2009-11-28

Sprache und Erfahrung

Those who know do not tell.
Those who tell do not know
(Lao Tse)

What I've learned... Ich glaube die Meisten kennen das Gedicht der Dinge, die ein weiserer Mensch als wir verstehen würde. Ach was, verstehen. Verstehen tun wir's irgendwie alle; was heißt das schon. Ich habe die Worte gelesen - ich weiß was sie bedeuten. Sie klingen richtig schlau irgendwie. So erwachsen.
Die Cleveren unter uns verstehen sogar die Implikationen. Wir können nicht bestimmen, was das Leben uns vor die Füße knallt. Von da an aber sind wir frei, aus den Vorgaben etwas zu formen. Beton. Es kommt drauf an, was du draus machst. Und die Cleveren mögen diese Implikationen nicht: "Ist ja alles richtig, aaaaber ich find's trotzdem besser, am alten Weg festzuhalten."
Fein. Nehmt euch die Freiheit, zu genießen und wegzusehen, euch zu schützen und euch abzugrenzen und eures über das Wohl Aller zu stellen, ungeachtet der Langzeitfolgen. Was zählt ist der Augenblick.

What I've learned... Die Zukunft lässt sich nicht betrügen. Ihr denkt, ihr könnt eine Hypothek aufnehmen, ohne dass ihr sie je zurückzahlen müsst. Ihr glaubt, die Gesetze der Schwerkraft gelten nicht für euch. All zu lange waren die Gläubiger auch schon geduldig, aber eines Tages ist eben DER Tag. Welcher darf's denn sein? - Zu dumm, er stand nicht im Terminkalender. Gerade heute passt es gar nicht gut, und eigentlich wäre ich vorher noch gern in Urlaub geflogen.

What I've learned... Die Welt ist eins. Ein unbegrenzter Mechanismus untereinander abhängiger, sich gegenseitig beeinflussender Elemente, der sich nicht drum schert, was wir als esoterisch oder pragmatisch betrachten. Was auf Tau Ceti geschieht betrifft uns, was Chavez sagt betrifft uns, was wir selbst denken ändert alles. Die Linguistik, die Astronomie, die Ökonomie und auch die Kochkunst, all das ist eins und es betrifft unser tägliches Leben auf die eine oder andere Weise. Der Glaube ein Element isoliert betrachten zu können hat aus der Erde ein Tollhaus gemacht. Die Grenzen niederzureißen wird sie wieder lebenswerter gestalten.

What I've learned... Es gibt keine Sicherheit, weder des Wissens, noch des Glaubens, noch des Körpers. Denn Sicherheit herzustellen hieße Erstarrung im status quo herbeizuführen, was in einer sich ständig im Fluss befindlichen Welt unmöglich ist. Allein der Versuch muss zu schwerwiegenden inneren und äußeren Konflikten führen. QED. Entropie drückt sich sogar im "freien" Willen derer aus, die sich im Hacken, Angreifen, Eindringen, Penetrieren verdingen.

What I've learned... dass, was immer du lernst und glaubst verstanden zu haben, schon morgen überholt sein wird. Dass du noch so viel aufsaugen kannst, die Fakten nehmen kein Ende, und ihre unendlichen Kombinationsmöglichkeiten überfordern dich schon beim Versuch sie zu erfassen. So hat jede Lernmethode wie auch jedes Wissenssystem nur eingeschränkten Nutzen, und wem was in welcher Weise nutzt hängt vom Einzelnen ab.

What I've learned... All mein Geschwafel - wem nutzt es denn? Wer liest es überhaupt?
Ich mache mir diesbezüglich keine Illusionen. Das Leben geht für alle ungeachtet guter Worte weiter wie bisher, mit der persönlichen Erfahrung der eigenen kleinen Welt als einzigem Maßstab. Sicher muss es so sein, denn die Einheit von allem-was-ist müssen wir, jeder für sich, erfahren. Und alles, was ich für euch tun kann, ist, euch von meiner Reise zu berichten - der Reise nach Auroville, von der ich hoffe, dass sie mich an einen Punkt jenseits von Sprache führt.

2009-11-14

Fresco. Skinner. And Bucky, too.

61 Druckseiten, die sich lohnen. Buckminster Fuller kann nicht nur erklären, weshalb er eigentlich keine Ausnahmeintelligenz darstellte. Er entwarf eine alternative Sicht auf Weltgeschichte, als deren treibende Kraft er manipulativen Gebrauch von Wissen statt einzelstaatlicher Machtpolitik erkannte.
Darüber kann man lange streiten. Seine Gegenwartsanalysen und Zukunftsszenarien ergänzen sich jedoch hervorragend mit denen von Jacque Fresco und B.F.Skinner.

