2010-09-27

Fermi, die Dritte

Ich denke, ich habe das Fermi-Paradoxon gelöst. Nicht, dass ich es beweisen könnte (nicht, dass ich darauf überhaupt Wert legen würde). Und nicht, dass ich der Erste wäre. Man hätte bloß die Hopi, Kogi, die Dogon, Mbuti oder Aborigines fragen müssen. Eigentlich ist es so offensichtlich, dass nur eine Kultur wie unsere es übersehen kann – und das will für diese Kultur nichts Gutes heißen. Aber hey, ist das eine Überraschung?

Das beharrliche Schweigen des Kosmos legt nahe, dass es einen gemeinsamen, generellen Faktor geben muss, der für alle galaktischen Zivilisationen gilt. Eine völlige Isolierung der Erde kann jedoch nur an zwei Stellen universal wirksam sein: im Bereich der Naturgesetze und jenem der menschlichen Informationsverarbeitung. Wenn wir das zugrundeliegende Naturgesetz nicht erkennen können, muss es fast zwangsläufig mit unserer Wahrnehmung zusammenhängen. Aber was könnte das sein, das uns blind macht? Ist es physisch oder kulturell bedingt, d.h. können wir die Anderen nicht hören oder unterläuft uns ein Denkfehler?
Da die Wahrscheinlichkeit für die Existenz irgendeiner uns zumindest sehr ähnlichen extraterrestrischen Lebensform spricht, die dieselben Signale verarbeiten kann wie wir, scheidet physische Unfähigkeit wohl aus. Es gibt aber einen relevanten kulturellen Faktor, der gerade jenen gemeinsam ist, die sich üblicherweise mit dem Fermi-Paradoxon beschäftigen: die Blindheit und Losgelöstheit des Wissenschaftlers bezüglich der destruktiven Folgen seiner Forschung, die sich in der Gesamtkultur als Verleugnung der eigenen Verantwortlichkeit und Vergänglichkeit spiegelt, und damit als Unfähigkeit zur Korrektur fataler Fehlentwicklungen.

Wir haben es aus meiner Sicht mit einer gesetzmäßigen Wahrnehmungsstörung zu tun. Das eigentliche Paradoxon ist danach nicht die unheimliche Funkstille trotz wahrscheinlicher Myriaden außerirdischer Zivilisationen. Die Paradoxie (oder sollte ich besser sagen: Tragik) liegt darin begründet, dass genau jener Prozess, der uns zu Sternguckern und potentiellen Raumfahrern macht, zwangsläufig dazu führen wird, dass es nie zu interstellaren Kontakten kommt, weil er ausnahmslos ein Weg der Selbstzerstörung ist. Weil er auf den Glauben an die Kontrollierbarkeit der Welt aufbaut verhindert jener Prozess außerdem grundsätzlich die Auflösung des Paradoxons.

Schaut man genauer, dann haben wir das tatsächlich nicht einfach übersehen. Wir halten es lediglich für unrealistisch... dass Zivilisationen inhärent suizidal veranlagt sind. Verschiedene Autoren weisen als entfernte Möglichkeit darauf hin, wenngleich Mutter Kultur unverblümt dafür sorgt, dass das als reines Gedankenspiel mit offenem Ausgang erkennbar bleibt, eine spannende und irgendwie makabre Wette auf den Weltuntergang; nach dem Motto: Die Zukunft wird's zeigen. Lasst uns das mal bis zum Ende durchspielen und sehen, ob es stimmt.

Wir sind uns wohl einig, dass es für Raumfahrt einer Zivilisation bedarf. Und nicht nur irgendeiner, sondern einer globalen. Global deshalb, weil die Ansammlung notwendiger Fähigkeiten und Ressourcen globale Anstrengungen nötig macht, weil dazu schon eine gewisse Vorgeschichte des "Aufstiegs" notwendig war und jeder Schritt dieses zivilisatorischen "Aufstiegs" immer mehr gemeinsame Anstrengung von immer größeren Gruppen erforderte, als irgendeiner zuvor. Am Bau einer Rakete sind im Endeffekt Milliarden Menschen beteiligt.

Als Nebenbemerkung dazu ist das Leben im Lauf der letzten 10.000 Jahre nicht einfacher sondern schwerer geworden. Die schiere Aufrechterhaltung unseres Lebensstandards verlangt, dass wir heute doppelt bis dreifach so lang arbeiten, wie Menschen sogenannter primitiver Kulturen und darüber hinaus lässt jede Person im Weltdurchschnitt 13 Energiesklaven für sich schuften. In Deutschland sind es 60, wobei hier allein elektrische Energie 18 Energiesklaven verheizt. Ein durchschnittlicher US-Bürger hat sogar 110.
Angesichts der Tatsache, dass Energie schließlich immer als Wärmestrahlung endet, brauchen wir uns über Erderwärmung glaube ich nicht mehr zu unterhalten. Schon deshalb ist diese Zivilisation langfristig dem Untergang geweiht.
Nun könnte man erwidern, dass wir uns doch bereits auf dem Weg der Besserung befinden. Wir haben das Problem ja erkannt und werden ihm aktiv entgegentreten. Es gibt Umweltschutzbewegungen, ja sogar -Ministerien und globale Konferenzen auf höchster Ebene. Wir werden das in den Griff bekommen.

Nein. Werden wir nicht. Denn der Vorgang, der dafür sorgt, dass wir Raumfahrzeuge bauen können, Zivilisation nämlich, beruht selbst auf der historisch fortschreitenden Akkumulation von Ressourcen und Energiesklaven. Ohne stetig wachsende Zahlen in allen Bereichen des Lebens keine Zivilisation, ohne Zivilisation keine Raumfahrt. Was aber bedeutet fortdauerndes Wachstum auf einem begrenzten Planeten?

