2010-05-29

Der Hintergrund

Um das Setup dieses Ortes ein wenig verständlicher zu machen, um seine besondere Bedeutung zu unterstreichen und auch um ein bisschen Einblick zu verschaffen, wie die Leute hier allgemein ticken, möchte ich heute einige Zitate Der Mutter anbringen.
Ich kann nicht von mir behaupten, treuer Anhänger ihrer und Aurobindos Lehren zu sein, denn im Detail sind sie mir fremd. Aber ihre generelle Stoßrichtung entspricht der meinen. Wenn jemand Fragen hat, werde ich versuchen, diese zu beantworten, wenn nötig unter Zuhilfenahme weiterer Texte oder von Auskünften versierter Personen.






Vier-Punkte-Charta (1968)
1. Auroville gehört niemandem im Besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen.
2. Auroville wird der Ort einer nie endenden Erziehung sein, eines immer währenden Fortschritts und einer Jugend, die niemals altert.
3. Auroville möchte die Brücke sein zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Indem es sich alle äußeren wie inneren Entdeckungen zunutze macht, wird Auroville zukünftigen Realisationen kühn entgegeneilen.
4. Auroville wird der Ort materieller und spiritueller Forschung sein, für eine lebendige Verkörperung einer wahren menschlichen Einheit.

Aus psychologischer Sicht sind die nötigen Vorbedingungen (für ein Leben in Auroville):
1) Von der Einheit der Menschheit überzeugt zu sein und den Willen zur Zusammenarbeit zur materiellen Verwirklichung dieser Einheit zu haben.
2) Den Willen zur Zusammenarbeit bei allem zu haben, das die künftige Umsetzung fördert. (1967)

Das ist im Moment der große Disput um Auroville: In der Charta schrieb ich "Göttliches Bewusstsein", und darum sagen sie: "Es erinnert uns an Gott."
Ich sagte (lacht): "Mich erinnert es nicht an Gott!"
Also übersetzen es manche als "das höchste Bewusstsein", andere benutzen etwas anderes. Ich stimme mit den Russen überein, "vollständiges Bewusstsein" zu verwenden. (1968)

Der Mensch ist nicht die letzte Stufe der Schöpfung auf der Erde. Die Evolution geht weiter und der Mensch wird übertroffen werden. Jeder Einzelne muss wissen, ob er am Erscheinen einer neuen Spezies mitwirken möchte. Für jene, die mit der Welt zufrieden sind, so wie sie ist, hat Auroville offensichtlich keine Daseinsberechtigung. (1966)

Auroville ist der ideale Ort für jene, die die Freuden und die Befreiung kennenlernen möchten, keinen persönlichen Besitz mehr zu haben. (1969)

Hören ist gut, aber nicht ausreichend - du musst verstehen.
Verstehen ist besser, aber immer noch nicht ausreichend - du musst handeln. (1969)

Sie (die tamilischen Dörfler) sind hier zuhause und ihr (Aurovilianer) seid die Gäste. (1969)

Um in Auroville die harmonische Atmosphäre herzustellen, die laut Definition hier herrschen sollte, muss als Erstes jeder in sich selbst hineinsehen, um die Ursachen von Spannungen und Missverstehen zu finden. Denn diese Ursachen liegen immer auf beiden Seiten, und bevor man irgendetwas von Anderen verlangt, sollte jeder versuchen, sie aus sich selbst zu tilgen. (1969)

Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die alle befriedigt; aber um diese Ideallösung zu finden, muss sie jeder Einzelne wollen, statt den Anderen gegenüber seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen versuchen. (1971)

Freiheit bedeutet nicht, dass man seinen Gelüsten folgt, sondern im Gegenteil, dass man frei von ihnen ist. (1971)

Auroville ist geschaffen worden, um das Ideal Sri Aurobindos zu verwirklichen, der uns den Karma Yoga gelehrt hat. Auroville ist für jene, da, die den Yoga der Arbeit praktizieren wollen. In Auroville zu leben heißt, den Yoga der Arbeit zu praktizieren. Daher müssen alle Aurovilianer eine Arbeit aufnehmen und wie Yoga ausführen. (1973)


Yoga der Arbeit. Das klingt nicht nur für westliche Ohren fremd. Auch in Indien galt Aurobindo zunächst als Außenseiter unter den Philosophen. Yoga - hat das nicht mit Körperbewusstsein zu tun und, wenn man tiefer eindringen will, mit der Entdeckung des Spirit in uns selbst? Wie passen da niedere, schweißtreibende Tätigkeiten ins Bild?



Es ist eine Jahrtausende währende Geschichte missverstandener, stark deformierter und schließlich verfallener altindischer Erkenntnisse über das Wesen der Welt, die dazu führte, dass es zu einer Trennung zwischen materiell und spirituell orientiertem Wissen kommen konnte. Beide Bereiche halten einander seit langem für inkompatibel. Sri Aurobindo lehrt dagegen, dass die methodische Bemühung um Selbstvollkommnung (eben der Yoga) alle Bereiche und Entwicklungsstufen des Lebens erfassen muss. Darum nannte er den von ihm entworfenen Pfad den Integralen Yoga, während Die Mutter (wohl aus gegebenem Anlass) in ihrem letzten Lebensjahr die Notwendigkeit der Betonung des karmischen Aspekts sah. Karma könnte man ungefähr mit Tat oder Arbeit übersetzen.
Die Übersetzung solcher Wörter, nur als Seitenbemerkung, kann Inhalte lediglich unvollkommen transportieren. Hinter jedem stecken ganze Konzepte philosophischer, spiritueller oder religiöser Natur, weswegen die Fachliteratur sie durchgehend beibehält und sie, unter jeweils unterschiedlicher Betonung, verwendet. Konfusion vorprogrammiert.
Naja, ist eh alles eins. Wissen wir ja ;))

Um auf den Integralen Yoga zurückzukommen: Sri Aurobindo war der Auffassung, dass das Universum sich in verschiedenen Stadien aufsteigend zu einem allumfassenden Bewusstsein entwickelt und dass dieser Vorgang beschleunigt werden kann.
Eigentlich verkörpert das All in seiner Gesamtheit dieses Bewusstsein bereits, kommt aber im Lauf der Entwicklung erst zur vollen Entfaltung. Alle bereits entwickelten Stufen bleiben stets präsent, sowohl als eigene Wesenheiten als auch integriert in höhere Daseinsformen. Der Verlauf sieht grob wie folgt aus:
1) Materie / Körperlichkeit
2) Leben / das Vitale
3) Denken / das Mental
4) (Verschiedene Stufen höheren Bewusstseins, die Aurobindo als Obermental bezeichnet. Bei Krishnamurti "The Mind", bei Wilbur "Der Beobachter" bzw. "Seele")
5) Supramental / Göttliches Bewusstsein / Spirit

"Unser Yoga ist in seinem Prinzip ein Aufnehmen, ein Zusammenfassen, ein Vollenden dieses Vorgangs - ein Bestreben, sich zu den höchsten supramentalen Ebenen zu erheben und ihr Bewusstsein und ihre Macht in das Mental, das Leben und den Körper zu bringen", schreibt Sri Aurobindo.
"Was ist eine vollkommene Yogatechnik, oder besser gesagt, ein weltverändernder oder naturverändernder Yoga? Mit Sicherheit nicht einer, der den Menschen bei einem kleinen Stück seiner selbst nimmt, dort einen Haken anbringt und ihn über einen Flaschenzug in das Nirvana oder Paradies befördert. Die Technik eines weltverändernden Yoga muss vielgestaltig sein, geschmeidig, geduldig, allumfassend wie die Welt selbst. Wenn sie sich nicht mit allen Schwierigkeiten oder Möglichkeiten befasst oder sich mit jedem erforderlichen Element sorgsam auseinandersetzt, hat sie keine Aussicht auf Erfolg."

