2011-09-07

Richard Salatherz

Messer und Gewehre sind die Waffen der Ratlosen.
Kritik und Opposition sind die Waffen der Machtlosen.
Ironie und Zynismus sind die Waffen der Hoffnungslosen.
Lügen und Intrigen sind die Waffen der Gewissenlosen.
Der Illusionslose jedoch hat nichts als Geduld und Liebe.
Dies aber sind keine Waffen, sondern eine Grundhaltung.

2011-08-31

Vom Schlafwandler zum Wachträumer

Auf komplizierte Fragen gibt es keine einfachen Antworten, heißt es.
Ich bin anderer Ansicht: Wie die Antwort ausfällt hängt von der persönlichen Einstellung ab.
Lassen wir uns von der versteckten Prämisse des Fragestellers leiten, dass das angesprochene Problem komplexer Natur sei, müssen wir uns auf die schwierige Suche nach Antworten machen, die eine vorgegebene Anzahl von Faktoren berücksichtigt, einem Kompromiss, der die Wertesysteme aller Beteiligten am wenigsten verletzt.

Bei genauerer Betrachtung lässt sich feststellen, dass die Fragestellung unnötig kompliziert formuliert worden ist. Zerlegt man sie in ihre fundamentalsten Bestandteile, entpuppt sie sich oft sogar als völlig realitätsentfremdet.

'Einfaches Leben' ist die Kunst, die tieferen Ursachen komplizierter Sachverhalte aufzuspüren, um scheinbare Dilemmata anhand einer klar strukturierten Werteskala aufzulösen. Wichtig hierbei ist das Bewusstsein, dass alle unsere Entscheidungen stets aufgrund unserer individuellen Prioritäten getroffen werden. Daraus ergeben sich nämlich Konsequenzen:

  • Jeder kann zu einer anderen Antwort kommen; keine der Antworten ist an sich richtig oder falsch, sondern der inneren Logik des individuellen Wertesystems entsprechend nur folgerichtig (oder nicht).
  • Es lohnt sich daher nicht, über Anworten zu streiten.
  • Das individuelle Wertesystem kann und muss dem neuesten Erkenntnisstand angepasst werden. Entwicklungsverweigergung ist nicht gerade ein Zeichen von Intelligenz. Im Rahmen seiner Erkenntnisse kann jeder Mensch allerdings stets nur eine einzige gültige Werteskala anwenden. Das trifft auch auf vermeintlich 'biegsame', 'charakterlose' Gestalten zu; deren Prioritäten sind vielleicht nur eher egoistischer als altruistischer Natur, weichen oft von den Behauptungen ab und widersprechen den Erwartungen der sozialen Umwelt.
  • Wertmaßstäbe müssen übersichtlich (wie gesagt klar strukturiert) und widerspruchsfrei sein. Wenn wir Ausnahmeregeln, Sonderfälle, umfangreiche Begriffsdefinitionen u.ä.m. konstruieren müssen, um ihre Gültigkeit aufrechtzuerhalten, ist das ein klares Zeichen von Fehlern im System; nutzen wir diese Erkenntnis nicht, um unsere Werte zu korrigieren (straffen), betreiben wir bereits Heuchelei. (Anm.: Schon allein daraus ergibt sich meiner Meinung nach die Scheinheiligkeit aller Legislative, Jurisprudenz und Exekutivgewalt, mithin die Verlogenheit aller nicht-anarchischen Gesellschaften.)

Daraus folgt für einen Menschen, der sich für ein einfaches Leben entschieden hat, dass sich das individuelle Wertesystem eher an natürlichen Gegebenheiten, besonders den Grundbedürfnissen und 'Naturgesetzen', orientiert als an zivilisatorischen (kulturellen) Werten und Regeln. Es fußt eher auf persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen als auf Buchwissen; eher auf Eigenverantwortung als Gehorsam; eher auf Eigeninitiative als Ansprüchen/Erwartungen an andere Menschen; eher auf toleranter Friedfertigkeit als streitbarem Gerechtigkeitsempfinden. Die weniger dominanten Teile können durchaus einen Platz im Leben haben, aber man ist sich ihrer Rolle, ihrer Mechanismen - und besonders auch ihrer Willkürlichkeit - bewusst.

Einfaches Leben, anders ausgedrückt, beschäftigt sich eher mit dem, was ist, als mit dem, was sein sollte oder könnte.

Die Ähnlichkeit zu spirituellen Geisteshaltungen kommt nicht von ungefähr; es ist auch kein Wunder, dass wir Spiritualität und einfaches Leben sowohl in den Weisheiten der Lehrer als auch im Alltag vieler Menschen direkt verknüpft sehen. Bewusste, 'gewollte Armut', wie sie durch die Jahrtausende propagiert worden ist, kann wertvolle Hiife leisten, wenn wir aufwachen, d.h. den ablenkenden Ballast von Rechten und Pflichten, die Scheinrealität vermeintlich komplizierter Sachverhalte, die Illusion von Wohlstand, Sicherheit und Fortschritt abwerfen wollen.

Gewollte Armut ist jedoch nur ein Aspekt einfachen Lebens und kann, wenn sie nicht aus tiefster innerer Überzeugung angenommen worden ist, nur der erste Schritt hin zu einer solchen Überzeugung sein. Ein einfaches Leben zu führen ergibt keinen Sinn, wenn der Verzicht auf Annehmlichkeiten und Überfluss als Opfer betrachtet wird. Einfaches Leben, aus einem inneren Bedürfnis angestrebt, ist kein Kampf gegen Gelüste, sondern eine Befreiung aus ihren Klauen; die Entdeckung all dessen, was uns wahrlich wichtig ist im Leben.

Im Licht dieser Entdeckungen erhalten wir einfache Antworten auf unsere Fragen - und auch die Kraft, zu unseren Werten zu stehen, selbst wenn das bedeutet, gegen Traditionen, Moralvorstellungen und Gesetze zu verstoßen.

2011-08-02

Na wenn das der Papst wüsste!

Irgendwann Ende Mai, Anfang Juni dieses Jahres begegneten wir uns. Eine Portugiesin, die eine Arbeit darüber scheibt, wie Spiritualität Projektarbeit beeinflussen kann, und die dies am Beispiel von Aktivitäten an Orten wie Tamera und Auroville untersucht. Da wir während der Gartenarbeit mit Rücksicht auf die Regenwürmer nicht all zu tief schürfen durften, sollte ich dann im Interview so richtig die (heilige) Kuh fliegen lassen - am Rande eines Fischbeckens.
Die Unterhaltung war schön, aber das Englisch grausig. Überarbeitung war nötig, damit daraus ein genießbarer Blogeintrag werden konnte. Den folgenden Text darf man also als fiktives Gespräch betrachten, dessen Inhalte zu 90% einer wahren Begebenheit entnommen worden sind.


PP: Danke, dass du dir Zeit für mich und das Interview genommen hast und bei meiner Untersuchung hilfst.
Pax: Danke für die Gelegenheit zur Zusammenarbeit :)

PP: Kannst du ein bisschen was zu dir selbst sagen? Alter, Hintergrund, was dich nach Auroville gebracht hat, und was du zur Zeit machst?
Pax: Ich bin 40. Genau 40.

PP: Gratulation (lacht)
Pax: In meiner schwäbischen Heimat bin ich damit automatisch zu einem gescheiten Menschen geworden... Von Auroville habe ich vor zwei Jahren von einem Internetbekannten gehört, der als Volontär hier war und von seinen Erfahrungen erzählt hat. Da ich schon immer gedacht habe: "Es müsste doch so einen Ort geben; das wäre toll", bin ich natürlich sofort hellhörig geworden.

PP: Kannst du mir ein klein wenig davon erzählen, worum es bei diesem Ort geht?
Pax: Oh, da geht's um eine ganze Menge (beide lachen); um es auf den Punkt zu bringen: die Manifestation des höchsten Bewusstseins, zunächst einmal aber menschliche Einheit; wobei wir nicht von einer Art Vereinter Nationen reden. Dies soll keine Ansammlung von Individuen aus verschiedenen Ländern sein - du bist aus Portugal, ich aus Deutschland, wir sind vereint - nicht dieser Art. Wir lassen diese künstliche Getrenntheit hinter uns; die Prägung durch unsere Herkunft ist lediglich eine Farbschattierung, die wir dem Ganzen hinzufügen...

PP: Weil wir im Grunde ein und dasselbe sind.
Pax: Ja, Schattierungen desselben; Schattierungen des All-Einen.

PP: Du bist also vor zwei Jahren hierhergekommen? Oder hast du erst eine Weile darüber nachgedacht?
Pax: Damals hatte ich bereits die Hoffnung so ziemlich aufgegeben, dass ich jemals etwas im Leben erreichen würde. Ich meine sowas wie: du ergatterst einen ordentlichen Job, dann gründest du eine Familie, du hast ein schönes Haus, einen Wagen und all das Zeug...

PP: Also hast du all das aufgegeben?
Pax: Ich habe die Hoffnung darauf aufgegeben, denn ich hatte ein klares Gefühl, dass ich es auf die herkömmliche Weise nicht schaffen würde und dass ich das alles sowieso nicht wirklich wollte. Es hätte das Leben in der deutschen Gesellschaft halt wesentlich einfacher gemacht, Geld und Besitz zu haben. So aber habe ich schließlich auch den Versuch aufgegeben, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein. Ich wusste nun definitiv, dass ich da niemals reinpassen würde. Doch was sollte ich nun mit mir anfangen? Mich umbringen, einfach sterben? Was sollte ich tun? Ich konnte nicht einfach weiterhin Geld verdienen gehen. Das war völlig unmöglich. Das Wissen um Auroville kam genau zur richtigen Zeit, und so wurde es eine schnelle Entscheidung. Ein halbes Jahr später, im April 2010, kam ich für drei Monate hierher. Es sah völlig anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte, es war gewissermaßen sogar noch besser. Kein Paradies, bestimmt nicht, aber mit einer ganzen Reihe von Möglichkeiten in genau jenen Bereichen ausgestattet, in denen ich aus tiefstem Herzen etwas erreichen wollte. Es gab also bereits diesen Ort, den ich mir erträumt hatte. Ich musste ihn nicht erst gründen. Aber natürlich gleicht Auroville nicht einfach einem gemachten Bett, sondern eher einer Baustelle.

PP: Ja. Du bist also bereit, hier zu "bauen".
Pax: Sicher, mit ein bisschen Unterstützung, wie man sie in Deutschland kaum bekommt. Ich muss eine Menge lernen. Ich bin schließlich ein zivlisierter Mensch im dem Sinne, als mir das praktische Wissen fehlt, wie ich mich subsistenziell über Wasser halten kann. Zivilisiert heißt für mich, dass man in dieser großen Kultur eingebettet ist, die alles was wir brauchen - oder glauben zu brauchen - gegen Bezahlung zur Verfügung stellt. Wer kann ohne Beihilfe globaler Industrien einen Fernseher bauen, oder einen Computer... oder einfach nur eine Toilette? Wie macht man Schokolade?

PP: Du lernst hier also, wie man Dinge selbst herstellt?
Pax: Richtig, aber es dreht sich nicht um Schokoriegel oder TV-Apparate, sondern die fundamental lebenswichtigen Dinge.

PP. Was arbeitest du in Auroville?
Pax: Ich lebe auf eine Farm, die ich bereits im vergangenen Jahr besucht hatte. Kein Zufall übrigens. die grundlegendsten Dinge im Leben sind Nahrung, frische Luft und Wasser. Sie alle stehen in enger Verbindung zu Bauernhöfen. Pflanzen erzeugen die Luft, die wir atmen, Wasser teilen wir mit den Pflanzen, die wir kultivieren, um Nahrung zu erzeugen.

PP: Du hast eingangs über dein Leben in Deutschland gesprochen. Was hast du da gemacht?
Pax: Ich habe ein Studium und eine Ausbildung in zwei verschiedenen Disziplinen abgeschlossen. Das waren jeweils drei Jahre theoretischen und praktischen Lernens, aber so unterschiedlich die Bereiche waren - bei beiden stellte sich heraus, dass es nicht das war, was ich...