If you are in a shipwreck and all the boats are gone, a piano top buoyant enough to keep you afloat that comes along makes a fortuitous life preserver. But this is not to say that the best way to design a life preserver is in the form of a piano top.
I think that we are clinging to a great many piano tops in accepting yesterday's fortuitous contrivings as constituting the only means for solving a given problem. Our brains deal exclusively with specialcase experiences. Only our minds are able to discover the generalized principles operating without exception in each and every special-experience case which if detected and mastered will give knowledgeable advantage in all instances.
...
It is obvious that the real wealth of life aboard our planet is a forwardly-operative, metabolic, and intellectual regenerating system. Quite clearly we have vast amounts of income wealth as Sun radiation and Moon gravity to implement our forward success. Wherefore living only on our energy savings by burning up the fossil fuels which took billions of years to impound from the Sun or living on our capital by burning up our Earth's atoms is lethally ignorant and also utterly irresponsible to our coming generations and their forward days. Our children and their children are our future days. If we do not comprehend and realize our potential ability to support all life forever we are cosmicly bankrupt.
...
Only complete world desovereignization can permit the realization of an all humanity high standard support.

...
 Our labor world and all salaried workers, including school teachers and college professors, are now, at least subconsciously if not consciously, afraid that automation will take away their jobs. They are afraid they won't be able to do what is called "earning a living," which is short for earning the right to live. This term implies that normally we are supposed to die prematurely and that it is abnormal to be able to earn a living.
...
 To take advantage of the fabulous magnitudes of real wealth [Anm.: natural resources] waiting to be employed intelligently by humans and unblock automation's postponement by organized labor we must give each human who is or becomes unemployed a life fellowship in research and development or in just simple thinking [...] For every 100,000 employed in research and development, or just plain thinking, one probably will make a breakthrough that will more than pay for the other 99,999 fellowships. Thus, production will no longer be impeded by humans trying to do what machines can do better.

...
We may now raise our sights, in fact must raise our sights, to take the initiative in planning the world-around industrial retooling revolution. We must undertake to increase the performance per pound of the world's resources until they provide all of humanity a high standard of living. We can no longer wait to see whose biased political system should prevail over the world.
 You may not feel very confident about how you are going to earn your right to live under such world-around patron-less conditions. But I say to you the sooner you do the better chance we have of pulling out of humanity's otherwise fatal nose dive into oblivion.

(R.Buckminster Fuller: Operating Manual For Spaceship Earth. 1969)

2009-11-12

yoto soti

Wäre dieses Buch von einem Weißen geschrieben worden, man hätte ihm mit Sicherheit Rassismus vorgeworfen. - Hoppla, genau das ist Anson Chi geschehen, einem in den USA geborenen und aufgewachsenen Chinesen. Sein Roman Yellow On The Outside, Shame On The Inside. Asian Culture Revealed schildert das Innenleben einer Kultur, die weit mehr zu erdulden hat als den oberflächlichen Rassismus gegen "schlitzäugige" Zeitgenossen.

Aus der Sicht eines Collegeabsolventen, der den Medical College Admission Test ablegen muss, von dem im wörtlichen Sinne sein Leben abhängt, führt er uns ins asiatische Familienleben ein. Geprägt davon, um Himmels Willen nur nicht das Gesicht zu verlieren und unter ständigem Druck seine Eltern stolz machen zum müssen kämpft Johnson darum die Fassung zu bewahren. Was ihm nicht leicht fällt, denn er sitzt zwischen zwei Stühlen, der Tradition einerseits und amerikanischen Werten andererseits.

Anson Chis Held ist dem Einfluss seiner Familie hilflos ausgeliefert. Johnson unternimmt nicht einmal den Versuch, sein Leben in den eigenen Griff zu bekommen. Aber wenn er mit seinem Freund Gabriel abhängt, kommen die Dämonen zum Vorschein, die ihn quälen. Während Johnson stets den Schein des Musterknaben aufrecht erhält, kokettiert Gabriel geradezu mit seinem Loserstatus, und das macht es Johnson leicht, sich in Sarkasmus zu ergehen. Und Gott, das tut er ausgiebigst!

