2010-06-26

Vier Null

Als ich vor Urzeiten das allererste Mal MTV eingeschaltet hatte, da hatte ich gerade den Augenblick erwischt, als sie berichteten, Kurt Cobain habe sich erschossen. Wann war das, 1994? Ich müsste demnach 23 gewesen sein und er, glaub ich, 27 rum. Natürlich war ich traurig und überrascht, obwohl ich, wie viele, insgeheim schon eine Weile damit gerechnet hatte. Ich konnte sein mieses Bauchgefühl gut nachvollziehen, die Verdrossenheit einer schlecht funktionierenden Beziehung, die Abscheu vor dem Business, die Stupidität der Leute um einen herum, und vor allem das, wie Heinz Rudolf Kunze es einmal so treffend ausgedrückt hat, "leere laute Elend mit gutgelauntem Geld".

Ich erinnere mich noch gut, was mein erster Gedanke war. Mein erster Gedanke war nicht: Oh mein Gott, der arme Mann! Der genaue Wortlaut sagte: Ich frage mich, wie ich überhaupt mal so alt werden soll. Ich fühlte mich geschlagen von Misserfolgen und gedemütigt vom Schicksal. Vor allem aber kotzte mich die Aussichtslosigkeit an, es in diesem kaputten Land je zu etwas bringen zu können. Ich gehörte nicht dazu und ich wusste sehr genau, dass man einen Außenseiter nicht reinlassen würde, egal was ich anstellen würde. Damit bestand auch keine Hoffnung auf Erfüllung von Träumen. Die waren damals noch relativ bescheiden, bewegten sich eher im Bereich "Frau, Haus und Hund", vielleicht einen interessanten Job und vor allem Frieden. Die gravierendsten Einschnitte lagen dabei alle noch in der Zukunft: Trennungen, Scheidung, Tod der Großeltern, Versagen im Job, Jahre der Armut. Gerhard Schröder auch ;-)

In einem halben Jahr werde ich 40. Vierzig. Ich lebe immer noch.
Die Zahl selbst bedeutet nicht das Geringste. An einem Tag bin ich noch 39, am nächsten schon 40. Was hat sich dann geändert? Ein einziger Tag ist vergangen. Auf diesen einen Tag kommt es allen an. Doch wohnt ihm ein anderer Sinn inne, als die Meisten ihn verstehen. Es ist dieser eine Tag, der genutzt werden soll. Der nicht verschwendet werden darf. Er liegt nicht in der Zukunft, und schon gar nicht in der Vergangenheit. Er ist immer heute. Immer.

Wie komme ich gerade jetzt darauf?
Ich kann es selbst nicht sagen. Teile des Gedankens begleiten mich schon seit anderthalb Jahren, als auf einmal ungeheuer dringend das Gefühl in mir aufstieg, nun endlich etwas unternehmen zu müssen gegen die Misere, in der ich selbst und mit mir die ganze Welt steckte. Ich hatte mich schon als kleines Kind gewundert, weshalb man einfach Müll aus dem Autofenster warf, hatte mich als Jugendlicher mit der Geschichte kriegerischer Konflikte beschäftigt und als Erwachsener die Innereien der Marktwirtschaft erforscht, bis der Gedanke an sie Brechreiz hervorrief. Meine Hoffnung dabei war immer, all das Falsche ändern zu können. Aber statt der staatlichen Gewalt den Rücken zu kehren bin ich Beamter geworden. Statt umweltbewusst zu handeln habe ich mich aus Plastiktüten ernährt. Und statt dem Kapital den Finger zu zeigen habe ich einen Laden aufgemacht, um chinesischen Billigmist zu verticken. Wie weit kann man sich von seinen Träumen entfernen, ohne darum zu verwelken, daran zu zerbrechen?

Gandhi hat gesagt: You must be the change you want to see in the world. Sei der Wandel, den du in der Welt zu sehen wünschst. Es ist wohl sein berühmtestes Zitat und gleichzeitig das am wenigsten befolgte. Fehlverstanden obendrein.
Wenn du findest, man müsste etwas tun, dann musst du etwas tun. Warte nicht auf ideale Bedingungen. Sichere dich nicht ab. Schiele nicht danach, ob andere es für dich tun wollen, ob sie dir vorausgehen oder doch wenigstens folgen werden. Was sein muss, muss sein, nicht wahr? Nimm's selbst in die Hand. Hier und jetzt.