PP: ...erhofft hatte?
Pax: Ja. Die Arbeit an sich war ok. Wie sie organisiert war, empfand ich dagegen als Horror. Alles drehte sich nur um Geld. Einerseits fehlten für dringend benötigte Tätigkeiten die Finanzen; sie blieben ungetan. Andererseits tat ich so manches nur um des Geldes willen. Völlig unbefriedigend, unerfüllend. Am Ende habe ich die Flinte ins Korn geworfen.

PP: Wie lange hast du nach den Ausbildungen gearbeitet?
Pax: Nur ein Jahr in Teilzeit. Ich fühlte mich am Ende des Tages völlig ausgelaugt. Später war ich - wiederum in einem anderen Bereich - selbständig. Ich genoss dann etwas mehr Freiheit, aber ich blieb ein Sklave äußerer Umstände. Insgesamt hat es mich 38 Jahre gekostet herauszufinden, dass ich unentrinnbar ein Sklave bleiben würde, solange ich im System blieb. Ich wusste es die ganze Zeit, seit frühester Kindheit. Dieses Leben hatte mir nichts zu bieten, während meine Qualitäten wiederum nicht gefragt waren. Um jedoch etwas dagegen zu unternehmen...

PP: ...dich zu befreien?
Pax: Genau. Um mich zu befreien musste ich einen Ausweg sehen. Auroville war ein solcher. Manche tun sich schwer, überhaupt zu erkennen, dass sie in einem Käfig sitzen; für mich war es dagegen schon immer sonnenklar. Alles verriegelt und verschlossen. Keine Möglichkeit sich zu entfalten. Ich habe es körperlich gespürt. Aber was sollte ich mit diesem Wissen anfangen? Ich brauchte eine Tür, die aus dem Gefängnis hinausführt. Als ich sie entdeckte, habe ich nicht lange gezögert. (strahlt)


PP: Bist du der Ansicht, dass Spiritualität auf deinem Lebensweg, bei deinen Entscheidungen, wichtig ist und dich voranbringt?
Pax: Definitiv. Da ich nie wirklich zufrieden damit war, in der Marktwirtschaft zu leben, war ich stets an Ideen interessiert, die nicht wirklich zum Geldverdienen passen. So habe ich z.B. in der Zeitgeist-Bewegung mitgewirkt und mich auch über andere rebellische Bewegungen informiert. All das war interessant, aber eher davon geprägt, auf ein Revolution zu warten, jemand der das Problem für mich lösen würde, denn ich fühlte mich zu klein um etwas zu bewegen. Ich bin nur eine Einzelperson, die gegen praktisch die gesamte Welt stand, aber du kannst halt nicht alle/s bekämpfen. Kampf ist genau genommen eh keine Lösung, aber zu dieser Einsicht muss man erst einmal kommen. Und du gelangst nicht an diesen Punkt, wenn du... hmm... dich an diesem Revolutionsgedanken, dieser Rebellion festklammerst, so wie das junge Leute halt gern tun, weil sie glauben, dass nur Kampf den Ausbruch aus dem System erlaubt.

PP: Stimmt.
Pax: Dass Dagegensein zu nichts führt, kannst du erst begreifen, wenn du für einen spirituellen Pfad bereit bist, egal wie oberflächlich dieser Weg beginnen mag.

PP: Du hast also diesen Teil deines Lebens entwickelt und bist dann nach Auroville gezogen, oder war es anders herum?
Pax: Während ich im Zeitgeist Movement war, war oft von psychologischen Lösungen die Rede, einem Bewusstseinswandel, der zur Errichtung einer neuen Gesellschaftsform notwendig sei. Sie meinten damit nicht den spirituellen Bewusstwerdungsprozess, der schließlich zur Erleuchtung führt, sondern schlicht eine andere Sichtweise, ein anderes Weltbild. Um dies zu untermauern wurde missbräuchlich Jiddu Krishnamurtis Rede von der "wahren Revolution" zitiert, während die spirituellen Inhalte verneint wurden. Doch seine Worte lösten etwas in mir aus, und so begann ich mich mit seiner Lehre auseinanderzusetzen. Auroville kam kurz danach.

PP: So hat es angefangen?
Pax: Das hat mich vorbereitet, wie den Boden eines Feldes...

PP: Um alles weitere zu empfangen?
Pax: ...und meinen Weg zu gehen.

PP: Magst du mir erzählen, was Spiritualität für dich ist?
Pax: Naja, zunächst einmal ist es nur ein Wort, das wir beliebig definieren können...

PP: Sicher, aber ich möchte deine Definition hören.
Pax: Für mich ist Spiritualität die eigentliche, die wahrere Wissenschaft. Sie ist eine Disziplin der Einsicht, der Innenschau; du hörst auf, an Dinge zu glauben, von denen du hoffst, dass sie dich retten. Klar, es ist ok an etwas zu glauben. Wenn die Wissenschaft z.B. sagt, dass die Sterne Millionen Kilometer große Kugeln sind, die Wasserstoff in Helium umwandeln, dann kann ich das nicht nachprüfen. Ich kann es glauben oder auch nicht; es tut niemand weh, wenn ich es tue.

PP: In der Wissenschaft gibt es Glaubenselemente?
Pax: Sie streiten das ab. Sie sagen, du könntest alles überprüfen, aber tatsächlich kann ich das nicht. Schon gar nicht den gesamten Körper wissenschaftlichen Wissens wie er heute existiert. Es hat Legionen von Forschern Jahrhunderte gekostet, all das zusammenzutragen. Letzten Endes muss ich die "Fakten" einfach glauben. Die Erde dreht sich um sich selbst und gleichzeitig um die Sonne? Vielleicht ist es ja wahr; wie gesagt ist es kein Schaden, auch wenn es für die Zwecke eines normalen Erdenbürgers genügen würde, die Sonne morgens aufgehen und abends untergehen zu sehen, als ob sie sich um uns dreht. Dagegen schadet man sich selbst ganz enorm, wenn man seine Hoffnung in etwas setzt, das man nicht selbst beobachtet bzw. erfahren hat, sondern einfach voraussetzt. Psychologisch empfundenes Leid entsteht genau so. Kein Gott, kein Revolutionsführer, keine noch so ausgebuffte Technologie wird uns herauspauken. Das ist die Quintessenz der Spiritualität, das, worum es sich dreht.

PP: Spiritualität sollte für dich also aus Erfahrung entstehen?
Pax: Ja.

PP: Nicht aus etwas, das dir jemand gesagt, gezeigt oder dich gelehrt hat?
Pax: Ja. Das allergrößte, worüber wir in der Religion wie auch der Spiritualität reden können, ist natürlich Gott. Aber es gibt verschiedene Konzepte davon, was Gott ist: eine Person in einem Ort namens Himmel, oder eine Kraft die alle Materie durchwirkt, oder tatsächlich identisch mit allem ist, oder eine Kraft die an heiligen Orten auf der Erde gegenwärtig ist oder...

PP: ...in dir oder außerhalb von dir besteht?
Pax: Für mich, aus meiner Erfahrung heraus, sind Gott und das Universum ein und dasselbe; daher gibt es keinen Unterscheidungsbedarf. Ich kann nicht einfach nur in eine dieser Gott-Theorien glauben. Spiritualität schließt das aus. Warum sollte ich der Bibel glauben, dass Gott ein sprechender Dornbusch ist oder eine Person, die uns überwacht? Das entspricht überhaupt nicht meiner Erfahrung. Wenn ich Gott dagegen als All-Eines erlebe, dann ist das Wahrheit. Meine Wahrheit, nicht irgendetwas, das ich gelesen habe. Es kommt aus mir selbst, als Ergebnis meines Lebenslaufs.

PP: Aber es könnte damit beginnen, dass man etwas liest, das einem eine Einsicht erlaubt?
Pax: Ja, sicher. Selbstverständlich. Es geht in der Spiritualität ja nicht darum, alles zu verleugnen, auch wenn wir alles in Frage stellen. Glaube und Hoffnung haben darin allerdings als Bewusstseinsbildner nichts zu suchen. Sie sind destruktiv, denn du wartest stets darauf, dass etwas mit dir oder um dich herum geschieht, anstatt selbst Verantwortung für dein Leben zu übernehmen.

PP: Hoffnung?
Pax: Ja, Hoffnung. Wenn man sagt, dass man etwas erhofft, dann erklärt man, dass man keine Macht über eine Sache hat. Wenn ich z.B. sage, ich hoffe, dass deine Reise angenehm sein wird, weiß ich, dass ich deine Reise nicht angenehm machen kann.

PP: Kommt auf den Standpunkt an (beide lachen). Im Portugiesischen haben wir zwei verschiedene Wörter dafür. Darum stellt sich die Sache für mich anders dar. Aber das würde jetzt zu weit führen...
Pax: Vielleicht auch nicht, denn Sprache formt unser Denken und wie wir die Welt sehen. Man kann das nicht trennen. Spache ist...

PP: ...etwas, das uns hilft uns selbst zu definieren, oder? Wir denken mit Hilfe der Sprache.
Pax: Sie ist ein Realitätsbildner, nicht nur ein Ausdrucksmittel.

PP: Ja. Denkst du, Spiritualität ist für die Gemeinschaft in Auroville und den angrenzenden Tamilendörfern wichtig?
Pax: Die Villager haben ihre ganz eigenen Vorstellungen über Spiritualität. Sie kommen zumeist vom Hinduismus. Es gibt auch Christen und Moslems hier, aber der Haupteinfluss ist Hinduismus, und das wirkt sich auch auf die anderen Nationalitäten aus. Einige Dorfbewohner haben ihrerseits die Lehren von Sri Aurobindo und der Mutter (= Mirra Alfassa) angenommen, ohne ihren alten Glauben aufzugeben.

PP: Ist das in Auroville weit verbreitet? Ist es die Hauptquelle?
Pax: Ja, man könnte sagen, die hauptsächliche spirituelle Quelle hier ist Sri Aurobindo.

PP: Und auch die Mutter?
Pax: Die Mutter als...

PP: Implementierung?
Pax: Ja, sie verkörpert die angewandte, interpretierende Seite der Lehre Sri Aurobindos, denn er ist schwer zu lesen und zu verstehen (beide lachen wissend)

PP: Davon habe ich gehört.
Pax: Er sprach sehr gebildet, in langen Sätzen und schwierigen Wörtern. In gewisser Weise ist das nützlich, denn man muss über seine Aussagen nachdenken, statt einfach anzunehmen, man hätte das Gesagte verstanden. Auf der anderen Seite hält uns das hingegen oft davon ab, essenzielle Zusammenhänge zu begreifen. Die Mutter ist viel einfacher zu verstehen. Die Villager behandeln die Mutter wie einen ihrer Götter, aber man kann religiöse Züge auch in Auroville beobachten, wo Bilder der beiden Lehrer in praktisch jedem Raum hängen.

PP: Die Mutter, Sri Aurobindo, und außerdem Bilder von Krishna.
Pax: Außerdem sieht man häufig buddhistische und hinduistische Symbole.

PP: Sogar Jesus Christus und die Muttergottes.
Pax: Echt?

PP: Ja (beide lachen)
Pax: Ah, unglaublich. Viele Tamilen beten tatsächlich zur Mutter wie zu ihren sonstigen Göttern und bitten um einen Gefallen: "Meine Frau ist krank, bitte hilf" oder "Meine Kinder brauchen neue Schulbücher, aber ich habe kein Geld...", so in etwa.

PP: Gibt es hier in Auroville allgemein übliche bzw. gemeinsame Praktiken oder wird Spiritualität eher auf individueller Ebene gelebt?
Pax: Die Natur der Lehren von Sri Aurobindo und der Mutter sorgt dafür, dass Spiritualität eher individuell geprägt bleibt. Der Integrale Yoga unterzieht jede Handlung, auch weltliche Angelegenheiten, dem Streben nach Perfektion und Bewusstsein, soll aber keinesfalls als Religion verstanden werden. Es geht nicht um unreflektiertes Nachplappern von Lehrsätzen. Spiritualität, also auch der Integrale Yoga, muss eine Wahrheit sein, die aus dir selbst kommt. Wenn es in dir nichts zum Klingen bringt, dann entspricht dein Wollen nicht der Wahrheit. Wie man dieses Streben gestaltet bleibt ebenso dem Einzelnen überlassen wie die Form der Spiritualität, die wir aus der Außenwelt mitbringen. Jeder beschreitet seinen ganz individuellen Pfad.