2010-05-28

Antworten

Etwas ausführlichere Antworten auf einige Fragen in den Kommentaren:

Bezüglich Konsens: Mir fällt einfach keine Möglichkeit ein, mit der beide Seiten glücklich würden.
Die Frage nach Konsens oder Demokratie. Ein paar grundlegende Dinge habe ich dazu ja bereits geschrieben. Konsensentscheidungen sind in Deutschland weitgehend undurchführbar, da wir stets in einem Konkurrenz-Konflikt mit allen anderen Menschen stehen, von denen jeder seine eigenen, festen Vorstellungen hat, die er natürlich auch durchdrücken will. Konsensentscheidungen bedürfen einer anderen Art des Denkens, nämlich dass es nicht um meine Vorstellung oder meinen Willen geht, sondern um das größtmögliche gemeinsame Wohl und dass am Ende eine Entscheidung stehen MUSS, die jeden befriedigt. Der Prozess bedarf mehr Zeit als eine Abstimmung, aber das muss man halt einfach einplanen. Die Sorte "dringend/eilig" wie im Westen gibt es hier ganz einfach nicht. Kein Stockmarket, kein "die Konkurrenz schläft nicht" oder was auch sonst immer Druck verursacht. Man arrangiert das Leben so, dass man derartige Nachteile der westlichen Gesellschaften vermeidet.
Wie eine Entscheidung in den von dir beschriebenen Phantasiefällen aussähe, kann ich natürlich nicht sagen. Ich bin nur ein Einzelner. Die Fragen, die während eines Entscheidungsprozesses geklärt werden müssen, lauten u.a.:
- Was ist laut unserer Grundlagen (z.B. 4-Punkte-Charta, der Traum von Auroville oder konkrete Regelungen für bestimmte Bereiche) langfristig wichtig? Wie sähe eine Ideallösung in diesem Falle aus?
- Welche Argumente dienen persönlichem Interesse, welche dem allgemeinen?
- Welche außer den offensichtlichen entweder-oder-Lösungen gibt es noch?


Welche Widersprüche gibt es denn so? Und von wem kommen die Hinweise dafür?
Nach Krishnamurti ist jede Vorstellung von der Zukunft oder allgemein idealen Zuständen bereits dazu verurteilt Konflikt zu verursachen, denn es kommt natürlich nie so, wie man das gern hätte.
Um aber mal ein paar konkrete Beispiele aus Auroville zu nennen:
- Geld spielt immer noch eine wichtige Rolle. Es ist innerhalb Aurovilles nicht abgeschafft, sondern zirkuliert nur virtuell.
- Regeln sollten so wenig wie möglich aufgestellt werden, und doch grassiert gerade die Regulierungswut.
- Auroville ist als grüne Stadt angedacht worden. Vom Zentrum aus kann man mit dem Rad in maximal 15 Minuten in jedem Winkel gelangen, aber es fahren hauptsächlich Motorräder rum.
- Es gibt scheints ein paar Leute, die es sich mit Westgeld bequem gemacht haben.
usw.
Enttäuscht sind sowohl "alte" Einwohner, die andere Zeiten erlebt haben, als auch Neulinge, die meinen, hier ein Utopia mit lauter erleuchteten Menschen drin vorzufinden. Auroville ist jedoch "nur" ein Ort für freie Entwicklung, in der der Einzelne seinen Beitrag leisten muss damit der Traum gedeiht. Man sollte nicht die Fehlentwicklungen bedauern und es hilft auch nichts, wenn man die Leute zu zwingen versucht sich "richtig" zu verhalten. Das ist die Denke von Staatsbürgern.
Es kommt vielmehr darauf an, was man selbst zum Voranschreiten beiträgt. Wer darauf wartet, dass andere, besonders die Obrigkeit, in seinem Sinne handeln, hat schon verloren.


Dürfen im Stadtzentrum keine Teerstraßen gebaut werden? :O
Bis jetzt hat man das vermieden, damit
- der Verkehr sich langsamer bewegt
- weniger Autos reinkommen
- das Regenwasser schneller versickert
- kein Schutt-Abfall entsteht
- die Produktion von umweltschädlichem Belag reduziert wird
- es einfach schöner aussieht ;)
Einzelne Abschnitte wie z.B. vor Kindergärten und Schulen werden jetzt gepflastert, damit weniger Staub aufgewirbelt wird. Ansonsten ist man allgemein mit dem Straßenzustand zufrieden.


Versorgungsverhältnis 1:6 - War das überhaupt auf Familien bezogen?
Das Verhältnis gilt für indische Familien. In Auroville sind diesbezügliche Planungen gesamtgesellschaftlich zu sehen, d.h. circa einer von sechs Einwohnern würde mit seiner Tätigkeit für die Aufrechterhaltung der Außenwirtschaftsbeziehungen und damit für Geldumsatz sorgen. Die anderen arbeiten ebenfalls, aber eben innerhalb der lokalen Ökonomie. "For the benefit of all".


Wie wollen sie denn die Motorradfahrer dazu bringen, den schnelleren Weg zu Gunsten einer langsameren Beförderung aufzugeben, ohne Sanktionen zu erheben?
Zum einen, wie schon mehrfach erwähnt, liegt "richtiges" Verhalten in der Verantwortung des Einzelnen und ist daher mit fortgeschrittenem Bewusstsein verknüpft. Auroville fördert das auf vielfache Weise; im Prinzip schon, wenn du eine Yoga-Klasse besuchst. Das gesamte Siedlungsprojekt kann nur Erfolg haben, wenn seine Bewohner aus freien Stücken im Geiste der 4-Punkte-Charta handeln und eben nicht nur Regeln befolgen.
E-bikes können kostenlos "tanken". Fahrrad- und Fußwege werden durchgehend im Schatten angelegt und sollen demnächst besser befestigt werden. Optisch sollen sie noch schöner werden und es wird Servicestätten geben. Die Motorstraßen werden immer weniger gepflegt und bleiben zumeist unbefestigt, dafür werden die Umgehungsstraßen ausgebaut. Viel Verkehr ist nämlich Durchgangsverkehr der Tamilendörfer. Wichtige Anlaufstellen für Kraftfahrer wie z.B. Werkstätten und Tankstellen sollen an der Peripherie gehalten werden. Es wird über Boni für Radfahrer nachgedacht. usw. Wir sind in der Stunde mit Taj nicht übermäßig ins Detail gegangen, aber man konnte schon sehen, worauf die Stadtentwicklung abzielt.

Kommentar: War spannend, hier die genaueren Erklärungen durchzulesen. Aber für mich klingt es immer wieder beeindruckend, dass sich die Leute so viel Selbstdisziplin ohne Sanktionierung auferlegen. Ich wünschte mir, dass das im größeren Maßstab funktionieren würde. Hat was von Star Trek.

