2010-10-28

Sprecken Sie English?

Immer wieder hört man von Leuten, die die ultimative Sprache schaffen wollen. Eine die eindeutige Aussagen trifft, eine die ein objektives Bild der Wirklichkeit zeichnet. Auf den ersten Blick erscheint das sogar sinnvoll und machbar. Auf den zweiten zweifelt man daran, ob das dann klänge, als ob wir JAVA, PASCAL, C++ oder sonst eine Programmiersprache benutzen würden. Und damit im Zusammenhang fiel mir dann ein, dass diese nicht nur hässlich klingen, sondern eigentlich auch weder alles im Griff haben noch völlig eindeutig sind. Fragt man einen Programmierer, so liegt das nicht am guten Willen. Das Problem besteht einfach darin, dass mit wachsender Zahl der programmierten Module und Funktionen die Beziehungen zwischen ihnen exponentiell vielzähliger und schon sehr bald unüberschaubar werden. Mit steigender Komplexität sind Rückwirkungen, d.h. unerwünschte Rekursionen, Rückkopplungen nicht mehr auszuschließen, und das sind dann u.a. die Punkte, die man als "bugs" bezeichnet. Im Grunde ist jedes Programm eine Turing-Maschine; man kann nicht mit Gewissheit vorhersagen, welches Ergebnis eine bestimmte Eingabe zur Folge hat, bevor man es ausprobiert.

Aber zurück zur natürlichen Sprache.
Während ich so in den letzten Monaten über dieses Thema nachdachte, stieß ich auf eine ganze Reihe Argumente, die eine Universalsprache nicht nur unerwünscht erscheinen lassen, sondern auch beweisen, dass die Suche nach ihr ein sinnloses Unterfangen ist. Anlässlich der Übersetzung von Charles Eisensteins "The Ascent of Humanity" ins Deutsche, bei der ich gerade entsprechende Stellen bearbeite, wollte ich nun doch mal ein paar Zeilen dazu loswerden.

  
Eine 100%ig objektive, eindeutige Sprache kann es aus zwei Gründen nicht geben:

1) Objektivität ist nicht erreichbar, weil diese die (nicht nur) physikalisch unmögliche Trennung von Beobachter und Beobachtetem verlangt. Vorbedingung für diese Trennung wäre eine klare Begrenzung sowohl des Subjekts wie auch des Objekts. Doch wo hört der Mensch auf und fängt die Umwelt an? Sind die Mitochondrien in unseren Zellen Teil des Menschen? Sind die Darmbakterien, die an Zahl die miteinander verbundenen Zellen unseres Körpers übertreffen und ohne die wir keine Nahrung verdauen könnten, Teil des Menschen? Ist ein Haar Teil des Menschen, und wenn ja, auch dann noch, wenn es ausgefallen ist? Sind Nahrung, Luft und Wasser Teil des Menschen, wo sie doch die Atome für unseren Körper liefern? Oder reden wir nur vom Bewusstsein, dessen Sitz das Gehirn sein soll?
Ziehen wir die Grenze sehr eng, müssen wir eingestehen, dass sie willkürlich gewählt ist. Der so bezeichnete Gegenstand wäre in keinem Fall das lebensfähige Wesen, das sich als Beobachter bezeichnet, sondern augenblicklich dem Tod verfallen. Ziehen wir die Grenze weiter, so können wir im Grunde das gesamte Universum einbeziehen, denn wir brauchen die Regenwälder, den Erdboden, den Wasserkreislauf, die Schwerkraft, die Sonne, die Galaxis, den Urknall.
2) Sprache ist per Definition eine Abstraktion der Wirklichkeit, die aus einer individuell gewachsenen Ulme, einer individuell gewachsenen Tanne und einem individuell gewachsenen Kirschbaum schlicht das Wort "Bäume" macht, oder noch schlimmer: "Wald", die ultimative Auflösung unendlicher Eigenschaften der Realität in ein Wort, das eine begrenzte Anzahl von Eigenschaften symbolisiert.