PP: Gibt es vielleicht trotzdem Praktiken, die allgemein verbreitet sind?
Pax: Naja, Karma Yoga eben, der Yoga der Arbeit, denn der besagt, dass das ganze Leben - bzw. alles Leben - Yoga ist. Alles was wir tun sollte bewusst getan werden, im Streben nach Perfektion, d.h. mit Liebe. Ich glaube, der Satz "Alles was ich tue, tue ich mit Liebe" ist von Sri Aurobindo. Wenn das Leben in diesem Sinne geführt und Arbeit mit dieser Einstellung getan wird, hat man bereits große Schritte unternommen. Es ist nicht nötig perfekt zu sein, sondern den Weg dorthin einzuschlagen. Das Leben tendiert in diese Richtung. Lasst es uns besser machen als gestern, als in unseren Heimatländern. Man mag das von außen nicht so sehen, weil zwischen dem Anspruch der Auroville Charta und der Wirklichkeit selbstverständlich Lücken klaffen. Aber die Lehren der Mutter sind definitiv eine Leitlinie für das Leben hier. Viele Leute gehen etwa ins Matrimandir, um darüber zu meditieren oder nachzudenken. Es ist das von außen am deutlichsten sichtbare Zeichen hiesiger Spiritualität. Das Matrimandir ist das Zentrum von Auroville. Bei all der tiefen Verehrung für die Stadtgründerin gibt es dort eines Tages womöglich doch eine Art Gottesdienst, obwohl das von ihr völlig abgelehnt wurde.

PP: Gottesdienste sind also nicht ok?
Pax: Nichts gegen Gottesdienste. Es ist nichts Verkehrtes daran, aber sie gehören trotzdem nicht hierher.

PP: Ich weiß. Um auf ein anderes Thema zu kommen: Denkst du, dass Spiritualität ein Vorteil bei Projektarbeit ist? Soweit ich weiß, hat Auroville ja einige Entwicklungsprojekte am Laufen.
Pax: Ich möchte das so beantworten: Wir alle haben unsere Vorlieben und Abneigungen bei dem was wir tun. Manche mögen z.B. keine Wäsche waschen, aber es gehört halt dazu, besonders wenn man Familie hat. Anfangs zeigen wir dann guten Willen, tun unsere Pflicht und denken, das kann ewig so weitergehen. Aber das tut es eben nicht. Wenn wir uns bemühen, dann kostet es uns Mühe; wir stecken viel Energie hinein. Irgendwann geht sie uns aus. Wir hören auf, willig und aufmerksam zu sein, wir verlieren das Interesse, die Wäsche wird nicht mehr so häufig und nicht mehr so gründlich gewaschen, und wenn möglich schieben wir die Arbeit auf jemand anderen ab. Das Problem ist nicht, dass wir faul und nachlässig wären, keineswegs. Aber wir stehen nicht hinter der Aufgabe, unser Herz ist nicht voll dabei, denn innerlich ist uns diese Arbeit zuwider.

PP: Wo kommt da Spiritualität ins Spiel?
Pax: Unsere Einstellung ändert sich, wenn wir unsere Arbeit aus Liebe tun, statt sie als Pflichtübung zu begreifen. Statt mehr oder weniger eiserner Disziplin bewegt uns ein aus uns selbst kommender Wunsch, ein Streben. Das erfüllt uns mit Kraft, statt uns Energie zu rauben. Spiritualität kann Projektarbeit beflügeln, weil die Motivation dafür von innen kommt, von einem Herzenswunsch, aus Liebe für eine Sache. Die Arbeit läuft trotz äußerer Widrigkeiten weiter und trägt sich selbst. Man muss sich nicht jeden Morgen aufs Neue zum Aufstehen überreden; eher beginnt man den Tag bevor...

PP: ...der Wecker schellt.
Pax: Genau.

PP: Siehst du auch Nachteile oder Risiken?
Pax: Man könnte womöglich andere Aspekte der Projektarbeit übersehen oder unterschätzen, etwa die Finanzen, bürokratische Einschränkungen oder Opposition gegen das Projekt. Solange es diese Dinge gibt, müssen wir sie auch in die Gleichung einbeziehen.

PP: All das sollte im Gleichgewicht stehen, meinst du?
Pax: Ja. Das wäre auch im Sinne des Integralen Yoga.

PP: Ok. Kannst du mir aus deiner Erfahrung beispielsweise mit der Farm auf der du lebst und arbeitest erzählen, wie du deine Spiritualität mit der Community praktizierst oder ist das eher Privatsache?
Pax: (Hüsteln) Schwierige Frage (beide lachen), denn sie verlangt etwas Irreales. Man kann Spiritualität zwar definieren, aber das erweckt den Eindruck, als sei sie etwas, das getrennt, losgelöst vom normalen Leben existiert, etwas das man besitzen kann, oder eine Tätigkeit wie das Entzünden von Räucherstäbchen. Ich sehe sie eher untrennbar mit allem verbunden: Seele, Denken, Reden, Handeln. Spiritualität ist für mich eine Daseinsform. Es gibt da keine speziellen Anwendungen für Communitys. Wenn du alles aus Liebe tust - oder das zumindest anstrebst - dann ist alles was du tust spirituell und wirkt sich auch auf das Zusammenleben aus.

PP: Sie ist Teil von...
Pax: Sie ist das Leben selbst!

PP: Ok, sie ist das Leben, sie ist das Dasein...
Pax: Sie ist Dasein.

PP: In Ordnung. Ich habe keine weiteren Fragen, außer der nach einem Schlusswort.
Pax: Ich habe den Eindruck, dass Leute mit einem spirituellen Hintergrund - selbst jene, die sich nur am Rande davon bewegen und das Wort womöglich nie in den Mund nehmen würden, etwa Teile der Umweltbewegung mit ihrer tiefen Liebe zur Natur - dass diese Leute mehr erreichen, als Entwicklungsprojekte, die sich lediglich auf Organisationsstrukturen, Geld und Manpower stützen. Letztere rennen sich oft die Köpfe ein, bleiben stecken und vertun viel Energie im Kampf um Recht, Gerechtigkeit und bessere Bedingungen. Ärger kommt auf, Widerstand laugt sie aus und die Arbeit brennt sie aus. Wenn man aus Liebe für eine Sache handelt, sieht es anders aus. Man läuft weniger Gefahr, Kraft zu verlieren, weil man sich eher von den Erfolgen beflügelt als von den Misserfolgen aufgehalten sieht. Und was auch immer geschieht, man muss damit ganz einfach klarkommen. Jammern hilft nicht weiter. Aus meiner Warte - und ich bin erst seit zwei Jahren zu ihr erwacht - sehe ich die in der Spiritualität steckende Energie sehr deutlich; gerade weil sie für mich so frisch ist. Ich kann mich erinnern, wie sich meine Weltsicht von einer negativen in eine positive Perspektive gekehrt hat; von einer Einstellung, in der ich ständig in Sorge gelebt habe, was mit mir geschehen würde, wenn ich meine Umgebung nicht unter Kontrolle behalte, hin zu jener liebenden Sichtweise, bei der ich die Dinge zunächst einmal so akzeptiere wie sie sind, um von dort aus etwas anzustreben. Also nicht anti irgendwas, sondern pro etwas. Und das macht einen riesengroßen Unterschied für die Erfolgschancen bei allem was du tust.

2011-07-26

No we can't

A comment on:
Management by Consciousness: a spirituo-technical approach, by Dr. G.P.Gupta. - Pondicherry, Sri Aurobindo Institute of Research in Social Science, 1994 (5th ed. 2009). - 202 p.

One of these days I saw that book on someone's desk. I was very much interested in learning about different views on Sri Aurobindo's teachings. So I had a look inside. A minute later I disgustedly put it back on the desk. My god, how unconscious can one consciousness-seeking man be? At which point has self-deception entered the game? Integral yoga for managers - come on!
Here's how it would be done... or preferrably not.

"The normal human consciousness fails to see the Divine in money, and it wants to possess it for its value in fulfilling desires and the self-gratification of man's ego. Money is a higher form of the Divine in manifestation and it has a higher role to play in the life of each individual and the collectivity..." (p.83-84)

People use money for everything, not just for the satisfaction of desires, because, for them, there is no other way of achieving anything. Usually they have no clue about money's history, creation, or role in the market system. They are even more unaware of its intrinsic mechanisms. The market system, especially money, keeps us from seeing the damage done to the Earth in the process of creating wealth; it keeps us from noticing the working conditions of those who harvest, dig, produce, transport, and distribute; it makes us see a vendor as a replacable instance rather than a human being who is worth our love. With currency in your pocket it becomes much too convenient to go on with your specialized job and just purchase the stuff of which you have no clue how to achieve it any other way, like food for instance. Money lets us forget that it is not money we need, but clean water, nourishment, shelter, medicine, clothes, inner growth, and relationships.

Aside from the smoke screen created by it, we have to look at another intrinsic mechanism. The money we spend needs to be replaced somehow, and that is where wage slavery, gambling, stock speculation, stealing, and bribery are kicking in. All those sorts of behaviour which we see as hard-to-extinguish problems do not exist merely because of billions of people failing to use money properly, on a more conscious level; the whole chain of abusive actions, from ripping the Earth of its treasures, to the exploitation of each and every money-dependent person, to the alienation of the customer from the foundation of his life, to greedily hoarding money due to a subconscious fear of running short on resources - all that is triggered automatically as soon as we use money. It happens systematically because of the innate mechanisms of civilization, and especially money, no matter your intention or idea about it. In other words, making and spending money is an act of structural violence done to life.

On a third note, we have to talk about desires. Money is not merely spent on the satisfaction of desires, it actually creates them.
Having left the abundant world of local 'production' in a tribal setting (i.e. where everyone knows how to provide for all necessities) was the original sin by which we created the need for trading goods. At a later point in time money offered itself as the ideal means for simplifying trade, when we already had created an economy of scarcity. This, by the way, is the whole point of trading. You cannot sell things that are abundantly available to a potential customer, or which he can easily craft himself. Traders want both scarcity and people caught in job specialization because this means they can sell their stuff, and the scarcer that stuff is the higher the price achieved. Therefore scarcity actually gets created for the sake of establishing markets, and along with it the desire for the scarce product, while money gives customers comfortable access. The development on the food and oil markets is one current example of that. Trade with antiquities is another. Clearly dividing the world into the domains of mine and not-mine, money creates an artificial separation that renders true human unity impossible.

Money is a powerful tool in the hands of those trying to achieve power over people i.e. control over their environment. It came into existence only after our minds were separating themselves from each other and nature. A peaceful soul, at oneness with the Universe and liberated from the tyranny of the ego, has no need for global trade. It does not strive for expanding its influence by conquering markets. It is glad to just be, no matter the conditions. To withdraw from money's influence comes as a natural tendency through living a simple life.

"I do not regard business as something evil or tainted, any more than it is so regarded in ancient spiritual India. If I did, I would not be able to receive money from X or from those of our disciples who in Bombay trade with East Africa; nor could we then encourage them to go on with their work..." (p. VII)
It's easy to put the blame on money when it comes to some of the most pressing yet persistent problems in the world. One of the reasons they have never been solved is that the root causes usually do not get addressed.
I do regard neither business nor money as the root of all evil, as people use to claim when I talk about the problems connected to it. Money is just one - though extremely harmful - phenomenon within the larger framework of civilization, which itself is the outcome of our separation from nature and each other. Confronted with money as a problem, our idea of it is not relevant in finding a solution. Without considering the essence of what it means to be a civilized human, every attempt of addressing money's unwanted "byproducts" is futile. Still, currency had a role to play in mankind's development. So, provided you're a religious or spiritual person, what do you think did the Divine have in mind when it gave us financial means?

"All depends on the spirit in which a thing is done, the principles on which it is built and the use to which it is turned... Krishna calls upon Arjuna to carry on war of the most terrible kind and by his example encourage men to do every kind of human work. Do you contend that Krishna was an unspiritual man and that his advice to Arjuna was mistaken or wrong in principle?... It is in his view quite possible for a man to do business and make money and earn profits and yet be a spiritual man, practice yoga, and have an inner life." (p. VII)
As I've explained in previous posts, and as I have pointed out above, no matter how you look at it, using money is by itself an act of structural violence. Whether you spend it with love or not, whether you purchase one thing or another, it doesn't keep Mother Earth and her inhabitants from getting physically harmed, and it sure doesn't help with your karma:

While I agree that the suffering money causes is helping us with learning important lessons about the material world, it is a totally different thing if you deliberately continue its use forever, knowing that it inflicts harm on others. The Buddha, for instance, defined a nonviolent man this way: "He does not kill nor cause to kill." Pointing at the Divine then, to me, is merely a justification for laziness with taming the ego, so one can keep on doing whatever one does.