Oh, hier gibts mehr als genug Leute, die dem inneren Schweinehund erliegen. Der Aurovilian way of life muss von innen kommen. Man kann ihn nicht erzwingen, nur lebenslang üben. Und wir sind ja auch nicht hier um uns zu quälen. Insofern gehts schon recht menschlich zu, nur eben mit deutlichem Einschlag.

Kommentar: Wenn eventuelle Boni für Fahrradfahrer eingeführt werden, ist das im Prinzip nicht eine umgekehrte Sanktion für Motorradfahrer? Wie gesagt, Auslegungssache eventuell, aber deine Meinung würde mich abschließend noch interessieren :)
Es ist nur dann Auslegungssache, wenn jemand sich benachteiligt fühlen will. Menschen, die sich als Opfer sehen bzw. das Leben als Konkurrenzkampf auffassen, sind vielleicht anderswo besser aufgehoben als in Auroville.
In der Verkehrsplanung hält man es hier, wie in vielen Dingen, mit Gandhi. Gandhi war nicht gegen die Herrschaft der Engländer, er war für das Recht der Inder auf Selbstbestimmung. Das sind zwei völlig verschiedene Paar Stiefel. Damit einher geht eine Haltung, die (statt Kriegführung gegen etwas Missliebiges zu betreiben) die Zuneigung zu einer Sache betont.
Ich weiß nicht, ob das für dich nachvollziehbar ist. Die geistigen Grundlagen Aurovilles widersprechen dem meisten, was wir aus Deutschland gewohnt sind.

2010-05-26

Der Beobachter

Normalerweise vergesse ich selbst die kuriosesten Traumerlebnisse in Sekundenschnelle, was so weit geht, dass ich häufig der Überzeugung bin, in der jeweils vergangenen Nacht überhaupt nichts geträumt zu haben.
Vor einer Woche hatte ich einen seltsamen Traum. Wie gewohnt ist von den Handlungssträngen desselben praktisch alles sofort verblasst, sobald ich mir der Situation bewusst geworden war. Das Seltsame war nur - ich befand mich zu dem Zeitpunkt noch in dem Traum.
Er war neu. Absolut sicher. Inhalte gehen mir verloren, aber Situationen, prägnante Einzelbilder und vor allem Stimmungen bleiben irgendwo passiv abgespeichert. Das hier - nie gesehen.

Ich befand mich auf einer Zitadelle, gefühlsmäßig im China des 19. Jahrhunderts. Ich weiß nicht, was ich dort suchte. Ob ich dahin verschleppt worden bin, illegal eingedrungen, zufällig dorthin verschlagen - sicher ist nur, ich hätte dort nicht sein dürfen, und: es war wichtig. Es muss wohl der Zeitpunkt gekommen gewesen sein, sich aus dem Staub zu machen, denn ich befand mich auf dem Weg in die Unterstadt, als ich von der Besatzung der Zitadelle entdeckt worden bin - bayonettbewehrte Karabiner, Stiefel, braune Uniformen, darüber Schildmützen, wie Fidel Castro sie trägt. Zwischen Kragen und Mütze grinsten Totenschädel... -Masken. Alle Soldaten trugen Totenschädelmasken. Diese konnten nicht verbergen, dass ihr eigentliches Gesicht selbst nur aus blankem Knochen bestand. Skurril.
Und diese Kohorten jagten mich nun durch die engen, schummrigen Gassen der befestigten Unterstadt, in der alles schön in Holz und Stein erbaut war. Was ich auch tat, ich konnte sie nicht abschütteln. Schließlich entdeckte ich einen Spalt zwischen den Häusern, drang ein und befand mich in einem Labyrinth holzgetäfelter Gänge. Ich zog mich in einen der angrenzenden, kleinen fensterlosen Räume zurück und schloss die Tür hinter mir zu, um der Dinge zu harren, die nun kämen. Zum Weiterrennen war ich zu erschöpft. Schritte näherten sich, blieben vor meiner Tür stehen, machten sich am Griff zu schaffen. Was nun kommen würde, war sonnenklar. Sie würden das Schloss aufbrechen, mich rausziehen und kurzen Prozess machen.

Die Tür flog auf. Doch statt an vertikalen Angeln (wie ich eingetreten war) öffnete sie sich wie eine Ofentür nach unten. Ein Typ mit halblangen Haaren und modischer Kleidung steht davor, schaut rein und meint genervt: "Ah, war klar." Dreht sich um und geht weg.
Als ich heraustrete, befinde ich mich in einer Zeitungslayoutredaktion des 21. Jahrhunderts, die gerade eine Sonderausgabe über die politische Neuordnung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg vorbereitet. Computer, Leitungen, Probedrucke am Boden, an den Wänden und auf allen Tischen. Niemand nimmt von mir Notiz, während ich über Schlagzeilen und Landkarten dem Ausgang zustapfe.
Das Ende der Geschichte ging wie ihr Anfang im Nebel des Vergessens unter.
Was geschieht hier?

1.) Ich wusste, ich bin in einem Traum. Da passieren schon mal krasse Dinge. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie so einen unpassenden Schnitt drin hatte. "Unerwartete" Wendungen kündigen sich üblicherweise an und werden zig mal durchgespielt, um einen akzeptablen Übergang hinzubekommen, bevor ich endlich durch sie durch bin.
2.) Der Vorgang gewinnt an Bedeutung dadurch, dass mir der Mittelteil eines Traumes am nächsten Morgen in voller Deutlichkeit vor Augen steht. Ein weiteres Novum.
3.) Ein Eindruck, der sich mir bereits in der Nacht aufgedrängt hat, ist ebenfalls neu: Es gibt in mir eine Instanz, die getrennt vom Drehbuchautor des Traums, das Geschehen observiert. Ich nenne sie einmal den Beobachter, angelehnt an Krishnamurtis Vorstellung von einer vom Denken unabhängigen Ebene in uns. Ich habe bisher bezweifelt, dass eine solche Instanz, die vermutlich die selbe Infrastruktur benutzt wie das Denken, wirklich frei sein kann. Aber hoppla, hier haben wir den Beweis. Sie schaut zu, ohne Einfluss auf die Handlung zu haben und auch ohne diese zu bewerten.
4.) Es war mir, als ich sie auswählte, vorher nicht bewusst gewesen, aber ein paar Tage später liegen drei Bücher auf meinem Tisch (von Sri Ramana Maharshi, Ken Wilber und Sri Aurobindo), die alle drei, verborgen zwischen vielen anderen Erkenntnissen, eben diese Tatsache hervorheben.
Wenn es denn eine gibt, so denke ich, war dies die eigentliche Botschaft

2010-05-25

Kopflos

Wer die südindische Kultur kennenlernen möchte, sollte sich dieser Tage ins Nachtleben von Kuilapalayam stürzen. Die letzten Monate erhitzten sich die Gemüter noch über diesen aus dem TV bekannten Guru, der in einen Sexskandal verwickelt ist, doch gestern Nacht hat man endlich mal wieder alte Geschichten aufgewärmt. Ein Mann wurde gejagt, erwischt und zur Strecke gebracht. Er wurde seiner Extremitäten entledigt, den Kopf nahm man mit, den Rest ließ man liegen. Er war wohl irgendwie in eine Angelegenheit verwickelt, die vor zwölf Jahren mit einem umstrittenen Cricketspiel begonnen hatte und seither Jahr für Jahr Tote fordert. Vor zwei Jahren beispielsweise ist jemand auf offener Straße in Gegenwart eines Busses voller Kinder ermordet worden. Kurioserweise will keins der Kinder irgendwas davon gesehen haben.
Diese tamilische Mischung aus Blutrache, Hooliganism und Bandenkrieg wird zudem noch angheizt durch ein lokales Festival für die Göttin Kali. Das Ereignis sorgte jedenfalls dafür, dass viele Geschäfte geschlossen blieben und auch bis nach der Bestattung bleiben. Alles ist voller Polizisten, denn für die kommenden Tage werden offene Auseinandersetzungen befürchtet. Von der Benutzung der Straße zwischen Auroville und dessen Strand 'Repos' wird abgeraten.
Alle städtischen Dienste sind ebenfalls eingestellt worden, weil der Leichnam in der Townhall untergebracht worden ist. Schlecht für Kevin, der morgen in aller Frühe Auroville verlassen muss. Er kommt nun nicht mehr an sein Geld auf dem Financial Service Konto ran.