Menschen bestehen aus Nahrung. Ohne Nahrung kein Leben. Das heißt, der Mensch ist, wie jedes andere Lebewesen, vom Land und dessen reproduktivem Ökosystem abhängig. Kein Problem, solang er seine Nahrung selbst sammelt oder jagt. Oder nichtexpansiv, nichtintensiv für den Eigenbedarf anbaut. Auf diese Weise hat sich die Menschheit drei Millionen Jahre lang ins Ökosystem eingefügt - bis zur neolithischen Revolution vor 10.000 Jahren, als eine der menschlichen Kulturen im Nahen Osten anfing Nahrungsmittel zu horten. 
Wenn jemand anfängt, andere Personen mitzuversorgen, wird Spezialisierung möglich. Dieser jemand wird hauptberuflicher Bauer oder Jäger und die von ihm versorgten Personen werden Werkzeugmacher, Schuhmacher usw. Das aber macht alle in diesem System Beteiligten zu Abhängigen über das in einem Ökosystem vorhandene Normalmaß hinaus. Es wird Handel nötig, und damit kommen wir in den schwierigen Bereich der Wertzuschreibung. Welchen Wert hat ein Schuh in Weizen gemessen? Welchen Wert hat eine Axt in Schuhen gemessen? 

Spezialisierung führt also fast zwangsläufig zu Konflikten, deren Lösung - du errätst es - durch Kontrollinstanzen herbeigeführt werden muss: Richter, deren Autorität von Regeln (Gesetzen) herrührt, welche sich irgendjemand ausdenken  (Herrscher) und auch durchsetzen (Polizei, Söldner) muss. Diese soziale Kettenreaktion, die eine wachsende Kaste unproduktiver mitzuversorgenender Personen - Kontrolleuren, "Dienstleistern" - erschuf,  lief in erstaunlicher Gleichförmigkeit unabhängig voneinander an mehreren Stellen der Welt ab: Landwirtschaft führte zu Spezialisierung, Spezialisierung zu Handel, Handel zu Kontrolle, Kontrolle machte Autorität, Mathematik und Schrift nötig, wobei Autorität zur Konzentration von materiellen Werten führte, Mathematik zu effektiverer Technologie der Ressourcenausbeutung, und Schrift zur Geschichtsschreibung, die im Gegensatz zur zyklischen Weltsicht der Primitiven (Kreislauf von Werden und Vergehen) ein lineares Konzept menschlicher Entwicklung entwirft: der "Aufstieg" der Menschheit im Zuge zivilisatorischen "Fortschritts".
Schrift und Mathematik sind beide nur möglich und ergeben auch nur dann Sinn, wenn z.B. aus einzelnen, individuellen Menschen die Kategorie "Mensch" wird, mit einer darin enthaltenen zählbaren Menge "gleichartiger" Elemente, wenn man also die Realität indivdueller Dinge oder Geschehnisse (mit jeweils unendlich vielen Eigenschaften) auf einige wenige Eigenschaften herunterbrechen und auf eine Verallgemeinerung reduzieren kann.
Ohne dieses Konzept kann keine Zivilisation bestehen, geschweige denn Raumfahrt betreiben. Die Reduktion der Ökosphäre, des Lebens, auf zählbare, kategorisierbare Dinge prägt diese Kultur nicht nur, sie ist deren Substanz. Ihre atomistische Vorstellung vom Ökosystem Erde kommt über mechanistische Abläufe nicht hinaus, wie auch menschliche Einheit in diesem Denkschema maximal die Summe aller Einzelpersonen darstellt. Zusammenhänge, Relationen, Bindungen zwischen den Dingen spielen dabei absolut keine Rolle. Respekt vor und Rücksicht auf das globale Beziehungsgeflecht auf der Erde läuft der Zivilisation zuwider; sie ist unter gar keinen Umständen mit ihr vereinbar.

Der Domino-Effekt, der den Zivilisationsprozess auslöste, setzt sich bis in unsere Tage ungebremst fort. Heute sind in Deutschland nur noch 2% der Bevölkerung mit der Nahrungsmittelgewinnung beschäftigt, nur noch 26% mit sonstiger Produktion, inkl. Nippes und Plastikschrott. Der Rest gehört effektiv dem schmarotzenden Kontrollgewerbe an, das miternährt werden muss, ohne dass es Beiträge zum Überleben der Gemeinschaft leistet und ohne Energiesklaven auf keinen Fall bestehen könnte.

Je mehr Menschen mit der Kontrolle der Produktion beschäftigt waren, desto intensiver mussten die Erzeuger lebenserhaltender Güter Ressourcen verbrauchen, was schließlich sogar zur Erschöpfung erneuerbarer Rohstoffe (Wälder, Quellen, Böden) im näheren Bereich führte und die Expansion der Zivilisation nötig machte. Expandierte Gemeinwesen bedurften mehr Kontrolle, was wiederum mehr Intensivierung und weitere Expansion im produzierenden Gewerbe nach sich zog, usw. usf. 
Auf diese Weise hat die mesopotamische Zivilisation zunächst die gesamte Alte Welt, später auch alle anderen Kontinente überwuchert. Die Umgebung, sprich: die betroffenen traditionellen Stämme, haben ihr Land niemals freiwillig zur Verfügung gestellt. Letzten Endes konnte die Zivilisation nur über deren Leichen weiter expandieren und nur durch Ausbeutung und Ausrottung nichtmenschlicher Arten intensivieren. Sie umspannt heute mit wenigen Ausnahmen den gesamten Erdball einschließlich der zu 90% leergefischten Meere. Wieviele Minuten bis 12 Uhr wir noch haben, dürfte klar sein.