We could discuss the nature of the force called Krishna, whether he is manlike or omnipresent or anything inbetween. Whether he even exists or not. Whether the scriptures pass on the will of the gods or if they have been made up by humans. Actually, I don't believe in any of those scriptures and the gods mentioned therein. The point is, that there is a difference between spirituality and religion, the former being based on personal experience, the latter on belief. The Mother explicitly declared that her and Sri Aurobindo's teachings were based on spirituality, not on religion. It is safe to say then that only observation allows for learning, i.e. making steps towards the divine consciousness. You may stay in business and be a moral person, no doubt. But we're not talking about simple morals here. Seriously following a path means you clearly cannot proceed 'managing' business as usual, or even expanding it, after having learned about money's intrinsic mechanisms, as that would mean to hold on to the division between the Self and the Other, and the violence connected to it.
What about money as an incentive, then?

"On the lower levels man is motivated by a desire for reward - money, fame, prestige, respect, success.
At a higher level he works out of interest. Interest is a broader, less personal, more mental motive than desire." (p.85)
When I do necessary work at home, like cleaning the room, as well as when I joyfully participate in the activities of my community, where is there a desire for reward? We do things for a reason, sure. The reason is what motivates us. In a very general sense, the good feeling after having achieved our goals could be regarded as a reward. But I disagree. The deeper reason for any activity of any living being is a need. Negative emotions arise from unmet needs. Desires express unmet needs. Violence is a manifestation of unmet needs. We want our needs to be met. In a society where this is only possible with a bundle of bucks in your hand you will do whatever is necessary to bring some of it into your possession. You work a useless job, or you start selling crap, or you act criminally just because it makes money, while urgently needed stuff does not get done when finances are low. Money becomes your sovereign lord who decides what you can and cannot do.

On 'higher' and 'lower', what does it mean anyway? I cannot help but reject the idea that some parts of the inner life of a human are more valuable than others. To me, they are just different ways of perceiving the world and dealing with it. Dependent on the situation, some means may work better than others. But they all have value in and of themselves. That's why they exist.
The same goes for life forms. From algae, to worms, to grass, to flies, to trees, to reptiles, fish, birds, and primates, all species and each individual has a role to play. The reason why fungi and humans exist at the same time is that both fulfill their purpose and that we are all important in a way. Without bacteria, most other species, and certainly homo sapiens, would disappear. Without humans... guess. So, again, what does 'higher developed' mean?

It is very likely that man will evolve into a species even more intelligent, aware, and conscious, an explorative voyage a curious human being like me can get easily fascinated by. It makes sense to me. But that does not mean that we are generally superior to every, or any, other species. We are not masters of the Universe, we're not exempt from its laws (if such a thing exists).

Does the Universe issue currency to barter with itself? Observing something like that would help with discovering the Divine within money. As far as we know, the concept exists only in the minds of members of one single culture - our civilization. All the rest of creation, billions of years in evolution, has been achieved without coins. What does that mean for the overall role and importance of money?

"In a creative economy of modern life, the role and importance of money can not be overemphasized. Without money nothing can be achieved in material life... All socio-economic activities...depend directly upon and are determined by money... Money is a force, a lever of control and a power of possession. The index of modern (material) prosperity is money and money-power.
But money is not an unmixed blessing!...It is a source of much evil. But that is so with all material forces and powers in the world. One never thinks of eschewing fire because it burns, or water because it drowns." (p.182)
Only that it is not water's intrinsic property to drown people immediately, everytime it gets touched, and it is not fire's innate task to consume the whole world. If we are about to compare apples and pears, let's rather point at the fact that you never let a fire handle things by itself, that you keep it from burning unwanted materials like your house or your skin, that you reduce its size to the absolutely necessary, and that, after it has done its job, you finally extinguish it.
Let's then look at money and how it took over ever aspect of our existence. Don't economists and politicians constantly emphasize the self-healing abilities of the free market? Don't we buy and sell even immaterial things like time, knowledge, and music? Hasn't all that gone so far out of control that, without money, your life is in danger, and you are worth less in the eyes of others? Isn't it true that people think a moneyless man deserves his fate, for he must have been a lazy bum to get in trouble? Prosperity is for those who possess, while the decision to use money or not is not merely about freedom of choice, but about life and death.

And on another note, what do we have to achieve in material life that cannot be done by our own hands, including the hands of our friends and family? In modern life, I agree, it has taken over all kinds of activities by making it convenient for everyone to let someone else (or technology) do the job; one step later, the only way to get things done was paying for it. This is true for every society that followed Europe's path of indistrialization. In other places, like remote villages of rural Asia and Africa, in gift economies, or tribal settings, people are living on less than one Dollar a day, foraging and/or running subsistency farms. Does that mean they are poor? Does it mean they have a harder time, have less freedom, are less happy, less healthy, and that they are uncapable of sustaining themselves?
The power of possession amounts to nothing when it comes to points like inner growth, the meaning to life, fulfillment, self-realization, or the ability to survive in times of serious setbacks in trade. Burn your e-currency during a dark cold night and see how much comfort you get out of this. Try to buy enlightenment. Measure the friendliness of your friends. Can you possess wisdom? Can you feed on cash when you are lost in the middle of nowhere?

"The real solution to the ills of money that it brings in its train lies in understanding it through the mechanisms of Divinity." (p.183)
Is that true for nuclear plants as well? Can you solve the ills of radioactivity by understanding the ways of God? Then why would anyone expect exactly that to happen with something that is bearing a multiplicity of dangers?

"Money is a universal force derived, like other forces from the Divine. But, like every other force, it is appropriated and perverted by the beings of darkness and is used to serve and satisfy their own ends... For a harmonious progressive and luminous life on earth money, like all material means, is indispensible and none should plead for its extinction from earthly life." (p.184)
Again, as shown above, certain characteristics of money imply the hurt of its user and the user's wider environment. The only pervert element about it is the idea we could 'manage' the damage it causes by throwing even more money at something. We have to learn that everything we do comes at a price in 'kind', the loss of health, of beauty, of species, of sanity, of relationships, or even life, and no sort of control can stop that.
Like money itself, the concept of management (control), which encompasses sub-concepts like security, separation, preservation, and all the rest of it, is tightly interwoven with the fabric of civilization. We cannot solve any problem sustainably without going back to the foundations of civilization: the erroneous thought that man stands outside, above nature, and follows different rules than the rest of creation; that it is man's ability, right, and duty to improve on nature; that we got to make sure we get our will; that this new, cultural, creation of ours can do it safer, more persistent, bigger, faster, and generally better than the Universe itself.
Compared to the 'primitive' state humanity has been in during three million years of human evolution, so-called ingenuity has improved on exactly nothing, as far as I see it (o.k., apart from the iPod...); the Golden Age is still lurking 'just around the corner'. Half of mankind dieing early because of expropriation by the other half of mankind, of which millions die early due to civilizational diseases, traffic accidents, pollution, suicide, capital crimes, war.

Everyone who gave up the rat race after money can tell that his/her life effortlessly became more luminous, peaceful and harmoneous, leaving more space for inner growth, artistry, and yogic dedication to their activities. It works almost automatically. Experiences like these show the way to a brighter future, without the need for putting money on an altar, or blaming its negative effects on occult powers. As we use money, we are buying its innate consequences. Why point fingers at outside forces? Who are those mysterious creatures of darkness supposed to be? True spirituality knows nothing about any such evildoers, but tremendously more about the responsibility of each conscious being for its own happiness.
So let's have a look at the conceptual foundations of management by consciousness.

On p.83, the author quotes from Sri Aurobindo's words:
"Money is the visible sign of a universal force, and this force in its manifestation on earth works on the vital and physical planes and is indispensible to the fullness of the outer life. In its origin and its true action it belongs to the Divine" (Sri Aurobindo in: The Mother)
Then he proceeds quoting The Mother:
"...money is meant to increase the wealth, the prosperity and the productiveness of a group, a country, or, better, of the whole earth." (The Mother)
Most religious and spiritual traditions originally ask for a reduction in the use of money, even keeping it at arm's length. They speak about living a simple life. They do so for a reason. Intuitively or consciously, wise men of the past held a knowledge we'd better give a second thought. We have to ask ourselves the questions why they, and our intuition as well, shy away from currency.
Having made my experiences for some decades, noticing how money issues prevented humane behaviour, reasonable action, or urgent responses to challenges over and over again, I studied its functioning in society as a whole as well as in the hands of individuals. I came to the conclusion that I had to find ways how to reduce its influence on my life. I don't pretend I already made it out. In a world the lion's share of which has been taken over by the monetary system, this is hardly a trivial task.
I am still using money, only that I, following a tendency toward simplification, reduced the scale tremendously, with the intention to remove it completely from my life. I take steps into that direction, irregardable of Sri Aurobindo's ideas, because believing in old scriptures, gurus, or divine authorities simply isn't enough.
I don't want to diminish Sri Aurobindo's or The Mother's reputation. There is so much wisdom in what they have said. But like all religions of the world, and unlike every serious spiritual tradition, they hold up the flag of civilization, with its belief in human superiority and its fixation on growth, expansion, and ascent. The origins of civilization and money's life cycle may have been hidden to them. Maybe that's why they didn't question the so-called need for money. For them, it was just part of the given setup; for me it's the key to our culture's destructive behaviour. I find it obvious that removing money from my life, putting the ego in its proper place, and getting conscious about things that actually matter, go hand in hand.

If you say, "No dynamic spirituality can afford to put a ban on money, for that will mean leaving the money-power in the hands of the vital forces on the one hand and on the other paralysing the material world by poverty." (p.187), these lines give evidence enough to claim that basic facts of economic mechanisms haven't been understood. If you rely on outside sources to get supplied with stuff you need, you become dependent on the hands of the above so-called vital forces. A constant flow of money (including surplus gains and interest) runs from you to the supplyers, helping them to accumulate even more, and supporting their exploitation of both resources and human labour. At the same time, keeping up this cycle of consumption forces you to 'make' money. Being dependent on deliveries for money, the latter becomes your foremost concern, and in the end you will do anything to get a grip on it. That's when your spirituality gets spoiled and you become a companion in the destruction of life.

"The way to win", how John Michael so perfectly put it in one of his recent articles, "is not to play the game." Working from inside the system, trying to make it more "just", "green", "democratic", or "spiritual" won't change the tiniest bit of its path towards consuming every last bit of the earth. It consumes the Earth because we consume all sorts of stuff in the name of progress, independent of how we look at it. This is how it works.
Becoming aware of the origins of money and being conscious about its impact on the functioning of the economy and the human psyche means that you'll never again be friends with it. As money is the fruit of separation, its nature is to disconnect its users from the source of the goods and services purchased by it.
If you believe that you can sleep with the devil as long as only you take care you withdraw before he's coming, you will have a rude awakening when you discover that he got you by your ass - like all the world today believing in the fairytale of endless growth is going to have their doomsday when vital resources of the global economy will eventually be used up.

To sum it up, the "root of all evil" lies not within currency itself, but in the larger framework called civilization, a construct which is based on materialistic, divisive thinking. We cannot possibly solve money-related problems by spending it consciously, only by changing our world view on the deepest level. To bring such a shift about, we can start on the material level by withdrawing from money making and spending, in order to live a simple sustainable life that gives us space for the necessary inner shift; we may as well start with cleaning our mind in the first place, so the deceptions and temptations of civilization loose their power over us and go away, along with the "need" to spend money.

I fully accept that people have all kinds of views on money. My truth is not the only truth there is to this subject. But the ideas given in the above mentioned book are deceptive in a way. They might wake the impression we could continue our o-so-comfortable way of consuming goods and services without, at some point, having to pay the bill attached to it.
We can't.
I thought you might like to know; I'm equally ok if you don't.

