2009-12-19

Menschleins Rauschen tönt so bang

Wie es der Zufall will, habe ich vor wenigen Tagen ein interessantes Interview gehört, das sich mit eben diesem, zur Zeit im LJ herumgeisternden Thema beschäftigt. Anbei das Transkript einiger Passagen:

"Three times in my life I tried to walk away from, forget about the things that I had seen that were so wack, that were so crazy, that were so wrong. That's what many people urged me to do. What inevitably happened every time I tried to walk away from this path that I walk was that everything else in my life would be taken away from me. So this path was the only thing left. I had no other choice...
I don't do debates any more, and the reason why I don't do debates any more is, because I don't have to. At some point you have to acknowledge the fact that whatever I've been writing about and what I been saying is actually happening all around us. So why do I need to debate anything?...
So forget the idea that you could have as much as you want because, until mankind surrenders to the fact that it lives on a finite planet and it must have balance with the planet's resources, with the animal life and all the other life, there can be no happiness for anything...
Either evolve or perish. Either you grow up or die. God doesn't care. God's not a babysitter for us. The challenge is - either you grow up and mature, change your mind and the way you think, or you perish... We find the richness, what the human soul can offer, and I see all that richness buried under such - bullshit!...
The only thing in the world that you and I can possibly change to give ourselves a chance of survival and to give our children a chance at some kind of human civilized life is our minds..."

So do you feel that the work that you do, you do it regardless of what the possible consequences are? It just will be so much easier to walk away.
"If there was a German in 1932/33 who had the foresight to look ahead and to see what the inevitable end result of the 3rd Reich would be, if there was somebody who had seen that coming, do you honestly think, that they could, in good conscious, turn around and walk away from it and pretend it wasn't there?!... We are all collectively, as a species, responsible for what may be the greatest preventable holocaust in the history of planet Earth. Our own suicide. How do you walk away from that? How do you sleep at night? Who is anybody, who are you, to tell me it would have been easier to walk away? You weren't in my skin. It was never easier to walk away, because to walk away would have meant to compromise. To walk away would have meant to selling out."
(Michael Ruppert in: Collapse. 2009)

Sechseinhalb Milliarden Menschen gehen sechseinhalb Milliarden verschiedene Lebenswege. Vermutlich gibt es auch ebensoviele Methoden, diese Wege in Schemata einzuordnen, wobei jedes Schema für eine Entscheidung steht. Für mich lief es immer und immer wieder auf eine Frage hinaus: Lässt du dich vom Plätschern, vom Hintergrundrauschen einlullen, lässt du dich treiben - oder lebst du bewusst und gibst deinem Dasein eine Richtung. Oft genug ist mir Letzteres misslungen, war der Schmerz so groß, dass ich Betäubung suchte. Und fand.
Aber ich kann nicht dauerhaft wegsehen. Liegen Dinge einmal auf der Hand, kann ich nicht einfach weitermachen, als wäre alles beim Alten. Musik, Status, Arbeit, Einkaufsrausch, die liebevoll gehätschelte Depression, der nächste Fick - wo sie die Stelle von Lebensinhalten einnehmen, trüben sie den Blick fürs Wesentliche. Und während ich akzeptieren kann, dass die Mehrzahl meiner Mitmenschen offensichtlich nichts Anderes im Sinn hat, als täglich die selben Rituale aufs Neue zu begehen, steht mir der Sinn danach, mich auf die Suche zu begeben: nach Ursachen des Schmerzes und nach Quellen der Heilung. Und ehrlich gesagt stört das Rauschen dabei ganz enorm.

2009-12-13

X -7

Nur noch sieben Markttage. Ich kann euch gar nicht sagen, wie froh ich bin. Was derzeit auf den Märkten (nicht) abgeht, passt auf keine Kuhhaut mehr. Normalerweise steigen die Umsätze nach den Sommerferien kontinuierlich, bis sie im Dezember das Dreifache von Januar erreichen. Doch bis auf wenige Ausnahmen brechen sie heuer reihenweise ein. Und zwar dermaßen, dass ich nach fünf Jahren das erste Mal wieder in die roten Zahlen rutsche, d.h. noch nicht mal Sprit und Standgelder rausgucken. Die letzten drei Trödelmärkte, eigentlich die Umsatzbringer, besonders in der Vorweihnachtszeit, waren Rekordversager - mit Abstand die schlimmsten seit ich Tierfutter verkaufe. Ich habe die Preise in den letzten zwei Jahren stabil gehalten, obwohl mein Einkauf etwas mehr kostet. Trotzdem höre ich jetzt nur noch, ich sei zu teuer.
Mein Fehler?
Nein. Man kann fragen, wen man will: Textilhändler, Frittenbude, Trödler, Elektronikverkäufer, Kunsthandwerk. Alle stürzen ab. Statt Weihnachtsgeschäft leere Kassen.