Charles Eisenstein schreibt in Kapitel VI-1 bezüglich der Bemühungen Heisenbergs, Gödels, Turings und Chaitins um eine objektiv und vollständig erfassbare Realität:
"Mathematik hat das Schicksal des uralten Versuchs besiegelt, die chaotische, unvorhersagbare Wirklichkeit durch eine kontrollierbare künstliche Version zu ersetzen. Wie genau auch immer wir die Realität abbilden, wie ausgetüftelt unsere Modelle sein mögen, es wird immer etwas fehlen und diese Beschränktheit ist Teil des Abbilds selbst."
„Mit anderen Worten spiegelt das gegenwärtige mathematische Abbild das wider, womit unsere Werkzeuge derzeit fertig werden, nicht was wirklich da draußen ist“ erklärt Gregory Chaitin in seinem Buch "Meta Math!" und bringt damit auf den Punkt, was in der Dokumentation "Dangerous Knowledge" ausführlich an Forschung nachvollzogen wird.


Der Wunsch (die bereits vorhandene) Sprache objektiver zu gestalten führte zur Wissenschaft der Linguistik und zur Grammatik. Doch so wie Grammatik nicht die Grundlage von Sprache ist, sondern eine nachträglich erdachte "Gesetzmäßigkeit" eines lebendigen, sich wandelnden Kommunikationswerkzeugs zu beschreiben versucht, so entsprechen auch die sogenannten Naturgesetze lediglich unserer Vorstellung von einem Universum, in dem wir bisher nichts als eine Maschine sahen, das sich jetzt hingegen immer mehr als unberechenbares Lebewesen entpuppt. Tausend Ausnahmen, die eine Regel bestätigen, zeigen eigentlich deutlich genug, wieviel Wahrheit die Scheingewissheiten modernen Lebens beinhalten.

Sprache und wissenschaftlicher Erkenntnis fehlt nämlich gleichermaßen das gewisse Etwas: Jener Löwenanteil der Realität, der durch Reduktion, Abstraktion und Objektivierung weggestrichen wurde. Dass dieser Teil nicht vernachlässigbar ist, kommt zum Ausdruck, wenn unsere Formeln versagen. Nichts in der Natur ist überflüssig: Blindärme, Junk-DNA, Unkräuter, unhörbare Schallwellen, Krankheitserreger u.ä.m. gehören einfach dazu. Darum hören sich echte Orchester besser an als eine CD; darum werfen Fukuokas unbehandelte, trockene Reisfelder mehr ab, als die chemisch behandelten Ländereien seiner Nachbarn; darum scheitert jede Vorhersage der Ergebnisse komplexer Prozesse: die der Lottozahlen, der Politik und des Wetters. Die willkürlich gezogenen Grenzen, mit denen wir das Gewebe des Lebens unterteilen, um durch deren weitere Abstraktion standardisierte, technisch manipulierbare Bausteine zu erhalten, welche imaginären Gesetzen folgen sollen, sind Phantome. Wir haben es nur vergessen. Wir haben vergessen, dass die Landkarte nicht die Landschaft ist, das Wort nicht der Begriff und das Naturgesetz nicht die Natur, sondern lediglich ein Symbol, eine Abstraktion der Wirklichkeit unter willkürlicher Auswahl der "relevanten" Eigenschaften.

Weil Worte uns eine einfache Vorstellung vom Begriff (Ding) geben und weil Wissenschaft auf bequeme Weise erklärt, wie sich scheinbar deterministische Gesetze zunutze machen lassen, die Umwelt technisch zu manipulieren, verwechseln wir Sprache und Wissenschaft mit Realität. Dass wir unsere subjektiven Wahrnehmungen und deren ebenfalls subjektive Interpretationen mit der Wirklichkeit verwechseln, drückt sich in unserer Sprechweise aus: "Einstein hat es herausgefunden; also ist es so." Oder wir sprechen von "Begriffen", wenn wir eigentlich "Wörter", "Bezeichnungen" und "Benennungen" meinen.