2011-07-18

Aufstieg kommt vor dem Fall

In diesen Minuten lädt die deutsche Fassung von "The Ascent of Humanity", Charles Eisensteins Buch über die Krise unserer Zivilisation, hoch und ich bin sehr froh, dass wir es noch vor dem nächsten großen Knall geschafft haben.
Wir, das sind Eike Richter und ich in unserer Rolle als Übersetzer. Selten habe ich solch reibungslose Zusammenarbeit erlebt wie zwischen uns beiden. Dankeschön von meiner Seite also an meinen Kollegen und natürlich an den Autor, aus dessen Buch ich ja schon mehrfach zitiert habe. Ich muss es, glaube ich, nicht nochmals wegen seiner treffenden Analyse und seiner brauchbaren Vorschläge anpreisen.

2011-07-06

Zwischenruf

Da ich mich schon einen Monat lang nicht mehr gemeldet habe, wird es Zeit für ein Lebenszeichen. Wie angekündigt bin ich mehr mit Leben als mit Schreiben beschäftigt. Der Artikel, an dem ich seit fast als drei Wochen arbeite - er dreht sich um den bewussten Umgang mit Geld - ist inzwischen sieben Seiten lang und inhaltlich weitgehend vollständig. Er befriedigt mich jedoch noch nicht vollends. Womöglich lasse ich ihn erst ein Weilchen ruhen, bevor ich nochmals drübergehe.
Für heute muss es ein Gedanke zum folgenden, vor einem Jahr entdeckten und nun wieder ausgegrabenen Zitat tun:
"If a problem is fixable, if a situation is such that you can do something about it, then there is no need to worry. If it is not fixable, then there is no help in worrying. There is no benefit in worrying whatsoever." (XIV.Dalai Lama in an interview with John Avedon)
Was auch immer kommen mag, wir werden uns damit abfinden müssen. Die Wirklichkeit kann sehr schmerzen, wenn sie sich von unseren Wünschen unterscheidet. Doch ist dies nicht einem grausamen Universum geschuldet, sondern in der Unangemessenheit unserer Vorstellungen begründet. Darum schaue ich zuversichtlich nach vorn. Auf was auch immer wir zusteuern, es wird folgerichtig aus unserer Gegenwart erwachsen; und darum wird es notwendig sein; und darum wird es gut sein.

2011-06-07

Ketten-Reaktion

Die Zeiten, als wir Europäer hochnäsig mit dem Finger auf anderer Länder Regierungen zeigen und sie Diktaturen nennen konnten, nur weil jene es versäumt hatten, sich mit dem Westen gutzustellen - diese Zeiten sind vorbei. Wenn Staatseigentum (und damit Volkseigentum, denn nominell ist das Volk der Souverän) an windige Geschäftemacher verscherbelt wird; wenn rücksichtslos Schulden gemacht werden, während Großverdiener Steuererleichterungen erhalten; wenn an Kultur, Sozialem und Bildung gespart wird, damit mehr Geld für Industrie und Banken übrig bleibt; wenn Mundraub schwer bestraft wird, während Bilanzfälschung sich dank teurer Anwälte lohnt; wenn die Politik dem Kapital nach dem Mund redet, während der Volkswille ignoriert wird; wenn die Versammlungen der Mächtigen mit militärischen Mitteln geschützt werden, während man Demonstrationen gewaltsam auflöst - dann hilft irgendwann auch die rosarote Brille nichts mehr, mit welcher wir bisher unsere Situation betrachtet haben: Demokratie unterscheidet sich lediglich in Nuancen von den sogenannten Diktaturen. Sie ist ein Deckmäntelchen, ein Schafspelz der Legitimität zur Verkleidung wölfischer Besatzungsregierungen, deren korrekte Bezeichnung Plutokratie lauten müsste.

Und Besatzungsregierungen sind alle Regierungen von Anbeginn der Zivilisation gewesen, wo immer sich eine Minderheit anmaßt, der Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen. In Zeiten der Marktwirtschaft sind sie überdies Marionettenregierungen, weil der oktroyierte Wille nicht mehr dem politischen Hirn entspringt, sondern der Feder besitzender Stände.

Der Volksmund spottet zwar seit langem, dass sich das Recht auf Seiten der Reichen, und die Macht in den Krallen des Kapitals befindet. Solange wir jedoch wenigstens die Krümel vom Kuchen der unheiligen Allianz zwischen Politik und Geld abbekamen, waren wir zufrieden. Wir haben Wirtschaftsinteressen - nach Gottesgnadentum, Blutadel und Verfassungsmäßigkeit - als moderne Form der Legitimierung von Fremdherrschaft akzeptieren gelernt, denn es funktionierte ja immerhin für uns.

Scheinbar. Die selben Mechanismen, über die wir uns heute erzürnen, sind seit der Renaissance aktiv. In seiner heutigen Form besteht das Finanzsystem seit etwa einhundert Jahren. Nun, da die nötigen Ressourcen knapp werden, mit Hilfe derer sich das System Heuschrecke am Leben erhalten konnte, und sich der weitaus größte Teil aller Güter in Händen weniger Familien befinden, zeigen sich Risse im Lügengebäude von Fortschritt und Wohlstand, wird die Luft langsam dünn für's gemeine Volk, kommt der Hunger ins Herz des Imperiums: nach Europa und Nordamerika.

In all unserer Wellness haben sich die Wenigsten von uns Gedanken darüber gemacht, ob die Grundlagen unseres Wohlstandes wohl morgen noch zur Verfügung stünden. Wir haben uns an die Vorstellung gewöhnt, dass mit Geld alles zu bekommen ist und dass man sich nur Arbeit suchen muss, um Geld zu erhalten. In den Jahrzehnten seit den 70ern, als Massenarbeitslosigeit zum stets größer werdenden Dauerphänomen geriet, haben wir uns der Illusion hingegeben, dass wir nur mit genügend Geld um uns werfen müssten, um das Problem zu lösen. Wir müssten nur die Wirtschaft in die rechten Bahnen lenken, doch leider, leider versagte die Politik in jeder vergehenden Legislaturperiode erneut.

Erstmals seit 1968 gibt es nun Großdemonstrationen unter dem Motto "Das Problem ist nicht die Regierung, sondern das System" (Spanien Anfang Mai 2011), nur dass der Protest diesmal von weiten Teilen der Bevölkerung getragen wird. Es ist nicht nur eine Studentenrevolte, nicht nur rebellische Jugend, welcher der Wohlstand zu Kopf gestiegen ist. Es sind nicht nur ein paar Intellektuelle, die sich den Luxus bewaffneter Revolution leisten möchten. Mit der Plünderung der Staatskassen, der Senkung von Löhnen, der Erhöhung von Steuern, Massenentlassungen und der Streichung von Sozialleistungen steht die Existenzgrundlage jedes einzelnen Bürgers auf dem Spiel, denn Geld ist in den Gesellschaften unserer Tage das einzige Mittel, mit Hilfe dessen wir unsere Grundbedürfnisse nach Wasser, Nahrung, Kleidung und Obdach decken können. Selbst wenn jeder wüsste, wie das aus eigener Kraft zu leisten ist (weißt du's?), wären sie uns verwehrt, denn natürlich bekommt man auch die dafür benötigten Rohstoffe nur gegen Bezahlung.

Erdrutschartige Siege von Linksregierungen in Lateinamerika nach Jahrzehnten der Ausbeutung durch Kapitalanleger; Verdoppelung der Reispreise in Südostasien gefolgt von einem Bürgerkrieg in Thailand; Streiks und Massendemonstrationen in Indien, nachdem die Lebensmittelpreise innerhalb eines Jahres um 35% gestiegen sind; Volksaufstand in Tunesien und eine Jugend, die trotz hervorragender Bildung keine Arbeit bekommt; dasselbe Bild in einem Dutzend weiterer Staaten des nahen Ostens; 50% Jugendarbeitslosigkeit sowie 1,5 Millionen Familien ohne Ernährer gefolgt von Massenprotesten in 60 spanischen Städten; ähnliche Zustände in Griechenland im Angesicht eines drohenden Staatsbankrotts. Und so weiter.
Ich sehe ein Muster, das all diese Unruheherde verbindet. Eines, das sich auf steigende Rohstoffpreise bezieht, auf die Spekulationen von Krisengewinnlern, die stets in solchen Situationen auf den Plan treten; will sagen: in Zeiten schwindender Ressourcen.

Während praktisch die gesamte systemkritische Szene (spätestens) seit der sogenannten Finanzkrise von 2008 den endgültigen Zusammenbruch der globalisierten Wirtschaft innerhalb weniger Jahre erwartet, erscheinen Themen wie "Peak Oil", "Dollarkrise", "Schuldenkrise" und "Niedergang des amerikanischen Übersee-Imperiums" erst dieses Jahr auch in Mainstreamblättern. Es sollte den noch-immer-Optimisten zu denken geben, dass sich Medien wie das Wall Street Journal oder die Süddeutsche Zeitung damit befassen. Vor dem Hintergrund von Peak Oil liest sich die Telepolis-Meldung vom 25.5.2011, "Ein großer Stromausfall könnte eine nationale Katastrophe sein", doch etwas anders, als wenn man eine der dort angegebenen unwahrscheinlicheren Ursachen annimmt. Deutschland trennt viel weniger vom Absturz in post-industrielle Gefilde, als dem Wohlstandsbürger lieb ist.

Und ich muss mich wundern, weshalb noch immer Studien erscheinen, welche die Produktionssteigerung bis 2020, die Rentenentwicklung bis 2035, den Energieverbrauch bis 2050 oder die Bevölkerungsentwicklung bis 2100 prognostizieren. Für diese Hochrechnungen gibt es keinerlei vernünftige Datengrundlage. Man darf vermuten, dass ihre Verfasser das Phänomen Peak Oil bewusst ausklammerten; ein Phänomen, das eigentlich Peak Everything heißen sollte, selbst wenn Ackerland, Kupfer, Fisch, Holz, Artenvielfalt, Kohle, Erdgas, Uran, Trinkwasser und vieles Andere nicht schon heute knapp wären. Mit dem Ende billigen, leicht förderbaren Öls endet nämlich auch unsere Fähigkeit, die Mehrzahl all jener Rohstoffe zu fördern bzw. all jene Güter und Dienstleistungen zu produzieren, die wir zur Aufrechterhaltung unseres Lebensstils benötigen. Plastik, Düngemittel, Pestizide, Ferntransporte, Telekommunikation, Glas, Zement, Stahl, Gummi usw. werden innerhalb weniger Jahre völlig unerschwinglich werden, weil die zu ihrer Herstellung notwendige Energie schwindet und damit immer teurer wird. Ohne Sprit in den Tanks von Baggern, Bohrern, Lastwagen und Schiffen schließen sich auch andere Energiequellen. Eine Abwärtsspirale, die in den nächsten zehn Jahren alles auf den Kopf stellen wird.

Verschärfend kommen der drohende Dollar- und der Euro-Zusammenbruch hinzu, welche wohl kaum noch länger als zwei Jahre auf sich warten lassen dürften. Die Fähigkeit des Westens, sich die nötigen Ressourcen anderswo in der Welt zu beschaffen, ruht auf sehr, sehr wackligen Beinen. Damit steht der soziale Friede nicht nur in den schuldengebeutelten Ländern Südeuropas auf der Kippe, sondern auch in USA, Australien, Japan, Frankreich, Schweden und Deutschland. Die gefühllose, unverfrorene Arroganz, mit der eine Frau Merkel heute über die Leistungsbereitschaft der griechischen Bevölkerung urteilt, wird sie dann besser nicht noch einmal zur Schau stellen. Protestbewegungen in aller Herren Länder trommeln die Unzufriedenen zusammen, und diese, an den goldenen Ketten der Lohnsklaverei rüttelnd, folgen dem Ruf nur nur zu gern. Widerstand steht auf der Tagesordnung, auch in den "reichen" Staaten. Manche haben's nur noch nicht bemerkt.