Zivilisation kann per Definition (beachte besonders Teil 3) nicht nachhaltig sein, denn sie braucht Wachstum, das durch fortschreitende Ausplünderung des Umlandes mit Hilfe von Gewalt gegen menschliche und nichtmenschliche Lebewesen aufrecht erhalten werden muss - bis alle erreichbaren "Ressourcen" aufgebraucht sind. Die Zivilisation ist nicht in der Lage, den Vorgang von sich aus zu stoppen, es sei denn, sie schafft sich freiwillig selbst ab. Wahrscheinlicher ist, sie stößt an die Obergrenzen der planetaren Tragfähigkeit.
Einmal begonnen muss sie unausweichlich enden. Welch eine Überraschung, dass auch zivilisierte Menschen dem Kreislauf von Werden und Vergehen unterworfen sind - willkommen in der wirklichen Welt :D

Was aber hindert uns, dem Ende der Zivilisation rechtzeitig mit der Gründung autarker Kolonien auf anderen Planeten entgegenzutreten?
"Es gibt praktisch keine galaktischen Katastrophen, die eine Zivilisation, die über viele hundert Welten verbreitet ist, vollständig zerstören könnten - die Zivilisation wäre praktisch "unsterblich". An einem einzigen Punkt in der Geschichte einer Zivilisation ist also die Selbstzerstörung möglich: In der Zeit zwischen dem Bau der ersten Atombombe (womit zum ersten Mal überhaupt die Zerstörung der Zivilisation möglich wird) und dem Bau der ersten, autarken Kolonie."
Da wir von niemandem Nachrichten aus dem All empfangen, lässt das auf die Vorgänge "da draußen" folgendes schließen: Keine Zivilisiation in erreichbarer Nähe hat es bisher über die Grenzen des eigenen Planeten hinaus geschafft. Wenn Versagen die Regel darstellt, dann lautet das Gesetz, nach dem Fermi suchte:
Interstellare Raumfahrt ist nicht möglich, weil die zu ihrer Verwirklichung erforderliche Denk- und Handlungsweise die Lebensgrundlage der betreffenden Kultur vorzeitig zerstört. 
Die Kapazitäten eines bewohnbaren Planeten sind bis zu Beginn des Raumfahrtzeitalters überschritten. Das Vorhaben, dem Desaster durch beschleunigte Entwicklung ins All zu entkommen ist, als beeile man sich eine Geschichte schneller zu lesen, damit man fertig wird, bevor das Buch zuende ist.

Die Wahrscheinlicheitsrechnungen behalten ihre Gültigkeit: Es gibt höchstwahrscheinlich Leben. Es gibt höchstwahrscheinlich sogar intelligentes Leben, aber: Es gibt genau drei Arten, wie es sich entwickelt:
  1. Es bleibt "primitiv", d.h. dezentral organisiert und nachhaltig wirtschaftend. Es sieht keinen Sinn in irgendeiner Art von Expansion, am allerwenigsten ins All.
  2. Es beginnt den Zivilisationsprozess und bricht ihn bis zum Beginn der Raumfahrt freiwillig ab, wie es z.B. die Anasazi getan haben. Nach trial & error behalten die Primitivisten das letzte Wort.
  3. Oder - das scheinen wir durchziehen zu wollen - es durchläuft den Zivilisationsprozess bis zum unabwendbaren Ende, an dem Konflikte um den Zugriff auf die letzten Ressourcen zu lethalen Kriegen bzw. völliger Ressourcenerschöpfung führen. Die Zivilisation bricht mit dem Ökosystem zusammen. Der Aufbruch ins All findet nicht statt und die Zeitspanne des Aussendens von Signalen währt nur wenige Jahrzehnte (im Fall der Menschheit ca. ein Jahrhundert) - ein zu kleines Zeitfenster um von Lauschern entdeckt zu werden. Selbst wenn wir in dem Heuhaufen da draußen auf Signale von Verrückten wie uns stoßen sollten, werden sie unsere Antwort wegen der langen Reisezeiten signaltragender Wellen nicht mehr empfangen.
Wie auch immer, wir werden keine Weltraumkolonien haben, keine Generationenschiffe, keine Saatschiffe; nicht mal stärkere Antennen. Nada. Wir werden, freiwillig oder nicht, noch in diesem Jahrhundert unsere zivilisatorischen Aktivitäten einstellen.
Was mich auf die Idee bringt, dass das Universum wirklich ein großartiges Gebilde ist, wenn es Kraft seines inneren Aufbaus von allein verhindert, dass karzinös wuchernde Kulturen versuchen, ihr Wachstum über die Grenzen eines Planeten auszudehnen. Kann man sich ein schöneres Beispiel für dynamisches Gleichgewicht vorstellen?