So wie Wissenschaft der technischen Manipulation der Welt dienen sollte, so muss Sprache in unserer deterministischen Sichtweise, gewollt oder nicht, der Manipulation der Kommunikationspartner dienen. Wozu sonst sprechen?
Wenn wir aber wissenschaftliche Erkenntnis lediglich als eine Form der Wahrnehmung und Interpretation von Realität anerkennen, und wenn wir die von Sprache geschaffene Wirklichkeit lediglich als eine Wirklichkeit begreifen und uns daran erinnern, dass dies lediglich Symbole für eine unendlich reichhaltigere Natur sind, dann ist das alles nicht so tragisch. Die Dinge rücken wieder ins rechte Licht, an ihren angestammten Platz, wo sie uns zwanglos Einsichten verschaffen, die dem Überleben und der Freude am Sein dienen, der Anpassung an die Welt wie sie entsprechend unserer Wahrnehmung erscheint - und nicht ihrer Manipulation, damit sie sich unserer Wahrnehmung besser anpasse.

Was das betrifft, so haben sich die Sprachen der menschlichen Völker zusammen mit diesen über die Jahrtausende entwickelt. Sie spiegeln die kollektive Erfahrung mit der Landschaft und der Lebensweise des jeweiligen Volkes und sind dazu "gedacht" - haben sich so entwickelt - Bedürfnissen, deren Deckung die Beihilfe anderer Menschen erfordert, kommunikativ zu begegnen. Dafür steht das berühmte Beispiel, dass es in Inuktitut viele Wörter für Schnee gibt, aber keines für Palme, Kühlschrank oder Staat. Letztere befinden sich außerhalb des traditionellen Erfahrungsbereichs der Inuit. Viel eindrücklicher finde ich dagegen, dass in Stammessprachen Südamerikas, Afrikas und Australiens oft keine Personalpronomina, Zeit- und/oder Zahlwörter existieren, weil in diesen Völkern die entsprechenden Konzepte keine Wirklichkeit besitzen. Oft fühlen sich die "Primitiven" nicht als getrennte Wesen, sondern definieren sich über ihre Beziehung zur Umwelt; ihr Leben betrachten sie als Zyklus von Werden und Vergehen, nicht als linearen Ablauf, sie haben keine Terminpläne und nahe des Äquators besitzen die Jahreszeiten wenig Bedeutung - Zeit spielt einfach keine Rolle; und in einer Umgebung, die ihre Bevölkerung mit ausreichend Nahrung versorgt, gibt es keinen Grund, etwas in Besitz zu nehmen, zu horten, zu zählen, zu vergleichen, zumal auch Individualität und die mit ihr einhergehenden Abstraktionen in einer solchen Umgebung keinen Sinn ergeben.

Wo sich Menschen keinen Begriff von einer Sache machen, gibt es kein Wort dafür, wohingegen sie eine Überfülle von Ausdrücken finden, wenn etwas eine große Rolle in ihrer Gesellschaft spielt. Im wahrsten Sinne bezeichnend ist nämlich, dass es bei uns für abstrakte Begriffe wie "Recht", "Staatsoberhaupt", "Geld" oder "Wort" reichhaltig Synonyme und Quasi-Synonyme gibt, für gegenständliche Begriffe (mal abgesehen von Tabuthemen wie Ausscheidung und Sexualität, die zur Euphemisierung einer Unzahl von Ausdrücken bedürfen) dagegen meist nur ein einziges Wort geprägt wurde - oder gar keines, wenn der Gegenstand außerhalb des Erfahrungsbereichs eines Volkes liegt.