Gandhi sprach jedoch nicht von Aktivismus oder gar Aktionismus. In der Hinsicht wird das Zitat meist falsch verstanden. Es geht nicht primär ums handeln, machen, tun. Er sagt nicht "Bewirke die Änderung", sondern "SEI der Wandel". Der Wandel beginnt nicht erst mit dir, sondern in dir. Denke ihn, fühle ihn und dann verkörpere ihn in jeder Sekunde deines Lebens. Wenn du findest, du musst etwas tun, dann solltest du es zuerst einmal sein. Lass den Traum, der in dir schlummert, erwachen. Werde dir seiner bewusst und dann leb ihn aus. Lass dich durch nichts davon abbringen. Weder durch Geld noch Erwartungen noch Sitten, weder durch Furcht noch durch Hoffnungen. Memento mori.

Der fundamentale Fehler meines bisherigen Daseins war, gegen diese Weisheit verstoßen zu haben. Meine wichtigste Einsicht seither ist, dass es keinen Sinn ergibt, sich (deswegen) graue Haare wachsen zu lassen. Hier BIN ich nun in Auroville. Mein verqueres Leben voller Enttäuschungen, Tief- und Rückschläge, nätürlich auch angenehmer, bereichernder, schöner Erfahrungen, hat mich hierhergeführt. Auf dem stinkendsten Mist wachsen die schönsten Rosen. Doch nur dann, wenn man ihn vergehen, zerfallen, sich auflösen lässt. Andernfalls verpestet er die Luft und vergiftet das Wasser.

Wohl gibt es Widerspruch. Wer hätt's gedacht.
Was ist mit Sicherheit? Wo kommt das Geld für meine Brötchen her? Und was ist mit meinen Verpflichtungen? Einfach SEIN, bloß leben - das können sich doch nur Leute leisten, die nichts zu tun und die auch sonst nichts zu verlieren haben. Leute, die vom Staat oder von Mama ausgehalten werden. Studenten zum Beispiel :D

Der Einwurf, ein weltfremder Träumer zu sein, ist mir nicht neu. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit und hatte daher viel Zeit, über ihn nachzudenken. Nach langen Kämpfen habe ich aufgehört ihn zu opponieren. ich sehe darin nicht mehr einen Vorwurf, sondern nur noch einen Einwurf, dem ich stattgeben muss.
Ja, ich bin weltfremd. Ich habe es schon immer gefühlt. Als ich drei oder vier Jahre alt war, als ich noch zur Schule ging, nachdem ich volljährig geworden bin. Ich bin der Welt fremd, weil ich mich nicht ihn ihre lebensfeindliche, unvernünftige, repressive Struktur eindenken und einfügen kann. Ich bin ein Träumer, weil ich den Traum in mir über alle Konventionen, einschließlich das Bedürfnis nach Sicherheit, stelle. Und ich behaupte, jeder andere kann das ganz genauso (vorausgesetzt es ist sein tiefster Wunsch). Ist obengenannter Einwurf nicht eine Kapitluationserklärung vor den Mächten, die uns "zwingen", unsere vitalen Interessen zu unterdrücken? Schmeißen wir unser Leben weg, nur weil wir Geld verdienen müssen? Verzichten wir auf unsere Freiheit, bloß um sicher zu sein, dass der morgige Tag genauso sinnentleert wie der vorangegangene verlaufen wird? Worin besteht denn eigentlich dieser Vorwurf-Einwurf anders als in der Verkündung der Unfähigkeit seines Sprechers, sich gegen jene Ansprüche durchzusetzen, die ihn an einem erfüllten, glücklichen Leben hindern?

Es mag wohl sein, dass es Umstände und Orte gibt, welche den Befreiungsschlag begünstigen. Nicht umsonst bin ich dem Ruf nach Auroville gefolgt. Das Entscheidende dabei ist: Die Freiheit war mir nie gegeben. Ich habe sie mir genommen.
Sobald ich losließ, vom Moment an, in dem ich mich nicht mehr an Gewohnheiten, Ideen, Wünschen, Ängsten, Sicherheiten, Plänen, Personen, Besitztümern, Gefühlen festklammerte, hörte ich auf, deren Diener zu sein. Allein daraus erwuchs die Freiheit zu SEIN (und auch zu handeln), und nicht aus dem imaginären Privileg angeblich günstiger Gelegenheit.
Ich bin arbeitslos aus freien Stücken. Ich habe Zeit, weil ich sie mir nehme. Ich habe nichts zu verlieren, weil mich nichts mehr von den Dingen, die ich "haben" könnte, interessiert. Für das, was ich anstrebe, bin ich auch nicht auf die Mithilfe meiner Familie angewiesen. Aber ich bin dankbar für ihre Unterstützung und wäre ein verbohrter Hohlkopf, würde ich sie zurückzuweisen.

Was danach kommt, welchen Weg man nach dem Erwachen nimmt, liegt in der Hand Gottes, des Schicksals, des höchsten Bewusstseins, des Universums. Nennt es wie ihr wollt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Dinge von da an allein entfalten.