2010-09-24

Nachbrenner

(aus einem Brief)
"...würde mich interessieren, was du damit meinst, dass sich The Zeitgeist Movement für dich konzeptuell als eine herbe Enttäuschung herausgestellt hat"
O Gott, da könnte ich inzwischen ein ganzes Buch drüber schreiben. Abgesehen davon, dass das erste und letzte Wort im Film Zeitgeist:Addendum Jiddu Krishnamurti überlassen worden ist, der ein spiritueller Redner war (und zwar ausschließlich, ohne irgendwelchen Bezug auf künftige technische, ökonomische oder Gesellschaftssysteme), während Jacque Fresco, Peter Joseph und das TZM Global Administration Team keine Gelegenheit auslassen, Spiritualität umzudefinieren (siehe "Who is Peter Joseph") oder gar zu bashen (Jacque: “verbal masturbation”), möchte ich zwei Punkte nennen:

- Jacques Auffassung von Wissenschaft und Wirklichkeit ist bei näherer Betrachtung auf dem Stand des 19.Jahrhunderts, als man noch glaubte, das Universum sei eine Maschine, deren Elemente sich sauber abgrenzen und deren Gesetze und Konstanten sich alle exakt bestimmen ließen. Einstein und Heisenberg haben um 1900 damit aufgeräumt, und Gödel und Turing zur Sicherheit nochmal um die Mitte des 20. Jahrhunderts nachgewischt. Die aktuelle Forschung legt außerdem nahe, dass physikalische Konstanten variable Größen sind. Im Ergebnis sind wir da angelangt, wo Buddha vor 2500 Jahren schon war: Wir können nicht alles wissen, und vor allem können wir nichts mit Sicherheit wissen. Wissenschaft erweist sich außerdem als lediglich eines von mehreren möglichen Systemen zur Erfahrung und Interpretation der Realität, was den Anspruch, Wissenschaft allein könne die Wirklichkeit korrekt abbilden, mindestens als arrogant und illusionär, wenn nicht gar gefährlich irreführend kennzeichnet. "To arrive at decisions" (wie man sich bei TZM ausdrückt) mit Hilfe kybernetischer Maschinen ist vor diesem Hintergrund so ganz einfach nicht möglich, wie Jacque sich das vorstellt.
Wenn du mehr darüber wissen möchtest, kann ich dir Fritjof Capra's "Das Tao der Physik" und den Film "Dangerous Knowledge" empfehlen.

- Falls du Partner, Kinder, Freunde, liebe Familienangehörige hast, dann spürst du vermutlich, dass es im Leben wesentlich mehr gibt als technische Fragen. Neben Beziehungen gehören dazu Empathie, Gefühle, Intuition, Phantasie, Kreativität und Spiritualität. All das findet in Jacques Welt keinen Eingang in die Berechnungen. Was nicht mess- und ableitbar ist kann vom Computer nicht verarbeitet werden - und soll es laut Jacque auch nicht. Die rigide, militante Anti-Haltung unter vielen (gerade auch namhaften) Zeitgeistlern gegenüber den nichtwissenschaftlichen Anteilen des Lebens ergibt für ein fühlendes Wesen aus Fleisch und Blut keinen Sinn und ist weniger einladend als vielmehr bezeichnend für die Probleme von TZM und TVP, sich Freunde und Verbündete zu schaffen. Ich persönlich möchte nicht einer Gesellschaft ausgeliefert sein, in der sich Lösungen allein aufgrund technischer Variablen ergeben, ohne dass jemand danach fragt, welche Auswirkungen das auf den nichttechnischen Teil des Daseins hat, d.h. wie sich Menschen damit fühlen oder Beziehungsgeflechte ändern.

Für Vandana Shiva und viele Menschen vor allem im Süden und Osten des Globus sind nicht die Dinge an sich von Bedeutung; sie sind auch keine scharf von einander abgrenzbaren Elemente, die blind irgendwelchen Gesetzen folgen, sondern die verändlerlichen Beziehungen zwischen ihnen bilden die eigentliche Substanz des Universums. Daher werden Mineralien oder Wälder nicht einfach als "unsere Ressourcen" betrachtet, sondern existieren aus eigenem Recht - was in der Folge einen Riesenunterschied bei der Nutzung macht. Charles Eisenstein weist nach, dass es gerade die verdinglichende, utilitaristische Ideologie und die daraus abgeleitete wissenschaftliche Methode sind, die uns den ganzen Berg an Problemen eingebrockt haben. Er beschreibt sie als zum Scheitern verurteiltes Programm zur Kontrolle der Welt; zum Scheitern verurteilt sowohl aus wissenschaftlichen (s.o.) wie auch spirituellen Gründen. Mehr Technologie und mehr Kontrolle werden aus seiner Sicht zu nur noch mehr Problemen führen. Ich übersetze gerade Teile seines Buches "The Ascent of Humanity" ins Deutsche. Ein sehr faszinierendes und lückenlos nachvollziehbares Werk übrigens. Er und Derrick Jensen ("Endgame") graben auf der Suche nach Ursachen weitaus tiefer als Fresco und kommen zu dem Schluss, dass Zivilisation als solche das Problem darstellt, wobei sie dann allerdings völlig verschiedene Lösungen vorschlagen. Einig sind sie sich dagegen in der Analyse, dass Zukunftsvisionen wie die von TZM angestrebte - auch wenn Frescos Gesellschaftsanalyse wirklich brillant ist - den Bock zum Gärtner machen werden, weil als Medizin gegen das kranke System eben jenes Gift verabreicht werden soll, das die Krankheit überhaupt erst verursacht hat: mehr Technik, mehr Objektivität, mehr Kontrolle, mehr Zentralisierung, mehr Vereinheitlichung, mehr Globalisierung, einfach mehr Zivilisation.
Es ist leicht in diese Falle zu tappen. Ich selbst bin ihr anfangs erlegen, weil wir konditioniert sind, an Fortschritt zu glauben, an den Aufstieg der Menschheit durch fortschreitende Kontrolle der "Umwelt", ein ideologisches Trugbild, das faktischer Grundlagen entbehrt und schlicht als Selbstrechtfertigung für die Vergewaltigung des "Nicht-Ich" dient.