Denn die Auffassung, dass zum Beispiel die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Griechenland nichts mit den Unmutsbezeugungen in anderen europäischen Staaten zu tun habe, erst recht nichts mit den Revolutionen im Maghreb, ist zwar weit verbreitet, verstellt jedoch den Blick auf Trends und Zusammenhänge, die später, im historischen Rückblick, völlig offensichtlich erscheinen werden: Dies sind keine Einzelereignisse, sondern Teile einer Kettenreaktion. Wie Dominosteine fällt ein Land nach dem anderen in den Ausnahmezustand, wenn der gemeinsame Nenner gegeben ist. Die Unabhängigkeitsbewegung der Balkannationen vom osmanischen Joch Ende des 19. Jahrhunderts beispielsweise lief ähnlich ab, genauso die Entkolonialisierung Afrikas in den 1960ern oder auch die osteuropäische Wende in den 1980ern. Niemand außer den dortigen Machthabern würde behaupten wollen, die chinesische Tienanmen-Revolte hätte nichts mit dem Moskauer Frühling zu tun gehabt. Wer die Ohren spitzt wird rechtzeitig erfahren, was die Stunde schlägt.

Ein schöner Titel für diesen Eintrag wäre daher auch "Völker, hört die Signale (Auf zum letzten Gefecht)" gewesen, aber vermutlich hätte dann niemand außer ein paar Marxisten mehr weiterlesen wollen. Nun, die Zeichen stehen deutlich genug an der Wand. Die nächsten zwei bis drei Jahre sind entscheidend für unsere Vorbereitungen. Wir können uns an ein energiereduziertes, lokal organisiertes, sozial vernetztes, biologisch nachhaltiges Leben gewöhnen, solange wir eventuelle Rückschläge noch auffangen können - oder wir werden es in den folgenden zehn Jahren auf die harte Tour lernen: dass Sprit unerschwinglich wird, wie in der Folge auch alles andere, das wir von überallher ankarren lassen, wie Äpfel, Orangen, Meeresfrüchte, Möbel, Kleidung; dass die Wohnung unbewohnbar wird, weil kein Wasser mehr fließt, kein Strom mehr da ist und keine Fern- und Zentralheizung mehr funktioniert; dass uns der Supermarkt nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt.

Da es inzwischen selbst die Spatzen von den Dächern der Mainstream-Medien pfeifen, Peak Oil also quasi von höchster Ebene eingestanden wird, fehlt jede Berechtigung so zu tun, als sei die bevorstehende Wende lediglich ein Hirngespinst von Endzeitspinnern. Zwar sprechen die Besatzer von einer "Energiewende", von "grünen Technologien" und noch immer wird so getan, als werde es eines Tages möglich sein, dass alle Menschen nach westlichem Standard leben, doch die dafür veranschlagten Zeiträume sprengen den Rahmen, den Peak Oil vorgibt. Und woher man die Mittel dafür nehmen will, lässt man selbstverständlich im Unklaren. Die Wahrheit ist: Die Mittel werden nicht genügen. Dem Himmel sei Dank! Jeden Tag, an dem sich die Erde in den Klauen der Besatzer befindet, verschwinden mehr als 500 Arten - für immer. Je früher der Hochofen aus ist, desto besser.

Im Großen und Ganzen sehe ich den Kollaps der Öl-Zivilisation ungeachtet seiner möglichen Kosten als wünschenswert im Namen allen Lebens auf der Erde an. Es ist dies nicht der Wunsch des fanatischen Revoluzzers, der für seine Luftschlösser gern einmal ein paar Millionen Seelen opfert, sondern eines Realisten, der sieht, dass das Ende eine absehbare, notwendige, im System selbst angelegte Phase in dessen Lebenszyklus ist, die am Ende der Ressourcen von selbst eintritt - nur mit unvergleichlich höheren Opfern. Unser von Wachstum abhängiges Wirtschaften konnte nicht von Dauer sein. Das war den Weiseren unter uns seit Jahrhunderten klar. Doch je früher wir den Besatzungsregierungen die Gefolgschaft entziehen, desto mehr fürs Überleben essenziell wichtige Dinge werden ihren Plünderungscampagnen entgehen, desto weniger drastisch werden die Folgen ihrer Räuberei ausfallen (sie sind bereits gravierend genug) und desto bessere Bedingungen werden unsere Nachfahren vorfinden. Genügend dichte Ozonschicht, niedrigeren Meeresspiegel, größere gesündere Wälder, sauberes Wasser und genetisch unverfälschtes Saatgut beispielsweise... Rotkehlchen, Wale, Wildfrüchte... Der Untergang des Systems ist daher eine Chance. Eine Katastrophe ist er nur für jene, die auf seine Fähigkeit zu unbegrenztem Wachstum und technischem Fortschritt vertrauen. Sie werden es versäumen, sich auf eine neue Lebensweise vorzubereiten und ungebremst ins offene Messer laufen.

2011-05-31

Inder-Net

Eine Sache, die mich immer gestört hat, wenn ich mich beispielsweise in der Öffentlichkeit bewegt habe, war dieses konstante Summen und Brummen in der Luft, dieses nie enden wollende Hintergrundgeräusch kommunizierender Menschen und ich wunderte mich, weshalb ich das Rauschen der Wälder, das Plätschern eines Baches oder Vogelgezwitscher als nicht halb so anstrengend empfand, wie das vor-sich-Hinlabern eines Fernsehapparates, Plakatwände in allen Winkeln des Sichtfeldes oder das Zugegensein bei anderer Leute Telefongesprächen.

Während ich unter einem strahlend blauen südindischen Himmel den Geräuschen der anderen Farmbewohner lausche - den Hühnern, den Bäumen, den Raben, den Geckos, den Menschen - und sich tiefer Friede in mir breit macht, höre ich in weiter Ferne das Geleiere einer politischen Ansprache aus einem Lautsprecher irgendwo in einem Dorf. Ich spüre wieder das selbe Unbehagen aufkommen. Und auf einmal wird mir bewusst, was das ist, das mich beunruhigt und mir Energie raubt. Es ist nicht Misanthropie; das habe ich hinter mir. Es ist auch nicht Lärmbelästigung; dafür ist es nicht laut genug.
Es ist Gedankenverschmutzung.

Es ist das unverlangte Angefülltwerden mit Informationen und Emotionen, die nicht Teil eines gemeinsam geführten Gesprächs sind. Einseitige Kommunikation dieser Art - über Megaphon, über Radio, Telefon, Fernsehen, Zeitung, Plakatwände, Flugblätter - ist die kleine Schwester der Gehirnwäsche, ist Gewalt im Kleid vermeintlich harmloser Information. Sie beeinflusst nicht einfach nur unser Denken, sondern nimmt es uns gleich ganz ab, um es durch Botschaften von Mutter Kultur zu ersetzen. Manche Leute sagen, sie brauchen den Fernseher, um einschlafen zu können. Andere brauchen das Radio, um ihre Arbeit im Haushalt erledigt zu bekommen. Wieder andere benötigen das Klingeln des Telefons, um sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen.

So weit ist die Dauerbeschallung durch Massenmedien und Telekommunikation gediehen, dass Menschen sich unangenehm fühlen, wenn für eine Weile Stille eintritt - Entzugserscheinungen der Abhängigkeit von externen Reizen. Ohne diese Abhängigkeit erzeugt das Dauerbombardement mit "Verbraucherinformationen", "dringenden" Anrufen und Hintergrundbeschallung Schmerzen. Wenn ich von Orten wie Auroville, wo es keine Plakatwerbung, kaum Fernsehapparate und keine öffentlichen Ansprachen gibt, in die bunte Welt des Konsums zurückkehre, und sei es nur ins nächstbeste Tamilendorf, wird mir bewusst, wie weit die Gedankenverschmutzung inzwischen um sich greift.

Ich bin kein Luddit im eigentlichen Sinn. Auch wenn ich das direkte Gespräch einem Telefonat vorziehe, so weiß ich doch die Vorteile zeitgenössischer Technik zu schätzen. Aber ich beobachte sehr wohl die Folgen missbräuchlicher, übermäßiger, unnötiger Anwendung technischer Errungenschaften, insbesondere im Kommunikationsbereich, und ich wehre mich standhaft gegen die Vereinnahmung durch sie. Wenn man klaren Geistes sein möchte, dann ist es unabdingbar, dass man die Souveränität über seine Kommunikation behält, Informationsquellen selbst wählt und über den Zeitpunkt und das Ausmaß des Informationsflusses bestimmt - auch, und gerade dann, wenn die überwältigende Mehrheit der Leute es anders hält.

2011-05-24

The mathematics of the One

To the world, there are no losses. If it is true that all is one - a fact that I feel within ever more often - people, too, can never lose anything or anyone. The key we lost on our way home is still somewhere around. The leftovers of last month's party which we threw away (where is "away" supposed to be anyway?) only changed their consistency and did the next step in their cycle of transformations. The person we miss is just in some distant place, making other Earthlings happy, other parts of me. That thought actually reconciles me with the 'odds', and makes me feel connected to the whole world. Only by dividing it into the domains of me and not-me can something get lost to one side, are there winners and losers.

2011-05-17

Aus dem Wörterbuch der Zivilisation

oder: Soviel zum Thema "Das Leben der Primitiven ist kurz, entbehrungsreich und brutal"
[go to English version]

Abfallhandel, Abmahnung, Abzocke, Aktienschwindel, Altersheim, Amoklauf, Amtsmissbrauch, Analphabet, Antibiotikaresistenz, Artensterben, Asylbewerber, Atombombe, Attentat, Ausbeutung, Ausnahmezustand, Autofriedhof
Bahnhofsmission, Bankrott, Bettenburg, Bildungsnotstand, Billiglösung, Blasenökonomie, Bodenerosion, Buchungsgebühr, Bürokratie, Burn-Out-Syndrom, Butterberg
Christianisierung, Chemieunfall, Computervirus, CO2-Verpressung, Cyberattacke
Dauerstress, Denkmalschutz, Depression, Diktatur, Dioxin, Drogenproblematik, Durchschnittsbürger
Egoismus, Eliteschule, Emanze, Emulgator, Endlager, Endlösung, Energieknappheit, Energiesklave, Energieverschwendung, Entwicklungshilfe, Epidemie, Erbsünde, Ernteausfall, Etikettenschwindel, Exekutionskommando, Explosion
Familientherapie, Fanatismus, Fangirl, Faschismus, Fastfood, Fernbeziehung, Festung Europa, Finanzkrise, Flüchtlingsstrom, Flugzeugabsturz, Flussregulierung, Foltercamp, Frauendiskriminierung, Freimaurer, Freizeitgestaltung
Gammelfleischskandal, Geheimdienst, Geldknappheit, Geldverschwendung, Geldwäsche, Genmanipulation, Geschenkartikelladen, Geschichtsfälschung, Geschmacksverstärker, Gesetzesdschungel, Ghetto, Giftmüll, Gletscherschwund, Globalisierung, Gotteslästerung, Grenze, Grüne Revolution, Grundwasserversalzung, Guerilla
Hamsterkäufe, Hartz-Reformen, Hausbesetzerszene, Hinrichtung, Hochhaus, Hölle, Homophobie, Hooligan, Hungerkatastrophe, Hypothek
Ideologie, Idiotentest, Illegalität, Imperialismus, Industrielle Landwirtschaft, Inflation, Inquisition, Invasion
Jäten, Judenverfolgung, Jugendgefährdende Schrift
Kahlschlag, Kartell, Kaufrausch, Ketzer, Killerspiel, Kindesmissbrauch, Kläranlage, Klimawandel, Klofrau, Klon, Konsumgesellschaft, Korallenbleiche, Korrekturbogen, Korruption, Krankenhauskeim, Kredithai, Kriegsverbrechen, Krone der Schöpfung
Lärmbelästigung, Landesverrat, Landmine, Landschaftsverschandelung, Landverbrauch, Large Hadron Collider, Lebensmittelfarbstoff, Legebatterie, Leibesertüchtigung, Lohnsklaverei, Luftverschmutzung
Machtmissbrauch, Managergehälter, Manöverübung, Marktanalyse, Maschinengewehr, Massenarbeitslosigkeit, Massenarmut, Massenerhebung, Massenflucht, Massengrab, Massenhysterie, Massenkarambolage, Massenmord, Massenproduktion, Massentierhaltung, Massenvernichtungswaffe, McJob, Milchsee, Militär, Mindestlohndebatte, Minenunglück, Misanthropismus, Modewelle, Monokultur, Monopol, Moralismus, Müllhalde, Müllverklappung
Nazi-Schergen, Neoliberalismus, Nervenzusammenbruch, Niemandsland, Nihilismus, Normierung, Notenspiegel, Nuklearstrategie, Nullrunde, Numerus Clausus
Obdachloser, Okkultismus, Otto-Normalverbraucher, Overkill, Ozonloch
Pacific Trash Vortex, Patent, Palast, Peak Oil Everything, Pestizid, Plastikschrott, Plattenbau, Plünderer, Politiker, Polizeikessel, Pornographie, Preiskrieg, Preistreiberei, Prekariat, Privatisierung, Programmierfehler, Proletariat, Psychiatrische Anstalt
Qualitätsmanagement, Quantenmechanik, Quisling
Radioaktivität, Rassismus, Rasterfahndung, Raubbau, Reaktorunfall, Realitätsverlust, Rechtsanwalt, Reformstau, Regelstudienzeit, Regulierungswut, Reklameflut, Religion, Ressourcenknappheit, Revolution, Risikogruppe, Russisches Roulette
Scheidungsrichter, Schilderwald, Schlachthof, Schmuggelei, Schuldenberg, Schwermetallvergiftung, Sensenmann, Separatismus, Serienmörder, Soziale Schere, Sozialschmarotzer, Sozialversicherungsbeitrag, Spionage, Staat, Stacheldraht, Stadtwerke, Stalker, Stammbaum, Steuererhebung, Strafvollzugsanstalt, Straßenstrich, Straßenverkehrsordnung, Streikbrecher, Strukturelle Gewalt, Subvention
Technisches Versagen, Terminator-Technologie, Terrorismus, Tierquälerei, Tierversuch, Triebtäter, Touristenfalle
Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, Unfehlbarkeit des Papstes, Ungeziefer, Uniform, Unkraut, Urheberrecht, Urkundenfälschung, Utopie
Vandalismus, Verkehrsrowdy, Verkehrsstau, Versicherungsvertreter, Verwaltungsvorschrift, Völkermord, Volkskrankheit
Waffenexport, Wahlrechtsreform, Waldsterben, Walfang, Weltkrieg, Weltuntergang, Wildverbiss, Wirtschaftskrise, Wohnraumknappheit, Workaholic
Xenophobie, XTC
Yakuza, Year 2000 problem
Zeitknappheit, Zeitvertreib, Zersiedelung, Zertifikat, Zins, Zivilisationskrankheit, Zoll, Zwangsarbeit, Zwangsrekrutierung, Zwangsvollstreckung, Zweitschrift