Na ja. Neuigkeiten, die außerhalb Aurovilles niemand aus den Socken reißen.
Von den internationalen Nachrichten dagegen bekomme ich seit Anfang April nichts mehr mit. Island, ja, das drang zu mir durch. Wie kann es anders sein, wo hier doch so viele Europäer auf die Flugverbindung angewiesen gewesen wären. Ich könnte natürlich im Netz mitlesen oder ich könnte A.s Emailzusammenfassung nutzen. Aber ich will nicht. Außer Unterhaltungsdünnschiss und Lügen über Finanzkrisen, politische Schweinereien und selbstverschuldete Katastrophen haben die Medien nichts zu bieten. Es ergibt keinen Sinn, sich die ewig selben "Informationen" reinzuziehen, solang man eh nicht vorhat, darauf zu reagieren. Wenn jemand auch nur einen Furz auf das Weltgeschehen gibt, dann sollte er, statt zuhause im Sessel zu hängen, rausgehen und ranklotzen. So wie seinerzeit, als die Elbe über die Ufer getreten ist.

2010-05-24

Alles ist Eins

Lese grade ein 50seitiges Büchlein mit dem Titel "Ellam Ondre" (Alles ist Eins), dessen älteste bekannte Fassung in tamilischer Sprache im 19. Jahrhunderts entstanden sein soll und durch Sri Ramana Maharshi überliefert worden ist. Es gibt darin einen interessanten Abschnitt über das Thema Frieden, den wir, natürlich etwas anders formuliert, teilweise verklausuliert, in vielen östlichen Philosophien und Religionstexten wiederfinden, u.a. übrigens bei Krishnamurti als neuerem Vertreter dieser Richtung.

"Wenn der Mensch sich im Tiefschlaf befindet, existiert die Welt weiterhin, aber macht er sich die geringste Sorge um sie? Sein Geist ist still und ruhig. Bleibt nun sein Geist genauso ruhig und unbewegt, auch wenn er mit der Welt konfrontiert ist und in ihr handeln muss, dann ist das Friede.

Kann der Geist in diesem Zustand bleiben, selbst wenn er sich mit der Welt auseinandersetzen muss?
Das hängt von unserer Einstellung zur Welt ab. Der Geist erregt sich mehr, wenn der eigene Besitz geplündert wird, als wenn dies einem anderen widerfährt. Und von diesen eigenen Dingen kann der Verlust eines bestimmten viel mehr schmerzen, als der eines anderen. Warum ist dies so?
Weil es unsere Einstellung zu den Dingen ist, die bestimmt, in welchem Ausmaß sie uns Freude oder Sorge bereiten. Lernt man alles als gleichwertig anzusehen, könnte folglich der Geist äußerst friedvoll sein [...]
Ebenso das Gefühl, dass man auf nichts einen Anspruch haben kann und alles vergänglich ist, gibt einem kühle Gelassenheit. Es bringt also dauerhaften Frieden, wenn man alles als gleichwertig ansieht. Nur unsere innere Einstellung entscheidet über den Frieden [...]

Das bedeutet nicht, dass unsere Beziehung zur Welt beendet ist, aber wir sind nun von Frieden und kühler Gelassenheit erfüllt. Wir handeln immer nur so, wie die Umstände es erfordern [...] Unsere Handlungen können variieren, sind aber immer unvoreingenommen, während die Handlungen anderer aufgrund ihrer vorgefassten Urteile unterschiedlich sind [...]

In Abwesenheit dieses "Friedenslichtes", welches dazu befähigt, sich an verschiedene Umstände anzupassen, verdammen die Menschen die Welt als einen Ort voller Elend, so wie sie sich über die Unebenheiten eines Weges beklagen würden.
Daher sollte ein Mensch, der vollkommenen Frieden gefunden hat, durch die Erkenntnis, dass die ganze Welt nichts als ein steter Traum ist, weder als weltfremd angesehen werden, noch als unbeteiligt an den Tätigkeiten der Welt. Nur er befindet sich in wirklicher Harmonie mit der Welt; nur er kann richtig handeln. Was unsere Aufgaben wirklich regelt, ist Friede."
Die Folge des ersten gelungenen Versuchs, sich von Bindungen an materielle Güter, an Wünsche, Furcht und liebgewordene Vorstellungen zu lösen, ist bereits ein tiefes Gefühl des Friedens, eine körperlich spürbare Erleichterung, die ich vor vierzehn Jahren einmal, und vor einem Jahr noch einmal deutlich erlebt habe... aber das ist wieder eine andere Story. Es genügt zu sagen, dass es von der ersten Sekunde an funktioniert, dass man, um anzufangen, also kein Erleuchteter (Freak) sein muss und dass der Pfad, auch wenn er erst mal unattraktiv erscheint, das Dasein von Getriebenheit befreit und stattdessen mit Zufriedenheit füllt, die unabhängig von der Erfüllung von Wünschen ist.

2010-05-19

Für die Katz

Wir alle kennen die Auswirkungen totalitärer Politik, entweder aus eigener Anschauung oder aus Berichten. Faschismus, Realsozialismus oder Militärdiktaturen sind neuere Beispiele für totalitäre Systeme. Sie sind Ausdruck des Glaubens, dass es nur einen richtigen Weg gebe, dass dieser für jedermann zu gelten habe, dass es deshalb unsere Aufgabe sei ihn zu verbreiten, wenn nötig mit allen Mitteln und gegen jeden Widerstand. Stets aufs Neue, oh Überraschung, stellen wir fest, dass das eine Täuschung ist, ein Extremismus.
Extremen Auffassungen begegnet man bei näherem Blick weit öfter, als es auf den ersten Blick auffällt. An ihre Gültigkeit wird gelegentlich auf breiter Basis unbesehen geglaubt. Totalitär werden sie erst, wenn man sie auf totalitäre Weise durchsetzt: durch Lächerlichmachung, Verunglimpfung, Falschzitierung und anderen Formen des Rufmords bis hin zu Gewalttätigkeiten gegenüber ihren Widersachern.

Es gab z.B. lange Zeit totalitäre Kultur. Was Kunst ist und was nicht, das bestimmten Autoritäten aus Kunst und Politik, meist aber Mäzene oder Kritiker.