Die Sprachen der industrialisierten Völker sind unter anderem deshalb so kompliziert, weil die Syntax den ganzen Ballast an Abstraktionen und zu treffenden Unterscheidungen berücksichtigen muss: Handelt es sich um Mann, Frau oder Ding, um mein oder dein, um eines oder mehrere, um Vergangenes, Gegenwärtiges oder Zukünftiges, um Realität oder Fiktion, um Über-, Gleich- oder Untergeordnetes usw.

So prägen spezifische Erfahrungen, so prägt individueller Gebrauch, so prägen örtlich bedingte Bedürfnisse die jeweilige Sprache, und die Sprache wiederum prägt das, was ausdrückbar und damit in gewissem Sinn vorstellbar ist. Sprache und Wirklichkeit formen sich gegenseitig. Warum sagen wir, die Sonne geht morgens auf? - Weil es von unserem Standpunkt aus der Wahrheit entspricht und unseren Bedürfnissen genügt. Wollen wir Raumfahrt betreiben, brauchen wir eine andere Sprache, die eine andere Realität spiegelt: die Physik.

Es ergibt also durchaus Sinn, Sprache neuen Erkenntnissen anzupassen. Eine universal gültige Weltsprache ist dagegen Nonsens, weil die Erfahrungen, die Realitäten jedes Volkes, ja sogar jedes einzelnen Menschen, verschieden sind. Es ergibt keinen Sinn, seine Ausdrucksmittel völlig umzukrempeln oder neu zu konstruieren, denn die jeweilige Sprache hat sich ja historisch genau so entwickelt, dass sie den lokalen Kommunikationsbedarf deckt, indem sie das Realitätsverständnis der jeweiligen Benutzer repräsentiert.
Ändert sich der Bedarf d.h. die Wirklichkeit des Sprechers, dann ist es leichter, bereits bestehende Begriffssysteme zu übernehmen und auszubauen. Menschen tun dies ganz intuitiv. So hat sich zunächst bestimmt niemand große Gedanken gemacht, als italienische, und in neuerer Zeit englische Wörter zur Beschreibung musikalischer Phänomene verwendet wurden, dass französische Ausdrücke das politische und militärische Gebiet dominieren, Altgriechisch philosophische, mathematische und physikalische Begriffe benennt, Latein in Biologie, Medizin und Theologie vorherrscht, Esoteriker sich des Hebräischen bedienen und Spiritualität auf altindische Termini zurückgreift.

Finden wir uns also damit ab, dass sich "die" Wirklichkeit weder theologisch noch mathematisch-naturwissenschaftlich oder gar sprachlich in den Griff bekommen lässt. Ob es sie objektiv und abgetrennt von uns gibt, ist nicht nur fraglich, sie ist mit den begrenzten Mitteln eines begrenzten Verstandes auch nicht vollständig zu begreifen. Wie alle Lebewesen müssen wir uns den Gegebenheiten beugen, uns an unsere Nische anpassen, und mit uns unsere Sprachen.

2010-10-14

Nobel geht die Welt zugrunde

Den folgenden Eintrag wollte ich eigentlich noch ein wenig reifen lassen, um mehr Daten zu sammeln. Andererseits reichen sie auch so, um sich ein Bild zu machen. Ich bin in der letzten Zeit über ziemlich viele schräge Vögel gestolpert, die mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden sind, obwohl offensichtlich war, dass sie ihn nicht verdient hatten oder bei denen sich später herausgestellte, dass sie der Menschheit einen Bärendienst erwiesen hatten. Herausragend dabei der sogenannte Friedensnobelpreis.

In den Augen der Bevölkerung ist der Friedensnobelpreis eine moderne Heiligsprechung lebender Personen und aktiver Organisationen, die sich um den Frieden verdient gemacht haben. So geht regelmäßig ein Raunen, manchmal auch ein Aufschrei durch den Blätterwald, wenn es wieder den "Falschen" erwischt hat, wie beispielsweise letztes Jahr Herrn Obama, der eher als Schwätzer denn als Friedensengel bekannt geworden ist. Und auch der diesjährige Preisträger Liu Xiaobo erweckt nicht das ungeteilte Wohlwollen der Menschheit. So meinte eine Freundin, dass sie es gut fände, "wenn der Preis nächstes Jahr mal wieder an Leute ginge, die tatsächlich etwas bewerkstelligen."

