungswahl durchgeführt werden. Er könnte z.B. alle Punkte auf eine Partei setzen oder sie nach Sympathie an mehrere verteilen. Das ließe sich prima mit der Negativwahl kombinieren und würde ihm die Wahl einer bestimmten Koalition erlauben.

Die Direktwahl der Regierung und anderer hoher Ämter ist eigentlich schon lange überfällig. Unfähige Minister oder despotische Kanzler würden keine zweite Amtszeit erleben, nur weil ihre Partei gerade hoch in der Gunst des Wählers steht.

3) Wie kann man erreichen, dass politische Willenserklärungen aktiv umgesetzt werden?

Einer der größten Kritikpunkte bei der Parteienwahl ist die mangelhafte Umsetzung der Programme. Selbst Fälle von Verdrehung ins Gegenteil kommen vor. Wer unter Vortäuschung falscher Tatsachen oder nach betrügerischer Abgabe eines Wahlversprechens ins Amt gewählt wurde, müsste sich eigentlich genauso dafür verantworten, wie ein normaler Betrüger. Dazu bedarf es einklagbarer Programme.

Zu erwägen wäre eine Begrenzung der Wiederwahl, um Verknöcherung und Korruption vorzubeugen. Hat natürlich den Nachteil, dass erfahrene Leute ihren Hut nehmen müssen.

Die Senkung der Bezüge auf das Niveau eines Facharbeiters allerdings könnte bewirken, dass eher engagierte Menschen Ämter anstreben statt Profitjäger.

Ähnliches erwarte ich mir von einem Verbot von Lobbyismus, von der Exklusivfinanzierung von Parteien und Amtsträgern durch den Staat, sowie vom Verbot von Nebenjobs und einer Berufssperre für mindestens ein Jahr nach Ausscheiden aus dem Amt.

Was im Berufsalltag eines abhängig Beschäftigten ein Unding ist - wilde Streiks und Arbeitsverweigerung - kommt in unseren Parlamenten relativ häufig vor: das demonstrative Fernbleiben vom Arbeitsplatz. Dem Steuerzahler ebenso wie der Sache zuliebe sollte Anwesenheitspflicht für Amtsträger herrschen.

Fachliche Inkompetenz wird Regierung und Parlamentariern oft vorgeworfen und gelegentlich auch bescheinigt. Kann ja auch nicht anders sein, denn niemand ist über alle Wissensgebiete bis ins Detail informiert. Wenn sich das Parlament bei seiner Abstimmung auf die Arbeit von Fachausschüssen verlassen muss, kann man im Grunde gleich Fachparlamente einrichten.

Die oben beschriebenen Maßnahmen bedingen einander nicht. Sie können getrennt eingeführt werden und sich in Einzelfällen sogar widersprechen. Zu bedenken sind bei der Einführung eventuelle Negativfolgen. So bringen z.B. Fachparlamente zwar Entscheidungen auf Basis von soliderem Faktenwissen zustande als der Bundestag heute, doch geht mit der Spezialisierung das Gesamtbild verloren, in das sich das Ergebnis einfügen muss.

Meine persönliche Präferenz liegt wie gesagt nicht bei einer Parteien- und Wahlrechtsreform, da sie die grundsätzlichen Probleme unserer Gesellschaft außer Acht lässt. Deutlich demokratischer im eigentlichen Sinne des Wortes, Volksherrschaft, ließe sich das System aber schon gestalten. Die BRD stellt ein stark minimalistisches Demokratiemodell dar.

Sofern sich jemand näher informieren möchte, verweise ich ihn auf die Seite Direkte Demokratie. Dort wird über Geschichte und Gegenwart der Volksbeteiligung aufgeklärt, über Wahlrecht und Nichtwählerschaft, über Parteien und Wahlergebnisse und vieles mehr. Auch als Sprungbrett zu weiteren Informationen im Netz geeignet.