Totalitäre Landwirtschaft bezeichnet jene Form von Agrarwesen, die mit der neolithischen Revolution vor ca. 10.000 Jahren eingeführt worden und deren Maxime die Ertragsoptimierung ist. Sie wird in allen zivilisatorisch erreichten Gebieten bis in die Gegenwart betrieben. Landwirtschaft an sich ist keine Erfindung der Zivilisation. Es gab sie lange vorher. Es gibt sie in Stammesgesellschaften und alternativ lebenden Kommunen auch heute noch.
Das Besondere der totalitären Landwirtschaft ist, dass sie den persönlichen Besitz von Land (und anderen Sachen) einführte. Sie begann Nahrung wegzuschließen. Sie vertreibt alle sonstigen Gewächse zugunsten von Nutzpflanzen. Sie jagt Futterkonkurrenten zu Tode, versucht sie auszurotten und drückt auf diese Weise den uneingeschränkten Anspruch des Menschen auf sämtliche verfügbaren Ressourcen aus. Vielleicht glauben wir nicht mehr an einen Gott, der uns als Krone der Schöpfung erschaffen hat. Aber dass alles nur zu unserem Nutzen hier ist, daran hegen wir keinen Zweifel. Macht euch die Erde untertan. Noch immer sind wir mit der "Eroberung" der Wüste, des Regenwaldes, der Hochgebirge, der Tiefsee, der Pole, des Erdinneren, der oberen Atmosphäre und inzwischen auch des Weltalls beschäftigt. Wir führen den totalen Krieg gegen eine Umwelt, von der wir uns als getrennt betrachten.

In Stammesgesellschaften gibt es keine solchen extremistischen Erscheinungen. Es gibt wohl Krieg, aber keinen Vernichtungskrieg. Es gibt wohl Führer, aber keine unumschränkten. Es gibt wohl Landwirtschaft bei den sogenannten Primitiven. Aber erst totalitäre Landwirtschaft ermöglichte den Aufbau unserer Zivilisation. Auch sterben gelegentlich einzelne Spezies aufgrund menschlicher Aktivitäten aus, doch nie massenhaft. Und es sind weder Vorsatz noch Gleichgültigkeit der Grund, sondern schlicht Fragen des Überlebens.
Der Glaube an den Nutzen der Zivilisation ist an sich totalitär. Wir kritisieren vielleicht die Atombombe. Wir sind besorgt wegen der Umweltzerstörung. Wir fühlen uns manchmal, vielleicht sogar oft, unseren Mitmenschen entfremdet. Aber wozu wir die Zivilisation, die all das mit sich bringt, brauchen - können wir es sagen?

Totalitäre Ökonomie ist integraler Bestandteil dieser Zivilisation. Alle Materie ist Eigentum des Menschen. Darüber hinaus hat sich heute das gesamte Leben, öffentlich wie privat, dem Monetären unterzuordnen. Wer nicht arbeitet bekommt auch kein Geld. Wer kein Geld hat braucht auch nicht essen. Was sich nicht finanziell bezahlt macht, davon lässt man die Finger. Auf diesen Regeln beruht unser Alltagsverhalten, und zwar auch dann noch, wenn Milliarden vor dem Hungertod stehen und der ganze Planet vor die Hunde zu gehen droht. Geld, seine Herkunft, seine Wirkung und sein Gebrauch wird grundsätzlich nicht in Frage gestellt.

Die Triebfeder totalitärer Ökonomie ist totalitärer Egozentrismus. Er stützt das System und wird gleichermaßen von ihm erzeugt. Dass jeder zuerst nach den eigenen Schäfchen schaut ist längst Allgemeingut. Gelobt sei, was das eigene Wohlbefinden stärkt, insbesondere Besitz, Macht, Ansehen und Selbsteinschätzung. Werden sie bedroht, können wir sogar staatliche Hilfe in Anspruch nehmen.
Egozentrismus äußert sich u.a. in Individualismus. Dem Glauben, dass der Einzelne ein von seiner Umwelt getrenntes Ding sei, einzigartig noch dazu. Wie dieser Einzelne ohne seine Umwelt existieren soll, ohne Atemluft oder die ihn mit Produkten versorgende Gesellschaft - wen interessiert's? Und was macht doch gleich unsere individuelle Einzigartigkeit aus? Der schicke Ohrring? Das Bankkonto? Der Musikgeschmack? Freunde? Intelligenz? Ist da etwas, das völlig aus uns selbst kommt, unbeeinflusst von Erlerntem und Erlebtem und abgeschnitten von jedem größeren Ganzen?

Religionen sind per Definition totalitär, weil sie keine anderen Götter, keinen abweichenden Glauben und keine neuen Erkenntnisse zulassen. Widerspruch bedeutet schwerst zu bestrafende Sünde der Ketzerei, gar Gotteslästerung. Das trifft insbesondere auf die Buchreligionen zu. Klassischer Buddhismus, als spirituelle Anleitung keinem Gott verpflichtet, stellt eine Ausnahme dar. Da er keines Glaubens bedarf bzw. seine Inhalte durch Glaube nicht zu erschließen sind, sondern nur durch persönliche Erfahrung, ist er eine nicht-exklusive Form des Erkenntnisgewinns.

Anders sieht es mit der Wissenschaft aus. Forschung wird heute normalerweise totalitär betrieben. Nur das, was Wissenschaft verifiziert hat, darf als wahr gelten, wobei sie die Regeln dafür selbst aufstellt. Andere Methoden der Wahrnehmung bzw. Verarbeitung von Informationen werden zurückgewiesen, gelten als Spinnerei, Selbsttäuschung, Illusion, Betrugsversuch sogar. So als ob das Auge sagte: Musik existiert nur in unserer Einbildung, denn man kann sie nicht sehen.
Doch möglicherweise sind Teile der Realität für wissenschaftliche Methoden unzugänglich. Möglicherweise fußt sogar das ganze System logischen Denkens auf einer einzigen fehlerhaften Beobachtung oder Annahme.
Ich sage nicht dass es so ist. Aber die Gefahr besteht, dass durch die beiden Grundbehauptungen, dass wir uns im Universum befänden und sich dieses lediglich aus Energie und Materie zusammensetze, eine einseitige Sicht, ja sogar lebensfremde Illusion von der Natur der Dinge geschaffen wird.
Das könnte einige Ungereimtheiten erklären, etwa die Unvereinbarkeit zwischen Relativitätstheorie und Quantenmechanik; oder weshalb sich die natürlichen Konstanten ändern; welche Kraft aus einem Klumpen Materie ein Lebewesen macht; die Beziehung der inneren Realität des Menschen zu seiner als außen wahrgenommenen, usw.
Wenn von Seiten der Wissenschaft alles hinterfragt wird außer den eigenen Grundlagen, dann könnte sich eines Tages herausstellen, dass Jahrhunderte der Bemühungen für die Katz gewesen sein werden.
Rufen wir uns zudem in Erinnerung, dass Wissenschaft der willige Gehilfe totalitärer Ökonomie geworden ist. Sie läßt sich von ihr vereinnahmen, privatisieren, aushalten, damit wir der Natur mit jedem Schritt ein weiteres Geheimnis "entreißen" können, welches unsere Vormachtstellung zementieren hilft. Auch Fortschrittsgläubigkeit ist eine Religion.