In Japan, der zweitgrößten Ökonomie der Welt, droht eine Währungsblase zu platzen. Neben Island stehen mit Belgien, Griechenland, Irland, Spanien, Ungarn, Litauen und Österreich mindestens sieben EU-Länder dicht vor der Zahlungsunfähigkeit.
Es stimmt scheinbar, was die etwas pessimistischeren Ökonomen vorhersagen: Statt Aufschwung ist für Mitte des Jahres mit einer beginnenden Hyperinflation des Dollars zu rechnen, was den globalen Handel binnen weniger Tage ins Stocken, wenn nicht zu Fall bringen wird.

Spekulationsblasen kommen als riskantes Sahnehäubchen oben drauf. Das eigentliche Problem ist, dass die Staaten bei ihren Zentralbanken, dem Währungsfonds und der Weltbank verschuldet sind. Alles übrigens entgegen ihrer hochtrabenden Namen Privatunternehmen!

Eine ganze Reihe von Quellen sagen den Dollarzusammenbruch bis spätestens 2011 voraus. Es ist für die USA rein rechnerisch einfach nicht mehr möglich, aus der Schulden-/Inflationsfalle rauszukommen. Wenn sie kein Geld drucken, werden sie zahlungsunfähig. Wenn sie so weitermachen mit Drucken, schnellt die Inflation nach oben - und Schulden und Zinsen nebenbei auch, denn jeder neu in Umlauf gebrachte Dollar enspricht einer Staatsschuld von $1 zuzüglich Lombardzins gegenüber der FED. Das Ganze ist ein Pyramidenspiel, das übrigens entsprechend in allen Industrie- und sonstigen Staaten mit FIAT-Geld abläuft.
Wenn du's mir nicht glaubst, dann vielleicht Bernd Senf:
http://www.dailymotion.com/video/x75y6c_prof-bernd-senf-tiefere-ursachen-de_news
Wie gesagt nur einer unter Vielen, die darauf hinweisen.

 
Stellt euch auf die schwerste Wirtschaftskrise seit 1923/29 ein. Wir werden bis Ende 2010 eine Verdrei- oder vierfachung der Arbeitslosigkeit erleben. Nahrungsmittel werden knapp werden, Strom und Wasser unbezahlbar.


Mag sein, dass ich mich täusche, aber es sieht nicht so aus. Bestenfalls verschiebt sich der Zusammenbruch um ein paar Monate. Es kann jedenfalls nicht schaden, nötige Anschaffungen vorzuziehen und ein paar haltbare Lebensmittel einzubunkern.

2009-12-01

I'm here but I'm really gone

Baujahr '71, aufgewachsen im Nordschwarzwald, 1998 in die Kölner Gegend verschlagen worden und dort hängengeblieben. Diplom-Bibliothekar an wissenschaftlichen Bibliotheken, examinierter Altenpfleger. Auch schon am Fließband, am Bau, in der Logistik und der Zustellung beschäftigt gewesen. Schließlich fünf Jahre auf eigene Kappe marktfahrender Händler.

Fazit: Ausgebeutetwerden war nicht ganz mein Traumberuf.

Und so bin ich, es war vielleicht November 2008, zu der Einsicht gekommen, dass passive Abwehr gegen den gierigen Griff der Gesellschaft nicht genug ist, genau so nutzbringend wie Talismane und Gebete und Wunschdenken.

Als ich im Anfang '09 auf die Zeitgeist-Filme gestoßen bin, war ich wie elektrisiert, denn der Problemkreis der gegenüber dem technischen Fortschritt zurückbleibenden sozialen Entwicklung beschäftigt mich seit ich denken kann. Lösungen beginnen sich klar abzuzeichnen; im Grunde liegen sie schon lange auf der Hand. Und heute kann ich an praktisch nichts Anderes mehr denken. Eigentlich sollte ich mich in Vollzeit damit befassen.

Warum 'sollte'? Ich habe meine Möglichkeiten an einer Lösung zu arbeiten noch lange nicht ausgeschöpft. Werde ich warten, bis Andere mir eine persönliche Einladung schicken?
Zum Jahresende 2009 möchte ich mein Gewerbe und den Haushalt auflösen. Vom meisten Besitz werde ich mich trennen, die Schulden vollends abbezahlen. Die restlichen Kleinigkeiten werden erstmal irgendwo untergestellt.
Ab Anfang April 2010 gehe ich nach Auroville in Indien. Zunächst einmal möchte ich mich dort umsehen, aber wenn der Ort hält was er verspricht, dann wird das auch mein fester Wohnsitz.

Denn jeder Handgriff, den ich für die westliche Gesellschaft tue, anerkennt nicht nur den status quo, sondern beschleunigt direkt oder indirekt die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Mit diesem Wissen ist mir ein Verbleib in der westlichen Welt unmöglich. Und da es hier keinen Weg gibt, den Gebrauch von Geld zu umgehen, habe ich mich nach Alternativen umgeschaut.
Es geht hier wohlgemerkt nicht um Flucht vor der Staatsmacht oder vor persönlichen Problemen. Ich muss den logischen nächsten Schritt tun. Mein Ziel ist ein Ort, wo Menschen die Genesung der Biosphäre betreiben, wo Lernen zum Alltag gehört und wo das Zusammenleben auf Respekt aufbaut.
Solch ein Ort ist Auroville.