Sollte das zufällig eintreffen - und nein, das war nicht zynisch gemeint - dann hätte das Komitee sich vermutlich vergriffen. Denn betrachtet man die bisher ausgezeichneten Personen und fragt gleichzeitig, wem diese Auswahl nützt, dann entdeckt man eine auffällige Dreiteilung der Empfänger:

  1. Organisationen und deren Führer, deren Aktivitäten den westlichen Industrienationen nicht schaden, ihnen jedoch einen humanitären Anstrich geben. Die große Masse der Preisträger fällt in diese Kategorie.
  2. Personen, die im Sinne der 1.Welt aktiv sind. Ausgezeichnet werden außerdem oft fruchtlose Bemühungen von Politiken und ex-Militärs und in fast allen Fällen übersieht man gegenwärtige oder frühere gegen den Frieden gerichtete Handlungen.
    • 1906 Theodore Roosevelt (Vermittlung Friedensvertrag Russland / Japan 1905. 1898 unterstützte er als Marineminister die Forderung nach einem Krieg gegen Spanien und nahm aktiv daran teil. 1904 beginnt mit seinem Corollary eine expansionistische Außenpolitik: mehrere lancierte Putsche und Militäreinsätze in Lateinamerika)
    • 1919 Woodrow Wilson (Vermittlungsbemühungen Ende WK I. 1913 FED-Gründung, 1917 Eintritt WK I =Wahlbetrug)
    • 1925 Austen Chamberlain (Locarno-Vertrag, der im Falle eines Grenzkonflikts für Ausweitung des Krieges gesorgt hätte)
    • 1925 Charles Dawes (Dawes-Plan. Im Eigeninteresse der USA geregelte Reparationszahlungen Deutschlands an die Alliierten, unterstützt durch einen 800Mio RM Kredit zu 7%)
    • 1926 Aristides Briand (Locarno & Dawes)
    • 1973 Henry Kissinger (Vietnam-Friedensvertrag, der mit Waffenlieferungen an Süd-V. unterlaufen wurde, Vorbereitung des Putsches gegen Allende, später Beihilfe zur Indones. Invasion Ost-Timors)
    • 1978 Menachem Begin (Nahost-Friedensvertrag. 1943 Chef der Radikalzionisten Irgun Tzwai, Sprengstoffanschläge auf Marktplätze, Restaurants und britische Einrichtungen, 1946 Sprengstoffanschlag auf das King David Hotel Jerusalem, 1948 Massaker von Deir Yasin, 1952 drei Paketbomben-Attentate auf Konrad Adenauer, 1970 verließ er die Regierung um gegen die Land-für-Frieden-Politik zu protestieren)
    • 1978 Anwar as-Sadat (Nahost-Friedensvertrag. 1940er verschiedene Mordkomplotte gegen die ägyptische Führung, 1973 Jom-Kippur-Krieg)
    • 1994 Yassir Arafat (für erfolglose Bemühungen im Nahostkonflikt. 1957 Mitbegründer, später Anführer Fatah, die jahrzehntelang terroristische Anschläge und Bombenattentate verübte)
    • 1994 Schimon Peres (s.o. Ab 1948 Waffenbeschaffer f.Israel)
    • 1994 Jitzchak Rabin (s.o. Milit.Karriere bis 1967, 1984-90 als "Knochenbrecher" bekannter Vert.Min., 1992 völkerrechtswidrige Deportation von 415 Hamas-Anhängern in den Südlibanon)
    • 2002 Jimmy Carter (allg.Friedensbemühungen. 1979 große Rücksichtnahme auf die US-Nuklearindustrie bez.Three-Mile-Island-Zwischenfall, Unterstützung für Indonesien trotz Genozids in Osttimor. Allerdings muss man ihm anrechnen, dass er seit Ende des 2. Weltkrieges der einzige US-Präsident war, unter dessen Regierung die USA in keine offene kriegerische Auseinandersetzung verwickelt waren. Mit einem Sicherheitsberater wie Brzeziński ein kleines Wunder.)
    • 2007 Al Gore (Klima-Engagement, an dem er ein finanzielles Interesse hatte. Unter seiner Vizepräsidentschaft 1998 Angriff auf Irak, 1999 Angriffskrieg gegen Jugoslawien)
    • 2008 Martti Ahtisaari (allg.Friedensbemühungen. Zuletzt Kosovo-Vorschläge im Sinne des Westens)
    • 2009 Barack Obama (allg.Friedensbemühungen. Entgegen Ankündigungen kein Abzug sondern Aufrüstung in Irak u.Afgh. und weltweit höchster Militärhaushalt aller Zeiten)
  3. Bürger gegnerischer Staaten, die ihre Regierung kritisieren. Eine Art symbolische Ohrfeige. Auf ähnlichem Feld aktive westliche Personen wie z.B. Helen Woodson werden grundsätzlich nicht ausgezeichnet.
    • 1975 Andrej Sacharow (UdSSR, Menschenrechtler)
    • 1979 Mutter Teresa (Indien z.Z. der Linksregierung)
    • 1980 Adolfo Maria Pérez Esquivel (Argentinien, Menschenrechtler z.Z. der Militärdiktatur)
    • 1983 Lech Wałęsa (Polen, Menschenrechtler z.Z. der Volksrepublik)
    • 1984 Desmond Tutu (Südafrika, Menschenrechtler z.Z. der Apartheid)
    • 1989 XIV. Dalai Lama (China, Tibetischer Separatist)
    • 1990 Michail Gorbatschow (UdSSR-Zerstörer)
    • 1991 Aung San Suu Kyi (Burma, Menschenrechtlerin z.Z. der Militärdiktatur)
    • 2003 Schirin Ebadi (Iran, Menschenrechtlerin)
    • 2010 Liu Xiaobo (China, Menschenrechtler)