2010-05-13

Die Straßen von Auroville

Am letzten Tag unserer Volunteer Tour musste ich nicht weit fahren. Direkt vor dem Tor von Windarra liegt Saracon, ein Gebäudekomplex, in dem einige von Aurovilles Startup-Unternehmen angesiedelt sind, u.a. die Open Source Gruppe "Blue Light", ein Forschungszentrum für elektrisch betriebene Fortbewegungsmittel und ein ÖPNV-Projekt. Sie zahlen keine Miete, sondern kommen gemeinschaftlich für den Unterhalt des Gebäudes auf. Und sie geben sich gegenseitig kostenlos Waren und Dienstleistungen. Eine Mini-Ökonomie, die es verdiente, in größerem Maßstab ausprobiert zu werden. Taj von Auroville Transports erzählte ein wenig von den örtlichen Verkehrsproblemen bzw. auf welche Weise man versucht, ihrer Herr zu werden. Dass es in einer Gemeinschaft wie dieser beispielsweise wenig Sinn ergibt, den Leuten Vorschriften zu machen. Denn nicht nur werden sie Wege finden diese zu umgehen (wie man überall in der Welt beobachten kann), und nicht nur bräuchte man Polizei, Kontrollen, Strafen, was hier völlig fehl am Platz wäre. Man muss in Betracht ziehen, dass Auroville einem Zweck dient, dieser Zweck ein gewisses Bewusstsein voraussetzt und dass, wenn die Einwohner sich weigern ein gerüttelt Maß davon in ihr Alltagsverhalten einfließen lassen, das gesamte Stadtprojekt der Erhaltung nicht wert ist.
Die Antwort lautet: Verkehrsplanung im Geist der Nächstenliebe. Wenn man vorhat, Fußgänger und Radfahrer vor den meist benutzten motorisierten Zweirädern zu Königen der Straße zu machen, muss man sich ein bisschen was einfallen lassen. Ich gehe jetzt nicht auf einzelne Maßnahmen ein. Im Prinzip läufts darauf raus, den Komfort für die beiden erstgenannten Gruppen dermaßen anzuheben und für den Motorverkehr abzusenken, dass die Entscheidung umzusteigen leicht fällt und Durchgangsverkehr praktisch ganz wegfällt. Schikanen, Regeln, Kontrollen und Sanktionen gehören wie gesagt nicht zum Katalog. Die Entscheidung, welches Vehikel in welcher Geschwindigkeit auf welchem Weg einen ans Ziel bringt, bleibt beim Fahrer.

2010-05-12

Von Monstern und brennenden Herzen

Heute besuchten wir L'Avenir d'Auroville, das Planungsbüro für Stadtentwicklung. Ein älterer Inder namens Pashi empfing uns und erklärte in lebendigen Worten die Entstehung des Galaxieplans und die besonderen Notwendigkeiten eines Ortes wie Auroville. Er fand auch außergewöhnlich deutliche Worte zu einigen Brennpunkten aktueller Diskussionen. Nicht im Mindesten jammernd oder anklagend, sondern im Gegenteil ermutigend an uns als Neulinge gerichtet, uns durch aktives Ausleben unserer Ideale in die Stadtentwicklung einzubringen. Auroville ist so konzipiert, dass ein Einwohner fünf bis sechs weitere mitträgt, d.h. von den 50.000 künftigen Bewohnern sind 9.000 Geldverdiener. Die anderen sind Kinder, Auszubildende und ausschließlich im Dienst der Community Arbeitende. Die 41.000 produzieren also teilweise ebenfalls Waren und Dienstleistungen, aber nur für interne Zwecke, nicht zur Geldbeschaffung. Das ungefähre Verhältnis 1:6 entspricht den in Indien üblichen Standards zur Aufrechterhaltung eines angemessenen, wenn auch bescheidenen Lebens einer Familie. In Europa würde das derzeit nicht funktionieren, insbesondere wegen der persönlichen Ansprüche, der Wirtschaftsweise und des Preis-Lohn-Verhältnisses. Wer nach Auroville kommt, um es sich mit Westgeld bequem zu machen, missachtet nicht nur den spirituell geprägten Traum, sondern schadet auch der in Entstehung befindlichen Subsistenzwirtschaft. Natürlich braucht Auroville viel Geld, um die für seine Aufbau notwendigen Waren und Landstücke zu kaufen. Genau so wichtig sind jedoch Beiträge in Arbeitsstunden, neue Ideen, kooperatives Verhalten und das Streben nach höherem Bewusstsein, damit die Stadt bestehen kann.
Bereits jetzt stellt das städtische Kapital einen Wert in Höhe von 50 Milliarden Dollar dar, den, so Pashi, man erst einmal effektiver nutzen müsste, bevor man ungeeignete Konzepte aus dem gewohnten Repertoire unserer Heimatländer importiert.
"Kommt nur hierher, wenn ihr in eurem Herzen ein brennendes Verlangen danach spürt", meinte er noch. "Wenn ihr auch nur den leisesten Zweifel hegt, solltet ihr es euch nochmals überlegen. Dies ist nicht der richtige Ort, um sich ein einfaches Leben zu machen."



Das der Auroville Foundation gehörende Land ist hier hellgrün eingetragen. Der innere Ring stellt das künftige Stadtzentrum dar, der äußere umrahmt den geplanten Grüngürtel. Teerstraßen sind in schwarz gezeichnet.

2010-05-10

Freiwillige aller Kommunen, vereinigt euch

Heute begann im Unity-Pavillon ein viertägiger Kurs, mit dem Volunteer Workers das Funktionieren von Auroville nahegebracht werden soll. Besuche in verschiedenen Kommunen stehen ebenso auf dem Plan wie theoretische Erläuterungen und Einblicke in einige Schreibtisch-Bereiche.
Heute war erstmal Vorstellungsrunde angesagt, dann Interpretation des Traums von Auroville sowie der Vier-Punkte-Charta, und schließlich ein Gang zum Savitri Bhavan.
Ich denke, ich werde in den nächsten Tagen im Blog verstärkt auf den theoretischen / spirituellen Hintergrund eingehen. Der ideale Ausgangspunkt dafür ist Mother's Dream of Auroville (1954):
 