Torschlusspanik. Müdigkeit. Überdruss. WG-Stress. Chronische Liquiditätsstörungen. Generelle Unzufriedenheit. Perspektivlosigkeit...
Negativgründe hätte es bis vor einem Jahr zuhauf gegeben. Unbestreitbar konnten mich diese selbst mit geballter Kraft nicht in Bewegung setzen. Es reichte mir einfach nicht, dass sich etwas ändert - es musste eine Veränderung zum Besseren werden. Was es brauchte war mehr als nur die Ablehnung des Ist-Zustandes und mehr als nur Furcht vor der Zukunft. Wenn der tägliche Konkurrenzkampf aufhört und der Schmerz ständigen Verwundetwerdens nachlässt, dann muss da ein positives Ziel vor Augen stehen. Etwas, das sich anzustreben, etwas, für das es sich zu leben lohnt.

Dass ich an diesen Punkt gefunden habe, verdanke ich Fritz, Mäc, Jesse und Emmy, dem Material, das ich von ihnen bekommen habe und den Diskussionen, die wir geführt haben. Es ermöglichte mir zu den Wurzeln meines Unwohlseins, meines Michfremdfühlens vorzudringen, um überhaupt erst zu bestimmen, was ich dagegen unternehmen könnte.

Ich möchte lernen, mich als Gleicher unter Gleichen einzufügen; auf einer Augenhöhe, nicht als Führer, nicht als Untergebener, möchte Teile meines Selbst entdecken, die im Laufe meiner Entwicklung verschüttet wurden. Denn dann sollte es auch möglich sein, Teil von etwas Größerem zu werden und Einheit zu fühlen statt sie nur intellektuell zu verstehen. Ich möchte auf eine Weise leben, die der Erde nützt statt ihr Wunden zu reißen, und Techniken erlernen, mit deren Hilfe das Elend dieser Welt geheilt werden kann.













 

Ich hab mir ein paar Monate Zeit gelassen, mit den Neuigkeiten rauszurücken. Ich wollte mir sicher sein, dass es mehr ist als eine momentane Schwärmerei. So weiß ich jetzt, dass ich bereit bin alles aufzugeben, denn da ist kein Bedauern, kein Gefühl von Verlust. Neue Umgebungen haben immer enorm Energie in mir freigesetzt. Von daher wird allein der Umzug viel bewegen. Rechnet man die Atmosphäre eines Ortes wie Auroville hinzu... aber ich will's nicht verschreien.
Sagt nicht, ich wäre mutig.
Überwindung von Trägheit -ja. Konfrontation mit unterschwelligen Ängsten -ja. Aber seit ich weiß, dass es geschehen wird, fühlt sich alles richtig an. Mut muss man nur entwickeln, wenn man aus einer gesicherten Umgebung fortgeht. Einer, der entweder verzweifelt oder engagiert genug ist, sieht Luftveränderung eher als Chance. Überzeugungstäter sind alles andere als Helden.


Ich war bis vor einem Jahr Pessimist (schlimmer: Zyniker). Dann fielen alle Puzzlestücke wie von selbst an ihren angestammten Platz. Praktisch alles, was ich seither geschrieben habe, erklärt, wie ich an diesen Punkt gekommen bin. So abgehoben, so philosophisch, so weltfremd es sich angehört haben mag, es war persönlich gemeint, weil es Bezug zum Alltag hat.

 
Man könnte Auroville in die Schublade "intentional community" stecken, würde es aufgrund seiner Größe reinpassen. Derzeit leben dort 2000 Menschen aus 40-50 Ländern in aller Welt. Etwa 5000 Leute kommen täglich von den umliegenden Dörfern zum Arbeiten hin. Der Lebensstandard bewegt sich auf modernem Niveau, aber viele verzichten freiwillig auf jegliche Art von Luxus. Manche wohnen in Baumhütten. Motorisierter Verkehr wird vermieden und auch der Gebrauch von Geld auf ein Minimum reduziert. Im Großen und Ganzen arbeitet man für das Gemeinwohl und erhält im Gegenzug Anspruch auf Versorgung, was dem Zeitgeist-Konzept sehr nahe kommt, nur eben auf technologisch niedrigerem Niveau. Es ist ein Geben und Nehmen, untereinander und gegenüber dem Umland sowie der Natur.
Ich möchte an dieser Stelle nicht auf den geistigen und spirituellen Hintergrund eingehen. Das würde zu weit führen. Aber ich kann einen Film empfehlen:


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Auf intentional communities bin ich zuhauf gestoßen. Für mich persönlich ergibt jedoch nur Auroville Sinn. Es kommt natürlich darauf an, was jemand erreichen möchte. Ich sage daher nicht: Haut alle ab, so schnell ihr könnt. Eine Überlegung wär's aber wert, besonders, wenn man auf konventionellem Weg nicht mehr weiter kommt.