(endlos erweiterbar)

2011-04-27

Divine conspiracy

Some thoughts that appeared after reading "To be a true Aurovilian", a text given by The Mother.

1) They say, "Good things come to those who wait". In Auroville (or any spiritual community) the right thing comes along as soon as there is a need for it. A typical example would be the balance created by the flow of goods and services within a gift circle, where the gift tends to go where the most urgent need is, so that everyone's needs get met.
The sense of possession distracts the trust in that "mechanism". Instead of asking, "What can I give? How can I make your life more wonderful?" the possessive mind focusses on, "How can I get the most? What is in there for me? How can I preserve my stuff?" and thereby nourishes greed, building up severe imbalances of wealth and power.

2) Material life, along with personal identity, is like clothing. It is covering the surface of the actual body. We can pretend that there is nothing beneath the fancy surface and then even forget that we pretend, but the psychic body, as well as the physical one, has needs that ought to be met. If we don't satisfy our hunger, the body will get weaker, become ill, and eventually die.

3) There is a difference between needs and desires. Needs are asking for the most basic elements that keep us alive. We can live without satisfying desires, the stuff we wish for, but we cannot last long with our needs unmet. Desires are like addictions. Sometimes they feel like urgent needs, but actually they just distract our mind by keeping us in constant movement in pursuit of excitement.

4) There is another difference, between desires and aspiration.
How do you know that the thing you wish for is coming from a higher consciousness, your true inner self, and is therefore sincerely aspired; or when is it merely a desire of the ego?
If your ego desires something you will hardly be able to let go of it. You cannot accept a "no". When your desire gets satisfied new desires arise shortly after. If it does not get satisfied, you cannot give up the idea without feeling pity, frustration, grief, anger, and/or victimization.
The one who aspires is not dependent on specific results. There is no attachment to a certain outcome to an effort. He does not force others into accordance. He is not frustrated in case of failure; aspiration means acceptance of, and surrender to, the supreme reality (or fate, or the ways of the Universe, or God's will, if you wish. One of my fellow newcomers called it Divine Conspiracy.)
Although the powers of the Universe sometimes seem to plot against your plans, like the gods of ancient Greece, in the end it always turns out that the right thing did happen when you failed. We must fail in order to understand what works not. We must fail in order to learn how to accept failures. We must fail in order to realize we cannot possibly go against the will of the Divine Consciousness (or the laws of nature, or God's plan, if you wish) and hope to succeed in that. The Supreme has its ways, and we better trust in its general benevolence.

As an example, after having heard of Auroville I was quite on fire. At last a place where I would be free, where I would fit in, where I could put in my energy and my efforts for the benefit of mankind. It finally turned out to be the right decision to come here, very well in line with the plans of the Highest Consciousness; but looking back from today's point of view it started primarily as one of my ego's desires. By the teachings of Adyashanti, and also during my first stay here, as a guest, I learned that life in general, and this place especially, is not about me, my liberation, and my development in the first place, but about serving a higher truth. Only along with the sincere aspiration for the realization of that truth comes my liberation as an individual. I had to develop trust into the idea that everything will turn out as it is supposed to be, and the Aurovilians, creating the welcoming atmosphere in this township, helped a lot with that. It actually worked out for me, not only as a concept, but in various experiences.

Still the question remained, "Am I enforcing some self-centered mental idea, or am I supposed to be here?"
So, is it desire or aspiration that makes me want to join Auroville? Now that you know the difference you can imagine what I went through since my discovery of the place. I was looking for ways to be absolutely sure. I didn't want to fool myself. How could I tell that my motivation was sincerely based in the realm beyond rationality, beyond the ego? How could I ensure I was not deluding myself?
Not to be attached to become a citizen was the ultimate test I could take, and when I realized that, I several times tried again to get in touch with a friend who recently seemed to refuse talking to me. By word of mouth I had the impression that he was not too well off now. A few years ago he helped me financially, so this was both an opportunity to bring back the non-abusive part of our former relationship and find out if I was ready to give up Auroville in case my friend needed the money more urgently than I did.
After four previously failed meeting appointments, another three attempts to re-establish contact were unsuccessful - completely. It was disappointing that a chance for reconciliation has been turned down, but I had to accept that. At least there were no more doubts about sincerety, and at the same time my path to Auroville has been confirmed.

The observation of the movements of mind and body during that period of time raised awareness of similar situations when the ego pretends to have a "need" that "must" be met under any circumstances. It is so much easier now to identify the diversion and counter it by taking a step back. Suddenly there is openness towards the results of my attempts to achieve my goals. What are my petty ideas compared to the work of a higher truth? Suddenly the pressure and the frustration dissolute. And life becomes beautiful in each and every moment.

2011-04-24

Amor gräbt den Klappstuhl aus

In manchen Teilen der Welt bezahlen Dissidenten mit ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit oder ihrem Leben für die Rede-, Handlungs- und Versammlungsfreiheit, die sie sich nehmen. Es erfordert mehr Mut, gegen eine offene Gewaltherrschaft aufzustehen, als dieselbe Freiheit in den Scheindemokratien des Westens auszuleben. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bewegung für eine postkapitalistische Zukunft weniger berechtigt wäre als die antidiktatorische. Totgeschwiegen, niedergeschrien, lächerlich gemacht, sozial isoliert und durch falsche Berichterstattung diffamiert zu werden bietet Stoff genug, über die Substanz vorgeblicher Freiheit und nominellen Friedens nachzudenken, die offiziellerseits gewährt werden. Und es erfordert nicht weniger innere Stärke, für seine Überzeugung einzustehen, als sonst in der Welt. Ja, ich darf sagen was ich will. Ja, ich darf reisen. Ja, ich darf mir die Haare bunt färben. Aber abgesehen davon, wie wenig das zu bedeuten hat: Wie kommen Regierungen, Verwaltungen und selbsternannte Hüter des Status quo dazu, mir Frieden und Freiheit gewähren zu wollen? Ich bin frei, ich bin friedlich. So wurde ich geboren. Jene, die mit physischer oder psychischer Gewalt darauf reagieren, die mich einschränken, regulieren, zurechtbiegen und unter Druck zu setzen versuchen, verstärken lediglich den Drang, sich dieser Tatsache nicht nur innerlich bewusst zu werden, sondern sie auch äußerlich manifestieren zu wollen.

2011-04-18

Drum prüfe, wer sich ewig schindet,...

(In Antwort auf einen Kommentar zum Eintrag "50 leckere Gerichte mit Sperma")

Eine "grüne" Partei ist in Stuttgart an den Drücker gekommen. Du weißt, das hat wenig zu bedeuten. Diesen Leuten sind im Rahmen ihrer verfassungsgemäßen Aufgaben genauso wie uns Bürgern die Hände gebunden, selbst wenn sie tatsächlich allein das Gemeinwohl im Sinn hätten. Nur: Wenn sich keine wesentlichen Änderungen einstellen, nachdem wir das Kreuz an der "richtigen" Stelle gesetzt haben, wozu dann überhaupt wählen gehen? Damit man später einen Schuldigen bennenen kann? Weil niemand in Sachen Einkommenssteuer, Afghanistankrieg, Autobahnbau oder CO2-Verpressung auf uns hört und Parlamentswahlen die einzige Möglichkeit sind, im Rahmen des Systems "mitzubestimmen"? Stimmst du wirklich über ein Programm ab oder geht deine Stimme an ein paar warme Worte verloren? Wann hat sich je eine Partei exakt an ihr Wahlprogramm gehalten? - Vergiss die Politik. Der Fehler liegt im System. Also müssen wir das System entweder ändern oder umgehen. Ich werde später noch darauf eingehen, warum ersteres keine Option ist.

So wie du tun die meisten Deutschen all die Dinge, die ich im Essay stellvertretend für den Western way of life aufgezählt habe. Sie arbeiten, um Geld zu bekommen um konsumieren zu können. Jeder Atemzug ein Beitrag zur Aufrechterhaltung der alten Ordnung. Ich selbst habe aufgehört, sie mitzutragen, möchte an dieser Stelle jedoch betonen, dass ich niemanden dafür verurteile. Ich habe gelernt, dass es "richtig" und "falsch" nur im Zusammenhang mit den jeweiligen Zielen gibt. Möchte man seinen Lebensunterhalt verdienen, in die deutsche Gesellschaft integriert sein usw., dann mag es ok sein, wenn man sich dem heute im Westen allgemein üblichen Werdegang und Verhalten anschließt. Aber eben nur kurz- und mittelfristig. Langfristig zerstört man damit genau jenes Wohlsein, das man damit erreichen möchte, weil man Raubbau am kulturellen, sozialen, spirituellen und materiellen Kapital betreibt, also letztlich das Leben selbst zerstört (siehe "The Ascent of Humanity" von Charles Eisenstein). Für die Biosphäre und mehr als die Hälfte der Menschheit ist das schon lange blutige Realität. Der Westen muss diese Erfahrung erst noch machen. Bisher konnte er die Folgen seiner Denk- und Handlungsweise in andere Teile der Welt exportieren, aber das funktioniert nicht länger. Auch im Westen bekommt man zunehmend zu spüren, dass die Dinge außer Kontrolle geraten. Genau darum gibt es eine grüne Bewegung, und die Leute fragen sich langsam: Was tun?

Was aber, wenn es weniger um's Tun als um's Lassen ginge? Was, wenn wir feststellen, dass die Dinge, die uns plagen und die wir am liebsten aus der Welt haben möchten, schlicht ein Ergebnis unserer Geisteshaltung sind?