"(Viele Preisträger) erfüllten keines der Kriterien, die Alfred Nobel 1895 an die Preisvergabe gestellt hatte, nämlich einen Beitrag zu leisten zur Brüderlichkeit unter den Menschen, zur Reduzierung der Armeen und zur Gründung von Friedens-Kongressen [...]
Wenn man die Preisträger der letzten Jahre Revue passieren lässt, muss man zum Schluss kommen, dass sie mit der ursprünglichen Idee Nobels tatsächlich nicht mehr viel gemein haben. Manche von ihnen hätten eher einen Umweltpreis oder einen Preis für Menschenrechtsarbeit oder für humanitäre Hilfe bekommen können [...] Die vielen unabhängigen Kandidaten, die mit genuiner Arbeit am Frieden, mit Konfliktprävention und friedlicher Konfliktbearbeitung praktisch und theoretisch zu tun haben, gingen oft leer aus [...] Der Friedenspreis wird von Parlamentariern des norwegischen Reichstags vergeben - auch das nicht im Sinn von Nobel."
(AG Friedensforschung an der Universität Kassel)

2010-10-05

Akademie der Lernbehinderten

Overflowing landfills, befouled skies, eroded soils, polluted rivers, acidic rain, and radioactive wastes suggest ample attainments for admission into some intergalactic school for learning-disabled species. ~ David Orr: Earth in Mind

Americans import Danish sugar cookies, and Danes import American sugar cookies. Exchanging recipes would surely be more efficient. ~ Herman Daly

Trotz gegenteilig formulierter Behauptungen ist die globale Marktwirtschaft, wie Helena Norberg-Hodge es ausdrückt, "geradezu absurd ineffizient", und es ist gar nicht so schwer das zu durchschauen und einzusehen. Milliarden Menschen wissen darum und dennoch geht der Spaß munter weiter. Warum?