Ich könnte weitermachen damit, dass wir bei den alternativen Energiequellen eine Milchmädchenrechnung führen; dass eine eindeutige, völlig objektive Sprache weder technisch möglich noch irgendwie wünschenswert ist; dass niemand außer Peter (und vielleicht noch nicht mal der) weiß, wie's nach dem Kollaps weitergehen soll; dass ich es zynisch finde, wenn Jacque wirklich auf Erfindungen hockt, die das Elend lindern könnten; dass den Mitgliedern verboten wird, über RBOSE und andere ex-Zeitgeistler zu reden und Links zu deren Seiten aus Forenbeiträgen gelöscht werden; dass die Zeitgeist-Filme und -Internetmedien angeblich "nicht das Movement sind", während sie gleichzeitig intensiv promotet und mit Zähnen und Klauen gegen Kritiker verteidigt werden; dass Peter Joseph ablehnt, sich in einer Führungsrolle zu sehen, jedoch einseitig anordnet, in welchen Medien sich z.B. die Arbeisteams (nicht) treffen dürfen; dass die TZM-Führung ihren eigenen visionären Konzepten nicht traut, wenn es darum geht, die Bewegung egalitär, geldlos, politikfrei und gemäß wissenschaftlicher Standards zu organisieren usw. usf.

Das sind natürlich alles meine Probleme, die dich nicht betreffen müssen. Ich glaube aber, dass man zumindest wissen sollte, womit man es im eigenen Stall zu tun hat - und in diesem Fall, warum eine oberflächlich besehen so elegante Idee wie die von The Zeitgeist Movement vertretene massiv Probleme mit Aussteigern, inneren Kritikern und allgemeiner Akzeptanz hat.

Ich kritisiere Zeitgeist oft und gern. Das hält mich jedoch nicht davon ab, Leute bei passender Gelegenheit auf TZM hinzuweisen. Es soll jeder selbst entscheiden, auf welche Zukunft er hinarbeiten möchte. Ich habe z.B. vor kurzem ein Buchprojekt begonnen, das ein Dutzend verschiedene Modelle für die Zeit nach der Marktwirtschaft vorstellen soll, u.a. auch Frescos "Resource Based Economy" (RBE), weil ich denke, dass es wichtig ist, den Leuten einen Ausweg zu zeigen, dass der Wandel nur auf ihr Engagement wartet und dass sie dabei nicht allein dastehen.

Mächtige Minderheiten sind nur deshalb mächtig, weil die 80% Unzufriedenen sich in ihr Lohnsklavenschicksal ergeben. Das tun sie, weil sie keine Alternativen sehen. Und die sehen sie u.a. nicht, weil sie sich nicht einig genug sind, um signifikante Gruppierungen zu bilden. Und die bilden sich nicht, weil sie ihre Energie mit sinnlosen Grabenkämpfen untereinander über Strategien und Feinheiten der Philosophie vergeuden, statt für das gemeinsame Ziel. Ich sag nur "Volksfront von Judäa" ;)
Will sagen: Es ist ok, Splittergruppen zu bilden und sich über Strategien, Praxis usw. zu zanken, solange das gemeinsame Ziel an erster Stelle im Auge behalten wird. Daher bleibt es sich gleich, ob du für TZM arbeitest oder für Community Planet, Buddhist bist oder einen Börsencrash herbeiführst. Die Bewegung, wie ich sie begreife, ist viel größer als TZM oder sonst eine Aktivistengruppe. "Schön, dass du dabei bist", wie Franky aus Frankfurt zu sagen pflegt :D

2010-09-21

Biased at the basis

Scientists claim to be subjects in a universe of objects. But call them subjective and you'll know what's wrong with them...

When asked why they want all that technological stuff in the first place they'll come up with reasons which turn out to be unquestioned beliefs (and untrue the same) like, "Science and technology make people's lives better" - or phrases like, "Man must follow his curiosity. It's his destiny."

Yeah, right. How could I forget that? Feeling curious is the basis of rational science. Better check your axioms, man. All of them.

2010-09-12

Unreasonable rationality

The other day I read somewhere that you can make a rational decision, but that doesn't mean you're reasonable by doing so. I guessed the same would go for the opposite. I had to contemplate a while on it, wondering about the fundamental difference between the two. Are they incompatible systems of decision-making, or is there some sort of relationship among them? I came up with the following answer.

To be rational means that you roughly follow a certain value system in which material and scientific issues matter most, and emotional or spiritual least. If, by applying the scientific method, you can serve an emotional interest as well - fine. But looking after the emotional issue first would be regarded as irrational.

Let's say you have to shift to a new place and there's a cat with you. You cannot move to the cheapest, nicest place because they don't allow pets. So you take the less attractive, more expensive flat where you can stay together. From a rational point of view you'd be silly to act according to your emotional relation to a "disposable thing". It's irrational to give up a financial advantage. Many people get rid of their pets in such a situation. But others find it more reasonable to go for the other solution: keeping the cat at any cost.

So what does reasonable mean?
The term simple states that you act according to reason. You have a reason to do something, whatever that may be. That reason could be anything, and as long as you have it and your actions reflect its logic you can always claim sanity. It might be irrational, but there is sense in what you're doing, as opposed to nonsensical, random, insane, impulsive, or compulsive decisions and behaviours. To be reasonable means to be connected to a value system, any value system, and it can contain science and materialistic points, although it is not limited to those; it means you are likely to have a much broader perspective than a physicist or an investment banker, because you are not an expert with a narrow range of interest.

It means even more than that.
From a reasonable point of view, not only the nonsensical, but also the rational way often represents insanity. Why is it, that there is enough food on Earth for twice as many people, but more than one billion are starving? Why is it that we use drinking water for flushing off faeces? Due to rational decisions which save us time, money and effort our whole civilization, especially in its current form, is a global madhouse full of insane people making foolish decisions and acting like maniacs - absolutely unreasonable.