2010-06-19

Besuch aus Pondy

Aurovilianer, Newcomer und solche, die es noch werden wollen, waren heute ins Savitri Bhavan eingeladen, sich (neu) inspirieren zu lassen. Sraddhalu vom Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry sprach über die Grundlagen des Lebens in Auroville, die spirituellen Wahrheiten, die es zu verwirklichen gilt und ihre praktischen Auswirkungen auf den Alltag des Aurovilianers. Breiten Raum nahmen auch die Frage, weshalb Zwischen- oder sogar Rückschritte unter Umständen nötig, Kompromisse aber unerwünscht sind, das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Gleichheit, sowie der Unterschied zwischen Karma und Karma Yoga ein.
Er ging darüber hinaus auf die verbreitete Kritik ein, der Ort sei zu klein um spürbare Veränderungen in der Welt zu bewirken, entwickle sich zu langsam und erlebe in Teilen Rückfälle in alte Handlungsmuster. Nach Ansicht Der Mutter, geäußert Jahre vor der Gründung Aurovilles, komme es eben nicht darauf an, wie schnell das Ziel menschlicher Einheit verwirklicht werde, und auch nicht darauf, ob man gelegentlich steckenbleibe oder wieviel Notiz der Rest der Welt von seiner Existenz nehme. Entscheidend sei, dass den Kräften des Zerfalls überhaupt etwas gegenübergestellt werde, ein Kern, um den sich alles Weitere entwickeln kann, ein Laboratorium für den Mensch und die Technik der Zukunft.
Sraddhalu redet ruhig, aber fesselnd, ernst, aber mit Sinn für Humor und versprüht dabei ein Charisma, das mich auch nach zwei Stunden schwer verdaulicher Weisheiten noch bei der Stange hielt. Es war für mich, nach sehr vielen weltlichen Eindrücken in letzter Zeit, tatsächlich ein neues Anfachen der inneren Flamme und eine Verstärkung des Gefühls des Angezogenwerdens von diesem Ort.

Mitschnitt von AV Radio

2010-06-14

Heiße Nächte

Tage, Wochen, Monate
Die große Zeit verstreicht sehr schnell
Die kleine lässt sich bitten
Sekunden tröpfeln tickend aus der Uhr
Und nur zögernd schwellen Teiche zu Minuten
Über deren Oberflächen leise
Der durchs Fenster kommende Wind weht
Unstet wie der Geist in seinem Gehäus
Welcher dem nahen Froschkonzert lauscht
Und den Grillen, eigenen wie Hüpfern

Während alte Wunden heilen
Versuchen neue es ihnen gleichzutun

Sie haben alle Zeit einer Welt
Die stillzustehen scheint und sich doch
Weiterdreht - genau wie jener Körper
Auf seiner Bettstatt: Links, Mitte, Rechts
Links, Mitte, Rechts entlang einer Achse
Welche zu zerbrechen droht bis endlich
Jene Teiche aus Minuten und Sekunden
Tiefer, Stunden, werden
Worin der Geist davontreibt, schwimmt
Und dann zerfällt wie Zuckerwürfel im chai.

2010-06-05

Arati

Im Moment reinigt Kuppu den die Wohnung auf drei Seiten umgebenden Balkon. Sie ist eine Tamilin aus den Dörfern und verdient ihr Geld damit, dreimal die Woche im Haushalt zu helfen. Derzeit natürlich völlig unnötig, aber natürlich werden die sogenannten ammaas (tamil: Mutter) aus sozialen Gründen nicht einfach vorübergehend beurlaubt.

Auroville und seine Einwohner schaffen mit den mehr als 5000 Arbeitsplätzen einerseits eine regionale Wohlstandssphäre. Andererseits erzeugen sie auch Abhängigkeitsverhältnisse.
Erstens, indem sie den Willen und die Fähigkeit verlieren, Dinge selbst zu tun, werden sie abhängig von den Arbeitern.
Zweitens, indem sie unnötigerweise laufende Kosten produzieren, werden höhere Geldzuflüsse dringend erforderlich.
Und drittens, indem sie die regionale Ökonomie mit Arbeit und Geld versorgen, machen sie sie von sich abhängig.