Ich bin mir bewusst, dass manche Leser meine Ausführungen für zu theoretisch halten, weil ich selten Tips für die Praxis gebe. Doch das beruht auf einem Missverständnis. Ich bin der Überzeugung, dass die westliche Sichtweise den Fokus zu sehr auf die materielle Seite, die Dinglichkeit der Welt legt, sie als Mechanismus begreift, dessen Module austauschbar und manipulierbar sind. Dabei wird vergessen, dass das, was man nicht sieht, nicht messen oder beweisen kann - die Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen - mindestens genauso wichtig ist.
Welche Bedeutung man den Dingen bzw. dem sie charakterisierenden Beziehungsgeflecht beimisst, hängt natürlich von der Situation des Betrachters ab und ist damit notwendigerweise subjektiv. Aus dem Verständnis des Betrachters heraus ergeben sich jedoch (individuell) zwingende Schlussfolgerungen, die sein Handeln beeinflussen werden. Nach dem Sich-bewusst-werden tieferer Zusammenhänge gibt es keine Zweifel mehr über die zu ziehenden Konsequenzen. Es besteht nicht nur keine Notwendigkeit für allgemeingültige Verhaltensanleitungen, es wäre sogar "falsch", weil es die dringend notwendige individuelle Bewusstseinsbildung untergraben würde, die eine nachhaltige Zukunftsgestaltung erfordert. Niemand sollte die Verantwortung für sein Leben aus der Hand geben. Niemand sollte das Denken anderen überlassen. Niemand sollte unreflektiert Listen abarbeiten. Leuchtmittel gewechselt - check; TV abgeschafft - check; Fahrrad statt Auto - check; an Ostermärschen beteiligt - check. Da capo al morte?
Wohl kaum. Wie lange wird man wohl solchen Anleitungen folgen, bevor sie einem zum Hals heraushängen, weil sie nicht der eigenen inneren Einstellung entsprechen und man sich eigentlich nicht ständig mit dem Elend der Welt konfrontiert sehen möchte?

Für jene, die sich nach Führung sehnen, kann ich wenig tun. Meine Texte stellen eher eine Beschreibung der Welt von außerhalb der gängigen Standpunkte dar und sind eine Einladung, sich von diesen zu befreien. Sie sind ein Versuch, Zusammenhänge herzustellen, die gerne übersehen oder ignoriert werden. Und dann schreibe ich über das, was aus meiner Sicht aus ihnen folgt: Die westliche Lebensweise, Zivilisation allgemein, ist unhaltbar, denn sie zerstört im Namen des Fortschritts das Leben selbst.
Diejenigen, die von sich aus sehen, was der Western way of life anrichtet und die spüren, dass am Leben mehr dran ist als Job, Unterhaltung und Konsum, werden aus meinen Gedankengängen Nutzen ziehen können. Sie werden leichter als sonst jemand verstehen, dass - wie Jiddu Krishnamurti erläuterte - die eigentliche Krise eine Krise des Bewusstseins ist. Dass all die kleinen Miseren, chronischen Schmerzen und erschütternden Katastrophen unserer Zivilisation aus der Tatsache resultieren, dass diese Kultur die Fundamente des Daseins aus den Augen verloren hat.

Was ist die Grundlage des Lebens? Was braucht es wirklich - zum Überleben, zum Menschsein, zum Glücklichsein? Welche Lebensweisen bieten eine Chance, auch in tausenden von Jahren noch zu funktionieren - und welche auf gar keinen Fall? Ich habe diese Fragen für mich selbst bis zur letzten Konsequenz beantwortet, aber ich kann sie nicht für dich beantworten, weil es die eine, einzig richtige Lebensweise nicht gibt (Daniel Quinn hat das in "Ismael" und "The Story of B" schön begründet). Das bedeutet, dass ich nicht an großangelegte Lösungen glaube, die für alle gelten, nicht an gesellschaftlichen Konsens, Politgipfel und Gesetzesnovellen. So zynisch es klingen mag - Fukushima ist aus meiner Sicht nur eines von vielen Symptomen der Denkweise, die zur Bildung von Zivilisationen führt, mit ihren unüberschaubaren Menschenmassen, ihrer Verschwendungssucht, ihrer Zerstörungswut und ihrer ungleichen Macht- und Wohlstandsverteilung.
Die Energiefrage (oder welche auch immer) wird nicht gelöst werden, indem einige wenige Personen im Namen möglichst großer Bevölkerungen Entscheidungen treffen. Sie wird auch nicht gelöst werden, indem wir uns - immerhin ein Anfang - im Rahmen gesellschaftlicher Vorgaben ein wenig einschränken. Die jetzige Gesellschaft und ihre für Einzelpersonen unsteuerbaren (weil viel zu großen) komplexen Strukturen sind der GRUND, weshalb wir vor einem Scherbenhaufen stehen, nicht der Rahmen, in dem wir über Lösungen sprechen können. Wir reden nicht über Reformen einiger morscher Institutionen, sondern über die vollständige Neugestaltung aller zwischenmenschlichen Beziehungen, von der internationalen über die nationale, regionale, lokale und persönliche Ebene bis hin zu der Art und Weise wie wir über unser Verhältnis zur belebten und unbelebten Welt denken. Ich bin überzeugt, dass vor allem Letzteres von entscheidender Bedeutung für unseren Fortbestand als Spezies sein wird.

Der Western way of life erfordert zigfach größere Material- und Energiemengen, als jede andere Lebensweise zuvor. Da ist nicht nur die Steckdose. Es geht nicht nur um Strom. Denk an den Aufwand, mit dem das Haus, in dem du wohnst, deine Klamotten, dein Essen, dein Weg zur Arbeit (und das Gebäude dort), sowie Gegenstände des täglichen Gebrauchs organisiert bzw. hergestellt werden mussten. Alles erfordert industrielle Maßstäbe: Fabriken, Großkraftwerke, Schnellverkehrsnetz, Verwaltung.
Spürst du ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Machtlosigkeit, wenn du an die riesigen Aufgaben denkst, die zu bewältigen sind? Das Gefühl hat seine Berechtigung, solange du dich innerhalb der gegebenen Strukturen bewegst. Hier bist du tatsächlich machtlos, eine Nummer, ein Rädchen im Getriebe. Deine Optionen sind Mangels Zuständigkeit und Fähigkeit beschränkt.

Kaum jemand stellt noch etwas mit eigenen Händen her; kaum jemand weiß noch, wie man Nahrung anbaut; kaum jemand kennt sich mit Heilverfahren aus; nur noch eine Minderheit versteht die Grundlagen gesunder Beziehungen zur Natur, zu anderen Menschen und sich selbst. Wir wollen nur sicherstellen, dass genug Geld reinkommt. Wir machen nur unseren Job - oft ungern. Wir sind alle nur noch Spezialisten in unserer Berufsnische. Vom überwältigenden Rest verstehen wir so gut wie nichts, und daher lassen wir uns die Verantwortung aus den Händen nehmen - von Autoritätspersonen, die als Menschen letztlich genau so überfordert sind mit der Maschinerie wie wir. (Nebenbei gesagt werfe ich ihnen nicht ihr Versagen bei der Krisenbewältigung vor, sondern dass sie, indem sie das systematische Versagen als Erfolg verkaufen, andere Menschen vom Nachdenken abhalten - aber selbst das ist vor dem Hintergrund der Funktionsweise der westlichen Gesellschaften kaum als schuldhaftes Handeln zu betrachten.)

Wenn das in irgendeiner Weise etwas in dir anspricht, dann frag dich, ob das ok ist. Ob es immer so weiter gehen kann. Ob das nett gegenüber den Lebewesen andernorts ist, wo "unsere" Rohstoffe herkommen. Wie lange der Planet das hergibt. Ob diese bessere Welt, von der wir oft träumen, nicht doch möglich ist.
Deine erste Reaktion auf das Heraufdämmern der Antworten mag Furcht vor der Zukunft sein, aber da musst du nicht stehenbleiben. Furcht ist nur eine Warnung; ein Hinweis, dass etwas nicht in Ordnung ist; eine Aufforderung, alles in Frage zu stellen, was wir bisher für selbstverständlich gehalten haben. Sie hilft uns, neue Wege ins Auge zu fassen, die vorher ungangbar erschienen. Es gibt bereits Dutzende Neukonzeptionen von der Stange, die zeigen, dass wir alles andere als alternativlos dastehen.
Eine neue Gesellschaftsform allein bedeutet natürlich noch keine Verbesserung, solange unser Verstand weiterhin nach altem Muster arbeitet. Aber solche Entwürfe, seien sie theoretischer Natur oder in fremden Kulturen beheimatet, öffnen die Augen für eine wunderbare Vielfalt an Möglichkeiten und bieten damit eine Starthilfe zur Erkundung dessen, was dir wichtig ist. Bist du dir darüber klar geworden, dann triff eine Entscheidung, bei der du dein gesamtes Leben in die Waagschale wirfst. Mit uneingeschränkter Ehrlichkeit gegenüber dir selbst. Kein Widerspruch mehr zwischen Soll- und Ist-Zustand. Keine Kompromisse. Mach einfach den Anfang.

Du kannst einwenden, dass du nur ein einzelner kleiner Mensch bist, der nicht viel bewirkt. Aber dann sind wir schon zwei. Und ich kenne persönlich noch ein paar Dutzend, die genauso denken, und weiß von hunderttausenden, die ebenfalls so denken. Und ungefähr die Hälfte der Menschheit hat eh keine andere Wahl, als auf Sparflamme von den Brotkrumen zu leben, die der Weltmarkt ihnen lässt.
Wir brauchen keinen besonderen gesellschaftlichen Überbau zur Durchsetzung großer Lösungen. Wir brauchen nur uns selbst. Wir als Menschen sind der Maßstab: Wir beschränken uns auf das, was wir und unser unmittelbares Beziehungsgeflecht zu handhaben imstande sind. So gesehen bietet sich umfassendes Downsizing fast von allein an. Wie lange werden noch Atomkraftwerke stehen, wenn unsere Lebensweise gerade so viel Energie verbraucht, als man mit einem Fahrradgenerator erzeugen kann? Wenn selbst Weltkonzerne keinen Strom mehr zapfen, weil niemand mehr ihre Produkte kaufen will?

Die Frage nach Fukushima, d.h. der Verhinderung der nächsten Technikkatastrophe, sollte damit, soweit es mich betrifft, beantwortet sein. Aber was wird aus dem Aufstieg der Menschheit, dem Goldenen Zeitalter, welches uns der Fortschritt in Wissenschaft und Technik verspricht?
Gegenfrage: Wo bleibt sie denn, die schöne neue Welt, die uns seit Jahrtausenden wie eine Rübe vor des Esels Nase baumelt?
Du magst aus deinen eigenen Überlegungen heraus zu einem anderen Ergebnis kommen; aus meiner Sicht jedoch war das von Anfang an ein falsches Versprechen. Die Vorstellung, der Mensch könne sich von der Natur abgrenzen, sich über sie erheben und sie kontrollieren, hat sich als Illusion erwiesen. Wir waren, sind und bleiben ein untrennbarer Teil des Ganzen, egal wieviel mehr wir noch erforschen, egal wieviel Technik wir noch aufbieten, egal wie sehr wir uns noch bemühen. Alles Streben nach vollständigerem Wissen, besserer Kontrolle, mehr Macht und größerem Wohlstand führte letztlich nur zur Sinnentleerung des Daseins. Abgesehen von Sri Aurobindo haben die Streiter für die Zivilisation aufgehört sich zu fragen, worauf all der Fortschritt abzielt. Zukunftsfetischisten, Technokraten, Kommunisten, Wirtschaftsweise, Wissenschaftsgläubige und Zeitgeist-Bewegte bleiben uns die Antwort schuldig. Sie kennen keinen Sinn, nur blinden Zufall; keine Ziele, nur Zwecke: Unser Lebenszweck sei die Vergrößerung der menschlichen Domäne, die Zähmung der Natur, die Verbesserung der Lebensumstände. Und der Zweck heiligt die Mittel. Genauer gesagt rechtfertigt er sie. Gott haben sie ja zusammen mit allem Heiligen gründlichst ausgemerzt. Und während sie sich noch einbilden, das atomare Feuer gebändigt zu haben, erstickt die Flamme des Lebens, steigt die Zahl der Suizide unbeirrt weiter an, sterben die Wälder, leeren sich die Ozeane.

Man kann darüber natürlich verschiedener Ansicht sein. Es hat sich freilich viel verändert seit der Steinzeit; ich persönlich bin jedoch keineswegs der Ansicht, dass sich irgendetwas verbessert hat. Im Gegenteil. Doch selbst wenn - zu welchem Preis? Wieviel mehr lassen wir uns den Western way of life kosten? War Fukushima schon das letzte Gebot?