What makes a merely rational person an unreasonable one is that they leave out vital information, crucial reasons, fundamental values other than pure matter and instant benefits. They may act on just one thing, e.g. immediate money profit, and forget about (or dismiss) longterm or "side" effects, such as the biosphere getting damaged to the point of collapse or humans being deprived of their dignity til they claim it back with violence.

Ratio (latin: the mind) is condemned to repeat foolish acts over and over again because it is limited to science and logic which, by categorization, reduce knowledge to an abstraction of the actual thing and which are by (self-)definition just fractions of what is going on within a human life and the biosphere as a whole.
You cannot reduce reality to abstractions and expect the outcome of your acting upon those images of reality to be consistent with the real thing.
You cannot have a value system that dismisses feelings as irrational and expect the outcome to be worth living for human (and other) beings. Much worse so in a world where cybernated units, the apex of rationality, would run the show, as The Venus Project promotes it.
You cannot achieve working solutions while you "arrive at decisions" by assuming that "the real problems in the world are technical" when in fact they are not. There's more to life than this. So much more than this.

It took me a while to realize that but finally I arrived at a point where I see no more use in pimping up our social systems or, heaven forbid, our gadgetry which failed to make life better for 10,000 years now. Rationality itself has failed, and it isn't likely to do better within the next ten years either. To believe in that sounds Utopian to me, insane even.
It's fine to have water desalination devices and electricity and virtual libraries which all help in patching problems of industrial civilization. But as far as I'm concerned, that's far from constituing a solution. The real change will be a shift from rational to reasonable, and from there to spiritual which is a state beyond reason, because there is no more need to argue.
Spirituality can end world hunger, regardless of (and freed from) scientific rationality - which created the problem in the first place. You can call me irrational to say so, or even unreasonable, and you would be right. I have nothing to add.

2010-09-07

Endspiel





Derrick Jensen lässt kein Auge trocken, wenn er austeilt. Hoffnungs- wie Bedenkenträger, Heteros und Homos, Politiker und kleine Leute, Kriegstreiber und Pazifisten bekommen gleichermaßen ihr Fett weg. Der Grund ist: Jensen gehört zu jenen Leuten, die der Zivilisation keine Chance mehr geben. Er ist ein Anti-Civ. Mit Kapitalismus und Demokratie hält er sich gar nicht erst auf. Zivilisation als solche sei von vorn herein dazu verurteilt gewesen, den Planeten zu zerstören und er kann dies auch charmant, d.h. eigentlich eher schnodderig, begründen. Seine Logik besticht und seine Schlussfolgerung, wir sollten die Zivilisation frühzeitig zerschlagen, weil die Folgen ihrer Existenz mit der Zeit nur gravierender würden, bringt das Blut in Wallung.

Der Autor von Endgame, dessen Fortsetzung bezeichnenderweise Resistance (dt.: Das Öko-Manifest: Wie nur 50 Menschen das System zu Fall bringen und unsere Welt retten können) heißt, glaubt daher, dass es unsere moralische Pflicht sei, den Laden zu kippen und dabei notfalls auch selektiv Gewalt anzuwenden.

Mit den meisten seiner Äußerungen gehe ich konform, muss aber den praktischen Aspekten seiner Schlussfolgerung entgegentreten, denn diese sind in sich widersprüchlich. Er verurteilt die versteckte Gewalt, welche in unsere Sprache eingebaut ist und auch bei der Befriedigung von Grundbedürfnissen (Wohnung, Kleidung, Essen nur gegen Bezahlung, sonst erscheint der Sheriff) zum Tragen kommt, hat aber keine Einwände gegen die Umkehrung der Gewaltpyramide zum Zwecke der Befreiung.

Ich denke, das ist entweder nicht weit genug gedacht oder heuchlerisch oder hilflos. Oder beides ;) Er hat wohl recht, wenn er sagt, dass Gewalt eine Kraft ist, die Dinge in Bewegung setzt; aber wie soll eine Denkweise, die Gewalt in ihren Prämissen ein-(sie zumindest nicht aus-)schließt, je eine friedliche Kultur hervorbringen? Wie soll sie den alten Teufelskreis von "wir gegen die" beenden? Sie kann es nicht, wie schon tausende andere bewaffnete Aufstände zuvor. Und wie diese wäre die Anti-Civ-Revolution eine dem Planeten übergebratene Maßnahme, einseitig beschlossen aufgrund der Annahme weniger Menschen, sich mit ihrer Ansicht - und sei sie noch so logisch - im Recht zu befinden. Top-down.

Wieder muss ich Daniel Quinn zitieren: Es gibt keine einzig richtige Art zu leben.
Und wenn ich der Weltbevölkerung, d.h. jedem einzelnen Menschen, die individuelle Entscheidung abnehme, wie er seine Zukunft gestalten soll, dann ist das eine globale Anwendung von Gewalt, die nur verhindert, dass wir endlich die Verantwortung für unsere Taten übernehmen, also im Zweifelsfall als Spezies untergehen.
Wenn die Menschheit das Überleben verdient, dann aufgrund der freiwilligen Übereinkunft von genügend ihrer Mitglieder, einen zukunftsfähigen Weg einzuschlagen.