Was für die einzelne ammaa gilt, nämlich dass sie auf den regelmäßigen Verdienst angewiesen ist, gilt ebenso für die Dörfer im näheren Umkreis. Das wäre im Prinzip sogar wünschenswert, weil damit ein regionaler Markt entsteht, der weitgehend unabhängig ist von globaler Vernetzung. Das Dumme ist nur, dass Auroville die dafür nötigen Finanzen noch nicht selbst generiert, sondern zu einem Gutteil aus den Taschen von Gästen und Einwohnern importiert. Und leider auch bisher versäumt hat, ein alternatives Wirtschaftssystem, geldfrei oder mit Lokalwährung, einzuführen.
So bleibt es letztlich am Einzelnen hängen, wie nahe man dem Ideal einer nachhaltigen, sich selbst tragenden Ökonomie kommt. Je bequemer das Verhalten, d.h. je mehr Güter und Dienstleistungen man in Anspruch nimmt, die nicht aus dem eigenen System stammen, desto abhängiger ist man von äußeren Faktoren, die den Zustrom des dafür nötigen Geldes beeinflussen. Je mehr man selbst produziert... aber das ist ja auch offensichtlich.

Wenn man mit Leuten über das Thema redet, wird es gern auf "entweder Bequemlichkeit oder Nachhaltigkeit" zugespitzt, doch wird das der Sache nicht gerecht. Die eigentliche Aufgabe, die sich uns auf materieller Ebene stellt, betrifft die Schaffung einer gesunden Balance.
Auf geistiger Ebene dreht es sich analog um die Frage, wieviel Bequemlichkeit es wirklich braucht; und auch: welches Verhältnis man zur Arbeit hat; sowie erneut: Was ist wichtig in meinem Leben?
Wir sind wohl beraten, gerade Letzteres zu prüfen.


 

Feuer!

Letzter Tag in Windarra. Es ist Freitag. Wir sammeln zu zweit unter den Raintrees Mulch, wie so oft. Eine Arbeit, die man als langweilig empfinden könnte, doch sie ist eine Wohltat für mich. Seinen ganzen Seufzern nach scheint mein Begleiter anderer Ansicht zu sein. Aber was will man machen? Zufriedenheit ist eine Funktion der Weltsicht, abhängig davon, ob man sich an "negativen" oder "positiven" Erfahrungen orientiert; wobei die Unterscheidung in sich schon ein Rezept fürs Unglücklichsein darstellt.
Die Dinge haben keine derartigen Eigenschaften - sie SIND, sie existieren einfach, während sie erst durch unsere Erwartungen - Ängste wie Hoffnungen - gut oder schlecht werden, schön oder hässlich, brauchbar oder unbrauchbar. Erwartungen wiederum sind abhängig von unseren individuellen Wertmaßstäben; was ist wichtig im Leben, was kommt zuerst, zuoberst, und was dann, was dann, was zuletzt. Und die Maßstäbe formen und verändern sich im Lauf unseres Lebens. Über die Erziehung bekommen wir den Grundstock mit auf den Weg, aber wir passen unsere Werte natürlich auch an aktuelle Erfahrungen an. Und wir können sie bewusst manipulieren.
So kommt es, dass Menschen ganz unterschiedlich auf identische Situationen reagieren. Dass z.B. manche Opfer ihre Peiniger nicht hassen, psychsicher Druck gelegentlich mit Gleichmut beantwortet wird, jemand ohne Not auf seinen Vorteil verzichtet usw. Nicht das Erlebnis ist Ursache negativ / positiv empfundener Gefühle, sondern wie wir darüber denken.
Die volle Wahrheit des wertfreien Seins der Dinge erfasst man erst, wenn man versucht, sich danach zu richten. Bevor das Emfpinden es bestätigt, bleibt es ein abstrakter Gedanke, kurios, irgendwie abgefahren vielleicht faszinierend, theoretisch richtig, wahrscheinlich nicht anwendbar. Darum ist es schwierig jemand zu helfen, der sich an seine Werte (und also den mit ihnen verbundenen Schnmerz) klammert.

Schweife ich zu weit ab?
Dann zurück zu Windarra. Mit der Mittagspause, 12 Uhr, endete mein Volontariat. Nicht.
Indra kam angerannt. Feuer. Am anderen Ende des Grundstücks, bei der Teerstraße, brannten der Zaun, eine Palme und das trockene Gras davor. Der Wasserschlauch reichte bis ca. 80m an die Stelle ran. Dann Eimerkette. Es dauerte eine halbe Stunde, bis wir die Flammen gelöscht hatten. Cathy, die vorbeigekommen war, um sich mein Baumhäuschen anzusehen, war grade rechtzeitig für den Löscheinsatz eingetroffen. Welch eine Aufregung.
Kalt duschen, ein bisschen Siesta, anschließend zusammenpacken für den Umzug nach Arati. Um viere klopfen Indra und Djaibal an meine Tür, um sich zu verabschieden. Echt rührend. Ich werde euch ebenfalls vermissen.
Eugen erwartete mich gegen 19:00 in der neuen Heimat. Bei überreifer Papaya und unreifer Ananas unterhalten wir uns ziemlich lang. Als ich um elf ins Bett sank, fing es zu regnen an, die Luft kühlte ab und alles war wunderbar...