"Es sollte irgendwo auf der Erde einen Ort geben, den keine Nation als ihr alleiniges Eigentum beanspruchen kann, einen Ort, an dem alle Menschen guten Willens und aufrichtigen Strebens frei leben können, als Weltbürger nur einer Autorität gehorchend: jener der höchsten Wahrheit;
ein Ort des Friedens, der Einigkeit, der Harmonie, wo alle kämpferischen Instinkte des Menschen ausschließlich zur Eroberung der Ursachen des Leidens genutzt würden, um seine Schwäche und Unwissenheit zu überwinden, über seine Begrenztheit und Unfähigkeit zu triumphieren;
ein Ort, wo die Bedürfnisse des Geistes und die Sorge um Fortschritt Vorrang über die Befriedigung von Gelüsten und Leidenschaften, die Suche nach Vergnügungen und materiellen Genüssen bekäme.
An diesem Ort könnten Kinder aufwachsen und sich integral entwickeln, ohne die Verbindung zu ihren Seelen zu verlieren. Bildung würde nicht im Hinblick auf zu absolvierende Prüfungen, zu erlangende Auszeichnungen und Papiere gegeben werden, sondern zur Bereicherung bestehender Fähigkeiten und der Hervorbringung von weiteren.
An diesem Ort würden Titel und Posten durch Gelegenheiten zu dienen und organisieren ersetzt werden. Für die körperlichen Bedürfnisse jedes Einzelnen wäre gleichermaßen gesorgt. In der allgemeinen Ordnung würden geistige, moralische und spirituelle Überlegenheit Ausdruck nicht in der Steigerung von Vergnügen und Macht finden, sondern in der Vermehrung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Künstlerische Schönheit in allen Formen, Malerei, Skulptur, Musik, Literatur, werden allen gleichermaßen zur Verfügung stehen, und die Möglichkeit die Freude zu teilen, welche sie bringen, wäre nur durch die jeweiligen Fähigkeiten begrenzt statt durch die soziale und finanzielle Lage.
Denn an diesem idealen Ort wäre Geld nicht mehr der unumschränkte Herr. Individuelle Verdienste würden größere Wichtigkeit besitzen als Werte materiellen Wohlstands und sozialer Stellung. Arbeit wäre nicht dazu da, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wäre ein Mittel zur Selbstverwirklichung, zur Entwicklung von Fähigkeiten und Möglichkeiten, während man zugleich der gesamten Gruppe dient, die ihrerseits den Unterhalt und das Arbeitsfeld jedes Einzelnen sicherstellt.
Kurz gesagt wäre es ein Ort, an dem das Verhältnis der Menschen zueinander, das sonst fast ausschließlich auf Wettbewerb und Kampf beruht, durch Beziehungen ersetzt würde, welche sich um Fortschritt, Zusammenarbeit und wahre Brüderschaft bemühen.
Die Erde ist sicherlich nicht bereit für die Verwirklichung eines solchen Ideals, denn die Menschheit besitzt noch nicht das nötige Wissen, es zu verstehen und anzunehmen, oder die unverzichtbare Bewusstseinskraft es wahrwerden zu lassen. Darum nenne ich es einen Traum.
Trotzdem ist dieser Traum auf dem besten Weg Wirklichkeit zu werden. Das genau ist es, was wir im Sri Aurobindo Ashram mit unseren bescheidenen Mitteln in kleinem Maßstab versuchen. Das Erreichte ist natürlich weit davon entfernt perfekt zu sein, aber es entwickelt sich weiter: Stück für Stück bewegen wir uns in Richtung unseres Ziels, welches, so hoffen wir, eines Tages der Welt als ein praktisches und effektives Mittel präsentiert werden kann, das gegenwärtige Chaos zu überwinden, um in ein wahreres, harmonischeres neues Leben geboren zu werden."
(Auroville ist 14 Jahre später, am 28.2.1968, gegründet worden)

2010-05-09

Überstunden

Abgemacht war, dass ich Montag bis Samstag von acht bis zwölf auf der Farm arbeite. Irgendwie hab ich gestern aber die Mittagspause verpasst und bin erst um eins aus dem Obsthain aufgetaucht, wo ich wilde Neembäume entfernt und zu Mulch und Brennholz verarbeitet hatte.
Würde ich für Geld schuften, dann hätt ich wohl gekotzt. So aber war's einfach ein Bonus, der allen zugute kommt und mit dem ich mich wohlfühle. Das Vertrauen, das es braucht um in solchen Bahnen zu denken, erwirbt man in Europa nur schwer. In Auroville - Kinderspiel. Vorausgesetzt, man ist prinzipiell offen dafür.
Ich habe natürlich auch schon vergrätzte und unzufriedene Leute getroffen, die mich eindringlich auf Schwierigkeiten bzw. Widersprüche zwischen dem ursprünglichen Traum und der aktuellen Praxis hingewiesen haben.
Ja selbstverständlich gibt es die! Wer etwas anderes erwartet, träumt den falschen Traum. Denn es kann ja nur enttäuscht werden, wer sich vorher über etwas getäuscht hat. Ich kann natürlich versuchen, durch mein Wirken dem Ganzen eine andere Richtung zu geben. Ich bin jedoch nicht in Auroville, um meinen Willen zu bekommen. Man kann sich hier hervorragend weiterentwickeln, kann lernen und sich selbst verwirklichen und einbringen. Aber nicht das Selbst steht dabei im Vordergrund, sondern seine Entwicklung im Dienst höherer Werte.
Freiheit heißt in Auroville nicht (nur) Freiheit von traditionellen Pflichten und Sitten, sondern Freiheit vom Diktat des sich selbst produzierenden Ego.
Es steht mir frei, den Traum von Auroville in meinem persönlichen Leben anders als allgemein üblich zu integrieren. Ihm mehr Bedeutung zu geben, oder auch weniger. Die Betonung zu ändern.
Und ich habe als Einzelner unter 2000 Einwohnern in einem Konsens-System mehr Einfluss auf Richtungsentscheidungen, als das in irgend einer anderen Gesellschaft (abgesehen von Stammeskulturen) der Fall ist. Sich stur in etwas zu verbeißen - wozu?
Sollte ich beispielsweise feststellen, dass Auroville trotz allem nicht der richtige Ort für mich ist, oder sollte sich die Entry Group gegen meine Aufnahme entscheiden, dann hat es eben nicht sein sollen. Dafür gibt es schließlich jene Phasen, in denen man probeweise am Geschehen in der Township teilnimmt.

2010-05-05

Eine Laune der Kultur

Wir hatten ein Treffen der Green Group in Windarra, also der Farm Group und der Forest Group. Diese Meetings dienen der Festlegung der allgemeinen Richtlinien für die Nutzung des Grüngürtels, aber auch zur Entscheidungsfindung bezüglich einzelner Maßnahmen wie z.B. Bebauung. Entscheidungen werden in Auroville in aller Regel im Konsens gefällt, d.h. im Wesentlichen stimmen alle Anwesenden einer Lösung zu, weil sie damit einverstanden sind. So auch heute, in dieser Runde. Wenn Gespräche auf Kampfabstimmungen hinauslaufen, wie etwa im Fall der Gestaltung der Peace Area, dann werden Abstimmungsergebnisse nicht einfach hingenommen. Das gilt für Anhänger der "Gewinner-" ebenso wie der "Verlierer-"Seite.
Demokratische Wahlergebnisse sind für hiesige Verhältnisse intolerabel, weil sie die Einstellungen und potentiellen Beiträge einer oft umfangreichen Minderheit schlicht verwerfen. So wurden z.B. die Arbeiten am Matrimandirgarten eingestellt, bis die Community irgendwann zu einem einhelligen Ergebnis gelangt.



Zu einem Konsens zu gelangen - und wir sprechen hier nicht von faulen Kompromissen - ist gar nicht so schwierig. Es kostet nur etwas mehr Zeit. Wenn die Grundeinstellung der Beteiligten nicht Wettbewerb sondern Kooperation beinhaltet, dann wird das konkrete Verhalten des Einzelnen in einer Auseinandersetzung statt der Durchsetzung der eigenen Vorstellungen eher den Blick auf den größten gemeinsamen Nutzen zum Ziel haben.
Auseinandersetzungen, auch tiefgreifende, gibt es hier genug, denn die besprochenen Themen berühren die persönliche Weltanschauung allüberall. Auroville ist kein konfliktfreier Ort, aber einer, der die Voraussetzungen mitbringt, zu einer friedlichen Lösung für jede Differenz zu finden. Anders als die meisten Gesellschaften dieser Welt.
Hier habe ich den lebendigen Beweis gefunden, dass der Mensch keine Missgeburt ist. Er ist kein fehlerhaft erschaffenes Wesen, das es im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen nicht schafft, im Einklang mit sich und seiner Umgebung zu sein. Wir können mehr als nur zerstören und gierig in unsere Taschen raffen. Was uns im Weg steht, ist nicht unsere menschliche NATUR - es ist unsere KULTUR, unsere Werte und Vorstellungen, unsere Gesetze, erlernten Verhaltensweisen... Dinge, deren Änderung völlig in unserer Macht steht.