Derrick Jensen hat mit seiner Analyse recht, so recht. Mit jedem zivilisierten Atemzug tauchen wir unsere Hände tiefer ins Blut. Aber wir sind nicht die, die das System bloß stützen. Wir sind das System, es ist aus uns gemacht. Wie kann man sich davon distanzieren?
Lest Jensen, schaut ihn euch an, und behaltet im Hinterkopf, dass Gewaltbereitschaft aus einer fehlerhaften Annahme resultiert. Erst Trennung schafft Konflikt. Wenn man annimmt, dass "das System" und "die Menschheit" zwei getrennte Dinge sind, dann kann am Ende nur Gewalt stehen.

Daher bleiben aus meiner Sicht ziviler Ungehorsam, Pazifismus und Spiritualität nach wie vor als einzig... ja, was? legitime? moralische? zielführende? Mittel zur Genesung des Planeten. Jensens Konzept von ihrer Funktionsweise ist inkorrekt. Sie verweigern nicht den Gebrauch von Macht, sondern nehmen sie willentlich, anarchisch, in die eigene Hand zurück, nachdem wir sie bisher Fremden überlassen haben - und entziehen sie der Gewalt. Ziviler Ungehorsam, Pazifismus und Spiritualität sind die Selbstbefreiung des Einzelnen aus der Mentalität des konsumierenden Untertanen, auf dass er die Verantwortung für das eigene Leben übernehme, anstatt für die Handlungen Anderer Sorge zu tragen.

Das schließt in letzter Konsequenz - hier bin ich mir mit dem guten Derrick wieder eins - den Einsatz des eigenen Lebens ein. Wer sich lieber vor fremder Leute Karren spannen lässt (oder Andere mit Gewalt zur Einsicht, also vor seinen eigenen Wagen, zwingen will; welch schönes Spiegelbild), der darf das gern tun. Ich möchte dann aber kein Gejammer hören. Ihr habt gewollt, was immer aus eurem Tun erwächst.

2010-09-05

's Liad von der Energie

Wenn in Büchern und Filmen über sogenannte swing-by-Manöver gesprochen wird, fällt häufig die Bemerkung, dass ein Raumfahrzeug, das beispielsweise das Schwerefeld des Jupiter zur Geschwindigkeitsgewinnung benutzt, dem Planeten etwas Energie abzwackt. Das habe aber auf diesen keinen Effekt, da das Vehikel gegenüber dem Planeten so klein sei, dass man nichts davon bemerke. Mit anderen Worten: Es macht was aus, aber es liegt jenseits der Messbarkeit unserer Geräte... also macht es nichts aus.
Mit exakt derselben Einstellung haben Menschen in den vergangenen zwei Jahrhunderten die Erde ruiniert: ein paar Fässer Giftmüll kann die Nordsee gut verkraften; mein Kind ist nicht Teil der Bevölkerungsexplosion; es gibt genug Fische, da kommt es auf einen weiteren Fangzug nicht an; die Abgase eines Autos verteilen sich doch mit dem Wind; einmal ist keinmal; usw.

Wir haben Schwierigkeiten mit der Vorstellung, dass "das bisschen" Eindruck, das wir hinterlassen, tatsächlich Auswirkungen nach sich zieht und dass sich diese Auswirkungen, so klein sie auch sein mögen, mit der Zeit summieren. Wir brauchen hier noch nicht einmal auf den (ebenfalls schwer vorstellbaren) Schmetterlingseffekt zurückgreifen. Simple Strichrechnung tut's auch.
Und damit sind wir schon bei den sogenannten alternativen Energiequellen.

Es ist derzeit sicher anzuraten, weniger fossile Quellen zu verfeuern und stattdessen erneuerbare Energien anzuzapfen. Es wäre nachhaltiger - mit Betonung auf der relativierenden Endung. Holz und Dung sind ebenfalls erneuerbar, doch ihre Verbrennung hat bereits erheblich zur Luftverpestung beigetragen. Erneuerbar ist nicht gleich umweltneutral.
Sicherlich finden wir etwas besseres? Schauen wir uns einige der gängigen Alternativen an: Solarenergie, Windkraft, Wasserkraft, Wellenkraft, Gezeitenkraft, Geothermie.

Solarenergie
Sonnenkraft, egal ob solarthermisch oder photovoltaisch aufgefangen, wandelt Licht letztenendes in Wärme und elektrischen Strom um. Die Einstrahlung einer Stunde würde, vollständig genutzt, den derzeitigen Energiebedarf der Menschheit für ein Jahr decken. Das ist toll für uns, denn die Umwelt braucht ja nicht so viel Energie.
Wirklich nicht?
Nun, würde es uns gelingen, die komplette Sonneneinstrahlung - oder auch nur einen signifikanten Teil - für unsere Zwecke umzuwandeln, wäre das Ergebnis desaströs. Denn die Photosynthese der Pflanzen, die Wolkenbildung und die Bewegungen des Windes (der Sauerstoff und Wasser verteilt) wären stark beeinträchtigt oder gar unterbunden.
Sehr viel Sonnenlicht, das sonst zurück ins All reflektiert worden wäre, wird durch Sonnenkraftwerke in Form elektrischen Stroms und Abwärme auf der Erde freigesetzt, was für sich genommen schon Ungleichgewichte erzeugt. Zusammen mit der Unterbrechung der o.g. Kreisläufe ergäbe sich ein umwerfender Cocktail unangenehmer Rückkopplungen.

Windkraft
Die Bewegungsenergie des Windes, aufgefangen von Rotoren, stammt aus den Druckunterschieden in der Atmosphäre, und diese wiederum entstehen durch regional unterschiedliche Erwärmung der Luft mit Hilfe der Sonneneinstrahlung. Windenergie ist letzlich Sonnenenergie. Würde es uns allerdings gelingen, die gesamte Energie des Windes einzufangen, d.h. Bewegung in Elektrizität umzuwandeln, brächten wir die Luft zum Stillstand und damit die Verteilung von Wasser und Sauerstoff. Städte wie Stuttgart, die bereits Erfahrung mit Störungen der Luftzirkulation machen durften, finden: Keine so gute Idee.