Nein, nicht das fette Geschäft steht im Vordergrund. Es ist auch nicht das Geld, für das sich die Endabnehmer des Geldes interessieren. Geld ist bedrucktes Papier - bestenfalls. Meist nur Digits in virtuellen Netzen. Digits, die entstehen, wenn jemand eine Schuld aufnimmt. Aber mit dieser Schuld verbunden sind materielle Sicherheiten, und die sollen so schnell wie möglich dort landen, wo "man" sie haben möchte: in den Händen jener, die die ganz großen Träume träumen.

Man kann das als Verschwörungstheorie abtun - und das ist es auch. Ich habe keinen blassen Schimmer, wer diese Leute sind. Aber drei Dinge sind sicher:

A) Das herrschende Wirtschaftssystem sorgt inhärent für die zunehmende Konzentration finanzieller und materieller Mittel in immer weniger Händen.

B) Wir erleben eine zunehmende Konzentration politischer Macht in den Händen von privaten Finanzinstituten. Es gab in den letzten Jahrzehnten keine wichtige politische Entscheidung gegen die Interessen von Multinationalen und Banken. Stuttgart21 ist nur das aktuellste Beispiel dafür.

C) Abwrackprämien, Bankenrettungsschirme, Unnützes hin- und hertransportieren von Gütern, Kreditkarten, CO2-Steuern, Monopole, Kartelle, Aktienmärkte, Zwangsversicherungen, Billigflüge, Wechsel von Datenformaten, Modewellen, minderwertige Waren, Zinsen, Patente und Urheberrechte haben alle eines gemein: Sie sorgen für zahlreiche, schnelle, umfangreiche, exponentiell steigende Umsätze und damit für optimierte Umverteilung von unten nach oben.

Was das angeht, ist "fünf vor zwölf" schon lang vorbei. Wir befinden uns in der letzten Minute, und das reichste Prozent, das bereits über die Hälfte allen Vermögens verfügt, wird sich im nächsten Verdopplungszeitraum auch noch den Rest des Planeten unter den Nagel reißen - auf Kosten Aller.

Wenn jeder weiß, welch ein Unfug uns mit dem Kapitalismus aufgehalst worden ist, und wenn durch Zitate namhafter Politiker und Bänker nachgewiesen ist, dass dieses System effektiv für die Ausbeutung geschaffen worden ist, wem nützt es dann?

Ich weiß nicht, wer diese Leute sind. Das ist mir auch egal. Ich weiß dafür, wer sie nicht sind: Du, ich und 99% der Weltbevölkerung, sowie unsere tierischen und pflanzlichen Mitbewohner auf dem Planeten.

Warum sollte ich wissen wollen, wer am Ende die Sause schmeißt? Es ist zu spät, um mit dem Finger zu zeigen.
Es ist auch zu spät, um mit Konsumentenverantwortung, ethischen Regeln und juristischen Korrekturen einen Zug aufzuhalten, der in voller Geschwindigkeit über das Ende des Schienenstrangs hinausschießen wird, selbst wenn wir die Notbremse ziehen.
Es ist zu spät, sich gegen den Kollaps zu wehren.

Es ist zu spät um Angst zu haben.

Andererseits ist es genau der richtige Zeitpunkt, um zu lernen. Von den Fehlern "des Systems", die eigentlich unsere Fehler sind - Folgen von Unterlassungssünden.
Und es ist der richtige Zeitpunkt, um nachzudenken. Wer wir sind. Was wichtig ist.

Und dann kommt der Moment, an dem die Angst tatsächlich verschwindet; an dem du ruhig aufstehst und dich einfach umdrehst. Weggehst, um auszuleben, wer du bist und was fundamental wichtig ist im Leben - und für das Leben.