Wir erfahren, warum asiatische Immigranten ihren Kindern solch seltsame Namen geben, weshalb sie überwiegend Mediziner und Anwälte werden, immer mit hässlichen Markenklamotten rumrennen, die besten Noten einfahren und so wenig reden.

Yellow On The Outside, Shame On The Inside wurde vermutlich eher für Angehörige der ostasiatischen Kulturen (hauptsächlich Kambodscha, Vietnam, China, Korea und Japan) mit ihren strengen Verhaltensregeln geschrieben. Europäer dürfen trotzdem mal ihre Nase reinstecken, und sei es nur der Unterhaltung wegen. Ich könnte mir vorstellen, dass der Eine oder die Andere Spaß dran haben werden.

Das 139-seitige Buch bekommt ihr als kostenlosen PDF-Download auf der Website des Autors.

2009-11-08

On the edge



Jacque Fresco und Roxanne Meadows in der Sendung "On The Edge", die in Europa über Satellit ausgestrahlt worden ist. Theo Chalmers stellt tiefgehende Fragen zum Venus-Projekt, lässt die beiden jedoch auch ein bisschen aus ihrer Vergangenheit erzählen. Jacque bringt viele coole Beispiele und Stories. Es macht wirklich Spaß ihm zuzuhören.

Eine längere Zeit hält sich der Interview-Talk an der Frage "Who will be in charge?" auf. Die Antwort ist zwar ganz einfach - niemand. Aber um zu erklären, wie das möglich wird, muss Jacque ein wenig weiter ausholen. Deshalb verliert er sich leider in Details. Denselben Effekt bemerke ich übrigens auch bei Peter Joseph öfter. Es liegt wohl einfach daran, dass die Materie, obwohl weniger komplex als unsere heutigen Lebensumstände, nur als Ganzes zu verstehen und zu erklären ist.

Es erscheint vor dem Hintergrund von Jahrtausenden korrupten Verhaltens unglaublich, dass wir hier nicht gegen die menschliche Natur arbeiten, sondern lediglich gegen veränderbare Umwelteinflüsse, welche korruptes Verhalten auslösen. Leute haben Zweifel, ob Umdenken auf planetarer Ebene möglich ist, damit ein System wie dieses wirklich werden kann. Leichter verständlich dagegen sind funktionierende Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart. Solche zu finden, darin ist Jacque definitiv ein Meister.

2009-11-06

An-aus-an-aus-an... ich glaube, er hat den Grünschalter gefunden.

Sie versucht es immer wieder, diese Vergangenheit, mit der ich aufgewachsen bin. Sie sendet mir Angst in Wellen. Und immer wieder verlangt sie Einlass, fordert ihr Recht, möchte das Rad zurückdrehen. Aber es gibt kein Zurück zur Isolation. Die Mauern sind gefallen. Wer jetzt in Furcht einer feindlichen Umwelt gegenübersteht, wird schlotternd, mit heruntergelassenen Hosen, erwischt. Es stehen Veränderungen an. Große Veränderungen für einen, der im Leben nichts anderes kennengelernt hat als deutsche Biografien: Kindergarten Schule, Ausbildung, Job, Hochzeit, Nestbau... Rente, Tod. Winzige erste Schritte für einen Geist, der in Gedanken schon ein Stück weit herumgekommen ist, der sich aber gerade erst dem menschlichen Universum öffnet.
Ja, da ist eine gewisse Sorge. Ich kann sehen, wie sie zappelt, wie sie versucht, an mein Ich zu appellieren, um es in seinen vertrauten, wenn auch perspektivlosen Verhältnissen gefangen zu halten. Mutter Kultur fürchtet um ihren missratenen Sprössling. Je lauter sie jammert, desto deutlicher nehme ich sie wahr. Ihre oberflächliche Beliebigkeit, die sich in der oberflächlichen Beliebigkeit meines Ich manifestiert. Es bedarf nur eines geringen Aufwandes - und plötzlich ist da Stille, die Platz schafft für Vorfreude. Die Furcht ist fort, weil da nichts ist, das verletzt werden kann.
Die Freiheit von Furcht ist nicht die größte Befreiung, die ein Mensch erreichen kann, aber ich empfinde sie als ungeheuer wertvoll, weil sie einerseits keiner Proklamation bedarf wie die Freiheit der Rede, oder des staatlichen Schutzes wie die Freizügigkeit, und weil sie andererseits das Tor öffnet für die Freiheit zur Freiheit, in der der Geist die Fesseln der materiellen Welt abstreift, ohne sie verneinen zu müssen.