Wasserkraft
Auch Wasserkraft stammt letztlich aus Sonnenenergie, da es die Wärmeverdunstung des Wassers und von der Sonne erzeugte Luftströmungen waren, die ein Abregnen an hochgelegenen Stellen ermöglichte.
Über Staudämme kann man denken was man möchte. Manche Talsperre mag ganz ansehnlich sein, oder sogar beeindruckend wie der Hoover- oder der Assuandamm. Wasserturbinen erzeugen keine Abgase. Ein weiterer Vorteil. Ihre Energie beziehen die Schaufelräder aus der Lageenergie des Wassers, die sich beim zu-Tal-Fließen in Bewegungsenergie verwandelt. Dämme aber halten das Wasser auf, bremsen es aus, und seine Energie, die sonst Gestein erodiert und andernorts als Schlamm wieder anlagert, wird in Strom verwandelt. Die Störung der Bodenbildung, der jahreszeitlichen Abläufe, des Salzhaushalts, der Nährstoffverteilung und Wasserversorgung ist erheblich.

Wellen- und Gezeitenkraft
möchte ich gemeinsam behandeln, da ihre Effekte den Wasserkörper gleichermaßen beeinflussen. Wellenkraftwerke nehmen Bewegungsenergie von der Oberfläche großer Gewässer ab, Gezeitenkraftwerke im Wasser selbst. Die vollständige Umwandlung ozeanischer Bewegungsenergie in Elektrizität brächte den Kreislauf des Wassers global zum Erliegen. Da schon kleine Inseln (siehe Karibik) oder Sandbänke (z.B. Doggerbank) oder unterschiedliche Erwärmung (Neufundland) Strömungen beeinflussen, braucht es vermutlich gar nicht so viel Einsatz, natürliche Systeme zum Kollaps zu bringen - und damit ihre Fähigkeit, Treibhausgase zu absorbieren, Wassertiere und -Pflanzen mit Sauerstoff zu versorgen etc. Diese Form der Energiegewinnung ist also ebenfalls nicht umweltneutral.

Geothermie
Erdwärme ist, intensiv genutzt, gleichenfalls gefährlich. Wärme, die in den Boden gehört, sammelt sich in der Atmosphäre, während die Abkühlung unter unseren Füßen langsam aber sicher die Magmakreisläufe zum Erliegen bringt, und damit die Kontinentaldrift, ohne die es keine Erneuerung der Erdoberfläche gibt und keine neuen Nährstoffe für ihre Lebewesen. Ohne Plattentektonik würden die Kontinente so lange erodieren, bis die Oberfläche der Erde zu hundert Prozent aus Wasser bestünde - was ziemlich langweilig wäre ;)

Wir sind natürlich nicht annähernd so weit, durch den Gebrauch alternativer Energiequellen sichtbare Konsequenzen zu erzeugen; und ganz so einfach lassen sich diese Konsequenzen auch nicht ableiten, aber die Hochrechnungen in den Extremfall einer vollständigen Energieausbeute zeigen trotzdem, dass keine Quelle umweltneutral ist. Effekte addieren sich vom ersten Tag an auf und wechselwirken mit anderen Kreisläufen, so dass bei weiterer Steigerung der Energieproduktion mit ähnlich chaotischen Folgen zu rechnen ist, wie beim Verbrennen von Erdöl.
Hinzu kommt: Energie kann niemals vernichtet werden; nur in andere Formen verwandelt und an andere Stellen transportiert. Das heißt, dass jede Kalorie, die man einem natürlichen Kreislauf entzieht, an einer anderen, wahrscheinlich weniger günstigen Stelle wieder auftaucht, der Erfahrung gemäß meist als Wärmeenergie.

Lasst uns also bitte nicht über Kernspaltung oder -Fusion diskutieren.
Wir haben (noch) kein Problem mit der Energieversorgung. Energie ist überall, in mannigfaltigen Formen und in übergroßer Fülle. Die Frage ist nicht so sehr, woraus wir unsere Energie gewinnen sollen, als vielmehr die Menge, die wir umsetzen. Energie sollte unsere kleinste Sorge sein - denn unser eigentliches Problem besteht in unserer Einstellung zum Leben, unserer Weltsicht.
Der globale Stromverbrauch wächst jährlich um 2,3%. Das heißt, dass er sich alle 30 Jahren verdoppelt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die exponentielle Kurve tatsächlich nach hundertprozentiger Ausnutzung "alternativer" Energiequellen verlangt.
Im Paradigma unbegrenzten, stetigen Wachstums ist buchstäblich alles gefährlich, was wir beginnen. Um so mehr, als wir mit fortschreitender Monetarisierung der Welt immer bessere Ergebnisse im Verdrängen der Folgen erzielen. Wo zwischen uns und einem Gut oder einer Dienstleistung Geld steht, entfremden wir uns der seelischen, geistigen und materiellen Verwüstungen, die unser Handeln verursacht. Umweltfreundliche bzw. umweltneutrale Energie scheint nur deshalb neutral, weil wir - mal wieder - eine Milchmädchenrechnung aufmachen, die besagt, dass wir kleinere Verluste wie z.B. die Bahnänderung des Jupiter vernachlässigen können. Arsch lecken. Weitermachen.

Aber nichts was wir tun ist neutral. Alles hat Auswirkungen. Wenn wir es ernst meinen mit der Schonung der Umwelt, dann gibt's nur eins: Energie sparen, kleinere Brötchen backen.