Aber wollen wir das?
Es wird mehr erfordern, als ein paar Rauchfilter einzubauen. Wir müssten mehr tun, als die Wale zu retten. Mehr, als Wasser zu sparen und eine CD weniger zu kaufen und Hybridautos zu fahren und ins Reformhaus zu gehen und Lebensmittel nach Afrika zu schicken und Waffen abzurüsten. Es wird mehr erfordern als diese Flickschusterei an einem in sich lebensfeindlichen System.

Wir müssten aufhören, wie Konsumenten zu denken. Aufhören zu glauben, wir hätten Anspruch auf eine bestimmte Art von Wohlstand. Aufhören zu glauben, wir könnten alles besser regeln als das Universum selbst. Aufhören zu denken, die Erde sei unser Eigentum, gemacht allein zur Befriedigung unserer Wünsche und Bedürfnisse.

Und mehr noch als "tu dies nicht" und "verzichte auf das" und "hör damit auf" erfordert es eine positive Vision davon, wie erfülltes menschliches Leben stattdessen aussehen kann. Wir müssen uns als Wesen neu definieren. Anders als bisher wäre dies kein "Führer befiehl, wir folgen dir". Keine geschriebene Regel würde uns zwingen, plötzlich alle zusammen ein grünes Dasein zu führen. Niemand würde Verzicht predigen. Die Entscheidung käme von innen heraus, geboren aus Einsicht der einzelnen Person in die Verbundenheit aller lebenden Systeme und in Abstimmung mit diesen. Sie wäre aus sich heraus vernünftig, ja zwingend, und sie sähe für jeden ein wenig anders aus.



Wenn ich "muss" sage, dann steckt dahinter nur eine einzige Triebfeder: Das Überleben unserer Zivilisation, wenn nicht gar der Gattung. Wir sind natürlich zu nichts verpflichtet. Aber wenn wir auch in 100 Jahren noch hier sein möchten, dann werden wir mehr als einem grünen Anstrich für unser altes Haus brauchen. Wir werden es von Grund auf neu bauen müssen.

Ich sage dies, weil auch in Auroville die Versuchung besteht, aus alten Lumpen neue Kleider zu schneidern. Schneller als irgendwo sonst wird klar, dass das den Weg in die Zukunft verfehlt. Jede Nachlässigkeit, jede Egozentrik, jeder Konsumwunsch, jede überholte Struktur sticht heraus wie ein Loch in einer makellosen Zahnreihe, und es wird zum Anlass genommen, über ursprüngliche Ziele und deren Anpassung an neue Verhältnisse zu reden. Auroville ist ein Versuchlabor in großem Maßstab, ein Modell für den Rest der Welt. Nicht zum Überstülpen, nicht zum massenweisen blinden Kopieren, sondern als Anregung für den Einzelnen.
Denn während es stimmt, dass ich als Einzelner zu schwach bin die ganze Welt zu ändern, bin ich stark genug mich selbst zu ändern. Wenn sich überhaupt etwas ändern soll, dann fängt das beim Einzelnen an. Denn "die Menschheit" ist kein Lebewesen, das Entscheidungen treffen kann. Ich sehr wohl.



Wichtiger als eine grüne Lebensweise, die auf rein rationaler Überlegung fußt oder auf der Angst, eines Tages den letzten Halm aufgegessen zu haben, erscheint mir die Änderung der Vision, der Weltanschauung, der Grundeinstellung. Die Lebensweise ergibt sich dann von allein.

Unsere Vorstellung von uns selbst und einer von uns selbst getrennten Natur beispielsweise ist so absurd wie die Ansicht, in diesem "Reich der Natur" ginge es um Wettbewerb oder das Überleben des Stärkeren. Wäre das so, dann hätte sich die Zahl der Spezies im Lauf der Zeit konstant verringert. Das Gegenteil ist der Fall. Wir beobachten fortschreitende Diversifikation und wir sehen, dass jedes Lebewesen sich in den Nährstoffkreislauf einreiht, sowohl als Nährstoffnehmer wie auch als Nährstoffquelle. Jede Spezies entwickelt eigene Strategien. Es gibt keine einzig richtige Art zu leben, sondern es überlebt, was funktioniert.
Wenn wir glauben, der Mensch nähme eine Ausnahmestellung ein, dann irren wir. Und das ist eine gute Nachricht. Denn drei Millionen Jahre lang hat unsere Gattung sich perfekt in das Gefüge des Lebens eingepasst. Ansonsten wären wir nicht hier. Wir sind nicht aggressiver als ein Wolf, nicht egoistischer als ein Rind, nicht gieriger als Bäume oder Ameisen oder Vögel oder Katzen. Was angeblich unsere menschliche Natur ausmacht, ist lediglich eine Laune der Kultur. Ich finde wirklich, das sind verdammt gute Nachrichten.

(Fotos: Banyan Tree Luftwurzeln und ein streunender Hund)

Kommentar: Klingt nach einem sehr guten Ansatz - wenn alle mitmachen. Aber wie willst du das erreichen?
Ich bin kein Weltretter, Messias oder Gutmensch, daher gibt es keinen Masterplan, wie es auch keinen einzig richtigen Lebensweg gibt. Diese Art von Philosophie erfordert, dass man die Idee lediglich vorstellt und sie vorlebt, ohne Erwartungen zu hegen oder Druck auszuüben.
Es gibt einen gewissen äußeren Druck durch den Zusammenbruch der Ökosysteme und den sich zunehmend verschlechternden ökonomischen Ablauf. Aber entweder springen Menschen von allein drauf an oder eben nicht. Im Ernstfall heißt das "Pech gehabt. Game over, Leute". Und das ist dann auch ok.

Kommentar: Hm, aber was ist mit dringenden Entscheidungen? Jetzt am Beispiel des Raucherschutzes: Durch die schlechte Umsetzung des ersten Gesetzes ist keiner richtig glücklich damit, noch am glücklichsten sind die Raucher, weil die Umsetzung eben unvollständig war. Ich kann mir hier beim besten Willen keine Konsenslösung vorstellen.

Auroville ist eben von vorn herein auf Konsens aufgebaut, und in Deutschland haben wir Wettbewerb. In Deutschland findest du deshalb nur entweder/oder-Entscheidungen. Andere Formen des Zusammenlebens werden in den Medien ja nie als gangbare Lösungen vorgestellt, sondern, wenn überhaupt, als Kuriosum. Angeblich gibt es keine Alternativen zu Demokratie und Marktwirtschaft.


Zeitlich dringend ist hier praktisch gar nichts und es muss ein Konsens gefunden werden. In aller Regel wird auch nicht über fremder Leute Leben entschieden, sondern zusammen mit allen Betroffenen eine Lösung gesucht. Wenn man Menschen die Entscheidungsgewalt über ihr Schicksal abnimmt, dann verdummen sie und warten nur noch ab, was von oben kommt.